Inhaltsübersicht
1. Einleitung 2
2. Fallibilität und Falsifikation. 3
3. Normalwissenschaft und Revolution 4
4. Dynamik der Theorien 6
5. Der Weg zum raffinierten Falsifikationismus. 6
6. Normalwissenschaft ohne Monotheorismus 11
7. Der Theoriengürtel: blinde Verteidigungslinie oder geplantes Bollwerk. 14
8. Die reife Wissenschaft 16
9. Literaturverzeichnis 18
1. Einleitung
Im Rahmen eines internationalen Kolloquiums über die Philosophie der Wissenschaft in London 1965 sind einige sehr interessante Vorträge entstanden, die sich mit den Kontroversen und Gemeinsamkeiten der Falsifikationstheorie von Sir Karl Popper und der Paradigmen-Wechsel-Theorie von Thomas S. Kuhn beschäftigen. Imre Lakatos und Alan Musgrave haben einige dieser Vorträge in einem Band mit dem Titel „Criticism and the Growth of Knowledge“ herausgegeben, welcher überarbeitet und als deutsche Übersetzung mit dem Titel „Kritik und Erkenntnisfortschritt“ in einer Ausgabe von 1974 vorliegt.
Besonders interessant erscheint der Vortrag von Prof. Imre Lakatos „Falsifikation und die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme“, der in der deutschen Ausgabe von 1974 teilweise überarbeitet wurde. Lakatos ist ein Anhänger Poppers und seiner Wissenschaftstheorie, entwickelt diese allerdings auch weiter. Interessanterweise beinhaltet seine Weiterentwicklung einerseits die Bemühung der Verteidigung der Theorie gegen die Kuhn’sche Opposition und andererseits die Einbringung der Kontinuität Kuhn’scher Normalwissenschaft. Die Ergebnisse dieser Entwicklungen von Prof. Lakatos sind unter dem Begriff der Theoriendynamik bekannt geworden.
Einführend werden die beiden Opponenten mit ihren Theorien kurz vorgestellt. Dabei richtet sich das Hauptaugenmerk der stark vereinfachten Darstellung auf die Unterschiede der Standpunkte und die von Lakatos aufgegriffenen spezifischen Punkte. Im Anschluss daran zeige ich die Entwicklung der Theoriendynamik auf und schließe mit einem kritischen Fazit.
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2. Fallibilität und Falsifikation
Die in seinem Hauptwerk „Logik der Forschung“ dargestellte Theorie von Sir Karl Popper beleuchtet die Wissenschaft unter dem Aspekt der Wahrheitsnähe und Bewährung der in ihr eingesetzten Theorien. Aus diesem Blickwinkel ergibt sich die wohl wichtigste Errungenschaft der Popper’schen Philosophie, die Idee der Falsifikation, die in dem herrschenden Ungleichgewicht zwischen unmöglichem Beweis und definierbarer Widerlegung einer Theorie ein wichtiges Kriterium der Wissenschaft sieht. Dabei versteht Popper den Fortschritt der Wissenschaft als einen stetigen, wenn auch nicht akkumulativen Prozess. Die ständige Konfrontation von gängigen Theorien mit neuen theoretischen Emporkömmlingen führt entweder zum weiteren Ausbau der bestehenden oder Übernahme der neuen Theorie. Dabei ist das Kriterium für diese Entscheidung die Falsifikation und Falsifizierbarkeit der Theorien. Damit positioniert sich Popper deutlich klarer zum Wahrheitsgehalt einer Theorie, der lediglich negativ bestimmbar ist, als sein Kontrahent Kuhn, der die Aussage nach dem Wahrheitsgehalt einer Theorie durch Dogmatismus verschleiert. Popper widerspricht der Grundlage des induktiven Schließens aus empirischen Einzelsätzen in der Wissenschaft und kommt damit zu der Einschätzung, dass der »Schluß von den durch >Erfahrung< (was immer wir auch mit diesem Worte meinen) verifizierten besonderen Aussagen auf die Theorie [...] logisch unzulässig [ist, der Verf.], Theorien sind somit niemals empirisch verifizierbar.« 1 . Diese Unmöglichkeit empirischer Verifikation steht der Möglichkeit empirischer Falsifikation, nach Popper, gegenüber. Eine durch empirische Erkenntnisse oder nachgewiesene Inkonsistenz falsifizierte Theorie ist aus dem aktuellen Theorien-Konstrukt zu entfernen. Dabei genügt die Festlegung der empirischen Erkenntnis als gültig, beispielsweise durch intersubjektive Nachprüfbarkeit. Wichtig ist allerdings, dass auch hier ein Ungleichgewicht bei Popper vorhanden ist, nämlich die Möglichkeit, dass die Bewährung einer Theorie später zum Gegenteil verkehrt werden kann aber andererseits eine Falsifikation endgültig ist. Sofern zwei Theorien gleich gültig erscheinen, es also zu ihnen noch keine Widerlegungen irgendeiner Art gibt und sie die gleiche Wahrheitsnähe aufweisen, muss entschieden werden, welche Theorie Bestand hat. Diese Entscheidung wird durch die Frage der Falsifizierbarkeit
1 Popper (2005), Seite 16, Hervorhebungen aus dem Originaltext.
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unterstützt. Demnach ist die Theorie zu bevorzugen, die das größere Maß an Möglichkeiten zur Falsifizierung, vorzugsweise durch Basissätze, also korrekt formulierte empirische Erkenntnis, bietet. Ganz entscheidend ist aber sicherlich die Grundtendenz der Popperschen Ansicht, dass das Festhalten an einer falsifizierten Theorie nicht wissenschaftlich sei, denn genau das ist der Hauptangriffspunkt der verschiedenen Kritiker.
