Gliederung:
I. Problemstellung und Einleitung 3
II. „Policey“ als Form neuzeitlicher Herrschaftspraxis:
II.I Entstehungsgeschichte 5
II.II Begriffs- und Bedeutungsgeschichte 6
III. Medicinische Policey und öffentliche Gesundheit 9
IV. Zusammenfassung und Diskussion 14
V. Literaturverzeichnis 16
2
I. Problemstellung und Einleitung
Der frühmoderne Staat war von der Verfestigung des ständischen Systems und einer absolutistischen Ordnungspolitik, die in der heutigen Geschichtsschreibung als Konzept der Sozialdisziplinierung bekannt ist, 1 geprägt.
Diese Politik, oder vielmehr diese Herrschaftspraxis, war Ausdruck einer spezifisch absolutistischen Herrschaftsauffassung und hatte die Generierung eines homogenen und disziplinierten Untertanenverbandes zum Ziel. Realisiert werden sollte dieses Ziel vor allem auf der normativen Ebene, d.h. durch Gesetze und Verordnungen, die sowohl von der Kirche als auch vom Staat erlassen wurden, und die das tägliche Leben der Menschen umfassend zu regeln beanspruchten. 2
Die Medicinische Policey stellt nur einen Teil der vielen verschiedenen Formen der Policeyverordnungen dar. Die medizinische Versorgung der Bevölkerung wurde in der Frühneuzeit nicht nur von Ärzten mit akademischer Ausbildung, Hebammen oder Chirurgen ausgeübt, sondern auch von fahrenden Dentisten, Scharfrichtern, Feldscherern, Kräuterhändlern, Okkultisten und anderen Medizinsachverständigen. 3 Diese Vielschichtigkeit der „medizinischen Betreuung“ der Bevölkerung sollte sich bis ins 19. Jahrhundert hinein kontinuierlich zugunsten der „akademischen Ärzte“ verschieben. Eben dieser Prozeß ist zweifellos als ein Ergebnis jener Regulierung zu verstehen, die eingangs als „Konzept der Sozialdisziplinierung“ benannt wurde. Vielfach rezipiert in Geschichtswissenschaft, Literaturwissenschaft, Soziologie und Rechtswissenschaft, soll dieses Konzept langfristige gesamtgesellschaftliche Veränderungen beschreiben. Die Entstehungsgeschichte, die durch das Konzept der Sozialdisziplinierung ausgedrückt wird, hat ihre Anfänge in den wirtschaftlichen und sozialen Verdichtungen, Krisenphänomenen und Ordnungsproblemen der frühen Neuzeit, die sich in Seuchen, Türken- und Konfessionskriegen, Preisanstieg, Bevölkerungswachstum und geistes- und wissensschaftsgeschichtlichem Wandel manifestierten. Sie wurde vor allem auf der normativen Ebene realisiert, und zwar in Form von Staatsgesetzgebungen, Policey-, Kirchen- und Stadtverordnungen. 4
1 Seidenspinner, W.: Bettler, Landstreicher und Räuber. Das 18. Jahrhundert und die Bandenkriminalität. In
Volkskundliche Veröffentlichungen des Badischen Landesmuseums Karlruhe. Band 3. Karlruhe 1995. Hg.
Siebenmorgen, H.: Schurke oder Held? Historische Räuber und Räuberbanden. S. 28.
2 Härter, Karl: Sozialdisziplinierung. In Hg. Völker - Rasor, Anette: Frühe Neuzeit. München 2000. S. 294- 299.
3 Wahrig, Bettina: Globale Strategien und lokale Taktiken. In: van Dülmen, Richard; Rauschenbach, Sina: Macht
des Wissens. Die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft. Köln 2004.
4 Härtel, Karl: Sozialdisziplinierung, in: Frühe Neuzeit. Hg.: Völker - Rasor, Anette. München 2000. S. 294ff.
3
Die vorliegende Arbeit soll zunächst den Begriff Policey klären. Um diesen Begriff zu klären, bedienen wir uns zweier Ansätze. Erstens sollen die Wurzeln der Begriff Policey historisch festgemacht werden. Dazu werden wir einen Blick zurück in die frühe Neuzeit werfen, und zwar konkret auf die Entstehung der ersten Policeyverordnungen. Wir werden weitergehend somit die Policey als ein Ergebnis und Träger absolutistischer Herrschafts- und Ordnungspolitik begreifen. Zweitens werden wir auf die Foucaultsche Begriffs- und Bedeutungsanalyse zurückgreifen. Hier wird deutlich, daß der Begriff der Policey von der frühen Neuzeit bis in die Moderne entscheidende inhaltliche Veränderungen erfährt. Erst diese beiden Ansätze zusammengenommen liefern uns eine gute Basis, denn nicht jeder wissenschaftliche Diskurs widerspiegelte oder bestimmte die Praxis. Wenn dies getan ist, und wir hoffentlich über das Verständnis von Policey verfügen, das sich so dramatisch von dem modernen Begriff „Polizei“ unterscheidet, wenden wir uns dem Thema der Medicinischen Policey zu. Dazu werden wir verschiedene Aspekte darstellen. Neben konkreten Regulierungs- und Normierungsmaßnahmen, die zunächst das „medizinische Personal“ betrafen, zielte die medicinische Policey auf die Gesamtheit der Lebensbedingungen der Bevölkerung. Was als Organisation und Regulierung des städtischen Zusammenlebens begann, sollte schließlich Ende des 19. Jahrhundert in eine breite „Hygienebewegung“ münden. Wir stützen uns im wesentlichen auf die Aufsätze von Bettina Wahrig, Martin Dinges und Gerd Göckenjan zur „Medizinischen Polizei“, die Monographie „Gute Policey“ von Andre Holenstein und die Schriften von Michel Foucault „Verteidigung der Gesellschaft“ und „Geschichte der Gouvernementalität“. Während Göckenjan die strukturelle Entwicklung der „Medizinischen Polizei“ in bezug zum Staat betrachtet, richten Wahrig und Dinges ihren Fokus auf die Ärzte als Träger der Polizei im Medizinischen Diskurs der Sattelzeit. Mit Hilfe von Andre Holensteins Monographie und dem Sammelband „Policey und fühneuzeitliche Gesellschaft“ von Karl Härtel wird die Entwicklungsgeschichte des „Policeywesens“ nachgezeichnet.
