Mathias Schüz: Unternehmerische Risiken der Ge ntechnologie 1
1. TECHNIK, ÖKONOMIE UND ETHIK 2 Technik 3 Ökonomie 4 Ethik 5
2. DAS RISIKO MIT GENTECHNISCHEN PRODUKTEN 7
Die Dialektik von Chance und Risiko 8
Das Geschäft mit dem Risiko 9
Die ökonomischen Chancen der Gentechnik 10
Investitionsschutz durch Patente 11 Das Risiko mit dem Geschäft 13
Der Mythos vom entschlüsselten Erbgut 15
3. UNTERNEHMERISCHE VERANTWORTUNG NACH ALBERT
SCHWEITZER 18
Schuld und Sühne - Grundbegriffe des gesunden Wirtschaftens 19
Die Ansprüche der Stakeholder 20
Verantwortungsloses versus verantwortliches Handeln in der Gentechnik 21
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Unternehmen, die die Chancen der Gentechnologie gewinnbringend nutzen wollen, sollten schon aus Eigeninteresse die damit verbundenen Risiken ver-antworten. Denn sie haften für die Schäden, die sie - wo und wann auch immer
- verursachen werden. Das kann die erhofften Gewinne sehr schnell zunichte machen und das Überleben des Unternehmens bedrohen. Es liegt also in ihrem eigenen Interesse, die komplexen Risiken der Gentechnologie g enauer unter die Lupe zu nehmen. Die Ethik Albert Schweitzers kann sie darin unterstützen. Denn sie sensibilisiert für die Ethikrisiken, die aus den Aktivitäten des Unternehmens resultieren, und trägt dazu bei, daß die unternehmerische Verantwortung besser wahrgenommen wird.
Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, die Aktualität der Ethik von Albert Schweitzer auch für Unternehmen darzulegen, insbesondere bei Entscheidungen auf dem Gebiet der Biotechnologie. Die Entscheidungshilfen, die Schweitzer auch heutigen Managern bieten kann, sollen im vorliegenden Beitrag durchsichtig gemacht werden.
Dazu wird im ersten Schritt der Zusammenhang von Technik, Ökonomie und Ethik verdeutlicht, im zweiten Schritt die Komplexität des unternehmerischen Risikos im Kontext der Gentechnologie herausgearbeitet und im dritten Schritt schließlich die ethische Verantwortung im Sinne Albert Schweitzers umrissen.
1. Technik, Ökonomie und Ethik
Vor einigen Jahren wurde einer Studentin trotz bester Gesundheit und bestandener Aufnahmetests der Zugang zu einer US-Elite-Universität verweigert. Man hatte bei einem Gentest ihre Veranlagung für eine tödliche Krankheit festgestellt. Die Investitionen seitens Hochschule und Staat in das aufwendige Studi- 1 DieEntscheidung der
um, so sah die Universität voraus, lohne sich nicht. Hochschule belegt, daß ökonomisches Kalkül immer mehr unseren Alltag, ja
1
Arno Luik: Interview mit Erwin Chargaff, in: Stern v. 15.11.2001.
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sogar das Grundrecht auf Bildung, dominiert. Was Gewinne bringt, wird gefördert, was Verluste beschert, abgewehrt. Die Biotechnologie scheint, wie in unserem Beispiel, ein geeignetes Mittel der Technik zu sein, Gewinne kalkulierbarer und damit eine unsichere Zukunft beherrschbarer zu machen. Darüber hinaus verweist das Beispiel auch auf eine ethische Dimension. Denn offenbar verletzt die Entscheidung der Hochschule das Recht der Bewerberin auf Bildung und diskriminiert sie wegen ihres Gesundheitszustandes. So gibt es einen Zusammenhang zwischen Technik, Ökonomie und Ethik.
Technik
Albert Schweitzer sieht im Bestreben des Menschen, seine Umwelt technisch umzugestalten, letztlich eine ethische Intention zur Lebensförderung: „Alles Wirken des Menschen geht letzten Endes auf Erhaltung und Förderung von Leben, des eigenen und dessen, mit dem er sich verbunden erachtet. Die Macht der Umgestaltung des Seins, soweit er sie besitzt, hat für ihn keine Bedeutung an sich. Ob er sich noch primitivster Geräte bedient oder ob sein Wissen und Können ihn instand setzt, Berge abzutragen, Täler auszufüllen, Meere miteinander zu verbinden, räumliche Entfernungen in jeder Weise zu überwinden, Wärme und Kälte, Dunkel und Licht zu erzeugen, Stoffliches zu zerlegen und in anderer Weise wieder zusammenzusetzen und überhaupt sich die geheimnisvollen Kräfte der Natur mehr und mehr dienstbar zu machen: Immer kann er sich mit der dadurch möglich gewordenen Betätigung nichts anders vornehmen als Z ustände zu schaffen, die 2 auf bessere Weise Erhaltung und Förderung von Leben ermöglichen.“ Schweitzer zufolge intendiert jeder t echnische Eingriff in irgendeiner Form bessere Lebensverhältnisse, hat also gewissermaßen auch eine ethische Dimension, insofern er zumindest dem Leben ausgewählter Gruppierungen dient.
