Die Bevölkerung von Burma besteht aus zahlreichen ethnischen Gruppen. Der Einfachheit halber wird jedoch in den nachfolgenden Ausführungen allgemein von den Burmesen gesprochen.
1989 änderte das Militärregime den Namen Burma in Myanmar. Aus Respekt gegenüber dem Grossteil der burmesischen Bevölkerung, das mit dieser Namensänderung nicht ein-verstanden ist und sie nicht anerkennt, wird in dieser Arbeit von Burma gesprochen.
Um eine bessere Lesbarkeit zu erzielen, bedient sich die vorliegende Seminararbeit meist männlicher Substantive, das schliesst die weibliche Form der Begriffe jedoch ein, es sei denn, das Geschlecht wird explizit genannt.
1 Verzeichnisse
1.1 Inhaltsverzeichnis
2 Einleitung 2
3 Widerstandskonzept. 4
4 Versteckter Widerstand. 5
4.1 Theorien zum versteckten Widerstand 5
4.1.1 public transcript 5
4.1.2 hidden transcript 5
4.1.3 Veröffentlichung des hidden transcript - Alltagswiderstand. 6
4.2 Konsequenzen. 8
4.3 Formen des versteckten Widerstands 9
4.3.1 Widerstand gegen die materielle Vorherrschaft. 9
4.3.2 Widerstand gegen die Statusherrschaft. 9
4.3.3 Widerstand gegen die ideologische Herrschaft 11
4.4 Ethnographien 12
4.4.1 Schwierigkeiten. 12
4.4.2 Überblick über die Forschungen. 12
4.5 Kritik am Konzept des versteckten Widerstandes 13
5 Fallbeispiel Burma. 15
5.1 Geschichtlicher Abriss ab 1947 in Burma. 15
5.2 Aktuelle Lage in Burma 15
5.3 public transcript in Burma. 16
6 Diskussion des Fallbeispiels 17
6.1 Versteckte Widerstandsformen in Burma 17
6.2 Fazit über die Analyse 25
7 Ausblick. 26
8 Literaturverzeichnis 27
1.2 Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Domination and Disguised Resistance (Scott 1990: 198) 8
1.3 Abkürzungsverzeichnis
NDL National League for Democracy
SLORC State Law and Order Restoration Council
SPDC State Peace and Development Council
1
2 Einleitung
Vorwort
«We must make democracy the popular creed. We must try to build up a free Burma in accordance with such a creed. If we should fail to do this, our people are bound to suffer», zitierte Aung San Suu Kyi 1988 (1991: 194) ihren Vater General Bogyoke Aung San. Die Worte waren aktuell, als ihr Vater sie mit Hintergrund der Loslösung von der englischen Kolonialisten an die Bevölkerung richtete, sie waren es 1988 als Aung San Suu Kyi sie vor einer riesigen Masse zitierte und sind es auch heute noch. Obwohl in den vergangenen Jahren hart für die Demokratie gekämpft wurde, scheint deren Einführung noch vieles im Weg zu stehen. Noch immer hat die sozialistische Militärregierung die Macht in Burma und macht auch keine Andeutungen, diese einer eigentlich offiziell gewählten Partei zu überlassen. Vielmehr betreibt die Regierung zur Machtsicherung eine starke Angst- und Einschüchterungspolitik, worunter die Bevölkerung sehr leidet. In einem Land, wo Zwangsarbeit existiert, wo verboten wird, über Politik zu sprechen, wo an jeder Ecke ein militärischer Spion vermutet werden muss, wo Informationen vom In- und Ausland stark zensiert werden - konkret wo keine Menschenrechte existieren - wollen die Menschen nur eines: «Freedom from fear» (Aung San Suu Kyi 1991). Aber «Why don’t the people complain?», wird auf der Internetseite von Free Burma (Free Burma o.J.) gefragt. Die Antwort ist simpel und zugleich ernüchternd: «They keep trying but they get shot». Sich gegen die Regierung zu wehren, ist für die Einwohner Burmas eine Gefahr für ihre Freiheit, ihre Existenz und gar ihr Leben. Trotzdem gibt es eine Aktivistengruppe, die National League for Democracy (NLD), welche sich für die Werte eines von der Bevölkerung unterstützten Mehrparteiensystem einsetzt. Viele aber versuchen sich mit der unzufriedenstellenden Situation abzufinden und das Beste daraus zu machen. Wieder andere zeigen ihre Missgunst in einer Form des versteckten Alltagswiderstandes. James Scott (1989, 1990) hat über den Alltagswiderstand und das ‹hidden transcript› zahlreiche Aufsätze verfasst und sieht diese als die Stimme der Unterdrückten. Er führt an, diese Formen von Widerstand seien bisher zu Unrecht stark vernachlässigt worden. Kumuliert könnten sie nämlich eine Herrschaft zum Schwanken bringen
Problem- und Fragestellung
In dieser Seminararbeit werden die Formen des versteckten Widerstandes, genauer das ‹hidden transcript› und die daraus resultierenden Alltagswiderstandsformen vorgestellt. Mit dieser Grundlage wird das Fallbeispiel Burma analysiert. Die Wahl fiel auf Burma, da es ein Land ist, indem die Unterdrückung sehr stark ist. Es herrscht keine Meinungsfreiheit und selbst die kleinsten Vergehen gegen das Regime werden hart bestraft. Somit ist es ein Land, in dem die sicherste Art von Widerstand anonym ausgeführt wird. Zudem ist es ein sehr aktuelles Beispiel.
