Die Türkei war schon lange für den westlichen Beobachter die Pforte in das islamische Abendland. Sie war geheimnisvoll, ein wenig fremd und zuweilen undifferenziert bedrohlich. Demjenigen allerdings, der das Land bereiste, wurde schnell klar, dass es zwei Gesichter hat, zum einen traditionell und eher ärmlich, zum anderen modern und westorientiert. Dabei spielte und spielt der Islam in beiden Teilen der Türkei, dem Traditionellen und dem schnelllebigen Modernen, eine wichtige Rolle.
Vor allem in der jetzigen Zeit, der aktuellen Diskussion um die Mohammed-Karikaturen und die Ausschreitungen, die selbst nicht vor der Türkei halt machten, ist es wichtig zu beobachten, wie die Türkische Republik mit dem Islam umgeht. Obwohl sich die Türkei als laizistisches Land sieht und das Militär sich als der Garant laizistischer Stabilität versteht, gehört der Islam zur Türkei, nicht zuletzt auch gestützt durch die konservativ-islamistische Regierungspartei AKP. Das Bild einer islamisch geprägten Nation, das die Medien derzeit präsentieren, ist ein Bild von radikal fundamentalistischen Islamisten, die alles daran setzen den Westen zu zerstören. Dies ist grundsätzlich falsch, da der Islam zunächst eine gewaltlose Religion ist, die, wie es auch in der Geschichte des Christentums zu finden ist, von Führern breiter Massen für ihre Ziele ausgelegt wird und somit den Radikalismus heraufbeschwört, der zu den Aktionen führt, die täglich die Medien beschäftigt. Anders so zurzeit in Deutschland. Neben weiteren gewaltlosen Demonstrationen sind auch hier in Bonn am Samstag, 11. Februar 2006 Islamisten auf die Strasse gegangen, um friedlich für ihre Würde zu demonstrieren. 1 Am Beispiel der Türkei lässt sich zeigen, dass es auch dort möglich ist, die Religion für die Gläubigen zu lenken, ohne Radikalismus heraufzubeschwören und ohne extremistische Aktionen zu fördern. Dies war in der Türkei zwar nicht immer der Fall, aber sie bewegt sich m.E. mit inzwischen sicheren Schritten in die richtige Zukunft.
1 Vgl. General Anzeiger am Montag 13.02.06 Friedliche Demonstration gegen Karikaturen
S.7, Bonn, 13.02.06.
3
Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan hat die Türkei als Vermittler zwischen dem Okzident und dem Orient angeboten. 2 Vor allem aus der Unsicherheit im Umgang mit dem Islam in der deutschen Gesellschaft heraus, ist es gerade zur jetzigen Zeit wichtig, die Verwirrung und Vorurteile um den Islam aufzuklären. Die aufgestauten Ängste, die sich seit den radikal islamistischen Terroranschlägen zunehmend auch in Europa breit machen, zwingen sich mit der Frage nach dem Rolle des Islams zu beschäftigen. Gerade an der türkischen Republik, mit ihrer auch den Islam betreffenden wechselreichen Geschichte, kann ein machbarer Weg im Ungang mit dieser Religion deutlich gemacht werden. Sie steht an den Toren der EU und hat uns in Deutschland durch die Gastarbeiter-Kultur der 60er Jahre, und dem massiven Familiennachzug nach dem Anwerberstopp von 1973, türkische Mitbürger und ihre Religion zu treuen Händen und verantwortungsvollem Miteinander beschert. Um unsere Ängste zu bewältigen, aber auch um dem Vorwurf vorzubeugen, wir nähmen unsere Minderheiten nicht mit dem nötigen
Ernst und Verständnis auf, müssen wir uns intensiv und umfassend mit dem Thema Islam und Staat befassen.
„Das Verhältnis von türkischem Nationalismus und Islam - Die Geschichte einer langen und nicht immer einfachen Beziehung“ lautet der Titel dieser Arbeit. Im Mittelpunkt steht die nicht immer einfache Beziehung zwischen dem türkischem Nationalismus und dem Islam.
Zunächst wird zu klären sein, wie sich diese Beziehung generell darstellt und wo genau die Unterschiede zwischen beiden Elementen liegen. Im weiteren gilt es dann zu untersuchen, wo und wieweit der türkische Nationalismus Hand in Hand mit dem türkischen Islam geht.