4
II. Policey als Form neuzeitlicher Herrschaftspraxis:
II. I Entstehungsgeschichte
Policey - versus Polizei. Während die Polizei heute ein Exekutivorgan des Staates darstellt, so war der Begriff Policey in der frühen Neuzeit ein Synonym für die gesamtgesellschaftliche Ordnung. Mit dem Ziel eine „gute Policey“ aufzubauen, verstärkten die Obrigkeiten ihre Aktivitäten in Administrative und Verwaltung. 5 Im Zuge dessen gewannen Verordnungen und Gesetze qualitativ und quantitativ an Bedeutung; Strukturen und Techniken zur Durchsetzung dieser Gesetze wurden weiterentwickelt. Legislative und Administrative erhielten den Charakter von Staatsorganen. Die Obrigkeiten haben also Regierungsfunktionen zur Regulierung und Intervention der Verhältnisse in den Territorien und Städten, aber auch auf lokaler Ebene in Dörfern und Gemeinden übernommen.
Die Entstehung und Entwicklung der Policeyverordnungen begann auf den Reichstagen des 16. Jahrhunderts. 6 Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts wurde im Reich ein stärkeres Bedürfnis nach Rechtssicherheit und damit nach Festschreibung von Recht spürbar. Die Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karls V. von 1532 (genannt Carolina) stellt die erste allgemeine Fixierung von geltendem Recht dar, die zumindest formal für das gesamte Heilige Römische Reich Gültigkeit besitzen sollte. Die Regierungszeit Karls V. (1519 - 1556) wird als wichtigste Phase der Reichspoliceygesetzgebung im 16. Jahrhundert angesehen. 7
Der Begriff Policey hatte in der frühen Neuzeit einen universellen Charakter. Die „gute Policey“ steht für eine ganzheitlich geordnete Gesellschaft nach „altem“ also nach althergebrachtem Recht. Der Rückgriff auf vergangene Rechtsbräuche bedeutet in der frühen Neuzeit immer die Wiederherstellung eines im naturrechtlichen Sinne vermeintlich einmal dagewesenen Idealzustandes. Konkret umfaßte jedenfalls dieses Policeyrecht Regelungen über Landwirtschaft, Medizin, Kriminalität, Erziehungs- und Sittenwesen, Religionsangelegenheiten, Kleiderordnungen, und vieles weitere. Der Untertan war gleichzeitig Träger und Subjekt dieser „abstrakten“ Policey.
5 Vgl. Holenstein, Andre: „Gute Policey“ und lokale Gesellschaft im Staat des Ancien Regimes. Band I.
Bern 2003. S.20.
6 Ludwig, Ulrike: Der Entstehungsprozeß der Reichspoliceyverordnung auf dem Reichstag von Augsburg
1547/48. In: Härter, Karl (Hg.): Policey und frühneuzeitliche Gesellschaft. Frankfurt/Main 2000. S. 383.
7 Ebenda. S. 384.
5
Arbeit zitieren:
Tillman Wormuth, 2006, Medicinische Policey, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
"Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!" Gibt es s...
Sport - Bewegungs- und Trainingslehre
Seminararbeit, 18 Seiten
Die Bedeutung der Werbung aus volkswirtschaftlicher Sicht
VWL - Mikroökonomie, allgemein
Hausarbeit, 18 Seiten
Die Polygynie im Mittelalter aus wissenschaftsgeschichtlicher Perspekt...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 20 Seiten
Die Automobilindustrie in Deutschland
Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie
Seminararbeit, 16 Seiten
Politische Karikaturen. Rolle und Bedeutung der politischen Karikatur ...
Hausarbeit, 21 Seiten
Produktionsorganisation in der Automobilindustrie
BWL - Beschaffung, Produktion, Logistik
Seminararbeit, 21 Seiten
Zur Talentförderung im Deutschen Fußballbund - eine empirische Untersu...
Sport - Sportökonomie, Sportmanagement
Examensarbeit, 140 Seiten
Bildungsungleichheit an deutschen Schulen - über ungleiche Bildungscha...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 24 Seiten
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Hausarbeit, 14 Seiten
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Hausarbeit, 19 Seiten
Die Fallstudie - Theoretische Grundlagen und Gestaltung nach konstrukt...
Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden
Seminararbeit, 17 Seiten
Just-In-Time am Beispiel der Automobilindustrie
Hausarbeit (Hauptseminar), 38 Seiten
Tillman Wormuth hat den Text Medicinische Policey veröffentlicht
Tillman Wormuth hat einen neuen Text hochgeladen
Eine wissenschaftliche Auseina...
Christoph Palmert, Suzan Douma, Matthias Meitzler, Johannes Wahl
Geschichte der Gouvernementalität 2: Die Geburt der Biopolitik
Vorlesung am Collège de France...
Michel Foucault, Michel Sennelart, Jürgen Schröder
Marianne Pieper, Thomas Atzert, Serhat Karakayali, Vasilis Tsianos
0 Kommentare