Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Technik in der Technikphilosophie. 9
2.1. Einführung in den Technik und Maschinenbegriff 9
2.2. Einführung in die Techno Ästhetik. 13
3. Technik in der musikalischen Kunsttheorie 19
3.1. Wegbereiter: Kunsttheorie um 1850. 23
3.1.1. Richard Wagner Das Kunstwerk der Zukunft 23
3.2. Avantgarde: Kunsttheorie ab 1900 33
3.2.1. Ferruccio Busoni: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst 34
3.2.2. Herrmann Bahr: Expressionismus Oswald Spengler: Der
Untergang des Abendlandes 41
3.2.3. Der Futurismus 47
3.2.3.1. Filippo Tommaso Marinetti: Gründung und Manifest des
Futurismus 50
3.2.3.2. Balilla Pratella: Die futuristische Musik 53
3.2.3.3. Luigi Russolo: Die Geräuschkunst 57
3.2.4. Das Bauhaus 63
3.3. Erben: Kunsttheorie um 1950 72
3.3.1. Karlheinz Stockhausen: Elektronische Musik und Automatik 72
4. Technik in der Kunstpraxis 77
4.1. Musikmaschinen und Instrumentenbau 77
4.2. Synästhetische und gesamtkunstwerkliche Bestrebungen 83
5. Resümee 87
Literaturverzeichnis. 99
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1. Einleitung
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Technik auf bisher ungekannte Art und Weise in das Lebensumfeld und Lebensgefühl der Menschen eingedrun‐ gen. So ist es nicht verwunderlich, daß sie zunehmend auch eine Position in der künstlerischen Auseinandersetzung der Zeit einforderte. Der Umstand aber, daß Technik auch in der Sphäre der Kunst noch als etwas Neues und Fremdes - oftmals sogar als etwas Gefährliches und Bedrohliches - wahrgenommen wurde, ist ein deutliches Indiz dafür, daß Kunst sich als au‐ tarke Kategorie inszenierte. Sie war Kunst grade in ihrer Abgeschiedenheit von allem Weltlichen. Der ›überirdische‹ Wert der Kultur konnte ihr nur durch die Ignoranz aller Verweise auf ihre weltliche, technische Gemachtheit zugespro‐ chen werden. Kunst und Technik können in der Blüte der durch Geniekult und Schöpfungsmythos verklärten, romantischen Ästhetik also als idealtypische Antagonisten gesehen werden. Die Krise des romantischen Idealismus durch die über die Welt und die Kunst hereinbrechende Technik führte zu einer Stimmung, die heute als ›fin de siècle‹ zum Sinnbild geworden ist. 1 Einer Mi‐ schung von Weltuntergangsdepression und Fortschrittseuphorie, die die Tech‐ nik mal als Totengräber der Zivilisation, mal als Heilsbringer der Menschheit stilisierte.
Im Zentrum dieser Arbeit steht die Bedeutung der Technik für die musikali‐ sche Avantgarde, insbesondere die durch die Technik ausgelösten oder in ihr verorteten Transformationen musikalischer Ästhetik und künstlerischen Selbst‐ verständnisses. So gesteht auch dieser Ansatz der Technik die Position des Neulings und Erneuerers in der künstlerischen Domäne zu. Technik gerät dabei sowohl auf Seiten der Produktion, Reproduktion und Distribution von Musik als auch als programmatisches Element in den Blick. Unberührt davon bleibt
1 Eine Übersichtsdarstellung findet sich in: Anton Weißmann, Die Musik in der Weltkrise. 2
aber die Frage, inwiefern wirklich technische Innovation oder bloße Wahrneh‐ mung und Anerkennung der technischen Realität von Kunst substantielle Ver‐ änderungen auslöste.
Die Abwertung der Technik in der Kunst hat eine lange Geschichte. Haftet technischer Kunst noch heute in der öffentlichen Wahrnehmung der Makel des ›Uninspirierten‹ und die Unterstellung kreativer Minderwertigkeit an, so stand der griechische Begriff der téchne im ursprünglichen, aristotelischen Sinne noch für Kunstfertigkeit und Schöpfungskraft. Die Trennung von Kunst und Kunst‐ handwerk am Ende des Mittelalters führte schrittweise zur Abwertung alles Technischen und Handwerklichen. Das Technische als Symbol unendlichen menschlichen Erfindungsgeistes konnte seinen Platz in der Kunsttheorie des Abendlandes nicht behaupten. Warum aber ging der Bedeutungszuwachs der Technik für Wohlstand und Fortentwicklung der menschlichen Zivilisation mit ihrer Verdrängung aus der Kunst konform?
Nahm sich der Mensch im Mittelalter noch primär als der Natur ausgeliefert wahr, so begann er sich in der Neuzeit mit Hilfe der Technik zu emanzipieren. Technik trat damit zunehmend in Opposition zur Natur. Diese Befreiung des Menschen wurde zeitgleich aber auch immer schmerzlich als Entfremdung empfunden. So erfüllte die Kunst bald die Funktion des Mittlers zwischen der Welt des Menschen und der Welt der Natur. Der Naturzustand wurde zum Idealzustand verklärt, die Kunst zur Brücke stilisiert. Sie sollte zurückführen in den Zustand einer geschlossenen Wahrnehmung von Mensch und Welt. So wird verständlich, warum alles Technische aus der Sphäre der Kunst getilgt werden mußte.
Die durch Kant geprägte klassische Ästhetik neigt dazu, den künstlerischen Schaffensprozeß unter Aussparung der Technik zu fingieren. Das Technische wird synonym mit dem Kunsthandwerklichen und einem Mangel an kreativer Schöpfungskraft des ›Originalgenies‹. Mit dem Wandel der gesellschaftlichen Realität dringen aber auch die Maschinen verstärkt in das Bewußtsein der
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Künstler ein, drängen die technischen Apparaturen im Kunstwerk auf einen Platz in der ästhetischen Theorie. Doch die offizielle Reintegration des Maschi‐ nellen in die Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschränkt sich nicht auf eine Renaissance des barocken Maschinenbegriffs. Die Selbstbeschreibung des Menschen und seine Standortbestimmung zwischen den Antipoden Natur und Technik hat sich radikal verändert. Der Mensch fühlt sich der Natur vollends entfremdet und durch die Technik der Industrialisierung zunehmend in seiner Existenz bedroht. Den Platz in der Welt, den er sich durch das Hilfsmittel der Technik erkämpft hat, wird ihm nun scheinbar durch eine sich verselbstständi‐ gende Technik strittig gemacht. Die Kunst in ihrer Selbstbeschreibung als tech‐ nikfreier Raum erscheint nicht länger fähig, adäquate Aussagen über die Welt formulieren zu können. Das Abendland sieht sich im Untergang begriffen. Aus diesem Nährboden erwachsen die verschiedenen Strömungen der historischen Avantgarde, die sich mit unterschiedlicher Positionierung dem drängenden Problem des Maschinellen und Technischen stellen und das Zeitalter der ›Mo‐ derne‹ einläuten. Die Maschine, kybernetisch begriffen als Anordnung von Re‐ geln und Gesetzen der Transformation, wird auch in der Kunst zum Katalysa‐ tor der Transformation klassischer Ästhetik.