Die Arbeit wird sich danach damit beschäftigen aufzuzeigen, wie die Türkei als laizistisches Land funktioniert und wo darin die religiös islamischen Kräfte greifen. Diese Arbeit soll anschließend analysieren, wie kemalistische
2 Vgl. Turkish Daily News: Erdoğan appeals to world leaders to calm down cartoon crisis:
http://www.turkishdailynews.com.tr/article.php?enewsid=35373; 11.02.06; u. Hurriyet:
Erdoğan'dan karikatürler için liderlere mektup;
http://www.hurriyet.com.tr/gundem/3916842.asp?m=1&gid=69; 10.02.06; u. Sabah:
Erdoğan'dan Dünya'ya "ortak tavır" çağrısı; http://www.sabah.com.tr/siy94.html; 10.2.06.
4
Prinzipien in der Neuzeit überleben, bzw. wie sie unter Einfluss des Islams angepasst werden. Dies wird am aktuellen Beispiel der rechtsextremen Partei MHP deutlich gemacht.
Die Gliederung zeigt zwei Teilbereiche auf: Im ersten Teil wird die ideengeschichtliche Herkunft und die Entwicklung des türkischen Nationalismus erklärt, der, wie wir wissen, nicht unbedeutend durch den Islam geprägt ist. Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Fragestellung, wie sich Islam, Nationalismus und Politik gegenseitig beeinflussen. Der erste Teil ist wiederum in zwei Bereiche unterteilt, da es wichtig ist, die Termini Nationalismus und Islam einzeln zu erklären, allerdings immer mit Blick auf die Türkei. Es gilt über den generellen Begriff des Nationalismus zum Kemalismus als dem türkischen Weg zum Nationalismus zu kommen. Hier wird die geschichtliche Einordnung und Diskussion um den Kemalismus erforderlich, um zu erkennen, wie und warum er sich entwickelt hat und warum er heute noch greift. Zu erwähnen sind dabei das Osmanische Reich und die Jungtürken, die ein neues Nationalverständnis geprägt haben und auf deren Ideen Mustafa Kemal Atatürk die sechs Grundprinzipien des Kemalismus begründete.
Wenn man sich mit der Entstehung des türkischen nationalen Selbstverständnis beschäftigt, ist es unausweichlich, dass man, neben einem ausführlichen Werdegang Mustafa Kemal Atatürks, auf einen bedeutenden türkischen Denker zu sprechen kommt, der das Nationalismusverständnis wesentlich geprägt hat: Ziya Gökalp, Primus inter Pares bei den erwähnten Jungtürken. Darüber hinaus ist für das Verständnis des türkischen Nationalismus vor allem die Kenntnis über zwei Regierungsbehörden (Türk Tarih Kurumu „Amt für die türkische Geschichte“ und Türk Dil Kurumu „Amt für die türkische Sprache“) wichtig, auf die deshalb heut näher eingegangen wird.
Der Einfluss des Nationalismus auf die Religion, bzw. umgekehrt, wird anhand von Quellen dieser beiden Regierungsbehörden verdeutlicht. Sie besitzen im Verbund mit dem Präsidium für Religionsangelegenheiten
5
(„Diyanet İşleri Başkanlığı“) die ausschließliche Kontrolle über das Verhältnis von Staat und Religion, also auch über die Ausprägung des Laizismus. Schon im ersten Teil dieser Arbeit wird die Rolle des Islams als Auslöser für den türkischen Laizismus aufgezeigt. Hierbei wird besonders auch auf das bereits erwähnte Präsidium für Religionsangelegenheiten eingegangen, da es explizit dafür eingerichtet worden ist, die Religion zu kontrollieren und den Laizismus zu erhalten. Dabei ist es angemessen aufzuzeigen, wie es sich mit der Diskriminierung von Minderheiten auch anderen Glaubens verhält. Anschließend werden Islam, Nationalismus und Politik am Beispiel der türkischen Partei MHP (Milliyetçi Hareket Partisi) und ihrer
Kommandoorganisation „Graue Wölfe" (Bozkurts) dargestellt. Bewusst wurde die MHP ausgewählt, da man bei ihr die Übername alter panturkischer Elemente, also nationalistischer Konzepte, die schon im Osmanischen Reich durch die Jungtürken geboren wurden, nachweisen kann. Darüber hinaus ist die MHP ein gutes Beispiel für die Verbindung von Nationalismus und Islam in der türkischen politischen Wirklichkeit heutiger Tage. Wichtig bei der Diskussion über Nationalismus und Islam in der Türkei ist vor allem die türkisch-islamische Synthese (TIS), die man als Zusammenfassung verschiedener Ideologien verstehen muss und die den türkischen Nationalismus und Islam miteinander verbindet. Sie ist der Versuch, eine neue türkische Identität herzustellen, in der islamische und national-türkische Elemente aufeinander einwirken und zusammenarbeiten. Die Synthese, die auch vom türkischen Militär getragen wird, prägt die allerdings zunehmend unzeitgemäße rassistische Ideologie der MHP.
