Mathias Schüz: Vertrauen zum Ganzen 2
Inhalt
VERTRAUEN ZUM GANZEN - SKIZZE EINES PHILOSOPHISCH
VERNACHLÄSSIGTEN BEGRIFFS: ZUSAMMENFASSUNG 3
TRUST IN THE WHOLE - THE OUTLINE OF A NOTION PHILOSOPHICALLY
NEGLECTE :D SUMMARY. 3
CONFIANCE EN TOTALITE - ESQUISSE D’UNE NOTION PHILOSOPHIQUE
NEGLIGEE RESUMEE 3
DIE FUNDAMENTALE BEDEUTUNG DES VERTRAUENS 4
WAS IST VERTRAUEN? 6
Der Begriff als Wertbeziehung 6
Formen des Vertrauens 7
Weltvertrauen. 7
Pers önliches Vertrauen. 8
Urvertrauen 10
DIE SCHÖPFERISCHE KRAFT DES VERTRAUENS. 11
Vertrauens- und Mißtrauensspirale. 11
Implikationen für die Ethik 13
Empirische Befunde. 13
DER UR-SPRUNG DES VERTRAUENS 15
LITERATUR 19
Mathias Schüz: Vertrauen zum Ganzen 3
Skizze eines philosophisch vernachlässigten Begriffs
Zusammenfassung
Vertrauen ist eine wichtige Grundbefindlichkeit des Menschen. Es ermöglicht ein Zusammenleben in relativer Ruhe und Sicherheit. Mit seinem Vertrauen erwartet jemand die Permanenz der natürlichen und sozialen Ordnung (Weltvertrauen), die Konsistenz im Umgang miteinander (persönliches Vertrauen) und die zuverlässige Orientierung in den Wagnissen des Lebens (Urvertrauen). Vertrauen hat eine schöpferische Kraft, mit der es Paradigmen des Erkennens, Handelns und Hoffens konstituieren kann. Es kann sich in einer Art Spirale selbst verstärken, und damit auch ganze Gruppen zu mehr Offenheit, Kommunikation und Zusammenarbeit bewegen. Nicht zuletzt deshalb haben vertrauensbildende Maßnahmen zwischen Ost und West zum Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs beigetragen. Vertrauen zum Ganzen als Voraussetzung des Lebens ergänzt auch den Ansatz von Richard Wissers philosophischer Anthropologie. Kritik und Krise können nur mit Hilfe des Vertrauens zum Ganzen sich immer mehr dem Ursprung nähern.
Trust is an important element of a basic human attitude. It makes it possible to enjoy relative peace and safety in the life of a community. Due to trust, humans expect the permanence of natural and social orders (trust in the world), consistency in mutual relations (personal trust) and safe guidance through life (proto-trust). There is a creative power in trust that can constitute the paradigms of knowledge, action and hope. Trust can itself grow in a spiral and induce whole groups to move to higher levels of open-mindedness, communication and common efforts. Trust-inducing activities have contributed to the breakdown of Iron Curtain between East and West. Richard Wisser’s philosophical anthropology adds to the trust in the whole as a life precondition. Critic and crisis can approach to the origins with trust in the whole.
La confiance est une des qualités fondamentales qui caractérisent l’homme. Elle nous permet de vivre dans une relative tranquillité et sécurité. En développant sa confiance, chacun de nous s’attend à la permanence de l’ordre social et naturel (confiance dans la monde), à la coexistence dans le comportement mutuel (confiance personnelle) et à la possibilité d’une sûre orientation dans les tours périlleux que la vie peut nous réserver (pré-confiance). La confiance possède une force créatrice avec laquelle elle peut constituer les paradigmes de connaissance, d’action et d’espoir. Elle peut se faire d’elle-même plus ferme, plus solide dans une espèce de spirale, et ainsi elle est à même de diriger des groupes entiers vers une plus grande ouverture, vers la communications et le travail en commun. Il faut souligner en autre que ce sont précisément ces mesures capables de créer la confiance qui ont contribué à l’effondrement du rideau de fer séparant l’Ouest de l’Est. La confiance dans la totalité conçue comme prémisse de la vie se trouve aussi complété par le concept de l’anthropologie philosophique de Richard Wisser. Ce n’est que par la confiance dans la totalité que la criti- que et la crise s’approchent progressivement de leur origine.
