INHALTSVERZEICHNIS
0. Einleitung 1
1. Die Ehre in der mittelalterlich - spanischen Gesellschaft 2
2. Der Ehrbegriff im Kontext des Herr - Vasall Verhältnisses 4
3. El Poema de Mio Cid 6
4. Formen der Ehre im Poema de Mio Cid 7
5. Erster Cantar - El cantar del destierro 9
6. Zweiter Cantar - El cantar de las bodas 12
7. Dritter Cantar - El cantar de la afrenta de Corpes 16
8. Diskussion 21
9. Literatur 23
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1. Einleitung
Das altspanische Heldenepos Poema de Mio Cid löst bis zum heutigen Tage immer noch Diskussionen über die mögliche ihm innewohnende Historizität- und im Gegenzug dazu auch über die ebenso mögliche Anti-Historizität bzw. Fiktionalität- aus. Dieser wissenschaftliche Streit über den historischen Charakter des Poema de Mio Cid (PMC) innerhalb der romanistischen Forschung hat dazu geführt, dass die Betrachtung des Werkes als literarisches Kunstwerk zwar nicht vernachlässigt, jedoch in einem weitaus geringeren Maße berücksichtigt wurde. In der Literatur werden zahlreiche Orte, Personen, Namen etc., die im PMC Erwähnung finden, auf ihre historische Belegbarkeit überprüft. Insbesondere der spanische Historiker und Philologe Ramón Menéndez Pidal hat mit seinem Werk La España del Cid der Historizität des PMC besondere Beachtung geschenkt. Diese Arbeit setzt es sich somit zum Ziel, das anonyme Heldenepos auf einen bestimmten Aspekt seiner literarischen Vorzüge zu untersuchen. Das Werk hat diesbezüglich ein interessantes Themenspektrum aufzuweisen. So stehen zum Beispiel die verlorene und schließlich wiederhergestellte Ehre des Protagonisten, das Zusammenleben der unterschiedlichen Religionen- Christen, Mauren und Juden- und auch die sozialen und politischen Strukturen innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft auf der iberischen Halbinsel zur Debatte. Natürlich kann diese Arbeit nicht allen Themen des PMC gerecht werden, weshalb es sich auf ein Thema zu begrenzen gilt.
Konflikte mit der Ehre und anderen höheren Gütern (z.B. Liebe) sind zu allen Zeiten Themen der epischen und dramatischen Dichtung gewesen. Nicht nur
3
Deyermond stellt fest, dass dieses Thema auch im Poema de Mio Cid eine bedeutende Rolle spielt:
El tema central del Cantar es la honra del Cid; más precisamente, la pérdida de su honra y su recobro (...). De este tema fundamental de la honra dependen dos temas secundarios pero muy importantes: el de los matrimonios, y el de la relación entre vasallo y señor. 1 Die vorliegende Arbeit setzt es sich zum Ziel, das Motiv der Ehre anhand des PMC zu analysieren und zu diskutieren. Dazu bedarf es einiger einleitender Worte bezüglich des historischen Kontextes. Die Bedeutung der Ehre bzw. des Ehrbegriffs während des Mittelalters soll, bevor mit einer eingängigen Analyse des PMC begonnen werden kann, zunächst geklärt werden. Vor diesem Hintergrund kann sich dann dem Ehrmotiv und der Analyse dessen innerhalb des Poema de Mio Cid gewidmet werden.
2. Die Ehre in der mittelalterlich - spanischen Gesellschaft
Zur Realisierung der angestrebten Untersuchung bedarf es einer historischen Einordnung des Ehrbegriffes und der Ehrtradition. An dieser Stelle soll daher geklärt werden, welche Bedeutung Ehre innerhalb der mittelalterlich - spanischen Gesellschaft hatte. Gleichzeitig soll festgestellt werden, welchen Einfluss Ehre auf das Leben der Kastilier haben konnte.
Laut Alfonso de Toro ist der Begriff der Ehre in Spanien bereits seit dem 10. Jahrhundert anhand der Fueros, der Crónicas und der Partidas 2 sowie der Literatur belegbar. 3 Da de Toro unter anderem die Literatur als Quelle für das Vorhandensein von Ehre im Spanien des Mittelalters nennt, kann theoretisch auch das Poema de Mio Cid als Quelle über das mittelalterliche Ehrverständnis betrachtet werden. Nichtsdestotrotz soll an dieser Stelle ein Ehrbild
1 Deyermond, Alan: El „Cantar de Mío Cid“ y la epica medieval española, Barcelona 1987, S.
26f (im Folgenden: Deyermond).
