Inhaltsverzeichnis:
1) Einleitung 1
2) Die Europäisierung in der osmanischen Geschichte 2
3) Die Gründung der türkischen Republik durch Mustafa Kemal Atatürk 6
4) Die Europäisierung in der republikanischen Geschichte 9
5) Resümee 15
6) Bibliographie S 17
1. Einleitung
Am 3. Oktober 2005 hat die EU Beitrittsverhandlungen mit der Türkei aufgenommen. Dem voraus ging eine heftige Auseinandersetzung um das Verhandlungspapier. Österreich hatte darauf bestanden, als Verhandlungsziel neben der Vollmitgliedschaft auch eine Alternative im Sinne einer "privilegierten Partnerschaft" in Aussicht zu stellen und hat auf diese Weise die gespaltene Situation innerhalb der EU Staaten bezüglich eines Türkeibeitritt ans öffentliche Licht gebracht.
Das diplomatische Ringen steht dabei beispielhaft für die Debatte, die in Deutschland und der EU rund um das Thema EU Beitritt der Türkei geführt wird. Skeptiker und Gegner lehnen den Beitritt unter anderem wegen kultureller, aber auch wirtschaftlicher Unterschiede ab. Sie befürchten, ein Türkeibeitritt könnte die EU finanziell zu stark belasten und die angeblichen kulturellen Differenzen eine politische Integration erschweren, da sie dem westlichen Wertesystem nicht entsprächen. Befürworter weisen dagegen darauf hin, die Türkei habe die Geschichte Europas maßgeblich mitgestaltet und könnte als demokratisch-laizistischer Staat Vorbild für die islamische Welt werden.
Neben wirtschaftlichen Argumenten und Einwänden bezüglich der Menschenrechtssituation in der Türkei, dreht sich im Zusammenhang mit der Debatte über die kulturellen Unterschiede ein wichtiger Streitpunkt um die Frage, ob die Türkei europäisch sei oder nicht. Diese Fragestellung soll im Folgenden nun ausführlicher erörtert werden: Dabei wird im ersten Teil zuerst die Entwicklung einer Europäisierung in der osmanischen Geschichte dargestellt, vornehmlich die Tanzimat Reformzeit und deren Auswirkungen auf die heutige Türkei.
Im zweiten Teil verschiebt sich das Augenmerk auf die Republikgründung der Türkei unter Mustafa Kemal Atatürk und die darauf folgenden Reformen und politischen Ereignisse bis in die heutige Zeit. Dabei soll besonders analysiert werden, inwieweit die westliche Ausrichtung des türkischen Staates sich als ein von oben gelenkter Prozess vollzog und wie sehr er sich heute noch auf die aktuellen Probleme der türkischen Gesellschaft bezüglich ihrer Identität auswirkt.
Die Ergebnisse sollen abschließend kurz in den Kontext der aktuellen Kontroversen zum EU Beitritt der Türkei eingeordnet und einer abschließenden Beurteilung unterzogen werden.
1
2. Die Europäisierung in der osmanischen Geschichte
Entgegen von Beitrittsgegnern häufig angeführten Argumenten, die Türkei sei weder geographisch noch historisch ein Teil Europas, lassen sich besonders in Bezug auf die historischen Entwicklungen des Osmanischen Reichs, gegenteilige Prozesse beobachten. So besaß das Osmanische Reich in seiner größten Ausdehnung im 16. Jahrhundert weite Gebiete von dem was wir heute Europa nennen und seine Grenzen reichten über die Balkanländer bis nach Ungarn. 1 Aus diesem Grund erwies sich schon damals das Verhältnis der osmanischen Sultane mit den europäischen Herrschern als ausschlaggebend für die weitere Entwicklung des Osmanenreichs: sah man „die wilden Türken“ im Habsburger Reich zunächst als eine Bedrohung der europäischen Christenheit, als Süleyman der Prächtige 1529 Wien belagerte 2 , so zeigte sich schnell, dass z. B. Venedig als weltweit anerkannte Handelsstadt die türkischen Sultane als Handelspartner für ihren Orienthandel benötigte. 3 Auch Frankreich regelte in Form von „Kapitulationen“ die diplomatischen Beziehungen der beiden Länder, und Suchte dadurch die Bruderschaft des Osmanischen Reiches, um sich besser gegen den gemeinsamen Feind Österreich- Ungarn schützen zu können. 4
