INHALTSVERZEICHNIS:
Vorwort 1
I. Zur Person der Adressatin 2
II. Briefe vor Wien 4
III. Briefe nach Wien 8
IV. Briefe nach Gmünd 14
V. Zusammenfassung 17
Bibliographie 19
1
VORWORT:
Im Zuge der Lektüre des Briefverkehrs zwischen Franz Kafka und Milena Jesenská konnte ich mich nicht dagegen wehren, emotional sehr stark davon betroffen zu werden. Obwohl ich Kafkas literarische Werke gelesen und mich intensiv mit seinen Tagebüchern auseinander gesetzt habe, erfuhr ich aus diesen Briefen etwas, das ich nicht für möglich gehalten hätte; nämlich, daß Kafka jene Grausamkeit, die er stets in Bezug auf sich selbst ausübte, auch anderen Menschen gegenüber hatte walten lassen. Auf der einen Seite konnte er unglaublich zärtliche Worte finden, auf der anderen quälte er seine Korrespondenzpartnerin durch seine Briefe in einer Weise, die kaum nachvollziehbar ist. Gegen Ende ihrer schriftlichen Beziehung pervertiert diese Neigung sogar in einem nahezu unbegreifbaren Ausmaß.
Schließlich fand ich hierfür eine Erklärung, die für mich die einzig plausible darstellt. Kafkas Grausamkeit gegenüber Milena war in Wahrheit eigentlich brutale Grausamkeit gegen sich selbst. Milena benutzte er lediglich zu Inszenierungszwecken.
In der vorliegenden Arbeit werde ich versuchen, Kafkas psychische Entwicklung anhand des Korrespondenzverlaufs zu rekonstruieren, um auf diese Weise immer wieder auftauchende Motive und Neigungen daraus ableiten zu können und die eigentliche psychologische Ursache für den katastrophalen Verlauf dieses Briefverkehrs aufzudecken. Ich werde auch der Frage nachgehen, ob Kafka Milena überhaupt geliebt hat und inwieweit dies für ihn von Bedeutung war. Meine Vorgangsweise wird daher eine chronologische sein; ich werde jedoch keine inhaltlichen Überblicke geben, sondern lediglich an entscheidenden Punkten Halt machen, um wichtige Entwicklungsmomente zu durchleuchten. Am Schluss meiner Arbeit werde ich die im methodischen Teil herausgearbeiteten Motive noch einmal überblicksmäßig zusammenfassen. Durch eine paarweise Gegenüberstellung derselben gelange ich so zu einer übergeordneten Interpretation.
2
I. ZUR PERSON DER ADRESSATIN: Willy Haas:
"Sie (...) mutete manchmal wie eine Aristokratin aus dem sechzehnten oder siebzehnten Jahrhundert an, ein Charakter, wie ihn Stendhal aus den alten italienischen Chroniken genommen und in seine eigenen Romane versetzt hat, die Herzogin von Sanseverina oder Mathilde de la Mole; leidenschaftlich, kühn, kalt und klug in ihren Entschlüssen, aber bedenkenlos in der Wahl ihrer Mittel, wenn es sich um eine Forderung ihrer Leidenschaft handelte - und um eine solche handelte es sich in ihrer Jugend wohl fast immer." 1
Milena Jesenská wurde am 10. August 1896 in Prag geboren. Sie war das zweite Kind Jan Jesenskýs, eines angesehenen Professors für Kieferorthopädie. Zeitweilig wuchs sie in einem Prager Klosterpensionat auf, besuchte dann die Vorbereitungsschule und später das berühmte humanistische Mädchengymnasium Minerva, eine für die damalige Zeit äußerst progressive Schule. Danach studierte sie zwei Semester an der medizinischen Fakultät der Prager Universität, wandte sich dann aber der Literatur und Publizistik zu.
Im Herbst 1914 lernte sie ihren späteren Mann Ernst Pollak kennen. Der um zehn Jahre ältere Auslandskorrespondent einer Prager Bank beeindruckte die damals Achtzehnjährige durch seine große Belesenheit und seine Begeisterung für klassische Musik.
Milenas Vater lehnte diese Beziehung seiner Tochter mit dem deutsch-jüdischen Kaffeehausliteraten ab, unterbinden konnte er sie aber nicht. Die Spannungen verstärkten sich derart, daß es im November 1916 zu einer schweren Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Freund seiner Tochter kam. Im Juni 1917 ließ der Vater Milena schließlich in die Pflege- und Heilanstalt Weleslawin, ein Nervensanatorium bei Prag, einweisen. Er hoffte, dadurch der Verbindung zu Pollak ein Ende bereiten zu können. Doch nach ihrer Entlassung im August 1917 war sie volljährig und heiratete Pollak.