Die Untersuchung der Bedeutung der Technik für die Kunsttheorie der mu‐ sikalischen Avantgarde hat sich also mit dem Verhältnis von Kunst, Welt und Mensch, von Natur und Technik zu beschäftigen. Dabei geraten sowohl Fragen der Anthropologie und Ästhetik als auch der Produktion, Reproduktion und Rezeption von Kunst in das Blickfeld. Kann dieser Aufgabe nur durch die radi‐ kale Reduktion des Untersuchungsbereichs auf exemplarische Ausschnitte bei‐ gekommen werden, so ist doch der Blick über den ›Tellerrand‹ der Musik un‐ abdingbar. Denn so zerrissen sich die verschiedenen Strömungen der historischen Avantgarde auch präsentieren, 2 so stark sind doch im Gegenzug
2 Der Pluralismus der avantgardistischen Strömungen verhindert eine klare Zielsetzung und Einordnung der Kunst als Epoche: »Die Autoren, die eine Instanz vermissen, die festlegt und 4
die Bestrebungen der Integration zwischen den Künsten. Eint die Technik als Thema die verschiedenen Strömungen der Avantgarde, so macht sie als ›Tech‐ nik‹ die Fusion der verschiedenen Künste denkbar. Technik als Technik meint hier sowohl die neuen technischen Medien wie Telephon, Grammophon und Film als auch die alten technischen Medien Druckerpresse, Bühne und Konzert‐ saal. 3
In dieser Arbeit möchte ich mich auf einen Ansatz von Peter Weibel 4 stützen, der den Umbruch der klassischen zur modernen Ästhetik durch das Element des Technischen und am Beispiel der Malerei beschrieben hat. Weibel unter‐ stellt dabei der abendländischen Tradition eine Präferenz der Raum‐Kunst. Für ihn basiert auch die klassische Ästhetik auf der Ontologie des Bildes und der Abwertung transitorischer Kunst. Die neue Technik bewirkt aber die Etablie‐ rung der Zeit‐Kunst als dominanter Strömung der Moderne. Malerei und Foto‐ graphie werden durch den Film zur Auseinandersetzung mit und Rechtferti‐ gung der eigenen Statik gezwungen. Die ›eigene‹ Ästhetik der transitorischen Kunst wird dadurch auch im geschichtlichen Rückblick besonders bedeutsam. An dieser Stelle läßt sich der Ansatz gewinnbringend an eine Untersuchung der Bedeutung der Technik für die musikalische Kunsttheorie ankoppeln. Die Musik ist dabei nicht willkürliches Beispiel einer Zeit‐Kunst. Sie ist viel‐ mehr der ideale Vertreter, erlangte sie für die verschiedenen Strömungen der historischen Avantgarde doch schnell die Funktion eines Vorbilds und Vorrei‐ ters. 5 Die früher eher als Mangel der Tonkunst empfundene Unfähigkeit zur
vorschreibt, was zu gelten habe, diagnostizieren aus solchen Einsichten empört einen Avant‐ gardismus ohne weltanschauliches Ziel, charakterisieren ihn als einen fortschrittlosen Fortschritt und stehen in Wirklichkeit in der Tradition des Eislerschen ›Kampfes‹ gegen die von ihm so genannte Avantgarde des Untergangs bürgerlicher Musik in der Weimarer Republik, ohne das sie die Ergebnisse dieses Kampfes zur Kenntnis nehmen« (Giselher Schubert, Zur Einschätzung und Deutung des musikalischen Fortschrittdenkens in der Musikkultur der Weimarer Republik, S. 57). 3 Technische Apparaturen als mediale Produktions‐ und Reproduktionssysteme sind umfas‐
send dargestellt in: Friedrich Kittler, Grammophon, Film, Typewriter. 4 Peter Weibel, Transformation der Techno‐Ästhetik.
5 »Unter den verschiedenen Avantgardefraktionen des frühen 20. Jahrhunderts galt weithin als ausgemacht, daß eine Aufmerksamkeit für die spezifischen Details der Naturwelt mit der Ein‐ 5
Abbildung gereichte ihr im Zeitalter der Fotographie zum Vorteil. Geriet die bildende Kunst ob der unerreichbaren Perfektion der neuen Abbildungstechni‐ ken in die Krise, so wurde die Musik als absolute und abstrakte Kunst purer Expression zum Königsweg hin zu einer neuen Definition künstlerischer Inhal‐ te. In der, auch durch die Avantgarde weiter betriebenen Fusion der Künste zu einem synästhetischen Gesamtkunstwerk, nahm die Musik und die musikali‐ sche Kunsttheorie schnell eine zentrale Position ein. Im Rahmen technisch pro‐ duzierter Kunst und der neuen, technischen Medien wie Rundfunk und Film wurde die Bild‐ mit der Tonkunst vereinigt. Auf diese Art und Weise entstand die für das 20. Jahrhundert dominant werdende Kopplung des ›Audiovisuel‐ len‹. 6
Im Rahmen dieser Untersuchung möchte ich die Bedeutung der Technik exemplarisch für drei Grundpositionen an drei Strömungen der historischen Avantgarde nachzeichnen. Bei der Auswahl der Beispiele zeigte sich, daß die Werke und Künstler, die für die weitere Entwicklung der musikalischen Kunsttheorie unter dem Aspekt des Technischen von besonderer Relevanz waren, nur zum Teil dem ›klassischen‹ Lager der Komponisten zugerechnet werden. Es kann als symptomatisch für die Übersprechungsphänomene zwischen den Künsten gewertet werden, daß die maßgeblichen Innovationen im Bereich musikalischer Technik von den Malern des Futurismus und den Architekten am Bauhaus gemacht wurden. Es kann aber auch negativ als typisches Beispiel für die Außenseiterposition der Musik in der Diskussion
lösung des künstlerischen Ausdruckspotentials unvereinbar war. Als diejenige unter den mo‐ dernen Künsten, die am eindeutigsten expressiv und abstrakt war - und damit offenbar jegli‐ cher Abbildfunktion enthoben -, stieg die Musik bald zum Vorbild für alle anderen auf. Um die Jahrhundertwende übernahm man gern musikalische Ausdrucks‐ und Kompositionstheorien, um die Entwicklung von Architektur und Malerei voranzutreiben. (Daraus erklärt sich großteils die Bedeutung Richard Wagners und seiner Theorie für die Avantgardekünstler der Jahrhun‐ dertwende.) August Endell und Wassily Kandinsky zum Beispiel verhieß die scheinbar ›univer‐ selle‹ Expressivität der Musik die Möglichkeit einer abstrakten bildenden Kunst« (Charles Har‐
rison/ Paul Wood, Kunsttheorie im 20. Jahrhundert, S. 21).