Zwischen dem „griechisch- byzantinisch- orthodoxem und islamisch- türkischem Kulturkreis“ bestand lange Zeit eine „Symbiose“ 5 , da die Osmanische Herrschaft sich auf die Strukturen des byzantinischen Reichs stützte um seine eigene Machtposition zu stärken und sich im Gegenzug tolerant gegenüber dem griechischen Klerus und der griechisch- orthodoxen Bevölkerung verhielt, um sich dadurch deren Loyalität zu sichern. 6 All dies beweist einen beständigen Austausch zwischen christlichen und muslimischen Kulturkreis schon seit Beginn der Neuzeit und unterstützt die These, die Türkei habe die Geschichte Europas maßgeblich mitgestaltet. Denn heutige EU Länder, wie z. B. Griechenland oder zukünftige Mitgliedsländer wie Bulgarien und Rumänien sind teilweise noch in der jetzigen Zeit stark geprägt von ihrer Vergangenheit, in der sie einen Teil des Osmanischen Reiches bildeten: so finden sich besonders in den Balkanländern weite Bevölkerungsschichten, die dem muslimischen Glauben verbunden sind und in Bulgarien lebt heute eine türkische Minderheit die 10% der Gesamtbevölkerung ausmacht. 7
1 Vgl. Rill, Bernd: Die Türken zwischen Europa und Asien. Von der Schlacht von Malazgirt bis zum
Beitrittsgesuch zur Europäischen Gemeinschaft, in: Politische Studien, Jg. 50 Nr. 367 (1999), S. 57f.
2 Vgl. Steinbach, Udo: Geschichte Anatoliens und des Osmanischen Reiches, in: Türkei. Informationen zur
politischen Bildung, Nr. 277 (2002), S. 6.
3 Vgl. Rill, S. 58.
4 Vgl. Steinbach, S. 6f.
5 Rill, S. 59.
6 Vgl. Ebd. S. 61.
7 Vgl. Ebd.
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Die beständigen Verbindungen mit Europa erklären darüber hinaus auch das Einsetzen der Tanzimat- Reformzeit im Jahr 1839. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte das Osmanische Reich einen inneren Zerfallsprozess erfahren und war auf diese Weise immer mehr der europäischen Einflussnahme ausgesetzt, indem es zunehmend zum Spielball ihrer Machtpolitik wurde. Während nämlich Aufklärung und Säkularisation den europäischen Ländern einen wirtschaftlichen wie militärischen und administrativen Aufschwung verschafften, hatte das Osmanische Reich mit diversen Krisensituationen in diesen Bereichen zu kämpfen. 8 Die osmanischen Herrscher hatten es nämlich versäumt, das Militärwesen zu reformieren und mussten auf diese Weise neben einer zweiten Niederlage nach einer erneuten Belagerung Wiens, herbe Gebietsverluste auch in anderen Teilen Europas hinnehmen. 9 Aufgrund verschiedener Friedensverträge, welche die osmanischen Sultane nach ihren Niederlagen mit den Pentarchie- Mächten England, Frankreich, Österreich- Ungarn, Preußen und besonders Russland schließen mussten, konnten sich diese immer mehr in dessen politische Angelegenheiten einmischen und entzogen dem Osmanischen Reich somit seine unabhängige Machtstellung. 10 Um aber sowohl diese als auch die innenpolitisch stabile Lage wieder herzustellen, sahen sich die osmanischen Herrscher gezwungen, Reformen durchzuführen, die nicht zuletzt auch auf Druck der europäischen Staaten erfolgten. 11 1839 wurde ein Gesetz erlassen, welches das Verhältnis zwischen Herrscher und staatstragenden Schichten neu regelte und allen Untertanen Sicherheit von Leben, Besitz und Ehre versprach. Hiermit begann die Zeit der „Heilsamen Neuordnung“ (Tanzimat) die bis 1879 andauern sollte. In diesem Zeitraum wurden noch weitere Gesetze erlassen, wie z. B. ein Gesetz zur Gleichheit aller männlichen Untertanen vor dem Gesetz, welches die Gleichbehandlung nichtmuslimischer Gruppen verbessern sollte und die Einführung eines bürgerlichen Gesetzbuches, in dem die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz garantiert wurde. Mit diesen Reformen gedachte man nicht nur die nichtmuslimischen Untertanen stärker an die osmanische Regierung zu binden, angesichts steigender nationalistischer Tendenzen in den Balkanländern, sondern man hatte sich dazu entschlossen, „die Zivilisation u wechseln“ 12 , den anderen Staaten zu beweisen, wie sehr das Osmanische Reich Teil Europas sei. Den Höhepunkt dieser Reformen bildete die 1876 eingeführte Verfassung, welche die Gleichheit aller Untertanen nochmals verbindlich festlegte und somit den europäischen Großmächten
