Mathias Schüz: Konkrete Ethik in der Wirtschaft 2
1. Die Problematik konkreter Ethik 3
2. Grundlagen einer neuen Ethik 5
2.1. Grenzen der traditionellen Ethik 5
2.2. Vergessene Dimensionen des Menschseins 6
2.3. Tiefenpsychologie und neue Ethik 7
3. Ethik in der Wirtschaft 9
3.1. Das System der Wirtschaft 9
3.2. Das Schattenreich des Wirtschaftssystems 11
4. Perspektiven unternehmerischer Verantwortung 15
4.1. Der Fall Manville 15
4.1.1. Die Situation 15
4.1.2. Ethische Beurteilungsmöglichkeiten 16
4.2. Konzepte für ethisches Verhalten in der Wirtschaft 17
4.2.1. Der rigoristische Ansatz 17
4.2.2. Der real-idealistische Ansatz 18
4.2.3. Der situativ-opportunistische Ansatz 19
4.2.4. Der instrumentalistische Ansatz 19
4.2.5. Der ökonomistische Ansatz 20
4.3. Was leistet eine Unternehmensethik? 21
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Konkrete Ethik in der Wirtschaft - Perspektiven
unternehmerischer Verantwortung
1. Die Problematik konkreter Ethik
Nicht zuletzt wegen der zunehmenden Gefährlichkeit des Lebens in der heutigen Wohlstandsgesellschaft ist das Wort "Ethik" in aller Munde. Traditionell soll Ethik das Auskommen der Menschen miteinander regulieren helfen. Man erhofft sich von ihr Orientierungsweisen für ein verändertes Verhalten und Handeln. Besonders laut wird der Ruf nach Ethik für bestimmte Bereiche des menschlichen Verhaltens und Handelns wie Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Hier soll Ethik konkret wirksam werden.
Andererseits macht man der konkreten Ethik ihr mangelnder Einfluß gerne zum Vorwurf. Hinweise dafür gibt es genügend. Die Verwicklungen von Industrieunternehmen im Golf-Krieg sind beispielhaft. Der ganze Konflikt in der Region war von Anfang an für viele Industriezweige ein Spiel mit hohem Risiko und geringer ethischer Reflexion, aber mit großen finanziellen Gewinnchancen. Die Unternehmen wie die Regierungen hätten die Konsequenzen solchen Handelns anhand folgender moralischer Regel in der Bibel ablesen können: "Gib dem Guten, nicht aber dem Bösen, unterstütze den Demütigen, gib nicht dem Hochmütigen! Rüste ihn nicht mit Kampfwaffen aus, sonst greift er dich selbst mit ihnen an. Doppeltes Übel trifft dich [in der Zeit der Not] für all das Gute, das du ihm getan hast." 1 Bereits im 1. Jhdt. v. Chr. wußte man also um mögliche Aus- und Rückwirkungen bestimmten Verhaltens und stellte deshalb entsprechende Regeln auf. Nichtsdestoweniger wurden und werden sie mißachtet. Die Befolgung solcher Regeln ist heute noch schwieriger geworden. Die immer komplexer werdende Struktur der modernen Lebenswelt, die große Reichweite menschlicher Verfügungsgewalt und die Vernetzheit ihrer Folgelasten verringern die Aussicht auf eine eindeutige Zuweisung von Verantwortlichkeiten. So scheint es nur zu legitim, sich einem ethischen Einfluß zu entziehen.
1 Jesus Sirach 12, 4-5.
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Dies rührt daher, daß sich die Lebenswelt des heutigen Menschen in unterschiedliche Systembereiche wie Wissenschaft, Wirtschaft, Recht und Politik funktional ausdifferenziert hat 2 . Deshalb ist der Mensch kaum noch als einzelner und ganzes ansprechbar. Zumeist in eines der Bereiche eingebunden, deren Systemzwängen unterworfen und nur für die von ihm geforderte Funktion verantwortlich. Andererseits trägt er daneben Verantwortung als Familienvater, Mitglied der Gesellschaft oder einer Religionsgemeinschaft. Die Anforderungen sind unterschiedlich, ja können sich aus ethischer Sicht sogar widersprechen. So ist er als Wissenschaftler nur für seine Theorien verantwortlich oder als Unternehmer nur für den Fortbestand seines Unternehmens und sonst nichts, während er als Familienvater sehr wohl um das Überleben seiner Kinder besorgt ist. Kurz: die Verantwortung des modernen Menschen ist mehrfach gespalten. 3
Wie weit soll und kann nun Ethik reichen? Ist eine Ethik allein für die Gesamtheit unseres Verhaltens ausreichend? Sind für die unterschiedlichen Verantwortungsbereiche jeweils Spezialethiken oder konkrete Moralen erforderlich? Besteht dann nicht die Gefahr miteinander konkurrierender oder gar sich gegenseitig lähmender Ethiken? Oder soll die Ethik grundlegende Prinzipien für das Handeln festlegen und jeweils situationsbezogen spezifizieren? Kann dann eine allgemeine Ethik die unterschiedlichen Verantwortungsbereiche koordinieren?
Diese Fragen sind für eine Darlegung konkreter Ethik von großer Bedeutung. Der Autor verwirft die Möglichkeit konkurrierender Spezialethiken, plädiert statt dessen für eine allgemeine Ethik mit möglichst großer Reichweite als Voraussetzung jeglicher konkreten Ethik. Die allgemeine Ethik formuliert und begründet ethische Werte bzw. Normen - wie z. B. "Überleben der Menschheit", "menschenwürdiges Leben", "Erhaltung der Gesundheit", " Ehrfurcht vor dem Leben". Die konkrete Ethik sucht nun solche ethischen Werte mit oder gegen diejenigen Werte durchzusetzen, die jeweils das konkrete Handeln oder Verhalten bestimmen. Beispielsweise stellt sich Wirt-
2 Vgl.z. B. Niklas Luhmann: Ökologische Kommunikation - Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gerfährdungen einstellen? Opladen 1986, (3. Aufl.) 1990.
