Inhalt
1. EINLEITUNG. 3
2. MOTIVATION 4
2.1. THEOLOGISCHE ERKLÄRUNG 4
2.2. LINGUISTISCHE ERKLÄRUNG 5
3. DIE NATÜRLICH-SEMANTISCHE METASPRACHE (NSM) 6
3.1. IDEE DER NSM. 6
3.2. ENTWICKLUNG DER NSM. 7
3.3. DIE LEXIKALISCHEN UNIVERSALE. 8
4. DIE ZEHN GEBOTE. 9
4.1. GRUNDLAGE. 9
4.2. BEDEUTUNGSWANDEL DER ZEHN GEBOTE 9
4.2.1. Vom Bundesschluss mit Israel 9
4.2.2. zum Wertemaßstab. 10
4.3. EINZELANALYSE DER ZEHN GEBOTE UND ÜBERTRAGUNG IN DIE NSM 11
4.3.1. Präambel 11
4.3.2. Das erste Gebot. 12
4.3.3. Das zweite Gebot 13
4.3.4. Das dritte Gebot. 15
4.3.5. Das vierte Gebot. 16
4.3.6. Das fünfte Gebot. 18
4.3.7. Das sechste Gebot 19
4.3.8. Das siebte Gebot 20
4.3.9. Das achte Gebot. 21
4.3.10. Das neunte und zehnte Gebot. 22
4.4. ZUSAMMENFASSUNG 24
5. FAZIT 25
6. ANHANG A - LEXIKALISCHE UNIVERSALE. 26
7. ANHANG B - VERGLEICH BEIDER DEKALOGFASSUNGEN 27
8. ANHANG C - ZÄHLUNG DER ZEHN GEBOTE 28
9. TABELLENVERZEICHNIS 29
10. LITERATURVERZEICHNIS 30
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1. Einleitung
Die Zehn Gebote (im Folgenden auch als Dekalog 1 bezeichnet) bilden wohl eine der bedeutendsten Grundlagen für unsere heutige westliche Kultur. In seiner nun fast schon 3000 Jahre 2 alten Geschichte wurde der Dekalog viele Male neu interpretiert und vor allem in der christlichen Diskussion fand ein Bedeutungswandel statt. So kommt es, dass heute viele Menschen zwar den Wortlaut des Dekalogs kennen, jedoch nichts über seine ursprüngliche Bedeutung und die Intention bei seiner Verfassung wissen.
Zur Bedeutungsbestimmung ist in den letzten Jahren von Wierzbicka und Kollegen ein neues Instrument geschaffen worden: Die natürlich-semantische Metasprache (NSM), bestehend aus universellen Konzepten, die dem Anspruch nach in allen natürlichen Sprachen der Welt und somit auch in den Köpfen aller Menschen wieder zu finden sind. Diese Sprache ist ein Versuch, Leibniz’ Idee eines „Alphabet[es] der menschlichen Gedanken“ (Leibniz, 1903 3 , zitiert nach Wierzbicka, 1996, S.13) umzusetzen. Eine Übertragung eines Textes in die NSM bedeutet eine Erklärung der Bedeutung eines Textes durch einfachste menschliche Denkkonzepte. Dies soll ein Verständnis des Textes durch alle Menschen, unabhängig von Kultur und Sozialisation, ermöglichen.
Somit erscheint die NSM als das ideale Mittel, um die ursprüngliche Bedeutung des Dekalogs zu bestimmen. Gleichzeitig soll die Arbeit aber auch dazu dienen, den Anspruch der universellen Verwendbarkeit von Wierzbickas NSM zu überprüfen.
Nach dieser Einleitung soll zunächst meine Motivation für die Wahl des Quellentextes ausführlicher erläutert werden. Anschließend folgt eine Einführung in die von Wierzbicka und ihren Kollegen erstellte natürlich-semantische Metasprache. Im Hauptteil stehen dann die Zehn Gebote im Mittelpunkt, die einzeln analysiert und in universelle Konzepte übertragen werden.
1 Dekalog (griech.: δεκα deka = zehn + λoγoς logos = Wort) = zehn Worte. Wird in der theologischen Diskussion synonym mit Zehn Gebote verwendet. So auch hier.