Folgende Frage stellt sich an das Fallbeispiel: Welche Formen des versteckten Wider-standes nach Scott finden sich in Burma?
Dabei werden für jede Widerstandsform nachstehende Unterfragen bearbeitet: - Gegen wen oder was richtet sich der Widerstand? - Welche Form nimmt der versteckte Widerstand an?
2
- Welche Absicht wird mit dem versteckten Widerstand verfolgt? - Welche Auswirkungen zieht dieser versteckte Widerstand nach sich? - Handelt es sich wirklich um Widerstand?
Das Ziel ist es, verschiedene Arten von Alltagswiderstand in Burma aufzuzeigen, darzulegen, gegen was sich der Widerstand genau richtet, was die Intention bzw. Absichten dahinter sind und wenn möglich auch, welche Auswirkungen dadurch erzielt wurden. Scotts Theorien sollen helfen herauszufinden, ob es sich auch wirklich um eine Form von Wider-stand handelt.
Dabei besteht jedoch nicht der Anspruch alle Widerstandsformen zu erfassen, denn dazu fehlen genaue Quellen, weil wenig darüber geschrieben wurde, insbesondere über Burma.
Aufbau und Vorgehen
In dieser Arbeit sollen an einem aktuellen Beispiel verschiedene Formen von Alltagswi-derstand aufgezeigt werden. Dafür wird in einem ersten Teil diskutiert, was Widerstand ist bzw. was ihn ausmacht. In Folge werden James Scotts Theorien ‹everday form of resistance› und ‹hidden› vs. ‹public transcript› vorgestellt, die Empirie dazu kurz präsentiert und unter Einbezug der Besprechungen verschiedenster Wissenschaftler kritisch diskutiert. Unter Punkt 5 wird das Fallbeispiel Burma vorgestellt, indem ein kurzer geschichtlicher Rückblick sowie eine Analyse der aktuellen Situation präsentiert wird. Dargestellt wird ausserdem, wie sich das ‹public transcript› in Burma konstituiert, worauf die Diskussion des Fallbeispieles unter Berücksichtigung der Fragestellungen und der vorgestellten Literatur folgt.
3
3 Widerstandskonzept
Widerstand als Gegenstand von Untersuchungen hat weite Diskussionen ausgelöst. Der klassische Ansatz geht davon aus, dass Macht sowohl Akzeptanz der Unterdrückten, aber auch Widerstand impliziert (Barbalet 1985: 531). Herrschaft galt als eine feste, institutionalisierte Form von Macht, Widerstand war die wesentliche, organisierte Opposition dagegen (Ortner 1995: 174). Scott und Foucault relativierten diese Kategorien. Ersterer brachte den Begriff der alltäglichen Widerstandshandlungen in die Diskussion ein (genaueres in Kapitel 4), Foucault untersuchte weniger institutionalisierte, dafür den Alltag stark durchdringende Formen von Herrschaft. Er bezeichnete dies als disziplinarische Macht (ebd.: 175).
Während Stolder und Cooper die Mannigfaltigkeit von Transformationsprozessen ungeachtet der Intentionen der Akteure betrachteten, fokussierte Fegan gerade auf diese Intention. Nach ihm kann nicht von Widerstand ausgegangen werden, wenn nicht die Absicht dazu vorhanden ist (ebd.: 175).