3 Zur "Theorie der mehrfach gespaltenen Verantwortung" vgl. Otto-Peter Obermeier: "Wissenschaft und Verantwortung", in: Der Mensch und die Wissenschaften vom Menschen - Die Beiträge des XII. dt. Kongresses für Philosophie. Innsbruck 1983, S. 247.
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schaftsethik den ökonomischen Werten, Wissenschaftsethik den Werten, die die Wissenschaften leiten, Erziehungsethik den pädagogischen Werten etc.
Bevor wir nun auf die konkrete Ethik der Wirtschaft und die Perspektiven unternehmerischer Verantwortung eingehen können, muß gemäß o. g. Voraussetzung zunächst die hier zugrundegelegte allgemeine Ethik dargelegt werden. Denn je nach ihrer Konzeption wird sie von unterschiedlichem Einfluß auf die konkreten Situationen bzw. Handlungsbereiche sein. Sodann müssen einige Systemgesetzlichkeiten der Wirtschaft vorgestellt und daraufhin geprüft werden, ob und inwieweit sie für einen ethischen Einfluß offen sind. Ohne diese Offenheit wäre die Ethik auf das Wirtschaftsystem nicht anwendbar, mithin die Diskussion um eine konkrete Wirtschaftsethik überflüssig. Zuletzt sollen mögliche Positionen einer Unternehmensethik, mithin Perspektiven unternehmerischer Verantwortung diskutiert werden.
2. Grundlagen einer "neuen" Ethik
2.1. Grenzen der traditionellen Ethik
Die Reichweite und Wirksamkeit der traditionellen Ethik wird vielfach in Frage gestellt. In der Tat ist sie nicht in der Lage, das ethische Bewußtsein des Menschen an seine auf Wissenschaft und Technik beruhende Verfügungsgewalt anzugleichen, die über Raum und Zeit hinweg die Lebensgrundlagen selbst bedroht. Sie ist auf die Nahsphäre des menschlichen Handelns eingestellt und berücksichtigt nicht, daß Mensch und Natur eine Überlebenseinheit sind.
Es gibt nun verschiedene Ansätze für eine neue Ethik, diese Mängel der traditionellen Ethikkonzeptionen beheben zu wollen. So überwindet die Ethik von Albert Schweitzerden Anthropozentrismus und stellt "Ehrfurcht vor dem Leben" in ihr Zentrum. 4 Hans
4 Albert Schweitzer: Kultur und Ethik, 1923, in: Gesammelte Werke, Bd. 2, München 1974, S.
95-420. Vgl. Mathias Schüz: "Ehrfurcht vor dem Leben in der industriellen Welt - Albert Schweitzers Ethik angesichts der verschärften Risikosituation von heute", in: Albert Schweitzer heute - Brennpunkte seines Denkens (hrsg. v. Claus Günzler et al.). Tübingen
1990, S. 125-153.
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Jonas berücksichtigt in seiner Ethik, daß Mensch und Natur eine Überlebenseinheit sind, und möchte mit ihrer Hilfe insbesondere künftigen Generationen ein "gutes" Leben sichern 5 .
Der Einfluß solcher Ethikentwürfe wird offenbar größer. Selbst im Wirtschaftsgeschehen tendiert man zumindest verbal in diese Richtung, wenn man die vielen Reden von Topmanagern und Publikationen in Managementzeitschriften zur Kenntnis nimmt. Der gute Wille ist vielfach sicherlich vorhanden. Dennoch scheinen die Auswirkungen auf die Praxis noch gering zu sein. Es sind gewiß noch nicht alle Mängel der traditionellen Ethikkonzeptionen beseitigt.
2.2. Vergessene Dimensionen des Menschseins
Vielleicht versagt die Ethik nicht, weil der Mensch nicht bereit ist, ihr Folge zu leisten, sondern weil die Ethik am Menschen vorbeigeht und Dimensionen des Menschseins unberücksichtigt läßt.
Ein typisches Beispiel dafür ist der Zusammenstoß des Fährschiffes mit einem Tanker bei Livorno im April 1991 zu sein. Das Fährschiff mit Kurs auf Sardinien lief pünktlich aus, doch die Besatzung einschließlich der Offiziere saß vor den Fernsehern und schaute ein wichtiges Fußballspiel an. Sie konnte so an der modernen, dreifach abgesicherten Radaranlage den im Wege stehenden Tanker nicht bemerken und stieß mit ihm zusammen. Weder die Sicherheitsvorschriften noch irgendein Verantwortungsgefühl konnten gegen die für das "italienische" Menschsein besonders wichtige Dimension der Fußballsucht ankommen.
Eine weitere Problematik stellt sich der Ethik dadurch, daß gerade "gute und hehre" Absichten oftmals in Vernichtungsfeldzüge pervertieren. So zeitigen sog. "gute" Taten häufig schlimmere Folgen als "schlechte". Menschen mit guten Absichten haben weniger Hemmungen, die Realisierung ihrer Ziele in Angriff zu nehmen - sie haben ja den Segen des Guten. Unvermögen bleibt so verborgen - unbeabsichtigte Folgen waren "ungewollt". 6
5 Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung - Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt a. M. 1979.
6 Vgl. D. Dörner: Die Logik des Mißlingens. Hamburg (2. Auf.) 1989, S. 16.
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Dr. Mathias Schüz, 1993, Konkrete Ethik in der Wirtschaft, Munich, GRIN Publishing GmbH
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