2 Crüsemann sieht die Entstehungszeit des Dekalogs zwischen dem 9. und 7. Jahrhundert vor Christus (Crüsemann, 1993, S. 16-27). Schmidt ordnet das 5. Buch Mose zeitlich zwischen 750-621 v.Chr. (Schmidt, 1982, S. 122ff).
3 LEIBNIZ, Gottfried Wilhelm (1903): Opuscules et fragments inédits de Leibniz. Louis Couturat (Hrsg.), Presses Universitaires de France, Paris.
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2. Motivation
In diesem Abschnitt soll kurz erklärt werden, warum gerade der Dekalog für die Übertragung in die NSM ausgewählt wurde. Die Wahl des Quellentextes bedarf zweierlei Erklärungen. Erstens einer theologisch- und zweitens einer linguistisch-orientierten Erklärung.
2.1. Theologische Erklärung
Sowohl im Judentum als auch in den christlichen Religionen ist der Dekalog von zentraler theologischer Bedeutung. Er liefert den Gläubigen nicht nur die Basis ihres Glaubens, sondern auch konkrete Anweisungen im Hinblick auf die Erfüllung einer gottgefälligen Lebensweise.
Im Judentum bildet der Dekalog den Kern der Tora 4 und somit die Grundlage des jüdischen Rechtssystems. Mann kann sagen, der „Inbegriff des göttlichen Rechtswillens stelle [..] der Dekalog dar.“ (Kaiser 2003, S. 48).
Paulus spitzt die Bedeutung des Dekalogs in seinem Brief an die Römer zu:
Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den anderen liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist: „Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren“, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Worte zusammengefasst: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Römer, 13, 8ff)
Auch wenn das Gebot der Nächstenliebe hier von Paulus zur alleinigen Richtschnur des Handelns und zum Maßstab ethischer Weisung wird, so bedeutet dies keineswegs einen Bedeutungsverfall der Zehn Gebote für das Christentum. Schmidt schreibt, dass die einzelnen Gebote zwar vom Liebesgebot umfasst werden, dabei aber die wichtige Aufgabe enthalten zu zeigen, in welchen konkreten Bereichen des Lebens (zum Beispiel in der Familie) die Liebe tätig sein kann und soll. Die Gebote bilden also die Grundlage für das Liebesgebot und somit „nach allgemeinem Einverständnis die Grundlage, wenn nicht des Rechts, dann jedenfalls der Sitte“ (Schmidt, 1993, S. 5).
Zusammenfassend kann man sagen, dass der Dekalog einen unübersehbaren Einfluss auf die Vorstellung von Recht und Anstand im gesamten Abendland hatte
4 tōrāh (hebr.) = Gesetz
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und hat. Durch Kolonialisierung und (Zwangs-)Christianisierung wurden die Zehn Gebote in der ganzen Welt verbreitet. Der Dekalog prägt somit die Moralvorstellungen der Menschen weltweit und bildet zum Teil auch die Grundlage staatlicher Gesetzgebung (Werwath, 2000, S.7).
Diese exponierte Position des Dekalogs ist ein Teil der Motivation, ihn als Testfall für Wierzbickas Idee der universalen Konzepte auszuwählen. Denn gerade durch die weite Verbreitung und die langjährige Exegese des Dekalogs sind auch Interpretationen entstanden, die der ursprünglichen Bedeutung der Zehn Gebote nicht mehr entsprechen 5 . Durch die Übertragung des Dekalogs in die natürlichsemantische Metasprache soll deshalb versucht werden, die ursprüngliche Bedeutung des Dekalogs zu erfassen.
2.2. Linguistische Erklärung
Eine weitere Motivation für die Wahl des Dekalogs als Untersuchungsgegenstand ist linguistischer Natur. Auch Wierzbicka hat in What did Jesus mean? (2001) Bibelstellen in die natürlich-semantische Metasprache übertragen. Hierbei wurden die Bergpredigt und andere Texte, vor allem die Gleichnisse, die auf Jesus zurückgeführt werden, analysiert und übersetzt. Der Unterschied zwischen diesen Texten und dem Dekalog besteht darin, dass der Dekalog eine klare Aussage besitzt, während die Aussagen Jesu in metaphernreicher Sprache dargelegt sind, und somit ein größeres Maß an interpretatorischer Freiheit erlauben. In diesem Fall genügt für eine erfolgreiche Übertragung schon eine Annäherung der Übersetzung in die NSM an die ursprüngliche Aussage.