3. Normalwissenschaft und Revolution
Kuhn sieht in dem wissenschaftlichen Vorgehen immer zwei grundsätzlich unterschiedliche Phasen. Es handelt sich dabei um die ‚normale’ und die ‚revolutionäre’ Wissenschaft. Über allem wissenschaftlichen Streben schwebt bei Kuhn der Begriff des Paradigmas. Dieses Paradigma ist als eine globale Theorie zu verstehen, die grundsätzliche Sichtweisen und Verstehensgrundlagen beinhaltet. Dabei können die Grundlagen, die darin enthalten bzw. erklärt werden, fachrichtungsspezifisch aber auch -übergreifend sein. Ein weit reichendes Beispiel wäre das mechanistische Naturbild, welches im 17. Jh. seinen Höhepunkt hatte und letztlich alle Fachrichtungen beeinflusste. Demnach ist die Grundlage der Natur die Bewegung von Materie und letztlich die ablaufenden Prozesse reine Ursache-Wirkungs-Modelle. Dieses Paradigma zeigte natürlich starke Wirkung im Bereich der Physik, aber auch alle anderen Wissenschaften, wie bspw. Biologie, Psychologie oder auch Politologie, mussten ihre Theorien mit diesem Paradigma in Einklang bringen. Das führt dazu, dass in der Psychologie entscheidende fachrichtungsspezifische Theorien, wie beispielsweise das behaviouristische Modell, unter Einfluss des Paradigmas entwickelt wurden, deren Sinn und Bedeutung wissenschaftshistorisch nur unter Kenntnis des Paradigmas richtig eingeschätzt werden können. Die klassischeren Beispiele aus den verschiedenen Werken für große Paradigmen sind die Newton’sche Mechanik oder das kopernikanische Weltbild.
Während der normalen Wissenschaft ist der Forscher auf der Suche nach Bestätigungen, Festigungen, Zahlenwerken und Instrumenten unter der Dogma des herrschenden Paradigmas. Kuhn bezeichnet dies auch als »Artikulation der Theorie« 2 . Der Wissenschaftler befindet sich
2 Kuhn (1996), Seite 47.
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in einer monotheoretischen Gemeinschaft, die Anomalien durch Hilfshypothesen oder dem Vorwurf falscher Messung begegnet. Die Beschäftigung mit Alternativtheorien zum geltenden Paradigma grenzt aus und führt, solange das Paradigma ausreichend evident und die Paradigmen-Gemeinschaft stark genug ist, auf nicht-wissenschaftliche Abwege. Erst wenn die nicht bewältigten Anomalien Überhand nehmen und das Gerüst an Hilfshypothesen zu wackeln beginnt, hat eine alternative Theorie, welche die auftretenden Anomalien besser erklärt, eine Chance zur Revolution.
Nun tritt die wissenschaftliche Gemeinschaft in die Phase der Revolution ein. Die bislang monotheoretische Gemeinschaft öffnet sich für andere Paradigmen und Theorien und beginnt mit einer kritischen Auseinandersetzung mit den Schulen und aktuellen Leitsätzen. Einzig in dieser Phase der Wissenschaft werden neue Paradigmen erschaffen und installiert. Durch diese neuen Theorien definiert sich der Fortschritt der Wissenschaft, wenn auch nicht zwangsläufig als Akkumulation von Wissen. Vielmehr sieht Kuhn durch die Revolution eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die abgelöste und die ablösende Theorie inkommensurable und damit hinsichtlich der Verbesserung ihrer Wahrheitsnähe nicht vergleichbar sind. Somit ergibt sich auch keine direkte Verifikation als echte Wahrheit, sondern lediglich als vorherrschende Erklärung für Beobachtungen und Zusammenhänge. Kuhn geht sogar soweit, dass die Konkurrenz von Paradigmen, welche die Vielfalt an auftretenden Anomalien gleich gut oder schlecht erklären, durch Bedingungen wie Einfachheit oder Verbreitung in der Fachwelt entschieden werden.
Somit ergeben sich für Kuhn zwei Sichtweisen auf die Wissenschaft. Während in der normalen Phase das herrschende Paradigma gleichzeitig als Abgrenzungskriterium gegenüber dem zu trennenden metaphysischen Anteil der Wissenschaft zu sehen ist, fällt dieses im Rahmen einer Revolution gänzlich weg. Dieses Phasenmodel und allem voran die Probleme des Überganges zwischen den Phasen sowie der monotheoretischen Normalwissenschaft sind die Hauptangriffspunkte der Kritik an dem Kuhn’schen Wissenschaftsverständnis.
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Arbeit zitieren:
M.A. Ralph Backes, 2006, Raffinierter Falsifikationismus ohne Normalwissenschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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