Es handelt sich hier um einen Vergleich der Sprache der europäischen Mystik, anhand von Plotins Enneade VI, 9 und Meister Eckharts Senfkorn, mit der Sprache ostasiatischer Philosophie, anhand von Laozis Daodejing und der Koansammlung Mumonkan, und der Sprache der Moderne, anhand von Nietzsches Aufsatz über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne und Hofmannsthals Chandosbrief.
Die Arbeit bemüht sich um den Nachweis, dass mystische Sprache nicht auf den mystischen Bereich einzugrenzen ist, sondern als eine Grunderfahrung der klassischen Verunsicherung zu Beginn der literarischen Moderne fungiert. So wäre ein Expressionismus ohne die Mittel der mystischen Sprache nicht denkbar.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die europäische Mystik
2.1 Das Sprachproblem der Mystik
2.2 Antworten auf die Sprachproblematik
2.3 Plotin und seine Sprache
2.5 Meister Eckhart und seine Sprache
3. Ostasiatische Philosophie
3.1 Laozi
3.2 Die Koan-Praxis des Zen-Buddhismus
4. Dichtung der Moderne
4.1 Nietzsche
4.2 Hofmannsthal
4.3 Ausblicke auf den Expressionismus
5. Schlußbetrachtung
6. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die sprachlichen Strategien, mit denen verschiedene geistesgeschichtliche Strömungen versuchen, das Unaussprechliche in Worte zu fassen. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, welche Mechanismen der Sprache eingesetzt werden, um die Grenze zwischen sagbarer Realität und dem Bereich des Mystischen oder Transzendenten zu überschreiten oder zu umgehen.
- Vergleich mystischer Sprachformen mit ostasiatischer Philosophie.
- Analyse sprachkritischer Ansätze in der Literatur der Moderne.
- Die Rolle von Paradoxie, Negation und Metaphorik als Werkzeuge.
- Untersuchung von Sprachnot und Verstummen als Ausdruck von Transzendenz.
- Verhältnis von Individuum und Sprache im Kontext der Erkenntnissuche.
Auszug aus dem Buch
2.3 Plotin und seine Sprache
Der erste Europäer, dem uneingeschränkt die Bezeichnung Mystiker zukommt, ist Plotin. Zwar gab es schon vor ihm, beispielsweise bei den christlichen Autoren Paulus und Johannes, aber auch schon bei Platon mystische Elemente, Plotin aber ist der erste, bei dem das Moment der Vereinigung im Mittelpunkt seines Schaffens steht. Daß es dabei bei dem Neuplatoniker nicht um eine Vereinigung mit Gott geht, sondern um die Vereinigung mit einem abstrakten ersten Prinzip, das er als „das Eine“ (hen), „das Erste“ (proton), „den Urgrund“ (arché) etc. bezeichnet, ist dabei interessant für die weitere Geschichte der Mystik, aber uninteressant für den Gegenstand dieser Arbeit.
In seiner Funktion als erstem europäischem Mystiker ging von Plotin eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf die nach ihm kommenden Mystiker aus. Seine Suche nach dem Urgrund kann gewissermaßen als Ursprung der europäischen Mystik betrachtet werden. Der nachfolgende Versuch, die Sprache der europäischen Mystik in bezug auf unsere Problemstellung zu analysieren, wird sich daher größtenteils an Plotin orientieren, da in seiner Sprache die meisten sprachlichen Mechanismen der späteren Mystiker bereits vorweggenommen sind.
Wann und wo genau Plotin geboren wurde, ist uns nicht bekannt. Er verheimlichte diese Fakten, wie er überhaupt, laut seinem Schüler Porphyrius, „einem Manne [glich], der sich schämte, im Leibe zu sein.“ Sein Geburtsjahr wird um 204 unserer Zeitrechnung vermutet, sein Todesjahr ist 270, mit 28 Jahren kommt er zur Philosophie und wird Schüler eines mittleren Platonikers in Alexandria namens Ammonios. Die Platonische Ideenlehre wird bestimmend für sein Denken, doch läßt er auch aristotelische und stoische Gedanken einfließen und schafft so den Neuplatonismus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, dass Sprache in der Philosophie oft an ihre Grenzen stößt, und stellt die Forschungsfrage nach den Mitteln, mit denen Autoren über das „Unsagbare“ kommunizieren.
2. Die europäische Mystik: Das Kapitel untersucht, wie mystische Traditionen, insbesondere bei Plotin und Meister Eckhart, durch Negation und Paradoxie versuchen, die Vereinigung mit dem Transzendenten zu beschreiben.
2.1 Das Sprachproblem der Mystik: Hier wird das Grundproblem definiert, dass eine unmittelbare Gotteserfahrung per se unbeschreiblich ist und somit ein kreatives Codesystem erfordert.