Die Türkei stellt in der islamischen Welt eine einmalige, sowie besonders exponierte Staatsform dar. Sie ist seit vielen Jahren bemüht, Mitglied der Europäischen Union zu werden und im Gegensatz zu ihren Nachbarn, prowestlich zu sein. Die türkische Staatsführung sieht die Zukunft der Republik in Europa. Nicht zu vergessen ist, dass die Türkei ein sehr wichtiger Bündnispartner der NATO ist. Zur Zeit des „Kalten Krieges“ war die strategische Lage (Kontrolle des Schwarzmeerausgangs, gemeinsame
6
Grenze mit der Sowjetunion) sehr wichtig. Besonders aber in unserer Zeit der asymmetrischen Auseinandersetzung zwischen einer islamischen Teilwelt
und der von ihr propagierten Welt der Ungläubigen, kommt der Türkei wegen ihrer besonderen Staatsform, aber auch wegen der trotzdem typischen kulturellen und religiösen Nähe zur restlichen islamischen Welt eine strategische Bedeutung für Europa zu, die heute noch zumeist unterbewertet scheint. Trotz der historischen Verbindungen durch das Osmanischen Reichs in die arabische und asiatische Welt, ist der Islam in der Türkei heute anders eingebunden, als in anderen Ländern des Nahen Ostens. Auch dies soll in dieser Arbeit nachgewiesen werden.
Die Literatur- und Quellenlage zu dem Thema dieser Arbeit ist sehr umfangreich. Vor allem seit dem 11. September 2001 sind vermehrt populärwissenschaftliche Arbeiten publiziert worden und haben die Büchertische gefüllt. Schlagworte wie „Extremismus“, „Terrorismus“, „Islamismus“ sind nur einige, die die Diskussion um den Islam belasten und oft den Weg zur Objektivität verstellen. Dies ist auch in der deutschen Diskussion um den türkischen Islam der Fall, sicher auch wegen der großen Anzahl an türkischen Mitbürgern. Für die Darstellung des Themas dieser Arbeit werden als Quellen Standartwerke und das Internet herangezogen. Vor allem das Internet hat bei diesem höchst aktuellen Thema einen hohen Stellenwert, da man hier Originalton aus der Türkei, so z.B. die Alltagsdiskussion der einzelnen Parteien abgreifen kann. Die Ausführungen über religiöse Grundlagen sind aus islamwissenschaftlichen Standardwerken entnommen. Am Ende der Arbeit befindet sich ein Glossar, dass zum Verständnis wichtig ist.
7
3 „Türkischer Nationalismus: „Graue Wölfe“ und „Ülkücü“ (Idealisten)-Bewegung“
Verfassungsschutz des Landes Nordrhein-Westfalen Im Oktober 2004;
http://www.im.nrw.de/sch/doks/vs/tuerkischer_nationalismus.pdf; 29.12.05.
4 Vgl. „Türkischer Nationalismus“ ebd., u. Lewis, B.: The Emergency of modern Turkey,
London 1965. S. 328ff.
5 Im osmanischen Reich war das Wort "Türk" (Türke) ein Schimpfwort und hatte noch im
osmanischen Reich rundweg die Bedeutung von „Bauer, Flegel, Tölpel“. Vgl. Enzyclopaedie
des Islam Band IV S-Z, Leiden, NL 1934. S. 954.