2 Bei den Fueros und den (Siete) Partidas handelt es sich um normative bzw. juristische Schriftstücke. Durch diese wurde, besipielsweise im Königreich Kastilien (während des Mittelalters), eine im ganzen Königreich geltende Gesetzgebung verschriftlicht. Die Crónicas sind chronologische Zusammenfassungen von historische Ereignissen.
3 vgl. de Toro: Von den Ähnlichkeiten und Differenzen, Ehre und Drama des 16. und 17. Jahrhunderts in Italien und Spanien, Frankfurt am Main 1993.S. 74 (im Folgenden: de Toro).
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herausgearbeitet werden, dass, zunächst unabhängig vom PMC, auf die Tradition und das Verständnis von Ehre zu jener Zeit eingeht.
Die Ehre spielte im Leben der Spanier im Allgemeinen eine sehr gewichtige Rolle: Die Ehre genoß schon damals, insbesondere aber ab dem 14. Jahrhundert, eine zunehmende Sonderstellung im Leben der Spanier, speziell der Kastilier, die vom Ehrgefühl, vom Drang nach Ruhm und von der Sorge um den Ehrenschutz stark geprägt sein soll. 4
Insbesondere im Leben der Ritter bzw. der Vasallen spielte sie eine herausragende Rolle. Der zumeist über Besitz verfügende Vasall hatte die Möglichkeit, durch den Kampf gegen die Feinde seines Herrn (insbesondere die Mauren) Ehre zu erlangen. Hinzu kam, dass der Vasall, aufgrund seines Verhältnisses zum König, besondere Privilegien genoss. Auf dieses spezielle Verhältnis zwischen König und Vasall wird im Folgenden jedoch noch näher einzugehen sein. An dieser Stelle kann dennoch bereits gestgehalten werden, dass mit den Privilegien auch der Ehrschutz des Vasallen durch den König einherging. 5 In der Gesetzgebung- zu jener Zeit unter anderem das Fuero Juzgo- sind der Ehrbegriff und die damit verbundenen Bedingungen fest verankert. Daraus lässt sich der so genannte Ehrenkodex ableiten.
Der Ehrenkodex des spanischen Mittelalters stellt den Individuen einen Verhaltenskatalog („conducta“) zur Verfügung, nach dem sie sich richten können und der zugleich Anweisungen für die Methoden der Ehrenwiederherstellung enthält. Im Zusammenhang mit der Ehrenwiederherstellung wurde auf Elemente aus dem römischgermanischen Recht und aus dem eigenen Gewohnheitsrecht, wie etwa Prozeß, Geldbuße, Exil zurückgegriffen. 6
Das Zitat zeigt auf, dass jedes Individuum zwar ein Recht auf Ehre hatte, jedoch beschränkt sich dieses Recht in der Realität auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen. De Toro sagt dazu folgendes:
(…) obwohl in der Forschung immer wieder betont wird, dass Ehre ein Gut aller Spanier ohne Klassenunterschiede sei, sind die Besitzer von Ehre der Groß- und Kleinadel sowie die Ritter 7 .
Dem Begriff der Ehre werden durch die Gesetzgebung Bedeutungen wie Reichtum, Macht, Adel, Mut, Wert, Kraft, Heldenhaftigkeit, Prestige, Ansehen, guter Ruf und
4 ebd.: S. 74.
5 vgl. ebd.: S. 75.
6 ebd.: S. 79.
7 ebd.: S. 78.
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Ruhm zugeschrieben. 8 Derweil dem Ehrbegriff, der den Gesetzestexten entspringt, eher äußere Werte zugeordnet werden, lassen sich für den literarischen Ehrbegriff sowohl innere als auch äußere Zuordnungen finden. Denn, wie bereits erwähnt, der Ehrbegriff ist nicht nur auf die Gesetzgebung, sondern auch auf die Literatur zurückzuführen. Bei den literarischen äußeren Werten handelt es sich um Ansehen, Ruf, Mut, Treue, Besitz, edle Herkunft und Tugend. Die inneren Werte der Ehre lassen sich an der Großzügigkeit, der Wahrhaftigkeit, dem Sanftmut, der Nächstenliebe, der Weisheit und der Gerechtigkeit eines einzelnen Ritters messen. 9 Es ist abschließend und zusammenfassend festzuhalten, dass sich aus all diesen Gegebenheiten ein starkes kollektives Ehrbewußtsein als Christ und Spanier (entfaltet), auch dann, wenn nicht allen Mitgliedern der mittelalterlichen Gesellschaft Spaniens gesellschaftliche Ehre zugeschrieben wird. 10
3. Der Ehrbegriff im Kontext des Herr - Vasall - Verhältnisses
Wie in Kapitel 1 bereits festgestellt, ist der mittelalterliche Ehrbegriff insbesondere in der Beziehung Herr-Vasall anzusiedeln. Dieses Verhältnis spielt, wie Deyermond erwähnte, eine gewichtige Rolle im Poema de Mio Cid. Auf dieses Verhältnis zwischen Herr und Vasall soll an dieser Stelle nun näher eingegangen werden.