Diese Arbeit will nun die Frage beantworten, ob es möglich ist, einen Text, der eine klare Aussage besitzt, in die NSM zu übersetzen. Doch vor der konkreten Anwendung soll das Konzept der natürlich-semantischen Sprache nun erst einmal näher erläutert werden.
5 Beispielhaft wären die Anwendung des vierten Gebots auf das Verhältnis (junges) Kind - Eltern oder die Begründung des Vegetarismus mit Hilfe des fünften Gebots.
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3. Die natürlich-semantische Metasprache (NSM)
Wierzbicka sieht die Sprache als ein Instrument zum Transport von Bedeutung. Die Struktur der Sprache spiegelt sich in ihrer Funktion wieder und deswegen kann Sprache nur vollständig verstanden werden, wenn man von ihrer Funktion, d.h. dem Bedeutungstransport, ausgeht (1992, S. 3).
Wierzbicka (1996, S. 1-9) behauptet, dass die moderne Linguistik sich, bei der Untersuchung von Sprache, zu sehr auf die Syntax und andere formale Kriterien stützt und dabei das eigentlich Wesentliche, die Semantik, zu wenig berücksichtigt oder sogar ganz außer Acht lässt. Für diese Entwicklung macht Wierzbicka vor allem Leonard Bloomfield und Noam Chomsky verantwortlich, die ihrer Meinung nach eine „Linguistik ohne Bedeutung“ (ibd. S.1) geformt haben.
Die Grundlage für die Erforschung von Semantik liegt Wierzbickas Meinung nach bei den semantischen Primitiven. Die Suche nach semantischen Primitiven führt sie auf wichtige Vertreter des Rationalismus des 17. Jahrhunderts wie Descartes, Pascal und Leibniz zurück. Leibniz’ (1903) Idee war, dass alle Bedeutungserklärungen einige wenige, selbsterklärende Kernkonzepte benötigen und dass „alle Erklärungen zu einem Ende kommen müssen“. Ohne diese selbsterklärenden Kernkonzepte sind alle Beschreibungen von Bedeutung im Endeffekt zirkulär.
Die Grundidee hinter den semantischen Primitiven besteht also darin, dass es Wörter gibt, die nicht definiert werden müssen, weil ihre Bedeutung so grundlegend ist, dass sie intuitiv verständlich sind. Mit Hilfe dieser Wörter, den so genannten semantischen Primitiven, lässt sich demnach die Bedeutung aller anderen Wörter erklären.
3.1. Idee der NSM
Wierzbickas Idee ist, dass alle natürlichen Sprachen einen gemeinsamen Satz an semantischen Primitiven teilen, das heißt, dass die einzelnen semantischen Primitive in jeder Sprache der Welt vorkommen. Dieser gemeinsame Kern aller natürlichen Sprachen beinhaltet fundamentale menschliche Konzepte und bildet damit die Grundlage für die so genannte natürlich-semantische Metasprache. Die NSM ist also nicht weniger als der gemeinsame Kern aller natürlichen Sprachen.
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Die Implikation daraus ist, dass man mit der NSM alle durch Sprache ausdrückbaren Bedeutungen auch mit der eigenen Sprache beschreiben kann. Diese Beschreibung ist dann sowohl in der eigenen Sprache als auch in der Zielsprache verständlich.
Wierzbicka fasst dies zusammen indem sie sagt, dass „der gemeinsame Kern aller Sprachen als ein Satz isomorpher 6 Minisprachen, die als sprachspezifische Ausgaben derselben universalen natürlich semantischen Metasprache benutzt werden können, angesehen werden kann“ (Wierzbicka, 1996, S.22f).
3.2. Entwicklung der NSM
Wierzbicka arbeitet schon seit drei Jahrzehnten zusammen mit ihrem Kollegen Cliff Goddard an der Aufstellung der semantischen Primitive, die die Grundlage der NSM bilden. Die Schwierigkeit bestand dabei nicht beim „Aufstellen einer möglichen Liste an Primitiven, sondern in der Verteidigung der Auswahl“ (Wierzbicka, 1992, S.11f).