6 Vgl.: Helmut Rösing, Musik - ein audiovisuelles Medium. Über die optische Komponente der
Musikwahrnehnumg. 6
aktueller kunstästhetischer Fragen gewertet werden, denen sie stets ein bis zwei Jahrzehnte ›hinterherhinkte‹.
Der Expressionismus muß als Sammelbegriff eine Vielzahl musikalischer Strömungen in sich vereinen. Im eher intellektuellen Expressionismus der zwei‐ ten Wiener Schule steht die innermusikalische Technik im Vordergrund. Neue Kompositions‐ und Instrumentationstechniken führen die Musik zu ihrem sys‐ tematischen Kern zurück und zelebrieren wie im Extrembeispiel des Schön‐ bergschen »Vereins für musikalische Privataufführungen« die Abkopplung von der Außenwelt. Auch auf dem Gebiet des Instrumentenbaus und neuer Spiel‐ techniken geht vom Expressionismus nur ein geringer Antrieb aus. Der expres‐ sionistischen Musik, wie sie von Igor Stravinsky oder Béla Bartók komponiert wird, kann eine gewisse Technikfeindlichkeit unterstellt werden, die sie durch den Rückbezug auf das Basale und Archaische (den ›Naturzustand‹) artikuliert, ohne aber den Dualismus von Natur und Technik ästhetisch zu überwinden. Die futuristische Musik und speziell der Bruitismus sind in ihrem Technikbezug die zentrale und wirkungsmächtigste Strömung der historischen Avantgarde. Die Technophilie des Futurismus scheint antithetisch zum Expressionismus dann auch in einer generellen Natur‐ und Lebensfeindlichkeit zu gipfeln. Die vollendete Hingebung des Menschen an die Technik und die Aufgabe seiner letzten natürlichen Wurzeln und Bande markieren die Geburt des neuen Menschen. Ihre Wirkung entfaltet die futuristische Musik aber eher durch Manifeste und inszenierte Skandale als durch bleibende Werke. So hat die futuristische Musik keinen ernstzunehmenden Komponisten hervorgebracht, dessen Musik es in den Kanon der Konzertliteratur geschafft hätte. Die maßgeblichen Umwälzungen in der Musikästhetik, wie sie durch Edgard Varèse oder John Cage in den 30er und 40er Jahren begonnen wurden, fußen aber in dieser Avantgardebewegung.
Eine Sonderposition in der historischen Avantgarde nimmt die Bauhausbe‐ wegung ein. Ganz entgegen dem zukunftsgewandten Futurismus orientiert sie
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sich an den Handwerkstraditionen des Mittelalters und springt damit vor die Zeit der ästhetischen Differenzierung von Natur und Technik, von Kunst und Kunsthandwerk. Diese neue ›alte‹ Selbstverständlichkeit erlaubt es der Bau‐ hausbewegung auf eine erstaunlich ›unaufgeregte‹ Weise die zentralen ästheti‐ schen Kategorien zu transformieren. Die technische Produktion und Reproduk‐ tion von Kunst führt hier zu ersten Experimenten mit apparativer, elektrischer Musik. Weil die Musik nicht zu den offiziellen Disziplinen am Bauhaus gehörte, findet sich kein Komponist unter den Lehrenden. Doch vermehrt sind auch be‐ deutende Komponisten wie Josef Hauer, Paul Hindemith und Hans Stu‐ ckenschmidt am Bauhaus präsent. Aber auch unter den Malern und Architek‐ ten finden sich wieder Künstler, die musikalische Werke schreiben und sie in den Kontext gesamtkunstwerklicher Bestrebungen stellen. Eine neue Welle synästhetischer Konzeptionen führt Musik, Malerei, Tanz, Theater und Film zusammen und in direkter Linie in die multimediale Medienkunst heutiger Zeit.
Es wird also deutlich, daß die Bedeutung der historischen Avantgarde für die Transformation der musikalischen Ästhetik nicht in einer Momentaufnah‐ me zu erfassen ist. Sie nimmt ästhetische Probleme und Strömungen auf, die ihr in langer Tradition vorausgehen und entfaltet ihre Wirksamkeit oftmals erst in späteren Jahren, namentlich in der Neo‐Avantgarde nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Den verschiedenen Ebenen des Technischen innerhalb der Kunst‐ theorie und Theorie der Musik werde ich mich durch exemplarische Texte nä‐ hern. Dabei setzte ich mit Richard Wagner als einem Wegbereiter der Moderne bereits vor der historischen Avantgarde an und zeichne die Entwicklung ein‐ zelner Begriffe und Themenfelder bis zur Neo‐Avantgarde nach.
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2. Technik in der Technikphilosophie 7
2.1. Einführung in den Technik- und Maschinenbegriff
Um die Bedeutung der Technik zu erfassen, ist es zuerst von Nöten, den Begriff der Technik näher zu betrachten. Technik bezeichnet sowohl Objekte als auch Praxen. Wie bereits erwähnt liegt der Bedeutungsschwerpunkt der Wortwurzel in der Praxis: gr.: téchne bezeichnet den Einsatz eines Mittels zum Zweck. Tech‐ nik ist damit keine abstrakte Größe, sondern eine menschliche Eigenschaft und Fähigkeit. Im Prinzip ist damit alles absichtsvolle Handeln, auch das nicht‐ menschliche, Technik. Obwohl Technik damit stets teleologisch ist, verbleibt sie intellektuell doch auf einer recht basalen Stufe. So ist die Abwertung der artes mechanicae vor den artes liberales nicht weiter verwunderlich. Für Aristoteles geht der Begriff der Technik dann über die bloße Praxis hin‐ aus. Sie umfaßt das absichtsvolle Erschaffen von Gegenständen, die ihrem eige‐ nen Zweck gehorchen.
»Indem Aristoteles so die poietisch‐hervorbringende Funktion der Technik hervorhebt, stellt er sie in ein deutliches Kontrastverhältnis zum natürlichen Entstehen und Vergehen. Menschliche Kunst zielt auf Schaffung und Gestal‐ tung. Vernichtung und Verfall dagegen wird den Naturkräften zugeordnet«. 8 Die Geburtsstunde der Kunst liegt also in der absichtsvollen Entfremdung von der Natur durch die Technik. Bereits an diesem Punkt ist der menschliche Wunsch nach der Befreiung aus dem Joch der ›grausamen‹ Natur spürbar. Die‐ se Wahrnehmung wird sich im Laufe der Geschichte dann mehrfach ins Gegen‐ teil verkehren.
