II
Inhalt
1 Einleitung. 1
1.1 Gegenstand und Ziel der Arbeit. 1
1.2 Aufbau der Arbeit. 3
2 ADHS - Was ist das eigentlich? 4
2.1 Ursachen für ADHS. 8
2.2 Prävalenz 10
2.3 Diagnostik 11
2.4 Behandlungsmöglichkeiten 12
3 T. braucht Hilfe - ein Konzept um Hilfestellung zu geben. 14
3.1 Ausgangssituation - Unterricht mit T. 14
3.2 Fördermaßnahmen 17
3.2.1 Arbeitsplatzgestaltung 18
3.2.2 Klare Strukturen und Konsequenz. 18
3.2.3 Vorhersehbarkeit und Hineindenken in ein Thema. 19
3.2.4 Umgang mit Unterrichtsstörungen 19
3.2.5 Bündelung der Aufmerksamkeit 21
3.2.6 Nutzung der Konzentrationsphasen 22
3.2.7 Bewegungsanlässe schaffen 22
3.2.8 Positive Eigenschaften nutzen 23
3.2.9 Arbeitsorganisation planen. 23
3.3 Zusammenfassung des Konzeptes. 25
4 Evaluation der durchgeführten Förderung. 26
4.1 Evaluation aus Lehrersicht. 26
4.2 Evaluation aus T.s Sicht 31
5 Fazit und Ausblick. 32
6 Literaturverzeichnis 33
Anhang
Einleitung 1
1 Einleitung
Kinder, die nicht den Normvorstellungen von einem sozial angepassten Kind entsprechen, werden in unserer Gesellschaft oft als Belastung empfunden. Aufgrund ihrer Unangepasstheit werden sie nur begrenzt toleriert. Oftmals sind diese Kinder keinesfalls ungezogen oder bösartig, sondern leiden unter ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitätsstörung). 5
Dieses Krankheitsbild, das derzeit weltweit zu den häufigsten Verhaltens- und Lernstörungen im Kindesalter gehört, scheint rasante Zuwächse zu verzeichnen (vgl. FARNKOPF 2002, S. 12/ BECKER et al. 2003, S. 472). Doch das Aufkommen von diagnostizierten Fällen hat sichentgegen vieler Stimmen in der Öffentlichkeit - in den letzten Jahrzehnten nicht signifikant verändert. Dadurch, dass ADHS zurzeit so stark wie kaum eine andere psychische Störung in 10
der öffentlichen Diskussion steht, hat lediglich der Bekanntheitsgrad zugenommen. Zeitschriften unterschiedlichster Art berichten über das Krankheitsbild ADHS (Time, Focus Schule, Spiegel, Stern, Pädagogik). Sogar prominente Betroffene, wie Bill Clinton, schilderten ihr Leiden an den Symptomen, wie u. a. ungesteuertem, impulsivem Verhalten, Hyperaktivität und Konzentrationsproblemen. So entsteht der Eindruck, diese Krankheit sei eine 15
Modeerscheinung, womit Eltern Erziehungsfehler entschuldigen wollten. Diese Annahme trifft ebenso wenig zu, wie die weitläufig verbreitete Meinung, dass es sich bei ADHS um eine Wohlstandserkrankung handelt. Weltweite Untersuchungen zeigen im interkulturellen Vergleich ein ähnliches Aufkommen in allen Ländern. Lediglich der Grad der Symptomatik schwankt dabei. (Vgl. BÄK 2005 www.bundesaerztekammer.de, Stand 02.04.2006). 20
ADHS ist ein sehr komplexes und ernstzunehmendes Krankheitsbild, das großen Leidensdruck auf die Betroffenen ausübt. Wird ADHS durch einen Facharzt diagnostiziert, fordert das Kind sein Umfeld - insbesondere Eltern und Lehrer 1 - heraus. Die Verantwortung gemeinsame Maßnahmen für eine bestmögliche Entwicklung des Kindes zu planen und es 25
nicht einfach „abzuschreiben“ liegt bei den Erwachsenen. Lehrer können durch Aufgeklärtheit und Engagement betroffenen Kindern Hilfestellung bieten, um mit ihrer Störung in der Schule besser zurechtzukommen. Dieser Anspruch wird mit diesem Konzept aufgegriffen.