Die Technik stellt geeignete Mittel für die Erfüllung eines Zwecks zur Verfügung. Ein Kraftwerk ist das geeignete Mittel zur Produktion des Zwecks „Elektrizität“.
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Albert Schweitzer: Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben - Kulturphilosophie
III. Erster und zweiter Teil. Werke aus dem Nachlaß. München 1999, S. 233.
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Während die Technik beliebige Mittel für die Erfüllung von beliebigen Zwecken einsetzt, läßt die Ökonomie idealerweise nur solche Mittel zu, deren Kosten geringer sind als der Nutzen des damit erreichten Zwecks. Das Kraftwerk sollte weniger kosten als der Verkauf der Elektrizität später wieder einbringt. Das Studium der Bewerberin darf nicht mehr kosten, als sie später als Hochschulabsolventin der Gesellschaft an Leistung wieder zurückgeben kann. Die Ethik schränkt die Beliebigkeit der Mittel und Zwecke erheblich ein, indem sie nur solche Mittel und Zwecke wählt, die dem Zusammenleben einer Gruppe, der Menschheit, aller Lebewesen dienlich sind. So besteht zur Zeit in Deutsch-land ein Verbot zur Herstellung von embryonalen Stammzellen aufgrund einer bioethischen Empfehlung. Sowohl die Wahl der Mittel der Stammzellenaufzucht als auch der Zweck zur Manipulation menschlicher Embryonen werden für gentechnische Experimente ausgeklammert.
Ökonomie
Das Problem der Ökonomie besteht darin, daß sie in der Gegenwart Investiti onen tätigen muß, die erst in der Zukunft Ertrag bringen. Der Einsatz knapper Mittel ist also mit Unsicherheiten verbunden. Kein Unternehmer kann mit Sicherheit voraussagen, ob der erwartete „Return on Investment“ mehr bringt, als der Einsatz der Mittel gekostet hat. Jeder Unternehmer möchte daher diese Unsicherheit verringern. Er möchte seine Chancen, mit seinen Aktivitäten einen Nutzen bzw. Gewinn zu realisieren, erhöhen und damit die Risiken, einen Schaden bzw. Verlust zu produzieren, verringern. Wenn ihm die Technik hilft, etwa mit Hilfe von Gentests die Zukunft kalkulierbarer zu machen, so lohnt sich für ihn ihr Einsatz. Es gibt also ein Geschäft mit dem Risiko. Es bleibt aber auch das Risiko mit dem Geschäft. Der Einsatz von technischen Mitteln zur Realisierung eines Gewinns hat Neben-, Rück- und Fernwirkungen. Diese werden häufig gar nicht berücksichtigt, weil sie zu komplex, oft nur mittelbar oder erst in ferner Zukunft manifest werden. Der Einsatz von gentechnisch verändertem Saatgut soll die Resistenz der Pflanzen gegen Schädlinge erhöhen und damit das Risiko einer schlechten Ernte verringern. Die teuren Investitionen können sich nur die großen Landwirtschaften leisten. Die kleinen Bauern müssen ihre Betriebe aufgeben. Außerdem werden anfällige Monokulturen auf
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Kosten der Artenvielfalt gefördert. Die Auswirkung auf die langfristige Gesundheit der Konsumenten, ja auf künftige Generationen ist noch gar nicht erforscht. Diese Risiken sind auch in ökonomischer Hinsicht problematisch. Denn gentechnisch veränderte Pflanzen bringen auf Dauer weniger Erträge, kranke Konsumenten reagieren mit Schadenersatzforderungen und Boykotten, die verarmte Landbevölkerung hat keine Mittel mehr zu konsumieren. Die involvierten Unternehmen verlieren ihre Kundschaft und damit ihre künftigen Erträge. Soll ein Unternehmen nicht nur kurzfristig Gewinn realisieren, sondern auch an einem langfristigen Überleben interessiert sein, so müßte es alle ausgeblendeten Risikofaktoren in ihr ökonomisches Kalkül einbeziehen. Dies läßt sich auch am Beispiel unserer Studentin belegen. Denn sie könnte trotz aller genetischen Risiken eines frühzeitigen Todes in kürzester Zeit eine geniale Erfindung machen oder Kommilitonen durch ihr soziales Verhalten zu Höchstleistungen inspirieren oder gar entgegen der Wahrscheinlichkeit ihres frühzeitigen Todes doch viel länger überleben. Dann hätte sie sehr wohl sehr viel mehr zurückgegeben, als sie genommen hat. Die kurzsichtige und nur scheinbar ökonomisch begründete Entscheidung der Universität, sie als Studentin zurückzuweisen, kann also aufgrund der entgangenen Gewinnchancen ausgesprochen unökonomisch sein.