Mathias Schüz: Vertrauen zum Ganzen 4
Die fundamentale Bedeutung des Vertrauens
Als am 1. November 1755 ein Erdbeben Lissabon zerstörte, brachen nicht nur Häuser, sondern auch ein Jahrhunderte gültiges Weltbild zusammen. Die Katastrophe, bei der 30.000 Menschen ihr Leben verloren hatten, ausgerechnet Kirchen zerstört worden, die Bordelle aber verschont geblieben waren, konnte nicht länger als Strafe Gottes gerechtfertigt werden. 1 Die Menschen verloren ihr Vertrauen zum Ganzen, in dem sie diese Welt trotz aller Übel für die beste aller möglichen Welten gehalten hatten. Die Angst des Menschen konnte nicht länger mit spitzfindigen Glaubenssätzen unter Kontrolle gehalten werden. Übrig blieben Technik, Wissenschaft und Handel, mit denen man den erlittenen Verlust zu kompensieren glaubte. Vielleicht war es deshalb kein Zufall, daß sich von nun an die Industrialisierung geradezu explosionsartig ausbreitete und eine neue Form der Sicherheit bot. Ähnlich wie damals stehen auch wir heute vor dem baufälligen Gebäude eines zug-rundegehenden Weltbildes, in dem Vertrauen nicht mehr übernatürlichen Mächten, sondern sozialen Systemen entgegengebracht wird. Unser Vertrauen in die grenzenlose Machbarkeit der Technik, in die restlose Wahrheitsfindung der Wissenschaft und in das ungehinderte Ausbreiten der Wirtschaft ist grundlegend erschüttert. Die politischen, sozialen und ökonomischen Zusammenbrüche sowie die ökologischen Folgelasten der letzten Jahrzehnte scheinen den Verlust des Vertrauens und das Ausbreiten von Mißtrauen zu begünstigen.
Doch ist Mißtrauen die Lösung unserer Probleme? Es ist These dieses Beitrags, daß Mißtrauen zumeist diejenige Krise verschärft, die zu seinem Anlaß wurde. Seine Lösung ist Verschlossenheit, Kontrolle und Rivalität. Vertrauen hingegen weicht starre Fronten auf und vermittelt ein Klima, in dem neue, zum Teil ungeahnte Lösungen aufgrund von Offenheit, Kommunikation und Zusammenarbeit fruchtbar werden können. So haben “vertrauensbildende Maßnahmen” 2 zwischen Ost und West immerhin zum Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs beigetragen.
1 Gerald Deckart et al.: Katastrophen, die die Welt erschütterten. Stuttgart 1991, S. 94 ff sowie Ernst Sander: Nachwort zu Voltaires Candid - Oder die beste der Welten. Stuttgart 1963, S. 144.
2 Vgl. Andreas Windel: Vertrauensbildende Maßnahmen - Historisch-kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff und Versuch einer anwendungsorientierten Konzeption. München 1983, S. 7 ff; Zielinski, Michael: Vertrauen und Vertrauensbildende Maßnahmen - Ein sicherheitspolitisches In- strument und seine Anwendung in Europa. Frankfurt a. M./ New York 1985.
Mathias Schüz: Vertrauen zum Ganzen 5
Vertrauen hat offenbar die Kraft, positive Beziehungen von Menschen zur Welt oder Kultur, zu anderen Menschen oder Gemeinschaften und zum Leben überhaupt zu stiften, und damit Paradigmen des Erkennens, Handelns und Hoffens mitzugestalten. Deshalb verwundert es nicht, daß Alex Michalos 3 1989 in seiner Recherche 3.000 sozialwissenschaftliche und psychologische Titel zum Thema “Vertrauen” gezählt hat.
Auch bei einigen Philosophen hat Vertrauen eine fundamentale Bedeutung. So ist es beispielsweise für Konfuzius die “notwendige Vorbedingung und Grundlage aller menschlichen Beziehungen und Tugenden”, ja sogar “das Prinzip menschlichen Lebens schlechthin” 4 . Oder Otto-Friedrich Bollnow sieht im Vertrauen die unerläßliche Voraussetzung alles menschlichen Lebens: “Nur auf dem Boden eines Vertrauens ist Leben überhaupt möglich. Mißtrauen umgekehrt läßt das Leben vertrocknen und schließlich ganz ersterben.” 5 Und Niklas Luhmann hält Vertrauen für einen “elementaren Tatbestand des sozialen Lebens”. 6
Um so erstaunlicher ist es aber, daß der Begriff nicht einmal als eigenes Stichwort Eingang in Hoffmeisters “Wörterbuch der philosophischen Begriffe” oder in Höffes “Lexikon der Ethik” gefunden hat. Vielleicht ist Vertrauen wie die Luft zum Atmen für Philosophen zu selbstverständlich oder so wenig greifbar, als daß man sich eigens damit auseinandersetzen müßte. Jedenfalls ist es an der Zeit, einmal eine Philosophie des Vertrauens ins Auge zu fassen. Hier kann dazu nur ein möglicher Horizont abgesteckt werden.