7 Die heutige, theoretisch ausgerichtete Technikphilosophie versteht sich als Handlungstheorie oder Wissenschaftstheorie der Technikwissenschaften. Sie operiert nicht mit einer festen Technikdefinition und hat sich stets gegen einseitige Veranschaulichungen und Funktionalisierungen ›der‹ Technik in Diskursen zu wenden. Sie unterscheidet grob zwischen Techniken der Produktion, Techniken der Organisation und Humantechniken (Techniken der Veränderungen seelischen Innenlebens). 8 Dieter Birnbacher, Technik, S. 615. 9
Techniken nutzen Objekte und schaffen Objekte. Das technische Artefakt wird so zur selbständigen Kategorie. Als Werkzeug oder Instrument 9 wird es in philosophischer (Martin Heidegger) und anthropologischer (Ernst Kapp/ Arnold Gehlen) Hinsicht zum Kriterium der Menschwerdung: der Mensch ist Mensch und vom Tier geschieden durch den Werkzeuggebrauch. Ernst Kapp begreift 1877 im ersten genuin technikphilosophischen Werk das Werkzeug als Externalisierung des menschlichen Selbst, als Organprojektion (gr.: organon - Körperglied, Nachbild, Werkzeug). 10 Die von ihm geführte Argumentation verquickt Anthropologie mit Sprachwissenschaft: »wenn daher die sprachlichen Spuren der Bezeichnung eines Werkzeugs sich in fernste Zeiten zurückverfolgen lassen bis zur Tätigkeit eines Organs, wel‐ che genau mit Gebrauch und Zweck des technischen Produkts stimmt, so liegt in diesem Fall auch der Beweis vor, daß das technische Produkt von der Tätigkeit eines Organs produziert und projiziert ist«. 11 Die Schritte der technischen Entwicklung vollziehen sich »unbewußt nach organischem Muster vor sich gehende Anfertigung, dem‐ nächst die Begegnung, das Sichfinden von Original und Abbild nach dem lo‐ gischen Zwang der Analogie, und dann die im Bewußtsein wie ein Licht aufgehende Übereinstimmung zwischen Organ und künstlichem Werk‐ zeug«. 12
Kapp entwickelt also eine fast metaphysische Vorstellung der impliziten Über‐ tragung von Wissen aus dem Mensch in die Welt. Es geht ihm nicht um die Er‐ kenntnis allgemeiner, physikalischer Phänomene, denen sich der Mensch ge‐ nauso wie die Natur bedient, sondern um die eigenständige und aktive Externalisierung der Organe durch den passiven Werkzeugmacher Mensch. Denn »das charakteristische Merkmal der Organprojektion [ist] das unbe‐ wußte Vorsichgehen«. 13
9 Auf dieser noch relativ einfachen Ebene lassen sich bereits alle Musikinstrumente denken: als Zusammensetzung von teleologischer Technik (eingeschriebener Praxis) und Werkzeug. 10 Ernst Kapp, Grundzüge einer Philosophie der Technik, S. 72. Kapp formuliert hier Gedanken über die Technik, die auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf breiter Basis diskutiert werden. 11 Ebd., S. 73. 12 Ebd., S. 79.
13 Ernst Kapp, Grundzüge einer Philosophie der Technik, S. 79. 10
Der Mensch wird so in letzter Konsequenz autopoietisch konstruiert. 14 Zwar weiß sich Kapp vom technischen Weltbild des 18. Jahrhunderts abzugrenzen, verzichtet aber nicht darauf, ebenso technische Entwicklung als Erklärungs‐ und Verständnismodell für den Menschen heranzuziehen. Es kann auf anato‐ misch‐funktionale Vorgänge rückgeschlossen werden.
Arnold Gehlen übernimmt diesen Ansatz und beschreibt die Evolution der Technik in den drei Stufen: Werkzeug, Maschine und Automat. 15 Der Mensch als ›Mängelwesen‹ benötigt die Technik als Organersatz, Organentlastung und Organverstärkung. So ist es nicht das Wesen der Technik, sondern der ihr auf‐ erlegte und eingeschriebene Zweck, der sich zwischen den Mensch und seine Umwelt schiebt. Die zunehmende Angst vor der verselbstständigten Technik zu Beginn des 20. Jahrhunderts geht aber auf eine Entfremdung des Menschen durch die Technik zurück, die schon Hegel beschrieben hat:
»die Maschine ist nicht nur Differenz zur Natur, sie erschafft zugleich die Differenz des Subjekts, des Menschen, von seiner Arbeit, von seiner Tätigkeit in der Welt der Dinge«. 16
Diese Entfremdung greift auch Martin Heidegger auf, wenn er Technik als ›Ge‐ Stell‹ begreift, das nicht nur den Weg zur Natur ›ver‐stellt‹, sondern in einem aggressiven Sinne ›zum Kampf stellt‹. So kann Technik konstruktive Potenzen im »Werk‐Zeug« und destruktive Potenzen im »Ge‐Stell« entfalten. 17 Eine weitere Komplexitätssteigerung erfährt der Begriff der Technik durch die zusammengesetzten technischen Artefakte: Maschinen. Der Leibnizianer Christian Wolff definiert die Maschine 1719 als »ein zusammengesetztes Werck, dessen Bewegungen in der Art der Zusammensetzung gegründet sind.« 18 Die
14 Der Mensch schafft das Werkzeug aus sich selbst heraus. Es ist Werkzeug nur als Abbild des Menschen. Der Gebrauch des Werkzeugs konstituiert aber erst den Menschen. Der Mensch als Kategorie ist Konsequenz des Werkzeuggebrauchs. Diese Konzeption wird von den Futuristen aufgenommen, die den ›neuen Menschen‹ ebenfalls als autopoietischen Prometheus anlegen, indem sie ihm omnipotente Schöpfungsmacht durch selbst gegebene Technik zusprechen. 15 Arnold Gehlen, Die Seele im technischen Zeitalter, S. 19. 16 Werner Künzel/ Peter Bexte, Maschinendenken/ Denkmaschinen, S. 84. 17 Martin Heidegger, Die Frage nach der Technik, S. 5. 18 Werner Künzel/ Peter Bexte, Maschinendenken/ Denkmaschinen, S. 13. 11
Einfachheit dieser Definition zeugt von einen Maschinenbegriff, der sich fast unbegrenzt übertragen läßt. Jedes regelhafte und aus Teilen zusammengesetzte System ist demnach als eine Maschine zu begreifen. Die barocke Übertragung des Uhrwerks auf den Weltenlauf - die ›macchina mundi‹ - muß auf und in den Menschen und das Zusammenspiel aller seiner Werke ausgedehnt werden. So wird bereits im 17. Jahrhundert, vorangetrieben durch die Mathematik, jedes Zeichensystem (und damit jede Sprache) als abstrakte Maschine begriffen. 19 Der Maschinenbegriff koppelt sich so zunehmend von seinen physischen Wurzeln ab und wird zu einer rein informatorischen Kategorie. Die Kybernetik des 20. Jahrhunderts definiert eine Maschine lediglich noch als »Anordnung von Re‐ geln und Gesetzen, durch die gewisse Tatbestände in andere transformiert werden.« 20
In der Evolution der technischen Apparatur steht der Automat an letzter Po‐ sition. Als Maschine mit eigenem ›Antrieb‹ integriert die Technik hier (schein‐ bar) die eigene Teleologie und emanzipiert sich vom Menschen. Die große An‐ zahl barocker Lese‐, Schreib‐, Musik‐ 21 und Spielautomaten simuliert dank ausgeklügelter Feinmechanik und Uhrmachertechnik lediglich die Unabhän‐ gigkeit vom Programmierer. Die komplexen Systeme zweiter Ordnung der Ky‐ bernetik (zelluläre Automaten) haben heute den autopoietischen Zustand ver‐ selbständigter Technik erreicht.