6 Frei übersetzt: „Ich bin stolz mich einen Türken zu nennen“.
7 Übersetzt: „Ich bin ein Türke, meine Religion und meine Rasse sind mir erhaben.“ Vgl.
Enzyclopaedie des Islam, a.a.O., S. 954-955.
8
2.1. Zum Begriff Nationalismus
Der Begriff Nationalismus 9 versteht sich darin, dass verschiedene Gruppen von Menschen Bedeutung in einer nationalen Ganzheit finden, die den Ursprung einer gemeinsamen einheitlichen Geschichte, Kultur, Sprache und Tradition hat. Dies alles findet sich dann in dem Konstrukt der Nation wieder, welches eine größere Gruppe von Menschen, die gleichwohl einheitlich strukturiert ist, zu einer Gemeinschaft zusammenfasst. Dem Begriff Nationalismus hängt zuweilen ein stark negativer Beigeschmack an. Man denkt an extreme Ideologien, Unterdrückung und Imperialismus 10 .
8 Vgl. Agai, B.: Islam und Kemalismus in der Türkei;
http://www.bpb.de/publikationen/HW3V8L,0,0,Islam_und_Kemalismus_in_der_T%FCrkei.htm
l; 28.09.05.
9 Weiterführende Literatur zur Begriffsdiskussion: Alter, P.: Nationalismus, Frankfurt, 1985;
Wehler, H.-U., Nationalismus: Geschichte - Formen - Folgen, München 2001; Mayer, T.:
Prinzip Nation: Dimensionen der nationalen Frage am Beispiel Deutschlands, Opladen, 1986.
10 Vgl. Alter, P., a.a.O., S.12.
11 Wehler, H.-U., a.a.O., S. 17.
9
Bevor man einer staatlichen Struktur den Titel „Nation“ geben kann, muss untersucht werden, ob ein „Prozess nationaler Vergemeinschaftung“ 14 vorausgegangen ist. Um eine Nation zu bilden, sollte ein Volk sich durch eine gemeinsame Kultur und ein nationales Bewusstsein zusammenfinden. Dieser Prozess enthält zwei politische Impulse, die Bewusstwerdung und die Selbstbestimmung: 15 Das Bewusstwerden, einer politischen und sozialen Gemeinschaft anzugehören, und dies dann auch selbstbestimmt darzustellen. Dieser „Nationalstaat“ ist nicht zu verwechseln mit dem „Kulturstaat“. Zur Selbstbestimmung formulierten dann tragende Nationalbewegungen in der Regel die Zielvorstellungen ihres Nationalstaates. Danach verkörperte er für
die Träger dieses Gedankengutes aber auch für andere mit ihnen assoziierte politische Kräfte und Bewegungen das höchste zu erreichende Gut. 16 Worin liegt nun der Unterschied zwischen Volk und Nation? Die Antwort ist „Die Nation ist das politisch mobilisierte Volk.“ 17 Max Weber beschreibt den Begriff Nation damit, dass „gewissen Menschengruppen ein spezifisches Solidaritätsempfinden anderen gegenüber zuzumuten sei.“ 18
