Gliederung
I. Einleitung 1
A. Sokrates’ Gespräch mit Kephalos - „Wahrhaftigkeit und Wiedergeben,
was man empfangen hat“ 2
B. Polemarchos’ Gerechtigkeitsdefinition - „Freunden nützen Feinden
schaden “ 5
C. Gewaltsames Auftreten des Tyrannen Trasymachos Gerechtigkeit als
„Vorteil des Stärkeren“ 8
III. Zusammenfassung der drei Positionen 11
IV. Literaturverzeichnis 13
Einleitung
In meiner Hausarbeit beschäftige ich mich näher mit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der Gerechtigkeitsverständnisse von Kephalos, Polemarchos und Trasymachos in Platons Politeia I (327a - 344c).
Platons Ziel ist es, die wahre Gerechtigkeit zu finden. In dieser Hinsicht ist Sokrates DAS Vorbild für Platon. Das platonische Werk ist deshalb die Wiedergabe sokratischer Dialoge. Im ersten Buch von Platons Politeia findet man drei Gespräche von Sokrates, die die Suche nach der Tugend erschließen sollen. Die drei Gespräche mit Kephalos, Polemarchos und Trasymachos sind das Kernstück des platonischen Frühwerkes. Die drei Gesprächspartner des Sokrates vertreten alle verschiedene Ansichten über die wahre Gerechtigkeit. Im folgenden möchte ich genauer die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der drei Positionen erschließen und sie in einen klaren Zusammenhang bringen. Denn obwohl alle drei Gesprächspartner auf den ersten Blick völlig verschiedene Definitionen von Gerechtigkeit haben, stehen sie trotzdem in enger Verbindung miteinander und gehen teilweise auf gemeinsame Wurzeln zurück. Zunächst möchte ich jeden Dialog für sich analysieren und dabei auf Parallelen der Meinungen der Gesprächspartner eingehen. Am Schluß soll eine Zusammenfassung die drei Positionen noch einmal direkt gegenüberstellen und vergleichen.
1
Sokrates’ Gespräch mit Kephalos - „Wahrhaftigkeit und Wiedergeben, was man empfangen hat“
Zu Beginn des ersten Buches läßt sich Sokrates, der mit Glaukon, dem Sohn des Aristons, auf dem Heimweg vom Fest der Göttin Bendis ist, von Polemarchos überreden, ins Haus seines Vaters
Kephalos zu kommen. Sie wollten sich eigentlich dort den
abendlichen Fackelzug zu Ehren der Göttin ansehen. Doch es beginnt ein Gespräch über die Gerechtigkeit, zunächst zwischen Sokrates und dem alten Kaufmann Kephalos, welches Sokrates mit der Frage beginnt, ob er „[...] das Greisenalter für eine Bürde des Lebens [...]“ 1 halte.
Im Gegensatz zu vielen alten Menschen ist Kephalos der Meinung, dass das Alter keine Bürde sei und der Verlust von Jugend, die schlechte Behandlung durch Verwandte und die Unfähigkeit zum Geschlechtsverkehr mit einer Frau nicht unbedingt ein schlechtes Leben bedeute. Im Gegenteil, man ist befreit davon und hat seinen Frieden. „Aber an alledem, auch an der üblen Behandlung durch die Verwandten, ist nur eines schuld - nicht das Greisenalter, Sokrates, sondern der Charakter des Menschen;“ 2 Barbara Zehnpfennig sagt dazu: „Die Altersgenossen machen eine materielle Ursache, ihr Älterwerden, für ihr unbefriedigendes Leben verantwortlich. Kephalos hingegen glaubt, eine geistige Ursache, seine richtige Einstellung, bestimme sein Leben und mache es gut.“ 3 Also sei es nur wichtig eine maßvolle und gute Gesinnung zu haben, dann ist es egal ob man jung oder alt ist, das Leben ist erträglich und keine Bürde für den Menschen.
Um das Gespräch nicht abrupt enden zu lassen fragt Sokrates nach, ob denn nicht der Reichtum der Grund sei warum das Alter erträglich sei, nicht der Charakter. Für Kephalos ist die Antwort klar: „[W]ie selbst der vernünftige Mensch in Armut das Alter nicht ohne Beschwer trägt, so kommt der unvernünftige selbst bei reichem Besitz nicht zu einem Frieden mit sich.“ 4 Das
1 Platon, Der Staat, Hrsg. Vretska, K., Stuttgart, Philipp Reclam - Verlag, 2000, S. 85
2 Platon, Der Staat, S.85
3 Zehnpfennig, B., Platon zur Einführung, Hamburg, 2001 (2. überarbeitete Auflage), S. 30
4 Platon, Der Staat, S.86
2
bedeutet also, dass seiner Meinung nach ohne die richtige Einstellung der Reichtum nichts nütze, aber auch umgekehrt der Reichtum nichts ohne die richtige Gesinnung. Der Besitz von Geld ist demnach nur für einen ehrlich und ordentlichen Menschen von Bedeutung. Er strebt maßvollen Reichtum an, um davon verschont zu werden Unrecht zu tun und niemanden etwas schuldig zu bleiben. „Denn wenn man niemanden auch nur unabsichtlich betrogen oder belogen hat, wenn man nicht Gott ein Opfer noch Menschen Geld schuldet und daher ohne Furcht hinübergehen kann, dann hat ein reichlich Verdienst daran der Besitz an Vermögen.“ 5 In diesem Zusammenhang zwischen Reichtum und guter Gesinnung steckt meiner Meinung nach eine ungeheure Spannung. Denn um ein guter Mensch zu sein wird von Kephalos immer an die Bedingung geknüpft selbst Besitz zu haben. Barbara Zehnpfennig schreibt in ihrem Buch über die Politeia folgendes: „Recht-Tun oder Gerechtigkeit wird zur Funktion des Besitzes, das heißt, der Arme hat gar keine Chance, gerecht und damit gut zu leben. Gerade wenn man sich vergegenwärtigt, dass Kephalos diese Ansicht dem besitzlosen Philosophen Sokrates gegenüber vertritt, der wie kein anderer nach Gerechtigkeit strebt, wird die Brisanz dieser Aussage deutlich.“ 6 Kephalos beansprucht für sich gerecht zu sein, denn er hat ja Geld, ist reich und kann somit alle seine Schulden begleichen. Auch den Besitz des Vater hat er nicht verprasst, so dass er sich als anständigen Menschen bezeichnen kann, der niemanden mehr etwas schulden braucht und so unbesorgt sterben kann. Er kann als reicher Kaufmann beruhigt sein, er hat seinen Seelenfrieden.
Wie Sokrates im folgenden richtig erkennt, definiert Kephalos also Gerechtigkeit als „Wahrheit und Rückerstattung des Empfangenen“ 7 , also anderen zurückzugeben, was man ihnen schuldig ist. Gerechtigkeit als Instrument zum Seelenfrieden muss seiner Anschauung nach gepaart werden mit einer guten Gesinnung und mit Reichtum. Es ist offensichtlich, „dass Gerechtigkeit für ihn nichts anderes ist als die richtige Art, sein Leben zu führen.“ 8 Um die Definition von Kephalos zu widerlegen erzählt Sokrates das
5 Platon, Der Staat, S. 87/88
6 Zehnpfennig, B., S. 30/31
7 Platon, Der Staat, S, 88
8 Zehnpfennig, B., S. 32
3
Arbeit zitieren:
Julia Stamm, 2003, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei Gerechtigkeitsverständnisse von Kephalos, Polemarchos und Trasymachos in Platons' Politeia I (327a / 344c), München, GRIN Verlag GmbH
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