Bei der Bestimmung von einem universellen Konzept, sind zwei Dinge zu beachten: Erstens die Bedeutung des gegebenen Konzeptes bei der Definition anderer Konzepte und zweitens die Anzahl der Sprachen, in denen das Konzept lexikalisiert ist,
Wierzbicka nennt fünf Kriterien für die Bestimmung, ob ein untersuchter Kandidat wirklich ein lexikalisches Universal darstellt: 1. Das Konzept muss intuitiv verständlich und selbsterklärend sein. 2. Das Konzept darf nicht weiter definiert werden können. 3. Das Konzept muss aktiv als Baustein zur Beschreibung anderer Konzepte benutzt werden.
4. Das Konzept muss durch wissenschaftliche Arbeit, die mehrere verwandtschaftlich und kulturell voneinander entfernte Sprachen einschließt, bewiesen werden.
5. Das Konzept muss sich als lexikalisch universell erweisen, das heißt als ein Konzept, das einen eigenen Namen in allen Sprachen der Welt besitzt.
6 von griechisch: ισως (isōs) = gleich und µορφη (morphē) = Form, Gestalt In der Mathematik bezeichnet Isomorphismus eine Beziehung zwischen zwei gleichmächtigen Gruppen. Hier bedeutet isomorph, dass mit den beiden Sprachen das Gleiche ausgedrückt werden kann.
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Die Ergebnisse der langjährigen empirischen Arbeit von Wierzbicka, Goddard und zahlreichen anderen Linguisten, die immer wieder eine Revision der Liste der universellen Konzepte erforderte, sind im Doppelband Semantic and Lexical Universals - Theory and empirical findings (Goddard und Wierzbicka, 1994) zusammengefasst und bilden die Grundlage dieser Arbeit.
3.3. Die lexikalischen Universale
Über die Jahre stieg die Zahl der von Wierzbicka und ihren Kollegen identifizierten lexikalische Universale von ursprünglich 14 auf 59. Im Anhang A findet sich eine komplette Liste aller bisher identifizierten und bestätigten - oder zumindest über längere Zeit nicht widerlegten - Universale, die in dieser Arbeit Verwendung finden.
Es ist anzumerken, dass die Übertragung in die natürlich-semantische Metasprache in ihrer englischen Ausprägung stattfindet. Eine Übertragung der lexikalischen Universale in eine andere Sprache bedeutet einen großen Aufwand, denn es bedarf dabei nicht nur einer simplen Übersetzung, zum Beispiel der englischen Version, sondern es muss zusätzlich auch überprüft werden, ob die Übersetzung eindeutig ist. Zum Beispiel kann das englische know im Deutschen sowohl wissen als auch kennen bedeuten. Die Entscheidung für eine Bedeutung erfordert eine genaue Analyse des lexikalischen Universals, das durch das englische know ausgedrückt wird 7 . Diese umfangreiche Arbeit würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen und ist auch im Hinblick auf die Zielstellung der Arbeit gar nicht nötig. Denn sollte in Zukunft tatsächlich eine deutsche Ausprägung der NSM erstellt werden, dann lassen sich die Wörter schließlich, laut der grundlegenden Annahme der NSM, eins zu eins austauschen, ohne den Sinn zu verändern.
7 Das Universal KNOW gehört zur Kategorie der mentalen Prädikate, die in erster Linie mit „psychologischen Subjekten“ (I KNOW [SOMETHING], YOU KNOW [SOMETHING], SOMEONE KNOWS [SOMETHING], PEOPLE KNOW [SOMETHING]) kombiniert werden können. Außerdem wird bei KNOW der Objektslot meistens mit einer ganzen Proposition gefüllt (I KNOW THAT…) (Wierzbicka, 1996, S.119f).So wird klar, dass nur das deutsche wissen eine adäquate Übersetzung für KNOW darstellt.
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Arbeit zitieren:
Philipp Helle, 2006, Eine Übertragung der Zehn Gebote in die natürlich-semantische Metasprache nach Wierzbicka, München, GRIN Verlag GmbH
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