Was aber ist Widerstand konkret? Es ist noch immer ein definitorisch unscharfer Begriff, wie das Bibliographische Institut und F. A. Brockhaus AG (2001: 48) festhält. Als Wider-stand wird nach Wikipedia (o.J.b/ H.i.O.) «die Verweigerung des Gehorsams oder das aktive oppositionelle Handeln gegenüber der Obrigkeit oder der Regierung» bezeichnet. Das Bibliographische Institut und F.A. Brockhaus AG (2001: 48f.) bezeichnet politischen Widerstand als «[...] das aktive Sichwidersetzen gegen alle Versuche sozialer und gesellschaftl. Disziplinierung, für jedes von den herrschenden polit.-ideolog. Normen abweichende und persönl. Risiko in Kauf nehmende Verhalten». Es ist also eine Form gesellschaftlicher Verweigerung aufgrund moralischer oder politischer Überzeugung. Wann genau ist etwas Widerstand? Raby (2005: 158) schlägt vor, zwischen ‹Auseinandersetzung› (contestation) und ‹Widerstand› zu unterscheiden. Ersteres wendet sich gegen lokale Prinzipien der Kontrolle, das zweite «[...] challenges to wider power relations» (ebd.: 158). Was als Widerstand gilt, kann auch davon abhängen, ob man das Vorhandensein von Absichten voraussetzt oder nicht (ebd.: 159). Unklar ist auch, ob es eine Wirkung braucht oder ob die Intention reicht, damit man bei Handlungen von Widerstand reden kann.
Schlussendlich bleibt die Frage im Raum, ob es überhaupt eine konkrete, allgemeingültige Definition von Widerstand braucht oder, ob es nicht vorzuziehen ist, eine jeweils situationsabhängige Begriffsbestimmung zu benutzen.
4
4 Versteckter Widerstand
Im Folgenden werden Scotts (1989, 1990) Ausführungen zum versteckten Widerstand dargelegt. Dazu wird erst auf das Konzept des ‹public transcript› eingegangen, welches den Grundstein legt, um die anschliessenden Erklärungen des ‹hidden transcript› und des Alltagswiderstandes besser zu verstehen. Es folgt eine Darstellung der Bedeutung dieser Konzepte. Daraufhin werden verschiedene Formen von Widerstand entlang den drei von Scott (1990: 198) formulierten Bereichen Widerstand gegen materielle Herrschaft, Statusherrschaft und ideologische Herrschaft vorgestellt. Es folgt eine Übersicht über die Studien. Schlussendlich werden die Kritiken zu Scotts Konzepten erläutert.
4.1 Theorien zum versteckten Widerstand
Scott (1989, 1990) hat sich intensiv mit dem verstecken Widerstand auseinandergesetzt. Nach seinen ersten Ausführungen zu «everyday forms of peasent resistant» hat er darauf aufbauend die Theorie des ‹hidden transcript› entwickelt. Eine Schwierigkeit an Scotts Arbeiten ist, dass er diese beiden Konzepte selber nicht klar zueinander in Verbindung setzt. Wie sich aber zeigen wird, findet das ‹hidden transcript› auch Ausdruck im Alltagswider-stand. Das ‹hidden transcript› und das ‹public transcript› sind die Folgen eines dualen Gesellschaftssystems: Herrschende stehen Untergeordneten gegenüber. Dabei sind beide Seiten wichtig, um das System von Macht und Widerstand zu verstehen. Da in dieser Arbeit insbesondere die Seite der Untergeordneten interessiert, wird ihre Perspektive ausführlicher dargestellt.
4.1.1 ‹public transcript›
Das ‹public transcript› bezeichnet das öffentliche Zurschaustellen eines erwünschten Verhaltens (unter anderem durch Sprache, Mimik, Gestik und Körperhaltung). Es ist ähnlich einem Selbstportrait der dominanten Elite, die vorgibt, wie sie sich gerne sehen möchte. Folglich ist das Selbstportrait jeweils so arrangiert worden, dass es die Herrschenden als imposant dargestellt, ihre Macht bestätigt und die schmutzigen Spuren ihres Herrschens verwischt. Die Unterdrückten haben sich diesem Schema anzupassen. Ansonsten, z.B. bei einer offenen Konfrontation mit ihren Bedürfnissen und Interessen, drohen Bestrafungen. Das ‹public transcript› ist für die Unterdrückten eine Art Überlebensstrategie; die vermeintliche Ehrerbietung, Konformität und das Einverständnis mit den Mächtigen oft nur Taktik. Es vereinfacht ihr alltägliches Leben, ist energiesparender und sicherer. Auch die Herrschenden müssen sich an das von ihr vorgegebene ‹public transcript› halten, um ihre Vorherrschaft zu legitimieren und zementieren. Ansonsten verlieren sie an Glaubwürdigkeit und es droht ein Statusverlust (Scott 1990: 2-18).