1.1 Gegenstand und Ziel der Arbeit
Die Idee zu dem vorliegenden Konzept entstand gleich zu Beginn meines bedarfsdeckenden 30
Unterrichts. Im Englisch- und Erdkundeunterrichts in der Klasse 5b verfehlte ich regelmäßig meine Lernziele. Um meiner Lehrerfunktion „Unterrichten“ wieder besser nachkommen zu können, beobachtete ich die Lerngruppe. Mir wurde schnell klar, dass überwiegend ein ein-
1 Lehrer = stellvertretend für Lehrerinnen und Lehrer im Verlauf der Arbeit
Einleitung 2
zelner Schüler meine Stunden auf den Kopf stellte. Ein konstruktives Unterrichten schien mit ihm kaum möglich zu sein.
Der schwierige Schüler ist der 12jährige T. 2 , der an ADHS erkrankt ist. Ich traf schnell die Entscheidung, dass etwas unternommen werden musste, um eine positive Lernatmosphäre in 5
der Klasse zu erhalten. Außerdem schien T. selbst auch unter der Situation zu leiden. Er sagte mir einmal: „Och, die Tabletten zu nehmen macht mir gar nichts aus, die nehme ich eigentlich immer, wenn ich sie nicht vergesse. Denn wenn ich sie nicht nehme, dann geht einfach alles schief. Keine Ahnung warum.“ T. war die Hilflosigkeit gegenüber seiner Krankheit deutlich anzusehen. 10
Um T. eine - im Rahmen seiner individuellen Fähigkeiten - normale schulische Entwicklung zu ermöglichen, müssen gezielte Fördermaßnahmen getroffen werden. Insbesondere, wenn man betrachtet, dass derzeit neun von zehn ADHS Kindern ohne spezielle Förderung in der Schule hinter ihren intellektuellen Möglichkeiten zurückbleiben. Obwohl ihr IQ normal ver- 15
teilt ist, müssen ca. 30% mindestens eine Klasse wiederholen und fast ein Drittel wird bereits im Grundschulalter auf eine Sonderschule „abgeschoben“. Viele Lehrer berücksichtigen nicht, dass eine Diskrepanz zwischen Intelligenz und Leistung entstehen kann, weil die Betroffenen, durch ihre Disposition, nur bedingt in der Lage sind, ihr kognitives Vermögen in angemessene schulische Erfolge umzusetzen (vgl. FARNKOPF 2002, S. 12; 17/ ADAM et al. S. 76). 20
Diese Eigenschaft wird an T.s Beispiel sichtbar. Er fällt im Unterricht gelegentlich durch eindrucksvoll intelligente Schlussfolgerungen, Argumentationen und Beobachtungen auf, bei denen andere Klassenmitglieder Schwierigkeiten haben zu folgen. Eine Beispiel: Die Klasse sollte im Englischunterricht überlegen, was wohl ein „Quad bike“ ist. T. meldet sich sofort: „Das ist doch ganz einfach. Das Wort Quad kommt aus dem italienischen und eigentlich aus 25
Latein. Quadro heißt vier. Das Ding hat vier Räder“. Auf meine erstaunte Reaktion: „Wow, ich wusste gar nicht, dass du auch Latein sprichst“ reagierte er prompt mit: „Tja Mrs Hoffmeister, Errare humanum est!“. Es wird deutlich, dass T. - der mit einem IQ von 121 getestet ist - über großes Potenzial verfügt und Hilfestellungen benötigt, um seine Fähigkeiten sachgemäß in schulische Erfolge umsetzen zu können. Außerdem ist die Analyse von T.s 30
Leistungsniveau Teil meiner Lehrerfunktion „Unterrichten“. Eine individuelle Förderung kommt dabei nicht nur T. zugute, sondern lässt die ganze Klassengemeinschaft von einer verbesserten Lernatmosphäre profitieren.
