Inhalt
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1. Einführung 1
2. Vorstellung der beiden Streichquintette 1
3. Warum komponierte Mozart diese Streichquintette? 2
3.1. Eine neue Kammermusikgattung ohne Joseph Haydn 3
3.2. Spekulation oder Ideal 4
4. Das Andante von KV 515 Ein einzig großes Duett,
vergleichbar mit einer Opernszene 4
5. Der Schritt vom Quartett- zum Quintettsatz 6
6. Das Prinzip des konzertierenden Wettstreits 10
7. Die äußere Dimension 11
8. Finalsatz, Ein gemeinsames Substrat 15
9. Ökonomie im Kleinen 18
10. Resümee 20
11. Das Streichquintett in g-Moll KV 516 21
12. Literaturverzeichnis
12.1. Primärliteratur 23
12.2. Sekundärliteratur 23
2
1. Einführung
Mozart kehrte nach einem Aufenthalt in Prag zurück, wo er Zeuge der großen Beliebtheit seiner Oper Le nozze di Figaro war, die Uraufführung seiner seither bekannten „Prager“ Sinfonie KV 504 selbst dirigierte, sowie ein weiterer Kompositionsauftrag für eine Oper herhielt. Allem Anschein nach brachten diese Umstände Mozarts Schaffenskraft einen gewaltigen Impuls. Die Vielschichtigkeit seiner Werke, welche er nach seiner Heimkehr Mitte Februar 1787 bis zur Komposition der neuen Oper Don Giovanni Ende August vollendete, ist erstaunlich. In dieser Schaffenszeit Mozarts „gehobener Stimmung“, beginnend mit KV 511, einem a-Moll Rondo für Klavier bis zur Sonate für Klavier und Violine KV 526, schrieb Mozart neben Eine kleine Nachtmusik für Streichorchester KV 525 auch das Streichquintett in C-Dur KV 515 und wenig später das Streichquintett in g-Moll KV 516. 1
2. Vorstellung der beiden Streichquintette:
Das Quintett C-Dur KV 515 wurde am 19. April und das g-Moll-Quintett KV516 wenig später am 16. Mai 1787, also im „Don Giovanni-Jahr“, laut seinem eigenhändigen Werkverzeichnis niedergeschrieben. Mozart hatte die Werke zunächst in Abschrift mit dem Quintett in c-Moll (KV406/516b), dem Klarinettenquintett, in der Wiener Zeitung vom 2., 5., und 9. April 1788 zur Vorbestellung angekündigt, wobei ihm sein Freund Johann Michael Puchberg zur Hand ging. Am 25. Juni verlängerte er den Subskriptionstermin noch bis zum 1.Januar 1789, da die Ankündigung offenbar nicht den erhofften Erfolg gehabt hatte 2 . Die Ankündigung lautete:
„Musikalische Nachricht. Drei neue Quintette a 2Violini, 2Viola e Violoncello, welche ich, schön und korrekt geschrieben, auf Subskription anbiete.
1 s. Flothuis, Marius: W. A. Mozart: Das Streichquintett g-Moll KV 516, München 1987, S. 15f.
2 s. Schmid, Ernst Fritz: W. A. Mozart: Quintett in C, KV 515, Vorwort aus Bärenreiter-Taschenpartitur,
Kassel 1979, S. 3f.
3
Subskriptions-Billtes sind täglich bei Herrn Puchberg in der Sallingischen Niederlagshandlung am hohen Markte zu haben, allwo vom 1.Julius an auch das Werk selbst zu haben sein wird. Ausländische Liebhaber ersuche ich ihre Bestellung zu frankieren.
Wien, den 1.April 1788. Kapellmeister Mozart in wirkl. Diensten Sr. Majestät.“ 3
Auffallend an dieser Anzeige ist, dass sich Mozart als Kapellmeister bezeichnet, obwohl er von Kaiser Joseph II. am 7. Dezember 1787 zum „Kammer-Musicus“ ernannt worden war. Außerdem wendet sich Mozart, so als hätte er schlechte Verkaufschancen vermutet, in dieser Anzeige ausdrücklich an alle „Liebhaber“, um den Käuferkreis um die „Kenner“ zu vergrößern. 4
Trotz des Misserfolgs von Mozarts Bemühungen entschloss sich Artaria sie in den Druck aufzunehmen und begann 1789 mit dem Quintett in C-Dur KV515. 5