Ethik
Die Ethik kann ökonomische Entscheidungen im Hinblick auf die langfristigen Folgen positiv beeinflussen. Denn sie handelt vom „guten Auskommen mitei n-ander“. Eine Gesellschaft, in der alle gut miteinander auskommen, ist auch ökonomisch viel gesünder als eine Gesellschaft, in der wenige auf Kosten vieler 3 Denn hier sorgt die Kaufkraft der vielen für ein gesundes Wachstum profitieren.
der Unternehmen. Henry Ford hatte dies erkannt und seinen Mitarbeitern viel höhere Löhne bezahlt als die Konkurrenz, gleichzeitig mit Einführung des Fließbandes die Kosten der Produktion erheblich gesenkt, so daß nun alle
3
Deshalb wohl sah schon Aristoteles Ökonomie, Politik und Ethik in der praktischen Phil-
sophie vereint.
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seine Mitarbeiter sich selbst ein Auto leisten konnten. Das war das Geheimnis seines frühen Erfolges.
Die Ethik kann den Blick für die kostspieligen Neben-, Fern- und Rückwirkungen einer unternehmerischen Entscheidung frei machen und die Kriterien dafür liefern, welche Handlung sich auch langfristig für alle „lohnt“. Sie gibt an, welche Zwecke nicht nur dem Unternehmen dienlich sind, sondern auch der Gesellschaft, der Natur, dem Leben schlechthin. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, ethische Überlegungen in ökonomische Entscheidungen mit einzubeziehen. Ethik darf allerdings nicht zu einem nützlichen Instrument der Ökonomie degradiert werden. Sie sorgt nicht wie diese für das „gute Auskommen“ der Unternehmen bei Einsatz knapper Mittel. Sie sorgt vielmehr dafür, daß Lebewesen miteinander gut auskommen können. Was immer dem guten Auskommen miteinander dient, ist gut, was ihm widerstrebt, böse. Wenn ökonomisches Handeln nun zu einem besseren Auskommen aller mit allen beiträgt, so ist dies sicherlich auch in ethischer Hinsicht als gut zu bezeichnen. Dies ist aber nicht zwangsläufig.
Es gibt verschiedene ethische Ansätze, je nachdem was man unter „gutem Auskommen miteinander“ versteht. „Gutes Auskommen“ kann z. B. darin gesehen werden, das Überleben, die Gesundheit oder Würde eines Menschen zu sichern. Das „Miteinander“ kann sich auf die Nächsten, Fernsten, alle Menschen oder Tiere, ja auf alle Lebewesen und künftige Generationen beziehen. Im einen Fall stehen nur Menschen unter ethischem Schutz, im anderen alle Lebewesen. Albert Schweitzers „Ehrfurcht vor dem Leben“ gehört sicherlich zu den am weitesten gefaßten ethischen Ansätzen, die je formuliert wurden. „Gutes Auskommen miteinander“ bedeutet für ihn, daß wir als ethische Akteure mit allen Lebewesen auskommen und ihnen mit Ehrfurcht begegnen sollen. Man könnte nun einwenden, daß ein so emotionsgeladener Begriff wie „Ehrfurcht“ im rationalen Kalkül der Ökonomie nichts verloren hat. Das Gegenteil ist der Fall. Denn Ehrfurcht hat es mit der höchsten Wertschätzung gegenüber einer verehrten Person, Gottheit oder Lebensform zu tun, die einerseits Distanz schafft und zugleich die Nähe sucht. Sie kann sich sogar auf Gegenstände beziehen. Analog basiert erfolgreiches unternehmerisches Handeln auf g e-
Arbeit zitieren:
Dr. Mathias Schüz, 2005, Unternehmerische Risiken der Gentechnologie im Spiegel der Ethik Albert Schweitzers, München, GRIN Verlag GmbH
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