Der Individualisierungsprozess in der deutschen Gesellschaft ist voll im Gange. Zunehmend lösen sich industriegesellschaftliche Lebensformen auf und ab, und werden durch solche ersetzt, die ihre Biographien unter sozialstaatlichen Rahmenbedingungen selbst herstellen müssen (Hainz 2006, S.1). Grundlage hierfür sind die Lebensbedingungen, die sich in den letzten Jahrzehnten sukzessive aber grundlegend verändert haben. Es kam zu umfassenden Verschiebungen im Gesamtniveau der Gesellschaft, charakteristisch hierfür sind die positive Einkommensentwicklung, die Bildungsexpansion und der Wirtschaftsaufschwung (Beck 1983,S. 36). Daraus ergibt sich ein „gesellschaftlicher Individualisierungsschub“ (Beck 1983, S.41) gekennzeichnet von Bildungschancen, Mobilitätsprozessen, der Ausdehnung von Konkurrenzbeziehungen, der Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit etc., die schlussendlich dazu führen, dass sich die Menschen aus den traditionellen Bindungen lösen und mit allen Risiken und Chancen in Ihr individuelles Schicksal stürzen.
Die Frage ist: inwieweit beeinflusst dieser zunehmende Individualisierungsprozess die Einteilung gesellschaftlicher Strukturen. Lassen sich in Anbetracht dieses Prozesses heute überhaupt noch die sozialen Kategorien der Gesellschaftseinteilung von Klassen und Schichten anwenden? In welche Paradigmen kann und muss man die Gesellschaft heute einteilen.
Meine Position dazu ist, dass sich die traditionellen soziologischen Einteilungskategorien in der heutigen Phase des Individualisierungsprozesses in der Erosion befinden. Die Einteilung der Bevölkerung in Klassen und Schichten in der Definition von Marx und Weber ist nicht mehr klar zuzuordnen, da sowohl die politischen als auch die gesellschaftlichen Strukturen, die für eine derartige Aufteilung vorhanden gewesen waren, weg gebrochen sind. Der Individualisierungsprozess hat inzwischen alle Sphären des Lebens und zunehmend auch alle Altersklassen erreicht. Das Individuum ist zunehmend dem Zwang ausgesetzt, sein Leben in allen Bereichen selbst zu definieren, zu planen und zu organisieren. Dies fängt bei der Gestaltung des Bildungsweges an (z.B. Entscheidung zum Abitur oder zum Studium etc.) an, geht über den selbst zugestaltenden Entwurf des Lebens (z.B. heterosexuelle Partnerschaft mit oder ohne Kinder, Offene Homosexualität, Singledasein etc.), bis hin zur Eigenverantwortung bei der Arbeitsplatzsuche und Berufsausübung und dem damit verbundenen Erwartungs- und Existenzdruck, aber auch in vielen anderen Bereichen des Lebens. Kurz der Mensch ist heute nur noch ein Einzelner unter denen, die zusammen die Gesamtheit einer Gesellschaft ausmachen. Die Einteilung der Einzelnen als Zugehörige in große gesellschaftliche Blöcke
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oder gar die Marx´schen Klassen Proletariat und Bourgeoisie sind aus meiner Sicht obsolet. Die gesellschaftliche Einteilung muss heute viel minutiöser vorgenommen werden. Hierbei herrscht jedoch in der Soziologie keine Einigkeit und es gibt verschiedene Konstrukte, um die Gesellschaft aufzusplitten.
Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Modellen, die die Sozialstruktur abbilden sollen. Die Begriffe Klasse und Schicht, die bereits im 19.Jahrhundert durch Marx und Weber begründet wurden, sind später vor allem durch Theodor Geigers kritische Auseinandersetzung neu definiert worden. Er sah in den Begriffen Schicht und Klasse eine Zusammenfassung der Menschen, die in ähnlicher sozioökonomischer Lage leben, sowie aufgrund ähnlicher Lebenserfahrungen ähnliche Persönlichkeitsmerkmale (Wertorientierungen, Mentalitäten, Lebensstile etc.) aufweisen und ähnlichen Lebenschancen und Risiken ausgesetzt sind (Geißler 2002, S.111). Er begründete dies u.a. in seiner Streitschrift von 1948/49 „Die Klassengesellschaft im Schmelztiegel“, in der er die marxistische Klassentheorie mit den sozialstrukturellen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte konfrontierte und einer umfassenden Kritik unterzog (Geißler 2002, S.113). Sein Fazit hierbei ist, das Konstatieren des sozialstrukturellen Wandels, da die Schichtstruktur nicht homogener und einfacher, sondern zunehmend differenzierter wird. Die alten „Klassen“ brechen auf und verändern sich und dadurch nehmen auch die „Klassen-Konflikte“ ab. Zunehmend treten nach Geiger hingegen andere Differenzierungen auf, so z.B. Stadt-Land-Unterschiede oder der Interessengegensatz von Produzierenden und Nicht-Produzierenden etc. (Geißler 2002, S.113). Ein anderer Ansatz ist die Einteilung der Gesellschaft in Schichten z.B. Boltes „Zwiebel-Modell“ oder Dahrendorfs „Haus-Modell“. Die Gliederung der Bevölkerung in verschiedene Schichten beruht einerseits auf den verschiedenen Funktionen und Gruppen im Herrschafts-und Wirtschaftssystem und zum anderen auf soziopolitischen und soziokulturellen Mentalitäten (Geißler 2002, S.117). Die Kritik an diesen Modellen ist, dass sie ausschließlich vertikale Dimensionen abbilden, so z.B. Berufsposition, Qualifikation oder ökonomische Lage etc. (Geißler 2002, S.122). Die horizontalen Ungleichheiten, wie z.B. Geschlecht, Alter, Generation, private Lebensform, regionale Herkunft etc. bleiben aber außen vor. Um die Vielfalt der heutigen Gesellschaftsstruktur zutreffend abzubilden, sind diese Kriterien aber von höchster und entscheidender Bedeutung.
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Arbeit zitieren:
Felix Kayser, 2006, Der Einfluss des Individualisierungsprozesses auf die gesellschaftlichen Strukturen im Zusammenhang mit der Erosion der traditionellen sozialen Kategorien: Klassen und Schichten , München, GRIN Verlag GmbH
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