3 Alex Michalos: A Pragmatic Approach to Business Ethics. Thousend Oaks 1995, S. 61.
4 Myung Soo Hann: “Die Idee des Vertrauens bei Konfuzius”, in: Verstehen und Vertrauen - Otto Friedrich Bollnow zum 65. Geburtstag. Mainz 1968, S. 27.
5 Bollnow, Otto-Friedrich: Wesen und Wandel der Tugenden. Frankfurt a. M. 1958, S. 175.
6 Niklas Luhmann: Vertrauen - Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Stuttgart (3. durchges. Aufl.) 1989, S. 1.
Mathias Schüz: Vertrauen zum Ganzen 6
Was ist Vertrauen?
Der Begriff als Wertbeziehung
“Vertrauen” stammt vom mittelhochdeutsch “vertruwen”, was soviel wie hoffen, Zuversicht haben, erwarten, vermuten bzw. trauen, glauben heißt. Jemandem vertrauen bedeutet dann, der Verläßlichkeit und Zuverlässigkeit einer Person trauen, ihm etwas zutrauen, ihm glauben, daß er z. B. ein Versprechen hält, also sich auf eine erwartete Weise verhält.
Vertrauen ist weder ein Wert noch eine Tugend, ebenso wenig wie Mißtrauen ein Unwert oder Laster ist. Sie sind beide eine Erwartung, daß sich ein Wert bzw. Unwert oder eine Tugend bzw. Laster erfüllt. Beide Begriffe stellen ähnlich wie “Verantwortung” zu einer Instanz eine Beziehung zu einem Wert bzw. Unwert her, sind also relationale Begriffe 7 , die ihren Wert oder Unwert erst mit ihrem Bezugspunkt erhalten. Der Vertrauende will etwas erreichen, was seinem direkten Zugriff entzogen ist. So ist Vertrauen immer mit der Frage “Vertrauen zu wem oder was?” verbunden. Eine Tugend wie z. B. die Tapferkeit genügt sich selbst, während der Akt des Vertrauens erst in der Erfüllung eine gewisse Befriedigung findet, indem der Vertrauende darin Ruhe, Gemeinschaft und Sicherheit bzw. Sinn erlangt. Der Mißtrauende hingegen hat Angst und setzt auf Strategien des Selbstschutzes und der Verteidigung. Vertrauen und Mißtrauen können sich allerdings unter Umständen komplementar ergänzen, solange das Vertrauen nicht voll ist. So wird mit der Erfüllung das Vertrauen nur gestärkt und hört nicht auf, ein Prozeß zu sein. Es muß weiterhin entgegengebracht, geschenkt und gehegt werden. Anfängliches Mißtrauen kann dabei abgebaut werden. Es gibt demnach Steigerungsgrade des Vertrauens, das von gering bis unbedingt und absolut reichen kann. 8
Daß der Begriff des Vertrauens je nach Perspektive unterschiedlich beurteilt wird, sieht man schon an seiner Einschätzung durch den mißtrauischen Schopenhauer: “Zutrauen zu Andern” habe eher negative Werte zur Folge: etwa Trägheit, indem man im Vertrauen eigene Pflichten auf andere abwälzt, oder Selbstsucht, weil man einem anderen Angelegenheiten zum eigenen Vorteil anvertraut, oder Eitelkeit, weil
7 Rudolf Schottländer spricht in seiner “Theorie des Vertrauens”, Berlin 1957, von “Relationbegriff”. (1957, S. 7).
8 Vgl. ebd. S. 21.
Arbeit zitieren:
Dr. Mathias Schüz, 1998, Vertrauen zum Ganzen - Skizze eines philosophisch vernachlässigten Begriffs, München, GRIN Verlag GmbH
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