8 Vgl. Ebd. S. 63.
9 Vgl. Steinbach, S. 7.
10 Vgl. Ebd.
11 Vgl. Ebd.
12 Vgl. Akçam, Taner: Osmanisch- Türkischer Verwestlichungsprozess. Eine Makroperspektive, in: Waldhoff,
Hans- Peter u. a. (Hrsg.): Brücken zwischen Zivilisationen. Zur Zivilisierung ethnisch- kultureller Differenzen
und Machtungleichheiten. Das türkisch- deutsche Beispiel, Frankfurt/ Main 1997, S. 83.
3
entgegenkommen sollte, die mehr Rechte und Privilegien für die christlichen Minderheiten im Osmanenreich gefordert hatten.
Rückblickend werden diese Entwicklungen jedoch kontrovers beurteilt: Viele Kritiker werfen dem Osmanischen Reich vor, nur auf Drängen der europäischen Mächte gehandelt zu haben, die Reformen nur durchgesetzt zu haben, da es politisch opportun schien, die osmanischen Staatsmänner den inhaltlichen Grundsätzen aber gar nicht zustimmten. 13 Denn in Wirklichkeit hätte schon immer Konkurrenz zwischen der christlichen und der islamischen Zivilisation bestanden und bis zum späten 18. Jahrhundert hätten die Osmanen das christliche Europa der islamischen Zivilisation als minderwertig betrachtet und stets verachtet. 14 Um ihre Behauptungen zu stützen, wird von den Kritikern darauf hingewiesen, dass die Tanzimat Reformen keinen „Wechsel in den Herrschaftsschichten“ hervorriefen, wie es bei traditionellen Modernisierungsprozessen der Fall gewesen wäre und der alleinige Wunsch der osmanischen Staatsmänner, das Reich vor dem Untergang zu bewahren, noch lange keinen legitimen „Drang nach Veränderung“ begründe. 15 Auf diese Weise werden die Reformen lediglich als Mittel zum Zweck dargestellt und ein wirklicher Wille nach Transformation negiert. Nach Ansicht der Kritiker hätten die Reformen zu einer Polarisierung zwischen „Fortschrittlichen“ und „Rückschrittlichen“ beigetragen und eine tiefe Kluft zwischen den reformistischen Staatsmännern und dem traditionsbewusstem Volk verursacht, welche die Entstehung einer demokratischen Tradition im Osmanischen Reich und der späteren Türkei verhindert hätte. 16 Diese Einwände sowie die Schwierigkeit für das osmanische Volk eine kollektive Identität zu bilden, wenn zwei grundlegend verschiedene Lebensweisen in Konfrontation geraten, 17 sind durchaus zutreffend und einleuchtend. Jahrelang war das osmanische Volk seinen islamischen Traditionen verbunden, vertraute dem Grundsatz christliche Mitbürger hätten weniger Rechte, da deren Religion dem Islam nicht ebenbürtig sei, plötzlich aber sollte es auf Befehl von Oben die Gedanken von Gleichheit und Freiheit aller Bürger akzeptieren und verinnerlichen. Andererseits wird jedoch stets darauf hingewiesen, der anatolische Islam sei in seinem Wesen immer tolerant gegenüber anderen Religionen und auch nie radikalen Charakters gewesen 18 ; die oben erwähnten Beispiele zeigen, dass das Osmanische Reich sich meist gerecht gegenüber andersgläubigen Minderheiten verhielt, da es auf deren Loyalität zur Stabilisierung der eigenen Macht
13 Vgl. Ebd. S. 84.
14 Vgl. Ebd. S. 85.
15 Vgl. Ebd. S. 88.
16 Vgl. Ebd. S. 90ff.
17 Vgl. Ebd. S. 91.
18 Vgl. Meier, Max Gregor: Zwischen Tradition und Moderne. Spannungen innerhalb der türkischen
Gesellschaft, in: Politische Studien, Jg. 50 Nr. 367 (1999), S. 74.
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Arbeit zitieren:
Jacqueline Emmerich, 2006, Die Europäisierung der Türkei, München, GRIN Verlag GmbH
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