19 Die gutenbergsche Zeichenmaschine wird für kurze Zeit zum universalen, lautmalerisch/ musikalischen Aufschreibesystem: »Es ist ein utopischer Zustand: die Grenzen der Sprache sollen mit den Lautgrenzen der Welt zusammenfallen, und zwar ohne einen Rest, von dem man nicht sprechen könne und über dessen Geheul also Sprachlosigkeit herrschte« (Werner Künzel/ Peter Bexte, Maschinendenken/ Denkmaschinen, S. 22). Bereits im 18. Jahrhundert ist dieser Opti‐ mismus verflogen. Die Suche nach der universellen Maschine aber blieb bestehen. 20 Werner Künzel/ Peter Bexte, Maschinendenken/ Denkmaschinen, S. 13. 21 Die Geburt der alleatorischen Musik beschreibt Jean Paul im Zusammenhang mit einem Mu‐ sikautomaten: »Der Komponist war ein Paar Würfel, womit der Maschinenmann nach den im Modejournal gegebnen Regeln des reinen Satzes und einer Pariser Mode musikalische Fidibus zusammenwürfelte« (Jean Paul, Sämtliche Schriften, S. 547). 12
2.2. Einführung in die Techno-Ästhetik 22
Die philosophische Disziplin der Ästhetik umfasst ein frei definiertes Begriffs‐ system, in dem Kategorien von Begriffen in Ordnungs‐, Abhängigkeits‐ und Wertehierarchien gesetzt werden. Die Formulierung einer ästhetischen Theorie bedarf einer bestimmten Menge isomorpher Merkmale aus einer kontingenten Anzahl exemplarischer Werke. Der Phase der Formulierung eines ästhetischen Wertesystems folgt die Phase der Anwendung. Der semantische Raum einer expliziten, ästhetischen Theorie wird auf ein neues Werk übertragen, das nicht zum Kanon der exemplarischen Werke ihrer Formulierung gehörte. Es wird deutlich, daß es sich um ein historisch beschränktes System handelt: die Seman‐ tik einer ästhetischen Theorie ist stets durch ›veraltete‹ Werke determiniert. Erscheinen diese Begriffe und Bezüge einer ästhetischen Theorie auf philo‐ sophischer und kunsttheoretischer Ebene diskutabel und verhandelbar, so zeigt sich doch, daß ihre realen, (kultur‐) politischen Machtimplikationen nicht frei zur Disposition stehen. Die Definitionsmacht über zentrale Begriffe wie Sinn, Wahrheit und Schönheit rührt an die Grundfesten menschlichen Seins. Ästheti‐ sche Systeme setzen Begriffe in Verbindung und Abhängigkeit und erschaffen damit Arten und Weisen, Welt zu denken. Sich der manipulativen Macht ge‐ sellschaftlich gültiger Ästhetik zu entziehen erscheint genauso unmöglich, wie sie individuell auszuüben. 23
Der Ansatz von Peter Weibel zur Beschreibung der Transformation von äs‐ thetischen Systemen basiert auf einem marxistischen Modell. 24 Seine klare und strukturierte Darstellung der Transformation klassischer Ästhetik krankt mei‐ ner Meinung nach lediglich an der Vorstellung, Macht ließe sich überwinden. 25
22 Nach: Peter Weibel, Transformation der Techno‐Ästhetik.
23 Ich verzichte an dieser Stelle auf eine eigene Machtanalytik des diskursiven Systems gesell‐ schaftlicher Ästhetik. Als Anhänger der foucaultschen Diskursanalyse würde mich mein Weg weit über den Rahmen dieser Arbeit hinausführen. 24 Vgl.: Peter Weibel, Transformation der Techno‐Ästhetik, S. 207.
25 Peter Weibel glaubt an die Überwindbarkeit der Dispositive der Macht: Anti‐Kunst schafft machtfreie Räume (Peter Weibel, Transformation der Techno‐Ästhetik, S. 245‐246.) 13
Die bleibende Dominanz klassischer Ästhetik liegt seiner Auffassung nach im Klassenkampf begründet. Sie basiert auf der Ontologie des statischen Bildes und negiert Dynamik, Immaterialität und Zeitform. Technisch produzierte Kunst basiert dagegen nicht auf einem statischen Seins‐, sondern auf einem dy‐ namischen Zustandsbegriff. Das gesellschaftlich dominante Interesse der Be‐ sitzstandswahrung aber verhindert die Durchsetzung einer prozessualen Äs‐ thetik. So haben sich Wissensmonopol und Bürgerkultur unbeeinflußt von der ersten, industriellen und zweiten, postmodernen (elektronischen) Revolution behaupten können. Die Anschlüsse der musikalischen Ästhetik an die hier vor‐ gestellte Transformation einer primär visuellen Ästhetik erfolgen in den fol‐ genden Kapiteln.
Die klassische Ästhetik erschließt sich uns bereits als Hilfskonstruktion, mit der die gestörten Relationen zwischen Mensch, Natur und Kunstwerk bzw. Kunst, Sein und Wahrheit gestützt werden sollen. Sie ist maßgeblich geprägt durch das Denken Immanuel Kants, einem Vertreter des kritischen Idealismus. Kunst wurde in ihrer Relation zum weltlichen Objekt gedacht. Die Kunstschönheit war damit die durch die zwischen Werk und Objekt etablierte Relation übertragene, natürliche Schönheit. Ausgehend vom Paradoxon der Möglichkeit, Schreckliches in der Kunst schön abzubilden, fand Kant zur Lösung des ›schönen Scheins‹:
»Schöne Kunst ist eine Kunst, sofern sie zugleich Natur zu sein scheint. An einem Produkte der schönen Kunst muß man sich bewußt werden, daß es Kunst sei, und nicht Natur; aber doch muß die Zweckmäßigkeit in der Form desselben von allem Zwange willkürlicher Regeln so frei scheinen, als ob es ein Produkt der bloßen Natur sei. […] Die Natur war schön, wenn sie zugleich als Kunst aussah; und die Kunst kann nur schön genannt werden, wenn wir uns bewußt sind, sie sei Kunst, und sie uns doch als Natur aus‐ sieht«. 26
26 Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, S. 241. 14
Kant löst das Problem durch die Auflösung der übertragenden Relation zwi‐ schen Werk und Objekt. Die Repräsentanz 27 der Objekteigenschaften im Kunstwerk entspricht nicht mehr den tatsächlichen Objekteigenschaften. Die künstlerische Repräsentation eines Objekts ist nur in sofern schön, als wir die künstliche Schönheit als solche und davon unbenommen die Relation zum Ob‐ jekt erkennen. Um die Kunst durch diese Hilfskonstruktion aber gegenüber der Natur nicht abzuwerten (die ja ohne notwendige Relation zu einem außerhalb stehenden Bezugspunkt ›schön‹ ist), muß Kunstschönheit werthaltig mit Na‐ turschönheit gleichgesetzt werden. Der Absichtslosigkeit und Freiheit der Na‐ turschönheit steht aber die absichtsvolle Zweckmäßigkeit der Künstschönheit gegenüber. Der natürlichen Ordnung setzt das System der Kunst das willkürli‐ che Regelwerk der Kunsttheorie entgegen. Die Gleichsetzung erfordert also den ›Schein‹:
»Also muß die Zweckmäßigkeit im Produkte der schönen Kunst, ob sie zwar absichtlich ist, doch nicht absichtlich scheinen; d. i. schöne Kunst muß als Natur anzusehen sein«. 28
Kunst wird so zur Illusionskunst. Sie ist aus Regeln und mit Absicht herzustel‐ len, darf diese Gemachtheit aber nicht offenbaren, sondern muß ›natürlich‹ scheinen. Sie soll uns die Wahrheit über die Welt offenbaren, und ist doch im Urgrunde ihres Seins ›falsch‹.