Darüber hinaus legitimiert sich das vorliegende Konzept durch das Schulprogramm der 35
Schule XXX, in dem es heißt:
Einleitung 3
„[…] Die Schule XXX ist eine werte- und leistungsorientierte Gemeinschaft, die ihren Schü-
lerinnen und Schülern durch die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen (kognitive und so-
ziale Kompetenzen) […] gute Perspektiven zur Bewältigung der allgemeinen und beruflichen
Herausforderungen eröffnet. Ausgehend von der Intention, die aus den Grundschulen über-
wechselnden Schülerinnen und Schüler durch einen neuen Motivationsschub zu neuen bzw. 5
weiteren Lernerfolgen anzuspornen, wird durch eine dem selbstgesteuerten Lernen förderli-
che Unterrichtsgestaltung die Basis für eine erfolgreiche unterrichtliche Arbeit gelegt. Neben
der Bildungs- hat aber auch die Erziehungsarbeit seit langem einen hohen Stellenwert an der
Schule XXX […]“. 10
Um allen aufgeführten Ansprüchen gerecht zu werden, soll dieses Konzept T. eine klare Orientierung bieten, seine Stärken gezielt fördern und Konflikte und Störungen im Unterricht minimieren. Außerdem soll durch gezielte positive Verstärkung einer Resignation bzw. Selbstaufgabe vorgebeugt werden. Dadurch wird darauf hingearbeitet das Unterrichtsklima für die ganze Klasse zu verbessern. T. ist dabei exemplarisch für SuS (=Schülerinnen und 15
Schüler) mit ADHS. Dennoch ist grundsätzlich zu beachten, dass jedes Kind einzigartig in seinem Wesen ist und es daher auch nicht die Aufmerksamkeitsstörung, sondern individuell unterschiedliche Krankheitsbilder gibt. Die dargestellte schulische Herausforderung wird durch dieses Konzept aufgegriffen. 20
Mit der Entwicklung und Erprobung dieses Konzeptes entspreche ich grundsätzlich der Lehrerfunktion des „Innovierens“, in dem ich einen neuen Lösungsversuch, zu einem im Schulalltag entstandenen Problem entwickle. Ein solches Konzept für ADHS Kinder oder auch festgelegte Maßnahmen gibt es an unserer Schule bisher nicht. Ich organisiere dabei einen auf ADHS Kinder abgestimmten Unterricht und versuche besonders auf deren destruktive 25
Verhaltensweisen im Unterricht einzuwirken. Dabei werden schwerpunktmäßig die weiteren Lehrerfunktionen: Unterrichten, Erziehen und Beraten berührt und an den entsprechenden Stellen kurz erläutert.
1.2 Aufbau der Arbeit
Das Konzept stellt zunächst den theoretischen Hintergrund von ADHS in Form von Definiti- 30
on (Symptomatik, Begleiterscheinungen, Folgeprobleme), Ursachen, Prävalenz, Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten dar. Den Schwerpunkt der Arbeit bilden Kapitel 3 und 4, in denen das geplante Konzept vorgestellt und evaluiert wird. Mit der obligatorischen Erprobung, die der Darstellung in Kapitel 3 zugrunde liegt, wurde im Februar begonnen. Die nachfolgende Evaluation impliziert die Durchführung des Konzeptes und wird aus diesem Grund 35
nicht in einem eigenen Kapitel dokumentiert. Zum Abschluss ziehe ich ein kurzes Fazit und gebe einen Ausblick für meinen zukünftigen Unterricht.
2 Der Name wurde aus Datenschutzgründen geändert.
ADHS - Was ist das eigentlich? 4
2 ADHS - Was ist das eigentlich?
Um als Lehrer mit erkrankten Kindern sachgemäß umgehen zu können, ist es notwendig sich zunächst mit der Krankheit zu beschäftigen und sie zu verstehen. Der Begriff Aufmerksam- keits-Defizit/Hyperaktivitäts-Störung(ADHS) wird in der Literatur nicht einheitlich verwendet. Daher werden zunächst die unterschiedlichen Begriffe für das Krankheitsbild abge- 5
grenzt und die Kernsymptome erläutert. Darauf aufbauend werden Begleiterscheinungen und Folgeprobleme, Ursachen, Prävalenz, Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten dargelegt.
Die BUNDESÄRZTEKAMMER definiert ADHS als ein „situationsübergreifendes Muster von Auffälligkeiten in drei Verhaltensbereichen. Diese so genannten Kernsymptome der ADHS sind Unaufmerksamkeit […], Hyperaktivität […] und Impulsivität […]“ (siehe BÄK, 10
www.bundesaerztekammer.de, Stand: 02.04.2006).
Besonders ältere Veröffentlichungen definieren ADHS als eine untergeordnete Form von ADS und unterscheiden zwischen ADS mit und ohne Hyperaktivität (vgl. FARNKOPF 2002, S. 47ff, 57f) Der hyperaktive Typ (ADHS/ ADS+H/ HKS/ ADHD) wird in der Literatur auch als „Zappler“ und „Hunter“ (=Jäger) beschrieben. Während ADS Kinder ohne Hyperaktivi- 15
tät (ADS-H/ ADD-inattentive type), eher als „Träumer“ gelten (vgl. HARTMANN 2000, S.31ff).