2.2 Antworten auf die Sprachproblematik: Das Kapitel kategorisiert die sprachlichen Lösungen der Mystiker in die vier Bereiche: Schweigen, Paradoxien, schöpferisches Sprechen und Gebet.
2.3 Plotin und seine Sprache: Plotin wird als erster europäischer Mystiker analysiert, der die Negation und das Paradoxon als Hauptwerkzeuge zur Beschreibung des „Einen“ nutzt.
2.5 Meister Eckhart und seine Sprache: Die Untersuchung zeigt auf, wie Eckhart in seinem Gedicht „Das Senfkorn“ durch radikale Paradoxien und Aufhebung von Identität Gott als „überwesenhaftes Gut“ erfahrbar machen will.
3. Ostasiatische Philosophie: Dieses Kapitel widmet sich der ostasiatischen Tradition, wobei das Dao und die Koan-Praxis als Mittel dienen, die Logik zu überwinden und eine transrationale Erfahrung zu ermöglichen.
3.1 Laozi: Die Analyse des Daodejing offenbart eine absichtliche Mehrdeutigkeit der Zeichen, die den Leser dazu zwingt, das „Dao“ durch eigene Lesart und Meditation zu füllen.
3.2 Die Koan-Praxis des Zen-Buddhismus: Hier wird dargelegt, wie Zen-Meister absurde Rätsel nutzen, um das rationalistische Denken des Schülers zu blockieren und so den Weg zur Erleuchtung (Satori) freizumachen.
4. Dichtung der Moderne: Das Kapitel beschreibt den Übergang der Sprachkritik in die Literatur des 20. Jahrhunderts, in der die Unmöglichkeit der Abbildung von Wirklichkeit zum zentralen Thema wird.
4.1 Nietzsche: Es wird analysiert, wie Nietzsche die Abbildfunktion der Sprache radikal infrage stellt, dabei aber in seinen eigenen Texten dennoch virtuos mit Metaphern agiert.
4.2 Hofmannsthal: Die Untersuchung des Chandos-Briefes zeigt auf, wie die Sprachkrise durch die Fiktionalisierung als Brief bewältigt wird und zur Hinwendung zur „einfachen Wirklichkeit“ führt.
4.3 Ausblicke auf den Expressionismus: Dieses Kapitel skizziert, wie spätere Autoren wie Carl Einstein und Gottfried Benn die Sprachlosigkeit in Hermetik und den Einsatz des Konjunktivs überführen.
5. Schlußbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass ungeachtet der unterschiedlichen religiösen oder philosophischen Hintergründe das Paradoxon und die dialogische Struktur die universellen Instrumente sind, um das Unsagbare zu thematisieren.
6. Bibliographie: Ein umfassendes Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Unsagbares, Mystik, Plotin, Meister Eckhart, Dao, Zen-Buddhismus, Koan, Satori, Sprachkritik, Moderne, Hofmannsthal, Nietzsche, Paradoxon, Negative Theologie, Transzendenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, mit welchen sprachlichen Mitteln Philosophen, Mystiker und Dichter versuchen, Bereiche des Lebens oder der Realität zu beschreiben, die eigentlich als „unsagbar“ gelten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung spannt einen Bogen von der europäischen Mystik des Mittelalters über ostasiatische Philosophien bis hin zur Literatur der Moderne und deren Sprachkrise.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Autoren durch kreative sprachliche Mechanismen wie Paradoxien und Metaphern dennoch über das kommunizieren, was außerhalb der logischen Sprache liegt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche Analyse, die Texte primär nach ihren sprachlichen Strukturen, rhetorischen Strategien und ihrem Bezug zur Transzendenz untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der europäischen Mystik, der ostasiatischen Philosophie und der literarischen Moderne, um Gemeinsamkeiten in der Handhabung des Unsagbaren zu finden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Unsagbares, Paradoxon, Transzendenz, Satori, Sprachkrise und Mystik.
Warum ist das „Eine“ bei Plotin so schwer zu beschreiben?
Da das „Eine“ laut Plotin außerhalb der Welt des Seienden und unserer logischen Vorstellungskraft liegt, können herkömmliche Begriffe die transzendente Erfahrung nicht greifen.
Welche Funktion hat das Wort „Mu“ im Zen-Buddhismus?
Das „Mu“ dient im Zen als Werkzeug, um den Dualismus von Sein und Nichtsein aufzuheben und den Schüler aus der logischen Fragestellung heraus zur Satori-Erfahrung zu führen.
Wie löst Hofmannsthal im „Chandos-Brief“ die Sprachnot?
Indem er die Sprachnot thematisiert und den fiktiven Brief als Dialograhmen nutzt, versucht er, durch sinnliche Metaphern eine unmittelbare, erfahrungsnahe Sprache zu simulieren.
- Arbeit zitieren
- Magister Artium Norbert Krüßmann (Autor:in), 2003, Sprache am Rande des Unsagbaren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/56500