4.1.2 ‹hidden transcript›
Im Gegensatz zum ‹public transcript› steht das ‹hidden transcript›. Es handelt sich dabei um einen Diskurs hinter den Kulissen zwischen Individuen desselben Status und entzieht sich der direkten Beobachtung der jeweils anderen Klasse. Typische Beispiele des ‹hidden transcript› von Untergeordneten sind etwa Aktivitäten wie Wildern, Angestelltendieb-
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stähle, Steuerhinterziehung und schlechte Arbeit für die Landherren. Bei den Dominanten kann das ‹hidden transcript› aus heimlichen Privilegien, dem heimlichen Mieten von Schlägern, Bestechung und Sabotage bestehen (Scott 1990: 4-17).
‹hidden transcript› der Dominierenden: Im ‹hidden transcript› können die Herrschenden ihre Maske der korrekten, repräsentativen und disziplinierten Person ablegen und auch mal hemmungslos ‹die Sau rauslassen›. Es ist in diesem Kreis nicht nötig ein ritualisiertes Handeln an den Tag zu legen, um ihr Handeln und ihre Macht zu legitimieren (ebd.: 27). ‹hidden transcript› der Unterdrückten: Unterdrückte haben kaum Möglichkeiten sich gegen die schlechten Behandlungen der Herrschenden zu verteidigen. Somit ist es in ihrem eigenen Interesse und dem ihrer Angehörigen sich gegenüber der Herrschaft konform zu verhalten. Entsprechend werden auch die Kinder sozialisiert. Sie müssen lernen Sprache und Gestik korrekt zu verwenden, ausserdem natürliche Impulse, wie etwa Wut, Beschimpfung und Gewalt zu kontrollieren. Diese unterdrückten Emotionen und Aggressionen werden in der Praxis oder in der Fantasie im ‹hidden transcript› ausgelebt, einer so genannten ‹offstage› Kultur, abseits der öffentlichen Wahrnehmung. Das kann sich darin zeigen, dass sich diese Gegenkultur im Untergrund abspielt oder eine Botschaft zweideutig artikuliert wird, damit die Herrschenden sie nicht verstehen. Das ‹hidden transcript› erfüllt für die Unterdrückten eine Art Ventilfunktion, denn es bietet die Möglichkeit ihrem Leiden und ihrer Wut Luft zu schaffen und somit Widerstand auszudrücken (ebd.: 17-37).
4.1.3 Veröffentlichung des ‹hidden transcript› - Alltagswiderstand
Die Grenze zwischen dem ‹hidden transcript› und dem ‹public transcript› sind nicht straff (Scott 1990: 14). Eher sind es zwei Pole eines fliessenden Überganges. Das bestätigt sich unter anderem darin, dass sich jeweils unter den Individuen einer Gruppe, also z.B. den Untergeordneten noch ein Machtgefüge herausbilden kann (z.B. zwischen Jung und Alt). Dies zieht wieder eine Bildung eines ‹hidden transcript› nach sich (ebd: 5). Versteckter Widerstand im Sinne des ‹hidden transcript› beinhaltet eine Verschleierung entweder der Nachricht, des Absenders oder von beidem. So können Untergeordnete Nachrichten übermitteln ohne Vergeltung oder Sanktionen befürchten zu müssen (ebd.: 139).
Mindesten vier Formen des politischen Diskurses der Untergeordneten sind erkennbar: 1. Die sicherste Form ist, wenn sie das Selbstimage der Elite als Basis für ihren Diskurs nehmen und sich dessen rhetorische Zugeständnisse zu Nutze machen. Der Raum für Interpretation, die eine Ideologie freihält, ermöglicht es den Unterdrückten manchmal eine stückweise Verbesserung ihrer Situation auszuhandeln (ebd.: 18) 1 .
1 Deutlicher wird dies an einem Beispiel von Scott: «[…] even the ideology of white slave owners in the antebellum U.S. South incorporated certain paternalist flourishes about the care, feeding, housing, and clothing of slaves and their religious instruction. Practices, of course, were something else. Slaves were, however, able to make political use of the small rhetorical space to appeal for garden plots, better food, human treatment, freedom to travel to religious services, and so forth» (Scott 1990: 18).
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Arbeit zitieren:
Carmen Koch, 2006, Versteckter Widerstand gegen die Militärdiktatur in Burma - Analyse unter Einbezug von James Scotts Alltagswiderstand und hidden transcript., München, GRIN Verlag GmbH
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