In der stark hierarchisch gegliederten spanischen Gesellschaft steht der besitzende Ritter (oder Vasall) im Mittelpunkt. Ein bedeutender Teil seines Besitzes ist zumeist ein Pferd und/oder ein Schwert. Diese beiden Elemente seines Vermögens befähigen den Vasall dazu, sich Ruhm und Ehre im Kriegsdienst für den Herrn zu erwerben. Der Herr gewährt seinem Vasallen Besitz, derweil der Vasall sich dadurch zu Kriegsdiensten verpflichtet. Durch diese Beziehung, die als ein gegenseitiges Treueverhältnis bezeichnet wird, entsteht die Verpflichtung zum Schutze der Ehre durch den König:
Der Ritter genießt Privilegien, wie etwa Ehrschutz (…) für sich und seine Angehörigen, ist nur dem König oder seinem Herren untergeordnet, und aufgrund seiner Verwaltungspflichten hat er juristisch-politische Funktionen bzw. Befugnisse. 11
8 vgl. ebd.: S. 78.
9 vgl. ebd.: S. 83.
10 ebd.: S. 82.
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Bei der Vasallität handelt es sich also um ein gegenseitiges Treuedienstverhältnis zwischen dem Vasall (auch Lehnsmann genannt) und seinem Herrn (aus Lehnsherr genannt). Ersterer verpflichtete sich, dem Unterhalt und Schutz gebenden Herrn, Dienst und Gehorsam zu leisten. Diese so genannte Treuepflicht galt für beide Seiten. Ein Treuebruch führte zum Entzug des Lehens. 12 Auch de Toro beschreibt das Herr - Vasall - Verhältnis in dieser Art:
Durch die Zuordnung des Ritters zum König/Herrn ergibt sich die besondere, in der Gesetzgebung, in Traktaten und in der Literatur immer wieder hervorgehobene und hochgepriesene Beziehung „Herr-Vasall“, die dem Ritterstand durch die Liebe des Königs und durch die von diesem erteilten Privilegien Ehre einbringt; eine Störung diese Verhältnisses bedeutet für den Ritter den Verlust der Privilegien und damit seiner Ehre. 13 Das von Menéndez Pidal als „Vertragsbeziehungen“ bezeichnete Verhältnis zwischen Herrn und Vasallen konnten auf Wunsch einer der beiden Seiten auf die willkürlichste Art und Weise aufgehoben werden. Der Herr konnte den Vasallen ohne irgendeinen Grund aus dem Lande verweisen. 14 Der Vasall konnte jedoch ebenfalls
seinen geleisteten Schwur willkürlich zurückziehen und aus den Diensten des Königs austreten. Wenn er einmal den Hof verlassen hat, so steht es ihm frei, den König zu bekriegen, wenn er auch nicht gegen die Person des Monarchen selbst kämpfen darf. 15 Im Poema de Mio Cid findet eine Störung des Vertragsverhältnisses, wie es Menéndez Pidal und de Toro beschreiben, zwischen Herrn und Vasall statt. Diese Störung, um bei der Begrifflichkeit zu bleiben, führt im PMC zur Verbannung und damit zur Entehrung des Vasallen. Mit de Toro wurde bereits erwähnt, dass das Exil ein probates Mittel sei, sich der Ungehorsamen zu entledigen bzw. freiwillig aus dem Dienst des Herrn zu scheiden. Gleichzeitig bezeichnet er das Exil aber auch als Mittel zur Wiederherstellung der Ehre. Es wird zu zeigen sein, dass der Protagonist im Poema de Mio Cid seine Verbannung zu nutzen weiß, um seine Ehre wiederherzustellen.
Abschließend sei noch einmal betont, dass die Herr-Vasall Beziehung von besonderer Bedeutung ist und das sich im Folgenden deutlich zeigen wird, ohne
11 ebd.: S. 75.
12 vgl. u.a. Der Brockhaus in fünf Bänden, Mannheim und Leipzig 1993, Bd.3, S. 350f.
13 de Toro: S. 75f.
14 vgl. Menéndez Pidal, Ramón: Das Spanien des Cid, Bd. 1 und 2, München 1936. S. 54 (im Folgenden: Menéndez Pidal).
15 ebd.: S. 54f.
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Quote paper:
Martina Janssen, 2005, Das Motiv der Ehre im Poema de Mio Cid, Munich, GRIN Publishing GmbH
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