Ein noch größeres Problem erwächst aus der Regelhaftigkeit der Kunst. War der Künstler in der Sphäre der Naturschönheit noch frei und an keine Regeln gebunden, schränkt das Konzept einer regelnden Kunsttheorie die Kreativ‐ leistung des Schaffenden ein. Kant rettet sich mit der Etablierung des Genie‐ begriffs. Die Originalität des Genies schafft eine verhandelnde Position zwischen Natur und Kunst. Das Schaffen des Originalgenie gibt der Kunst
27 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der maßgebliche Vertreter des deutschen (absoluten) Idea‐ lismus, wendet sich gegen Kants Repräsentanztheorie: die Kunst ist ihm nicht Abbild der Na‐ tur, sondern ein Weg des Geistes zur Erkenntnis der absoluten Wahrheit. Die Entbergung von Erkenntnis durch die Kunst bleibt bis zum heutigen Tage ein tradiertes Bild, in dem sich Künst‐ ler nach wie vor inszenieren. Vgl.: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über Ästhetik. 28 Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, S. 241. 15
Regeln vor, ist aber selber regellos und nur durch das Gefühl der Erhabenheit geleitet.
»Zum Schönen der Natur müssen wir einen Grund außer uns suchen, zum Erhabenen aber bloß in uns und der Denkungsart, die in der Vorstellung der ersteren Erhabenheit hineinbringt«. 29
Zum Kriterium der Regelhaftigkeit tritt mit der Erhabenheit noch ein Konzept hinzu, das sich nicht im Naturobjekt, sondern nur im urteilenden Subjekt selber findet. So ist nur das menschliche Genie fähig, ›schöne‹, und damit werthaltige Kunst zu schaffen. Durch den Geniekult der Romantik ist der Genie‐Begriff zum wohl hartnäckigsten Konzept klassischer Ästhetik und kulturpolitischer Macht geworden. Das Konzept des Originalgenies hat alle technische, mechani‐ sche und konzeptionelle Kunst abgewertet und ihm allenfalls den Status des Kunsthandwerks zugebilligt. Die im Barock noch bestehende Verbindung zwi‐ schen Natur‐ und Geisteswissenschaften (als Disziplinen der Kunstwissen‐ schaft) wird damit in der Klassik getrennt. Kunst und Technik werden Antipo‐ den. In der Technik gibt es keinen Platz für das Wirken eines Originalgenies. So erben wir mit Kant den Mythos vom Original und vom schöpferischen Genie. Erst als sich die Künstler in der historischen Avantgarde wieder zum Stel‐ lenwert des Technischen im Produktionsprozeß des Kunstwerks bekannt ha‐ ben, beginnt die Macht von Kants Begriffssystem zu wanken. Die Bestrebungen einer Mechanisierung und Automatisierung des Schaffensprozesses stellen eine direkte Kampfansage an die Begriffe dieser Ästhetik dar. Die Sinnentleerung der Kunst, wie sie der Dadaismus vollzogen hat, ist eine Antwort auf die geisti‐ ge Überfrachtung der Kunst im Erbe hegelianischer Geisteskultur. Diese Ge‐ genbewegungen zur klassischen Ästhetik werden gemeinhin mit einer Position von ›Anti‐Kunst‹ assoziiert. 30
29 Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, S. 167.
30 Eine Darstellung zur Anti‐Kunst findet sich in: Hans Richter, DADA-Kunst und Antikunst. Der
Beitrag Dadas zu Kunst des 20. Jahrhunderts. 16
Die historische Avantgarde richtete sich auch fast geschlossen gegen das etablierte und um feste Institutionen zentrierte Kunstsystem. In einer Attitüde der Revolution und des Skandals versucht sie sich gegen das Produktions‐ und Distributionssystem der Museen und Konzertsäle aufzulehnen. Die Kunst fand dabei zu neuen Orten und Selbstdefinitionen. Inwieweit sie aber selber wieder dem ›schönen Schein‹ einer pseudo‐revolutionären Inszenierung verfiel, bleibt zu klären.
Das fundamentale Beziehungsgestell der klassischen Ästhetik ist das Dreieck Werk, Wahrheit und Sein: im Kunstwerk entbirgt sich uns Wahrheit über unser Sein. Dieses Fundamental‐Tripel wird durch die technische Kunst, sofern sie ›Anti‐Kunst‹ ist transformiert. Es kommt zu Kunstwerken ohne Wahrheit und ohne Sein, ja selbst zu Werken ohne Werk und ohne Kunst. Es kommt zu ano‐ nymen Werken und kollektiver Kunst, die dem Originalgenie den Kampf an‐ sagt. So führt die technische Kunst die Schöpfungskraft der Natur fort und er‐ hebt sich aus der Sphäre der Ontologie hin zum sozialen Akt: »Insofern ist Technik die Konstruktion des Universums als Morphogenese des Menschen, ist Technik der Text der Natur im Buch des Menschen […] Das Wesen der Technik ist also weniger das Sein als der Mensch selbst. Technik ist nicht mehr das Werkzeug, sondern das Schaffen von Werkzeu‐ gen und Werken. […] Insofern geht es bei der Technik weniger um die Un‐ terscheidung von Handwerk und Kunst, oder von Natur und Kunst oder Sein und Mensch, sondern von Wissen und Nichtwissen«. 31 Das fundamentale Beziehungsgestell der technischen Ästhetik ist also das Drei‐ eck Mensch, Sein und Technik. Die Technik verstellt dem Menschen nicht den Weg zur Natur, sondern sie stellt durch ihr Wesen des Entbergens von Wahr‐ heit menschliche Freiheit her.