12 Vgl. ebd. S. 18-19.
13 Dressler, M.: Die Alevitische Religion - Traditionslinien und Neubestimmungen, Würzburg
2002. S.191.
14 Mayer, T., a.a.O., S. 23.
15 Vgl. ebd. S. 23ff.
16 Vgl. Wehler, H.-U., a.a.O., S. 100.
17 Alter, P., a.a.O., S. 16.
18 Weber, M.: Schriften zur Sozialgeschichte und Politik, Stuttgart 1997. S. 183. Anm. d. Verf.
10
Die verständliche Erklärung von Peter Alter lässt sich aber weiter aufschlüsseln. Der Begriff Nation, wie er im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit zuweilen benutzt wurde, bezog sich auf landsmannschaftliche Vereinigungen von Studenten, Handwerkern, Kaufleuten, Adeligen oder dergleichen, die eine gewisse Region für sich beanspruchten. Erst der moderne Nationalismus rechtfertigte, dass eine Nation sich sinngemäß so nennen konnte. 19 Max Weber differenzierte allerdings und hatte zu dem Begriff „Nation“ anzumerken:
„‚Nation’ ist im üblichen Sprachgebrauch nicht identisch mit ‚Staatsvolk’,
d.h. der jeweiligen Zugehörigkeit einer politischen Gemeinde. […] Sie ist
20 ferner nicht identisch mit Sprachgemeinschaft, […]“
Die häufig auch bemühte These, nach der eine Nationalsprache einen Nationalstaat begründen kann, ist m.E. abwegig. Vielmehr der Umkehrschluss ist richtig: die in einem Kulturkreis und einer staatlichen Struktur verbundene Gesellschaft kreiert sich ihr Kommunikationsmedium, die Sprache. Diese ist zwar Identitätsmerkmal des Nationalstaates, nicht aber sein begründendes Element. 21
Es lassen sich vier Typen des Nationalismus 22 unterscheiden, wobei sich diese Arbeit auf den Reform-Nationalismus 23 stützt, da dieser als Basis für den Kemalismus in Frage kommt. Die anderen drei Typen sind: der integrale Nationalismus, 24 der auch gleichzeitig der Gegentyp zum Risorgimento-Nationalismus 25 Nationalismus. 26 ist und der integrierende
Verständlicherweise ist es nicht möglich, den Nationalismus eines Landes
19 Vgl. Wehler, H.-U., a.a.O., S. 36.
20 Weber, M., a.a.O., S. 183-188. Anm. d. Verf.
21 Vgl. Wehler, H.-U., a.a.O., S. 48-49.
22 Vgl. Wehler, H.-U., a.a.O., S. 51ff.
23 Peter Alter nennt diesen Reform-Nationalismus, während Hans-Ulrich Wehler den gleichen
Typ als Transfernationalismus beschreibt. Diese Arbeit übernimmt den Begriff „Reform-
Nationalismus“.
24 Auch als extremer, reaktionärer oder auch exzessiver Nationalismus bekannt. Vgl. Wehler,
H.-U., S. 52 u. Alter, P., a.a.O., S. 43.
25 Auch „unifizierender“ Einigungs-Nationalismus; vgl. Wehler, H.-U., a.a.O., S.52; o.
„liberaler“ Nationalismus; vgl. Alter, P., a.a.O., S. 33.
26 Wie er in England, Nord-Amerika oder Frankreich durch eine innerstaatliche Revolution in
seiner ersten Phase auf sich aufmerksam macht. Vgl. Wehler, H.-U., S. 52.
11
uneingeschränkt einem Typ zuzuordnen. Meistens tauchen Mischformen auf. 27
„Ähnlich wie beim Risorgimento-Nationalismus zielt der Reform-
28 Nationalismus auf eine Art staatliche Wiedergeburt.“
Der Staat besteht schon vorher, fühlt sich aber anderen Mächten unterlegen. Diese andere Form des Nationalismus begründete sich auf der Furcht vor fremden und zerstörenden Einflüssen. Seinen Vertretern, die als Träger eines Reformnationalismus, z.B. in der Türkei aus den bis dahin staatstragenden Reihen von Armee, Adel und höherer Bürokratie kamen, ging es in erster Linie um den Erhalt traditioneller Normen und bewährter Werte ihrer Gesellschaft. Sie glaubten, durch ihre eigene Form der Reformation des Nationalismus den Charakter von Staat und Gesellschaft zeitgemäß anpassen und so ihre kulturelle und nationale Unabhängigkeit bewahren zu können. Ihr Ziel war ein moderner Nationalstaat, ihre Vorbilder waren aus dem Westen herbeigeholte und auf sie adaptierte Wege, Ideologien und Werte. Nur sie, die Schalter und Walter ihres Landes konnten den reformierten Nationalismus durch eine Revolution von oben initiieren und gegen die zu erwartenden Widerstände durchsetzen. 29 So hat es Mustafa Kemal Atatürk getan. Er hatte durch Reformen ein veraltetes System in den Kemalismus gewandelt.
2.2. Kemalismus; der türkische Nationalismus
27 Vgl. Wehler, H.-U., a.a.O., S. 52.
28 Alter, P., a.a.O., S. 39.
29 Vgl. ebd. S. 39-43.
30 „Türkischer Nationalismus“, a.a.O., Anm. d. Verf.
