Epistolare Christologien des Neuen Testaments
von: Dimitry Husarov
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1 Der Philipperhymnus 2,6-11 und seine christologische Aussage 5
1.1 Exegetische Vorüberlegungen 6
1.1.1 Paulinische Autorschaft des Hymnus? 6
1.1.2 Der Aufbau des Hymnus 7
1.2 Die Einzelexegese des Hymnus 10
1.3 Christologie des Hymnus 16
1.3.1 Die Aussage der ersten Strophe des Hymnus 17
1.3.2 Die Aussage der zweiten Strophe des Hymnus 18
2 Christologie des Apostels Paulus 20
2.1 Die Hoheitstitel Jesu in der paulinischen Verkündigung 22
2.1.1 Jesus der Christus 22
2.1.2 Jesus der Herr 24
2.1.3 Jesus der Sohn Gottes 27
2.1.4 Andere christologische Bezeichnungen 31
2.1.5 Die Bedeutung der Titel und die Gottheit Jesu 33
2.1.6 Zusammenfassung 35
2.2 Die Christologie in „drei christologischen Bewegungen“ 38
2.2.1 Erste christologische Bewegung – die Sendung 38
2.2.2 Zweite christologische Bewegung – das Heilswerk 39
2.2.3 Dritte christologische Bewegung – die Vollendung 42
2.2.4 Fazit 44
3 Der Vergleich der paulinischen Christologie mit den christologischen Aussagen des Hymnus Phil 2,6-11 46
3.1 Die Titel Jesu und der Christushymnus Phil 2,6-11 47
3.2 Drei christologische Bewegungen des Paulus vs. zwei des Hymnus 48
4 Fazit: Das paulinische christologische Gedankengut 50
Literaturverzeichnis 51
Auch mit Goethe und Sokrates muß man
sich auseinandersetzten. Davon hängt
unsere Bildung und unser Ethos ab.
Von der Auseinandersetzung mit Christus
hängen aber Leben und Tod, Heil und
Verdammnis ab.
D. Bonhoeffer
Einleitung
„Die Theologie des Paulus, sofern sie konkret ist, nimmt Christus wahr. Alles andere ist Konsequenz oder Abstraktion.“1 Wenn man nun sich der Forschung der Person und des Werkes Christi zuwendet, kommt man zum Herz nicht nur der paulinischen Theologie, sondern zu den tiefsten Gründen des christlichen Glaubens. Die Aufgabe und der Sinn der Christologie besteht in der Darstellung der „Christusgeschehens“ in ihren vielfachen Facetten und von verschiedenen Seiten. Jeder Christ sollte per definitionem mit Freude und Anbetung erfüllt werden, von jedem winzig kleinen Detail, jedem sogar fast unbemerkbaren Strich zum Portrait dessen, wessen Namen er trägt. Daher genießt die christologische Forschung ihre Aktualität, sogar ihre Brisanz in jedem Zeitalter, in jeder Gesellschaft, in jedem Kurs und unter jeder Fragestellung.
Die moderne Christologie hat sich von der Enge der Fragestellung nach der Person Jesu, nach seinem Sein losgelöst und hat auch sein Werk, sein Tun, zu ihrem Gegenstand gemacht. Die Lehre von Christo ist daher immer eine Soteriologie.2 Das war aber nicht immer und nicht für jeden so. Die verschiedenen Christologien bemühen sich nicht im gleichen Maß um das Heil der Menschen. Die christologischen Abhandlungen des Neuen Testamentes widersprechen einander in keiner Hinsicht. Sie beleuchten Christus von verschiedenen Seiten und unter verschiedenen Gesichtspunkten. Betrachtet man verschiedene Autoren und Werke, wird man sich wundern, inwieweit unterschiedlich sie Christus darstellen. In dieser Arbeit geht es um den Versuch eines Vergleiches einiger christologischen Darstellungen. Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, die Christologie des Apostels Paulus und die Christologie des vorpaulinischen Hymnus Phil 2,6-11 gegenüberzustellen. Dabei werden mehrere Ziele verfolgt, die dem Aufbau des Aufsatzes entsprechen:
1. ein Entwurf eines Schemas der christologischen Aussage des Hymnus Phil 2,6-11;
2. eine Darstellung der paulinischen Christologie;
3. ein Vergleich der Christologien und Herauskristallisierung des christologischen Gedankengutes des Paulus.