»Diese dubiose Dialektik der Kehre, wonach die Technik sowohl Wahrheit entbirgt wie verbirgt, wonach die Technik sowohl die Gefahr wie das Ret‐ tende, sowohl das Sein wie Feind des Seins ist, rührt im Grunde aus der schöpferischen Funktion und schöpferischen Bestimmung der Technik selbst
31 Peter Weibel, Transformation der Techno‐Ästhetik, S. 224‐225. 17
her. Durch die Macht des Herstellens tritt die Technik gleichsam in Konkur‐ renz zur Natur«. 32
Das Problem der technischen Kunst ist das ›Ge‐Stell‹ der Technik, das sich als Apparatur in die Relation von Objekt und Werk einschleicht und auf einen Platz in der ästhetischen Theorie drängt. Durch seine bloße Präsenz aber setzt es die Kategorien wie Autonomie, Schöpfer und Originalität außer Kraft. Die Bestätigung des materiellen Apparates des Kunstwerkes aber stellt die Unmit‐ telbarkeit der Entbergung des Seins in Frage. 33
»Die ontologische Begründung des Kunstwerkes ist nur möglich, wenn ich die realen, materialen Prozesse der Konstruktion leugne. […] Der technische Apparat der Kunst zeigt, daß es keine Ontologie der Kunst gibt, keine We‐ senheiten, sondern nur Konstruktionen von Kunst«. 34 Um diese Konstruiertheit von Kunst zu verbergen, bemühte Kant seine theore‐ tischen Hilfskonstruktionen. Nur durch die Abwertung und den Ausschluß der Technik aus der ästhetischen Theorie konnte er die ›Natürlichkeit‹ der Kunst simulieren und die Trias aus Werk, Wahrheit und Sein aufrechterhalten. Die Techno‐Transformation hat das Begriffssystem der klassischen Ästhetik konse‐ quent in Frage gestellt und damit Wahrnehmung und Denkbarkeit neuer Kunstformen erst ermöglicht.
32 Ebd., S. 226.
33 Zur Entbergung von Wahrheit in der Dualität aus ›Werk‹ und ›Zeug‹ vgl.: Martin Heidegger,
Die Frage nach der Technik.
34 Peter Weibel, Transformation der Techno‐Ästhetik, S. 228‐229. 18
3. Technik in der musikalischen Kunsttheorie
Jede künstlerische Disziplin besitzt ihre eigene, ästhetische Problematik. So finden sich zwar übergreifende Themen und Begrifflichkeiten, die spezifische Ausprägung im Werk, implizite Wertkategorien und die Positionierung der Begriffsfelder aber differieren. Der Fokus der klassischen Ästhetik nach Immanuel Kant und Georg W. Hegel liegt auf der Abbildung von Natur und der Entbergung von Wahrheit über die Welt. Diese Zielsetzung der Kunst ist mit dem Wert‐ und Schönheitskriterium verbunden. Die notwendige Unmittelbarkeit der Relationen bedingt die Okkultation aller technischen Aspekte der Kunstproduktion.
Die Musik sah sich auf theoretischer und ästhetischer Ebene schon immer besonderen Anforderungen ausgesetzt. Als transitorische Kunst ist sie radikal der Zeitlichkeit und Vergänglichkeit ausgeliefert. Sie ist immateriell und abs‐ trakt. Zudem ist sie der Abbildung von äußeren Objekten nur sehr bedingt bis gar nicht fähig. Dies führte in der Kunstmusik des Abendlandes zu spezifischen Dualismen. Als transitorische Kunst kann Musik nicht ›vorgefunden‹ werden, sondern zerfällt in den Dualismus von Komposition und Interpretation. Der musikalische Künstler definiert sich im Spannungsfeld dieser beiden Begriffe. Der Schöpfer eines musikalischen Werkes hat seine auktoriale Position stets zu teilen. So muß die abstrakte Klangvorstellung zuverlässig tradierbar sein. Die Immaterialität der Musik bedingte also ein Speichermedium. Dies wurde im Zeichensystem einer Schrift gefunden. Noch heute ist das Bild dominant, das den Komponisten als Literaten stilisiert: einen ›Schreiber von Partituren‹. Die Verbindung der Musik mit anderen Künsten, primär der Literatur, erweitert sie um die Möglichkeit der Abbildung. Der Dualismus von absoluter und pro‐ grammatischer Musik eröffnet ein weiteres ästhetisches Spannungsfeld. Die Verbindung von Text und Musik erscheint dabei so natürlich, daß sie nur selten bewußt als hybride Kunstkonstruktion wahrgenommen wird. 19
Die ästhetische Konstruktion einer Unmittelbarkeit in der Relation ›Produzent - Werk - Rezipient‹ ist in der Musik schon durch den Interpreten unmöglich. Zudem schiebt sich mit dem Klangerzeuger, der technischen Appa‐ ratur des Instruments als Werkzeug, ein weiteres Element in die ästhetische Theorie. Die musikalische Kunsttheorie ist also gezwungen, in zentralen As‐ pekten der Kantschen Ästhetik eigene Wege zu gehen, koppelt sich aber nicht völlig von den Themen ab. So ist die Wahrnehmung technischer Elemente im Kontext der Tonkunst zwar stets gegenwärtig, steht der Konstruktion des Komponisten als Originalgenie aber nicht im Wege. Der Wandel des Kom‐ ponisten vom komponierenden und improvisierenden 35 Musiker am Instru‐ ment zum Literaten am Schreibtisch ist ein Phänomen der Dominanz abend‐ ländischer Schriftkultur. Die Komposition ist nicht nur ein kreativer Akt, sondern vor allem die Technik der Überführung einer abstrakten klanglichen Vorstellung in ein schriftliches Notat. Die Schrifttechnik ermöglicht sogar den (z. B. rein mathematischen) Entwurf einer Komposition, die nicht vom Klang ausgeht. 36 Auf Seiten der Interpretation des Schriftbildes zur Klangvorstellung übernimmt so zunehmend der Interpret die vom Komponisten abgefallenen praktisch‐musikalischen Attribute. Die Freiheit des Künstlers in der Improvisation wechselt zum Interpreten und führt zur Entwicklung des Virtuosentums. Hier wird die Technik durch Fragen der Spieltechnik und der Vervollkommnung des Instrumentariums präsent. Der Instrumentenbau, also die Konstruktion mechanischer Apparaturen zur Klangerzeugung, eröffnete schon der Mechanik des Barock die Möglichkeit einer ›Reproduktion‹ von
35 Bei Komponisten wie Johann Sebastian Bach oder Ludwig van Beethoven wird die ›wahre‹ Größe des Genies von Zeitgenossen in ihrer Fähigkeit der Improvisation von Musik gesehen, deren Kunstfertigkeit noch über die (später) ausnotierten Werke hinausging. 36 »Es ist nicht zufällig, daß die Vorstellung einer automatisch erzeugten Musik verstärkt in das Bewußtsein der Menschen rückte, als sich auch die Vorstellung über die Musik selbst grundle‐ gend veränderte. Der mittelalterlichen Vorstellung von Musik als einer mathematischen Wis‐ senschaft geht eine lange Entwicklung voraus, in deren Verlauf sich, ausgehend von einem überwiegend improvisierenden Musizieren, die Möglichkeiten der Fixierung und festen Orga‐ nisation von Musik herausbildeten« (Michael Harenberg, Neue Musik durch neue Technik, S. 24). 20