12
Der Kemalismus griff diese Grundgedanken wieder auf und schuf mit ihnen die Basis für die moderne Republik. Wenn auch die volkstragende Religion in der Türkei der Islam war, hatte sich das Land nach seiner Staatsgründung als laizistischer Staat etabliert, 31 so dass Laizismus, als fester Bestandteil des Kemalismus zu sehen ist, der wie die fünf anderen Prinzipien des Kemalismus 32 , die 1937, nach der Abschaffung des Kalifates und nach der Republikgründung, in der Verfassung verankert wurden. 33 Um den Kemalismus richtig einordnen zu können, muss im Folgenden kurz näher auf seine sechs Grundprinzipien und die Bewegung der Jungtürken eingegangen werden.
2.2.1. Die Jungtürken
Schon Mitte des 19. Jahrhunderts entstand aufgrund von Missständen innerhalb der gehobenen Klasse und des Offizierkorps Kritik, die sich gegen das despotische Regime des Sultans wandte und Unzufriedenheit an der desolaten Lage des Reiches äußerte. Ein „Komitee für Einheit und Fortschritt“ wurde aus diesem Umfeld von Intellektuellen und Mitgliedern des Offizierkorps 1889 gegründet - ein Geheimbund aus denen, die eine bürgerliche Revolution anstrebten und radikalnationale Ansichten vertraten. Diese Bewegung der „Jungtürken“ sah im ausländischen Einfluss einen Hemmschuh für das eigene daniederliegende Land und forderte u.a. eine staatliche Förderung der eigenen Industrie. Sie traten für die folgenden drei Ziele ein:
1. Sturz des Sultans (Abdülhammit II);
31 Die Türkei ist nach Artikel 2 ihrer Verfassung ein sozialer Rechtsstaat und eine laizistische
(d.h. Staat und Religion sind vollkommen getrennt), Demokratie und Republik. Vgl. Spuler-
Stegemann, U.: Die Türkei in Ende, W./Steinbach, U. (Hg.): Der Islam in der Gegenwart. 4.,
neu bearbeitete und erweiterte Auflage. München 1996. S.235-238.
32 Nationalismus (milliyetçilik / ulusçuluk), Laizismus (laiklik), Republikanismus
(cumhuriyetçilik), Etatismus (devletçilik), Revolutionismus (inkılapçılık), Populismus
(halkçılık).
33 Vgl. Adanir, F.: Geschichte der Republik Türkei, Mannheim 1995. S. 39 ff. u. Cengiz, C.:
Die Entwicklung des kurdischen Nationalismus in der Türkei von den Anfängen bis 1945.
Dissertation Oldenburg, 1997. S. 50-51.
13
2. die Wiedereinsetzung der Verfassung von 1876; 34 und
3. Die Nichtberücksichtigung der Arbeiter und Nichtanerkennung des nichttürkischen Unabhängigkeitskampfes der Araber, Griechen, Armenier und Kurden, die zudem lautstark als Vaterlandsverräter gebrandmarkt wurden. 35
1908 kam es in Saloniki zu einem Militäraufstand mit der Hauptmotivation, den Zerfall des Reiches zu stoppen. In dessen Verlauf wurde 1909 der Sultan gestürzt und das Komitee für Einheit und Fortschritt übernahm die Macht mit Mehmet V. Resat als neuem Sultan. 36
Da die Hauptnutznießer der jungtürkischen Revolution die bestehende Bourgeoisie war, kam es zu keinen tief greifenden gesellschaftlichen Umwälzungen.
Das Regierungsprogramm der Jungtürken kann in zwei Hauptpunkten zusammengefasst werden:
1. Reine Zentralisierung, die der türkischen Volksmehrheit die Alleinherrschaft zuerkannte. Die Repressionspolitik des vorher amtierenden Sultans wurde also fortgesetzt, obwohl gerade dessen Führungsstil den Unmut der Jungtürken geweckt hatte.