Abb. 1: Begrifflichkeiten (eigene Darstellung, nach AUST-CLAUS/ HAMMER 2000, S. 10f, FITZNER/
STARK 2000, S. 8, HARTMANN 2000, S. 27ff)
Die vielfältigen Begriffe bezeichnen meist im Grunde das Gleiche, sie entstammen lediglich 20
unterschiedlichen Klassifikationssystemen. Während HKS (Hyperkinetische Störung) durch die Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) verwendet wird, entstammt der Begriff ADHS den Kriterien der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft (DSM-IV). In Amerika, wo mit der Erforschung der Störung wesentlich früher begonnen wurde, werden die Bezeichnungen ADD und ADHD benutzt. Geringfügige Definitionsunterschiede spielen für das Ver- 25
ständnis der Störung dabei keine Rolle.
ADHS - Was ist das eigentlich? 5
Viele aktuelle Veröffentlichungen hingegen legen ein anderes Verständnis der Begriffe zugrunde. ADHS wird dort als übergeordnete Bezeichnung verwendet. ADS ist demnach ein Untertypus, der nicht die Merkmale Hyperaktivität und Impulsivität aufweist. Die sog. Träumer weisen ausschließlich das Merkmal Unaufmerksamkeit auf (vgl. BZGA 2005, S. 5). Für die vorliegende Arbeit wird dieses aktuellere Verständnis zugrunde gelegt. 5
Abb. 2: ADHS als Oberbegriff (Quelle: eigene Darstellung nach Daten der BÄK 2005,
www.bundesaerztekammer.de, Stand 02.04.2006)
Die drei Kernsymptome Hyperaktivität, Impulsivität und Unaufmerksamkeit sind umfassende Begriffe, die im Folgenden näher definiert werden (vgl. STAATSINSTITUT FÜR SCHULPÄDA- 10
GOGIK UND BILDUNGSFORSCHUNG MÜNCHEN 2003, S. 9; 13).
Unter Hyperaktivität versteht man eine Störung der Aufmerksamkeit mit überschießender Impulsivität und Phasen extremer Unruhe. Hyperaktive Kinder sind also ‚übermäßig aktiv’. Sie zappeln oder rutschen auf dem Stuhl herum. Sie stehen im Unterricht einfach auf und laufen durch die Klasse. Sie haben Schwierigkeiten leise zu spielen. Man hat den Eindruck 15
sie wären rastlos und getrieben.
Impulsivität und der damit verbundene Mangel an Triebaufschub verhindert eine systematische Handlungsplanung bei ADHS Kindern. Sie handeln erst und denken dann, wodurch sie sich z. B. häufiger verletzen als andere Kinder. Im Unterricht platzen sie häufig mit der Ant-wort heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt wurde oder können nur schwer warten bis sie 20
an der Reihe sind. Sie reden oftmals übermäßig viel, unterbrechen und stören damit andere. Durch ihr impulsives Verhalten sind sie oft in Streitereien und in körperliche Übergriffe verwickelt.
Die Unaufmerksamkeit bei ADHS Kindern äußert sich dadurch, dass sie Schwierigkeiten haben, sich über längere Zeit hinweg zu konzentrieren. Sie scheinen nicht zuzuhören, wenn 25
andere sprechen und haben Probleme Anweisungen vollständig auszuführen. Dies ist beson- ders bei Beschäftigungen zu beobachten, die fremdbestimmt sind und geistige Anstrengung
ADHS - Was ist das eigentlich? 6
und Konzentration erfordern (z. B. Schul- oder Hausaufgaben). Durch ihre Unaufmerksamkeit vergessen sie oft etwas oder verlieren Gegenstände.
Ca. zwei Drittel der ADHS Kinder zeigen neben den Kernsymptomen der Krankheit noch weitere (Verhaltens-) Auffälligkeiten, die sog. sekundären Symptome.
Tab. 1: Begleitstörungen der ADHS (Quelle: eigene Darstellung, nach BZGA 2005, S. 16) 5
Diese Begleiterscheinungen können physische und psychische Ursachen haben und in unterschiedlicher Intensität auftreten. Bei den Teilleistungsstörungen liegt die Ursache z. B. im Gehirn. Das Kind hört und sieht zwar problemlos, aber die Verarbeitung des Gehörten und Gesehenen funktioniert nicht optimal. Informationen werden nicht gespeichert, sondern gleich wieder vergessen (vgl. FARNKOPF 2002, S. 18). Außerdem neigen ADHS Kinder zu ko- 10
morbiden Krankheiten. Dabei handelt es sich um ein gleichzeitiges Vorkommen mehrerer diagnostisch unterschiedlicher, eigenständiger Krankheitsbilder, die nicht ursächlich in Zusammenhang stehen müssen (z. B. Tourette-Syndrom, Zwangsstörungen oder Epilepsie).