3. Warum komponierte Mozart diese Streichquintette?
Es stellt sich die Frage, warum Mozart nach vierzehnjähriger Abstinenz bezüglich des Streichquintetts, sich diesem wieder zuwendet und das Streichquintett KV 515 in C-Dur und nur wenig später KV 516 in g-Moll vollendet. Die Zweckbestimmung oder der Anlass für die Komposition der beiden Streichquintette sind völlig unbekannt. 6 Mozarts Schaffensweise in den Wiener Jahren zeigt jedoch, dass es ihm bei Werken ohne Kompositionsauftrag relativ oft um eine selbstbestimmte kompositorische Auseinandersetzung mit Modellen und Mustern ging. Also ein Aufgreifen und Überarbeiten von konventionellen und traditionellen Formen und Techniken, welches in seiner Art sehr unterschiedlich sein kann. 7
Es gibt viele Thesen und Theorien um die Entstehung der Streichquintette. Mozart widmete sich den Streichquintetten nach Beendigung des letzten der sechs für Haydn bestimmten Streichquartette, dem „Dissonanzen“-Quartett in C-Dur KV 465
3 s. Köchel-Einstein, 3.Aufl., Leipzig 1937, S. 652.
4 s. Flothuis, Marius: W.A.Mozart: Streichquintett g-Moll KV 516, München 1987, S. 17f.
5 s. Ebda., S. 18.
6 s. Blume, Friedrich: Artikel „Mozart“, in: MGG 9, 1961, Spalte 771.
7 Vgl. Finscher, Ludwig: Bemerkungen zu den späten Streichquintetten, S.155.
4
sagen, dass Mozart von der Seite der Streichquartette zum Streichquintett kam. 8 Die Streichquintette des Jahres 1787, KV 515 und KV 516 profitieren von Mozarts Arbeit an den „Haydn“-Quartetten 1782-1785. Seine stilistischen und technischen Erfahrungen an den Streichquartetten lässt Mozart in die neue Gattung der Streichquintette einfließen. 9
3.1. Eine „neue“ Kammermusikgattung ohne Joseph Haydn
Eine weitere These für das Wiederaufgreifen des Streichquintetts könnte Mozarts nicht ganz unbefangenes Komponieren in der Gattung der Streichquartette sein. Betrachtet man Mozarts untypisches Komponieren in der Entstehungszeit seiner sechs „Haydn“-Quartette, so zeigt sich eine für Mozart lange Entstehungszeit von über 2 Jahren mit ungewöhnlich vielen autographen Korrekturen und einer unsystematischen, an mehreren Werken gleichzeitigen Schaffensweise. 10 Diese Beobachtungen, sowie ein stetiges Komponieren unter den Augen seines „väterlichen“ Freundes Joseph Haydn, lassen den Verdacht aufkommen, dass Mozart in der Gattung der Streichquartette nicht unbefangen komponierte. Desweiteren kann man die beiden letzten Streichquintette, das Quintett in D-Dur KV 593 und das Quintett in Es-Dur KV 614, die den „Preußischen“ Quartetten im Dezember 1790 und April 1791 folgten, durchaus als Fortsetzung der vorangegangenen und auch gleichzeitig letzten Quartettserie verstehen. In einem Brief an seinen Freund Puchberg über die „Preußischen“ Quartette wird betont, dass das Arbeiten für Mozart mühsam war, was bekanntlich ebenso für die „Haydn“-Quartette zutrifft. So könnte man die, ebenfalls wie das Streichquintett KV 515 und das 14 Jahre zuvor entstandene KV 174 experimentell angelegten Streichquintette KV 593 und KV 614, als dritten und auch letzten Versuch
8 vgl. Blume, Friedrich: Artikel „Mozart“, MGG 9, 1961, Spalte 771f.
9 vgl. Wolff, Christoph: Gattungsmerkmale und Satzarten in Mozarts Streichquintetten, S. 13.
10 vgl. Seiffert, Wolf-Dieter: Vom Streichquartett zum Streichquintett, S. 675f.
5
Kammermusikgattung ohne Haydn und ohne Vorgaben zu entwickeln. 11
3.2. Spekulation oder Ideal
Die Gründe für die Zuwendung zum Streichquintett könnten aber auch ganz anderer Art sein. Vielleicht spekulierte Mozart auf eine neue finanzielle Quelle, auf die des Hofkomponisten von Haus aus am Berliner Hof, wie ihn 1786 der berühmteste Quintettkomponist Luigi Boccherini aufgrund seiner Komposition für Friedrich Wilhelm II. erhielt. Dieser war jedoch schon über mehrere Kompositionsaufträge mit dem Thronfolger liiert. 12 Betrachtet man den Profit Mozarts Streichquintette aus den vorausgegangenen Streichquartetten, so stellt sich jedoch eine tiefere Bedeutung von Mozarts Schaffensweise heraus. 13 Mozart greift seine charakteristischen Erfahrungen, wie die Klammerung mindestens dreier Stimmen in Oktav- plus Terzparallelen, die liegende Klangachse und der dialogisierende Registerwechsel aus den Streichquartetten auf und verarbeitet diese bei seinem wiederholten Streben „vom Streichqartett zum Streichquintett“. Eventuell fand Mozart im Streichquintett sein Klang- und Satzideal. Mozart konnte nun im fünfstimmigen Streichersatz mit der Paarigkeit der Violinen und Violen sein Klang- und Satzideal verwirklichen. 14 Seinen erhöhten Anspruch an Ökonomie und Komplexität 15 des Streichersatzes möchte ich nun anhand des Andante von KV 515 näher verdeutlichen.
