TU Darmstadt, Institut für Sportwissenschaft
Aktuelle Themen der Sportsoziologie
Sommersemester 2003
Ich und mein Magnum - Sport zwischen
Individualisierung und Kollektivierung
von: Matthias Trumpfheller
Inhalt
1. Durch die Aufklärung zur Erlebnisgesellschaft 3
1.1. Individualisierungsprozesse der Moderne 4
1.2. „Kein Individuum ohne Masse“ oder „von der ‘Pluralität’ der Person“ 5
2. Sport als Mittler der Moderne 7
2.1. Der Körper als Zentrum des „Ichs“ 7
2.2. Paradoxie der Einzigartigkeit 10
2.3. Der „Patchwork-Sportler“ 11
3. Fazit 12
Literatur und Quellenangabe 13
1. Durch die Aufklärung zur Erlebnisgesellschaft
„Das Leben hat keinen Sinn außer dem, den wir ihm geben.“ Was in diesem Zitat von Thornton Wilder (1887-1975) zu Tage tritt, könnte in gewisser Weise als Leitspruch des modernen Menschen gelten. Nachdem der moderne Mensch nicht nur nach Heidegger „auf sich selbst geworfen“ ist, ist er auch selbst dafür zuständig, seinen Lebenssinn für sich selbst zu definieren. Die Entmystifizierung der Moderne geht einher mit der Freisetzung des Menschen und einem „Bedeutungsverlust vormals sicherheitsstiftender Wirklichkeitskonstruktionen“ 1. Eben jenen Bedeutungsverlust, der dem Menschen vormals durch den Glauben, klar definierte Geschlechterrollen und mehr oder weniger deutliche Stände- bzw. Schichtzugehörigkeit, Orientierung gab, gilt es nun in der säkularisierten Welt selbst mit neuen Werten und Sinnstiftungen zu kompensieren und so den individuellen Lebenslauf selbst zu organisieren und eigenverantwortlich eine Biographie zu gestalten. 2
Dabei steht das Individuum im Zentrum des Geschehens, und jeder von uns muss - innerhalb der trotz allem natürlich immer noch vorhandenen Zwänge und Kontrollmechanismen - seinen eigenen Weg gestalten. Inwieweit dieser Weg dann noch wirklich der Ausdruck einer aktiven individuellen Gestaltung ist oder doch einfach eine Aneinanderreihung von mehr oder weniger zufälligen ‘Entscheidungen’ gälte es im Einzelfall zu hinterfragen. Ausgehend von der Aufklärung über die Industrialisierung bis in die heutige Dienstleistungsgesellschaft gab es verschiedene Phasen der Individualisierung. Diese hier zu bearbeiten würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, weshalb ich mich darauf beschränken möchte, Individualisierungsprozesse der Moderne kurz darzustellen, um dann im Hauptteil dieser Arbeit den Sport als Mittler der Moderne vorzustellen. Der Körper als Zentrum des „Ichs“ steht auch im Zentrum der Betrachtung.
1.1 Individualisierungsprozesse der Moderne
Im Zentrum der Moderne steht das „Ich“. Was in dem Werbeslogan von Lagnese „Ich und mein Magnum“ zum Ausdruck kommt ist eben jene Ich-Bezogenheit, die kennzeichnend für unsere heutige Gesellschaft steht. Schulze nennt diese die „Erlebnisgesellschaft“, bei Willems heißt sie „Inszenierungsgesellschaft“ und bei Beck „Risikogesellschaft“.3 Was allen dreien gemeinsam ist, ist die Charakterisierung unserer Gesellschaft mit einem gewissen „Event-Charakter“. Alles muss irgendwie neu, einzigartig individuell sein. Es genügt nicht mehr, einfach nur Eis zu essen, es muss etwas außergewöhnliches sein – „Ich und mein Magnum“. Individualität wird stilisiert und glorifiziert. Dass es sich bei eben jenem Eis um ein massenhaft hergestelltes Industrieprodukt handelt, will uns die Werbung vergessen machen. Es ist etwas außergewöhnliches, und so entscheidet sich der junge Mann im Magnum- Werbespot am Strand nicht für den Kondomautomat4, sondern wählt ganz „Ich“ lieber das Eis. Auch das alte Sprichwort „der Esel nennt sich stets zuerst“, dass man als Kind noch lernt, um in Aufzählungen sich selbst nicht an den Anfang zu stellen, wird hier bewusst ignoriert. Das „Ich“ kommt zuerst.
Man hat die Wahl, und was man wählt, hat man selbst zu verantworten und für die eigene Biographie selbst zu begründen. Die Normalbiographie wird zur „Wahlbiographie“5 - aber wichtig daran ist, dass man trotz größerer Freiheiten heutzutage im Vergleich zu früheren Zeiten dennoch in gesellschaftliche Zwänge eingebunden ist, und sei es nur der Zwang, die Entscheidung vor sich selbst zu rechtfertigen. Dass solche Entscheidungen auch zuweilen nur das Wählen des kleineren Übels sein kann, dass nicht einmal bewusst ‘gewählt’ sein muss, verdeutlicht Schwier am Beispiel des „vollmobilen Singles“, der „wohl weniger ein Ausdruck des Wunsches [...] nach Autonomie, Mobilität und Flexibilität [ist], als ein Indiz dafür, dass das kapitalistische Marktmodell im Zuge seiner Weitermodernisierung in die letzten Reservate von Subjektivität und Intimität eingedrungen ist.“6
[...]
1 BETTE, Karl-Heinrich: Sport und Individualisierung. In: Spectrum der Sportwissenschaften. 5.Jg, H. 1, 1993, S. 36.
2 Vgl.: SCHWIER, Jürgen: Sport und Individualisierung. Skript zur gleichnamigen Vorlesung. www.uni-giessen.de/~g51039/vorlesungX.htm
3 Vgl.: SCHWIER
4 und dem damit implizierten Sex mit der jungen Strandschönheit
5 Vgl.: SCHWIER
6 Vgl.: ebd.
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Matthias Trumpfheller, 2003, Ich und mein Magnum - Sport zwischen Individualisierung und Kollektivierung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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