Für das Erreichen der gesetzten Ziele werden in dieser Arbeit folgende methodologischen Schritte unternommen:
1. Im ersten Abschnitt werden die Fragen nach der Autorschaft und Aufbau des Hymnus behandelt und eine Exegese von Phil 2,6-11 mit klassischer Vorgehensweise und Literaturanalyse betrieben.
2. Die Darstellung der paulinischen Christologie erfolgt in zweifacher Form. Der erste Entwurf der Christologie des Apostels orientiert sich an den Würdetiteln Christi, ihrer Bedeutung und Deutung bei Paulus. Im zweiten Ansatz wird ein System der „drei christologischen Bewegungen“ von P. Stuhlmacher gezeigt. Dieser Abschnitt leistet keinen eigenständigen wissenschaftlichen Beitrag und operiert nur mit der entsprechenden Literatur.
3. Das dritte Kapitel der Arbeit vergleicht die Ergebnisse der ersten und zweiten Abschnitte.
4. Als Ergebnis stellt die Arbeit das Gedankengut der paulinischen Christologie dar, das aufgrund des Vergleiches im Kapitel 3 zusammengestellt wird.
1 Der Philipperhymnus 2,6-11 und seine christologische Aussage
Im Brief an die Philipper begegnet man einem berühmten christologischen Urhymnus. Der Hymnus gehört mit Recht zu einem der plastischen und zugleich komplizierten Text des Neuen Testaments.3 Diese Stelle bietet eine erste breite Christologie, die drei Modi Christi (Präexistenz, irdische Existenz und Erhöhtsein) und den Weg Christi unter den Gesichtspunkten „Präexistenz-Inkarnation-Tod- Erhöhung“ beschreibt.4 Der Hymnus ist in einer erhabenen Sprache geschrieben und schließt eine Fülle von Gedanken ein. Das macht seine Interpretation schwierig und bietet einen großen Raum für Diskussionen und verschiedene Deutungsmöglichkeiten. Folgende Punkte gehören zu den wichtigsten und häufigsten Streit- und Diskussionsfragen zum Christushymnus in Phil 2,6-11:
1. Vorpaulinischer oder paulinischer Ursprung des Hymnus.
2. Der Aufbau des Hymnus.
3. Die christologische Konzeption des Hymnus: steht der Mythus vom Urmenschen im Hintergrund (erster/zweiter Adam), die Christologie des Knechtes Gottes oder die des Herrn.
4. Eine Vielfalt der komplizierten Ausdrücke und Gedanken, die der Hymnus enthält, z.B.: die Gestalte (Gottes und Knechtes), der Raub des Gottgleichseins, die Kenosis und die Erniedrigung, die menschliche Erscheinung, die Erhöhung und die Trias in den Versen 10 und 11.
In dieser Arbeit werden nicht alle diese Fragen in den Einzelheiten beantwortet werden. Das entspricht dem Ziel dieser Darstellung nicht. Die Berührung mit ihnen kann man jedoch nicht ganz vermeiden. In den exegetischen Vorüberlegungen werden nur manche diese Fragen - der Autorschaft und des Aufbaus - erwähnt. In der Einzeltextexegese wird einen Versuch unternommen, einige Einzelausdrücke zu deuten und die christologische Konzeption des Hymnus zu definieren. Die christologische Aussage des Hymnus bildet das Ergebnis dieses Abschnitts der Arbeit.