Musik durch Automation. 37 Der nicht immer als Vorteil empfundene Dualismus von Interpret und Komponist hielt den Wunsch nach einem technischen Speichermedium für den musikalischen Klang wach. Der ›künstliche Musiker‹ wurde so zum Vorreiter einer Mechanisierung des Menschenbildes. Die technische Entwicklung neuer Aufzeichnungsmedien für Klänge und Bilder am Ende des 19. Jahrhunderts führte in allen Künsten zu zentralen Para‐ digmenwechseln. Die Technik der Fotographie wurde als Krise der Malerei begriffen. Ihr zentrales Anliegen der Abbildung wurde durch das neue Medium deklassiert. Letztendlich stellte sie aber den entscheidenden Antrieb und die Möglichkeit dar, sich von der Bindung an die Relation zum Objekt und von der künstlerischen Aufgabe einer Abbildung der Natur zu befreien. Eine ähnliche Funktion erfüllte die Erzeugung und Speicherung von Klängen durch die Ma‐ schine. 38 Sie befreite den Komponisten vom Interpreten und machte seine Kom‐ position unabhängig vom Notat. Sie ermöglichte den Prozeß der Komposition vom Bild des Schreibens abzulösen 39 und allmählich zum heute (vor allem im Bereich der U‐Musik) dominanten Bild des ›Produzierens‹ von Musik zu über‐ führen. Durch die Integration der Maschine in den Schöpfungsprozeß der Ton‐ kunst (z. B. in der elektronischen Musik) wurde die Realisation von Klängen ermöglicht, die sich einem Notat, und damit einer Verwendung im klassischen Sinne entzogen. Es ist also zwischen der Integration der Maschine in den Be‐ reich der Interpretation und der Komposition zu differenzieren.
37 Die Geschichte der automatisierten Musik reicht bis ins Mittelalter. Reinhold Hammerstein,
Macht und Klang. Tönende Automaten als Realität und Fiktion in der alten und mittelalterlichen Welt. 38 Das Instrument als Werkzeug ist Objekt, das in der Technik seines Gebrauchs völlig vom Menschen abhängig ist. Die Maschine (z. B. Grammophon und Tonband) kann dagegen eine Subjektposition besetzen.
39 Die Setzung von ›Komponieren als Schreiben‹ ist so wirkmächtig, daß sie sich auch in den Zukunftsvisionen der Komposition erhält. Edgard Varèse schreibt 1936: »Ich bin sicher, daß die Zeit kommen wird, da der Komponist, wenn er seine Partitur graphisch realisiert hat, das Schauspiel erleben wird, daß man sie auf eine Maschine legt, die den musikalischen Inhalt dem Hörer getreu vermittelt. Da in der Partitur Frequenzen und Rhythmen angegeben werden, wird unsere heutige Notenschrift dafür nicht taugen« (Edgard Varèse, Die Befreiung des Klangs, S. 13). 21
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand die Aufnahme von Maschinenklängen ins klassische Instrumentarium im Vordergrund. Die Musiktheorie stand damit vor einem eher geringfügigen Problem: anders als in den Nachbarkünsten war Technik doch durch das ›Instrument‹ implizit schon immer im künstlerischen Prozeß präsent gewesen. 40 Klangmaschinen wie das Grammophon, der Ge‐ räuschtöner oder der filmische Lichtton bewirkten aber eine Veränderung der Tonkunst auf anderer Ebene. Hatte die verbesserte Abbildungsfähigkeit der technischen Apparatur zur Krise des Abbilds in der Bildkunst geführt, so wur‐ de durch die Möglichkeit der Reproduktion von ›natürlichen‹ Geräuschen die Abbildung in die Musik erst integriert. Der Klang der Objekte und das natürli‐ che Geräusch konnte aufgezeichnet, gespeichert und in den Konzertsaal einge‐ führt werden. So wurden neue musikalische Formen wie das Hörstück (für das neue Medium des Hörfunks) oder die Filmmusik als Vertonung des Bildes mit Musik und Geräusch ermöglicht. Der ›Soundtrack‹ des Films führt als ›Klang‐ spur‹ so in direkter Linie zur ›Sample‹‐basierten Musikproduktion heutiger Zeit. 41
40 »Die meisten Leute freilich halten Musik einzig für eine Kunst. […] Sind Sie sich bewußt, daß jedes Mal, wenn eine gedruckte Partitur zum Leben erweckt wird, sie wieder‐erzeugt werden muß durch verschiedene Klangmaschinen, die man Musikinstrumente nennt, welche unsere Orchester bilden, unterworfen den gleichen physikalischen Gesetzen wie jede andere Maschi‐ ne?« (Edgard Varèse, Die Befreiung des Klangs, S. 14).
41 Die Musik integrierte mit den neuen Apparaturen der Klangaufzeichnung und Klangmanipu‐ lation nicht nur technische Verfahren in den Kanon der Kompositionstechniken, sondern erschloß sich in den neuen Medienräumen auch neue Anschlüsse an die anderen Künste. So ist der strukturelle Einfluß der Medien Film und Rundfunk auf die innermusikalischen Techniken nicht zu unterschätzen. »So können auch mit dem Mikrophon Kontraste, Großaufnahmen, Vo‐ gel‐ und Froschperspektiven realisiert und damit normalerweise nicht wahrgenommene Eigen‐ schaften des Klanges offengelegt werden. […] Neben den hier erwähnten Möglichkeiten des umgekehrten Abspielens, die in den Anfängen der konkreten Musik häufig genutzt wurde, übernimmt Schaeffer vom experimentellen Film auch die Technik von Zeitlupe und Zeitraffer, der im Radio die Verlangsamung und Beschleunigung von Klangbildern entspricht. Auch Zoomeffekte wurden in der Tonkunst nachgeahmt und die assoziative Montage örtlich‐ und zeitlich voneinander getrennter Räume, die Eisenstein und Vertov für den Film erschlossen hatten. Auch wenn beide Medien mit der Montage konservierter Stoffe operieren, unterschei‐ den sie sich hinsichtlich der Rezeptionsbedingungen« (Nathalie Singer, Musique invisible, S.157.) 22
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Claas Hanson, 2005, Transformationen musikalischer Ästhetik durch technisch produzierte und reproduzierbare Kunst. Zur Bedeutung der Technik für die musikalische Avantgarde., München, GRIN Verlag GmbH
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