2. Der Islam als spirituelle Grundlage des Osmanischen Reiches. 37 Auch die Jungtürken allerdings konnten den Zerfall des Reiches nicht aufhalten, sie verloren im Balkan riesige Gebiete. Als Reaktion wurde der Turanismus zur Staatsdoktrin erhoben. Streitigkeiten u.ä. waren schließlich auch der Grund, dass sich sehr schnell eine Opposition bildete, die wiederum eine Konfrontation mit den Jungtürken anstrebte. Nach Unstimmigkeiten riss das Komitee für Einheit und Fortschritt im Januar 1913 die Macht an sich.
34 Die Verfassung, die allen Menschen im Osmanische Reich die gleiche bürgerliche Freiheit
und Gleichheit vor dem Gesetz garantierten und ein Parlament vorsah, das Koalitionsfreiheit
und Freiheit der Presse und des Unterrichts sicherte.
35 Vgl. Bozay, K./Aslan, F.: Graue Wölfe heulen wieder - Türkische Faschisten und ihre
Vernetzung in der BRD, 1997. S. 20.
36 Vgl. Steinbach, Udo: Die Türkei im 20. Jahrhundert, Bergisch Gladbach 1996. S. 45-49.
37 Vgl. Bozay, K./Aslan, F., S. 21.
14
Die Revolution der Jungtürken 1908/09 „beendete zwar das autokratische Regime des Sultans, aber erst der Kemalismus mit seinem politischen und kulturellen Reformprogramm legte die Grundlagen für den türkischen Nationalstaat europäischer Prägung.“ 38
2.2.2. Die sechs Grundprinzipien des Kemalismus
38 Alter, P., o.o.A., S. 42.
39 Vgl. Şahinler, M., Dr.: Kemalismus - Ursprung, Wirkung und Aktualität; aus dem
Türkischen von Sabine Adatepe, Hückelhoven, 1997. S. 79-82.
40 Vgl. ebd. S. 89.
15
Das Prinzip des Revolutionismus beschreibt, dass alle zur Modernisierung notwendigen Maßnahmen sofort und in vollem Umfang, mit dem Ziel der Entwicklung einer modernen türkischen Gesellschaft, vollzogen werden sollen. Dieser wird in der Literatur auch gerne „Reformismus“ 43 oder als Motor der „Modernisierungsbestrebungen“ 44 beschrieben. Als ein besonderes Prinzip gilt der Populismus, da er durch den Kemalismus über die anderen Prinzipien gehoben wird. Populismus war die Idee einer großen Nationalversammlung, die alle wirtschaftlichen und sozialen Interessen vertritt. Durch die integrierte Forderung nach Ausbildung, Erziehung und Aussöhnung des gesamten Volkes, war sicher, dass keine Unterschiede zwischen Arbeitern/Bauern und der Elite mehr bestand. Diese Unterschiede waren insbesondere im Osmanischen Reich prägnant. Die Führung des Reiches war die Elite, die Mitglieder aus der Normalbevölkerung in ihren Reihen nicht zuließ. Die Klassenseparation war etwas, was es in der neuen türkischen Nation nicht mehr geben sollte. Durch den Populismus wurde auch das Bildungswesen stark gefördert. Somit musste jeder Normalbürger Lesen und Schreiben lernen, und zwar nach dem lateinischen Alphabet. Das Prinzip des Populismus stellte sich als sehr idealistisch heraus. Im Laufe der Jahre bauten die alten Eliten immer mehr Widerstände auf, die es zu überwinden galt. Dabei gilt zu bedenken, dass die türkische Revolution von der Elite des Landes durchgeführt worden war, und nicht vom Volk, obgleich dieses hinter der kemalistischen Elite stand. 45 Die Idee der Volkssouveränität blieb trotz aller Widerstände ein zentraler Bestandteil des
41 Dazu mehr im Punkt 2.4. dieser Arbeit.
42 Vgl. Dreßler, M., Die civil religion der Türkei, Kemalistische und alevitische Atatürk-
Rezeption im Vergleich, Würzburg 1999. S. 59-60.
43 Vgl. ebd. S. 60.
44 Ebd.
45 Vgl. Şahinler, M., Dr.: a.a.O., S. 67-73.
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Dennis Merklinghaus, 2006, Das Verhältnis von türkischem Nationalismus und Islam - Die Geschichte einer langen und nicht immer einfachen Beziehung, München, GRIN Verlag GmbH
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