4. Das Andante von KV 515; Ein einzig großes Duett, vergleichbar mit einer Opernszene
Wie bereits erwähnt, setzte sich Mozart in Werken ohne Kompositionsauftrag häufig mit Modellen und Mustern auseinander. Im Streichquintett KV 515 zeigt sich eine klare selbstkritische Auseinandersetzung mit dem Streichquartett, indem
11 vgl. Finscher, Ludwig: Bemerkungen zu den späten Streichquintetten, S. 156.
12 s. Schwindt-Gross, Nicole: Drama und Diskurs, 1986, S. 188.
13 vgl. ebda.
14 vgl. Seiffert, Wolf-Dieter: Vom Streichquartett zum Streichquintett, S. 671ff .
15 vgl. Schick, Hartmut: Mozarts Streichquintett C-Dur KV 515, S. 70.
6
er sich konkret auf ein Haydnsches Modellwerk, op.33 Nr.3 „Vogelquartett“ oder ein eigenes Modell, das „Dissonanzenquartett“ KV 465 in der gleichen Tonart bezieht. 16 Im Andante von KV 515 setzt sich Mozart mit dem Andante cantabile aus seinem eigenem Quartettschaffen KV 465 auseinander. Vergleichen wir die beiden langsamen Sätze, so erkennt man zunächst keine motivischen Ähnlichkeiten jedoch auffallende Übereinstimmungen in Tempo, Tonart, Struktur der Melodiebildung sowie Entsprechungen in Dynamik und Kadenzen. Beide Themen verfügen über eine Struktur, bei der die Ober- und Unterstimmen im Takt 2 auf Zählzeit 1 in einen verminderten Vorhaltsakkord einschwingen. Nach dessen Auflösung bilden jeweils 2 Stimmen eine Art Brückenfunktion und führen den Satz über eine Aufwärtsbewegung in Takt 3 zu einem fast notengetreuen Ganzschluss im 4.Takt, vergleichend Violine 1 von KV 515 und 2.Violine von KV 465. Vergleicht man den Beginn des Seitensatzes Takt 26ff von KV 465 mit dem Hauptthema des Quintettsatzes, so entsprechen sich die 1. Bratsche aus dem Quintett Takt 1 und 2 und die Bratsche des Quartetts Takt 27f fast notengetreu. 17 Mozart verarbeitet dieses Thema mit einer kleinen Abweichung von KV 465 in den Quintettsatz ein. In Takt 2 von KV 515 lässt Mozart die Floskel, einem Seufzer ähnlich, vergleichend mit KV 465 in Takt 28 einen Ganzton tiefer erklingen. Doch gerade diese Veränderung ist wiederum ein Synonym für Mozarts Streichquintettschaffen. Mit dieser Abweichung erreicht Mozart eine Steigerung gegenüber dem Quartettthema. Es entsteht eine spannungsreichere Atmosphäre, eine gesteigerte Form des Gestus, die durch den im Takt 2 auf die Zählzeit 1 gleichzeitig erklingenden verminderten Akkord verstärkt wird. Schließt man nun den Kreis der bisherigen Beobachtungen, so zeigt sich, dass Mozart die beiden Themen des Andante cantabile von KV 465 übernimmt, sie überformt und miteinander kombiniert. Ihm gelingt im übertragenen Sinne ein Hattrick. Schon in den ersten 12 Takten kombiniert Mozart das verarbeitete Seitenthema mit der Struktur des Hauptthemas von KV 465 und überformt sie zugleich, was wir im folgenden Abschnitt erkennen werden, mit dem Prozess von der Vier- zur Fünfstimmigkeit. 18 Weitere Identitäten oder Ähnlichkeiten lassen sich noch in Takt 9 bis 11 im
16 s. Schick, Hartmut: Mozarts Streichquintett C-Dur KV 515, S. 97.
17 s. Ebda., S. 86.
18 vgl. Ebda.
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Arbeit zitieren:
Heiko Klaiber, 2003, Mozart: Die Streichquintette KV 515 C-Dur und KV 516 g-Moll, München, GRIN Verlag GmbH
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