Unmittelbar nach der Heirat zog das Ehepaar nach Wien. Pollak übernahm dort eine Stelle in der Hauptniederlassung jener Bank, in deren Filiale er schon in Prag tätig gewesen war. Da Ernst Pollak seine Abende oft in Kaffeehäusern im Kreise
1 Born/Müller (1999), S. XI
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literarischer Freunde zubrachte, war Milena oft allein. Wegen ihrer damals noch begrenzten Deutschkenntnisse konnte sie sich an literarischen Diskussionen nicht beteiligen. So begann sie, für Tageszeitungen ihrer Heimatstadt zu schreiben. Als Kafka mit ihr in Verbindung trat, lebte Milena - so Willy Haas, ein langjähriger Vertrauter Pollaks - in einer "sich allmählich auflösenden Ehe" 2 . Dazu trug freilich vor allem Ernst Pollak bei, der in Wien wie in Prag zahlreiche Beziehungen zu anderen Frauen unterhielt. Franz Kafka hat Milena in Prag im Herbst 1919 in einem Kaffeehaus kennengelernt. Sie kamen in Gesellschaft gemeinsamer Freunde und Bekannter zusammen, auch Ernst Pollak war dabei. Im Verlauf ihres Gesprächs mit Kafka teilte Milena ihm ihre Absicht mit, seine Erzählungen ins Tschechische zu übersetzen. Dies war der Anknüpfungspunkt, der zu einer Beziehung von großer Leidenschaft führen sollte.
2 Born/Müller (1999), S. XIII
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3 II. BRIEFE VOR WIEN:
Zu Beginn der Beziehung sind Kafkas Briefe geprägt von einer artigen Höflichkeit. Demgemäß gebraucht er als Anrede "Liebe Frau Milena" und spricht sie ausnahmslos mit "Sie" an. Die Inhalte dieser drei anfänglichen Briefe aus dem April 1920 4 , die Kafka in der Pension Ottoburg in Meran-Untermais verfasste, lassen jegliches Besprechen individueller Neigungen und persönlicher Emotionen vermissen. Das einzige Private, auf das Kafka eingeht, manifestiert sich im Rahmen einer ausführlichen Schilderung seiner Lungenprobleme 5 . Ansonsten ermutigt er sie zur Antwort, indem er Fragen in seine Briefe einbaut, schickt gute Wünsche an ihren Ehemann 6 und ist besorgt um ihre Gesundheit 7 . Der erste Brief, der Kafkas gepflegte anfängliche Konversation untergräbt, ist jener, den er Ende April 1920 aus Meran schreibt 8 . Der einleitende Satz dieses Briefes lautet bereits: "Liebe Frau Milena, heute will ich von anderem schreiben, aber es will nicht." 9
Weiters kritisiert Kafka darin den Umstand, dass Milena ihm scheinbar ihre Übersetzung einer seiner Erzählungen zukommen ließ, anstatt ihm einen Brief zu schreiben:
"Als ich das Heft aus dem großen Kouvert zog, war ich fast enttäuscht. Ich wollte von Ihnen hören und nicht die allzu gut bekannte Stimme aus dem alten Grabe. Warum mischte sie sich zwischen uns? Bis mir dann einfiel, daß sie auch zwischen uns vermittelt hatte." 10 An dieser Stelle scheint Kafka sich klar geworden zu sein, dass er diese "Stimme aus dem Grabe" niemals loswerden kann, dass sie niemals schweigen und jede Beziehung zu anderen Menschen stets beeinflussen wird, da sie auf ihn wirkt und
3 Kafka-Briefe Meran, April 1920 - Meran, 25. Juni 1920: Born/Müller S. 3 - 80
4 Born/Müller (1999), S. 3 - 8
5 Born/Müller (1999), S. 6f.
6 Born/Müller (1999), S. 5
7 Born/Müller (1999), S. 7
8 Born/Müller (1999), S. 8 - 10
9 Born/Müller (1999), S. 8
10 Born/Müller (1999), S. 8f
Arbeit zitieren:
Mag. phil. Sonja Knotek, 2000, Franz Kafkas Briefe an Milena - Eine psychologische Interpretation, München, GRIN Verlag GmbH
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