1.1 Exegetische Vorüberlegungen
1.1.1 Paulinische Autorschaft des Hymnus?
Die Meinungen der Forscher in der Frage der Autorschaft des Hymnus sind geteilt. E. Lohmeyer, „dessen Verdienste um die Interpretation von Phil. 2,6-11 nicht hoch genug zu rühmen sind,“5 sieht in diesem Hymnus einen altchristlichen aramäischen Psalm.6 Das Aufweisen der Aramäismen im Text gelte als erwiesen. Es gibt auch Vorstellungen, Paulus habe einen jüdisch-gnostischen Hymnus übernommen. Käsemann betont die Verankerung des Textes in der Gedankenwelt des Hellenismus.7 Für den nichtpaulinischen Charakter des Hymnus sprechen die zahlreichen paulinischen Hapaxlegomena [Schriftzeichen in der Downloaddatei vorhanden], und nicht typisch paulinischen Christusbezeichnungen und Ausdrücke [Schriftzeichen in der Downloaddatei vorhanden] und das Fehlen des paulinischen soteriologischen [Schriftzeichen in der Downloaddatei vorhanden]8 Dieser Meinung sind aber nicht alle Exegeten. Eine Reihe von den Autoren halten an der paulinischen Herkunft des Hymnus fest. Dazu gehören R.P. Martin, R. Deichgräber, W.G. Kümmel.9
Unter den Forschern, die von der nichtpaulinischen Verfasserschaft des Hymnus ausgehen, löst eine große Diskussion die Frage nach der Autorschaft der Aussage „bis zum Tod am Kreuz.“ Verbreitet sind diesbezüglich zwei Meinungen: die Worte vom Vers 8 gehörten zum vorpaulinischen Hymnus oder sind von Paulus eingefügt worden. Nach O. Hofius bestimmt die Antwort auf diese Frage die Struktur und die Aussage des Liedes.10 Mit Verweis auf Dibelius kommt Hofius durch die formale und inhaltliche Analyse zu der Schlussfolgerung, dass die Worte „ja zum Tod am Kreuz“ zum Bestand des vorpaulinischen Hymnus selbst hinzugehören und sprachlich wie sachlich die Klimax der 1. Strophe des Hymnus bilden.11 Diese Lösung erlaubt den Hymnus als eine von Paulus nicht redigierte Einheit zu betrachtet. Das hebt ihn aus der paulinischen Christologie hervor - der Hymnus wird der paulinischen Christologie vorausgesetzt. Diese Tatsache macht den Vergleich zwischen der Urchristologie des Hymnus mit den christologischen Darstellungen des Paulus interessant.
1.1.2 Der Aufbau des Hymnus
[...]
1 Backhaus, K. Evangelium als Lebensraum. 9.
2 Pöhlmann, H. G. Abdriß der Dogmatik, 216.
3 Vgl. Lohmeyer, E. Der Brief an die Philipper. 90.
4 Hofius, O. Der Christushymnus Philipper 2,6-11. 12ff.
5 Jeremias, J. Zu Philipper 2,7: e`auto.n evke,nwsen. 311.
6 Lohmeyer, E. Kyrios Jesus. Vgl. Cullmann, O. Die Christologie des Neuen Testaments, 179.
7 Käsemann, E. Kritische Analyse von Phil. 2,5-11 (ZthK 47/1950, 313ff). Vgl. Cullmann, O. Die Christologie des Neuen Testaments, 179f.
8 Vgl. Schenk, W. Die Philliperbriefe des Paulus. 185.
9 Vgl. Hofius, O. Der Christushymnus Philipper 2,6-11. 1.
10 Hofius, O. Der Christushymnus Philipper 2,6-11. 3f.
11 Hofius, O. Der Christushymnus Philipper 2,6-11. 16f.
Quote paper:
Dimitry Husarov, 2006, Epistolare Christologien des Neuen Testaments, Munich, GRIN Publishing GmbH
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