Empirische Studien zeigen übereinstimmend, dass die Dramatik von ADHS mit der Einschulung einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. In dieser Phase steigen die Anforderungen an 15
Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit sprunghaft an, während die Fähigkeiten der Kinder diesen Anforderungen kaum entsprechen können (vgl. JACOBS et al. 2005, S. 11).
ADHS - Was ist das eigentlich? 7
Abb. 3: Schulspezifische Probleme (Quelle: ULBRICH, www.schulberatungmuenchen.de, Stand
29.04.2006)
Die in Abb. 3 dargestellten Probleme in der Schule und die Reaktionen ihres Umfeldes führen bei ADHS Kindern aufgrund ihrer spezifischen Symptome oftmals zu erheblichen Fol- 5
geproblemen. Dazu zählen (vgl. AUST-CLAUS/ HAMMER 2000, S. 157f):
- Emotionale und Selbstwertprobleme (85%)
- Lernprobleme (80%)
- Soziale Anpassungsprobleme (65%)
- Klassenwiederholer (28%) 10
80% der ADHS Kinder leiden unter Lernproblemen, die vorrangig dadurch entstehen, dass die gängigen Lernmethoden in unseren Schulen nicht zu ihren Besonderheiten passen. Sie können oft nur ca. 30% der altersgemäßen Konzentration aufbringen. ADHS Kindern fehlen die geforderten Anpassungsleistungen in Feinmotorik, gerichteter Konzentration, visueller und auditiver Daueraufmerksamkeit, selbstständiger Umsetzung bis hin zur sozialen Integra- 15
tionsfähigkeit (vgl. FARNKOPF 2002, S. 47). Bereits in der Grundschule entstehen schulischen Defizite, die sich im Laufe ihrer Schullaufbahn stetig vergrößern. Resultierende Gefühle von Niedergeschlagenheit und Frustration ziehen dann oft psychische Folgeprobleme nach sich. Die Kinder geraten immer tiefer in einen Verzweifelungszustand, der eine eigene Dynamik entwickelt (vgl. auch Anhang 1). 20
ADHS - Was ist das eigentlich? 8
Abb. 4: Innerer Teufelskreis: Misserfolge bewirken weitere schlechte Leistungen (Quelle: BORN/
OEHLER 2005, S. 46)
2.1 Ursachen für ADHS
Neuere Studien belegen, dass es sich bei ADHS um eine neurobiologisch bedingte Krankheit 5
handelt. Computertomographien zeigen eine Fehlregulierung der Botenstoffe im Gehirn (sog. Neurotransmitter). Neurotransmitter, wie Dopamin und Noradrenalin, sind für die Weiterleitung von Informationen und Befehlen zuständig, weil die Nervenzellen nicht direkt miteinander verbunden sind. Sie überbrücken den sog. synaptischen Spalt und transportieren Informationen, wie kleine Schiffe, von einer Zelle zur nächsten. Bei Menschen mit ADHS ist 10
die Aktivität im Stirnhirn deutlich herabgesetzt. Das Stirnhirn ist zuständig für Handlungsplanung, Steuerung bzw. Verhaltenskontrolle. Die Botenstoffe, insbesondere Dopamin, sind aus dem Gleichgewicht geraten. Dadurch, dass sie in Abhängigkeit zueinander stehen, können Aufnahmefilter und Verarbeitungszentralen im Gehirn nicht mehr optimal zusammenarbeiten. Je nach individueller Versorgung resultiert daraus eine entsprechende Ausprägung 15
des Krankheitsbildes. (vgl. AUST-CLAUS/HAMMER 2000, S. 109ff/ HAK 2004, S. 23f).
Der Vorgang lässt sich wie folgt beschreiben: Durch die fehlerhafte Zusammenarbeit von Aufnahmefilter und Verarbeitungszentrale nehmen ADHS Betroffene eine Menge Reize ungesteuert - sozusagen nebenbei - auf. Der Prozess lässt sich mit einem Aufnahmekanal eines Weitwinkel-Objektives vergleichen. Zahlreiche Eindrücke erreichen ungefiltert und 20
unsortiert den Arbeitsspeicher, ohne dass sie selektiert werden können. So empfinden ADHS Kinder z. B. die Geräusche eines vorüber fliegenden Insekts genauso laut wie die Stimme des Lehrers. Für das genaue Hinhören, bzw. Hinschauen, bräuchten sie aber eher ein Teleob-
Arbeit zitieren:
N. Hoffmeister, 2006, Entwicklung und Erprobung eines Konzeptes zur Förderung von Schülerinnen und Schülern mit ADHS in der Jahrgangsstufe 5 an Hauptschulen, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
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