Der 8.Mai 1945 besiegelte mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Streitkräfte das Ende des Zweiten Weltkrieges und damit das Ende des Dritten Reiches. Gleichzeitig markiert dieses Datum den Beginn einer großen Aufgabe. Europa mußte sich nun wieder aus den Trümmern erheben, die jene Jahre unter Hitler hinterlassen hatten. Den Blick auf Deutschland gerichtet, erscheint der Wiederaufbau der späten 40er und der gesamten 50er geradezu utopisch verlaufen zu sein. Aus den Schuttbergen der Städte erwuchsen neue Gebäude, die wirtschaftliche Lage verbesserte sich rapide, es gelang die Stellung des Landes in der Welt wieder zu stabilisieren und es entstand ein breites kulturelles Spektrum.
Es scheint allerdings zweifelhaft, ob diese Dinge allein genügen, um von einem erfolgreichen Wiederaufbau zu sprechen. Gehört dazu nicht auch die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und deren Aufarbeitung? In wieweit dies, aber auch die bewußte Wahrnehmung der gegenwärtigen Situation, in den 50er Jahren erfolgte, ist aus heutiger Sicht schwer zu beurteilen.
1 Siepmann, E., Lusk, I. und Holtfreter, J. (Hrsg.): Bikini - Die fünfziger Jahre.
Eine systematische Betrachtung der politischen Lage nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der gesellschaftlichen Situation und des kulturellen Angebotes jener Zeit mag diese Frage doch zumindest tendenziell beantworten.
Die Situation nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8.Mai 1945 war katastrophal. Es zeigte sich ein Bild der Verwüstung zusammengesetzt aus ca.55 Millionen Toten, Vertriebenen, Flüchtlingen und Verschleppten, einer nie gekannten Obdachlosenproblematik zwischen unbewohnbaren Trümmern und einer Wirtschaft, die vollständig am Boden lag. Geld galt als praktisch wertlos, da sich in Folge der Kriegswirtschaft zuviel in Umlauf befand. Zudem hatte Deutschland den Krieg verloren und trug die alleinige Kriegsschuld, weshalb es zu Wiedergutmachungen verpflichtet und mit entsprechenden Maßnahmen belegt wurde. Als eine der einschneidendsten Maßnahmen erwiesen sich wohl die Demontagepläne, die den Abbau zahlreicher Rüstungsindustrien vorsahen, was für einige Städte wohl das endgültige wirtschaftliche Aus bedeutet hätte. Wie sollte nun es weitergehen?
Die Entscheidung wie nun weiter zu verfahren wäre, oblag den Siegermächten. Durch die Konferenzen von Jalta und Potsdam 1945 wurde das besiegte Land in vier Sektoren unterteilt: Einen Amerikanischen, einen Britischen und einen Französischen, die zusammen die Westzone bildeten, und einen Sowjetischen bzw. die Ostzone. Trotz der Aussplitterung herrschte zunächst Einigkeit darüber, Deutschland als eine Einheit zu verwalten. Schnell wurde allerdings deutlich, daß ein gemeinsamer Kurs kaum zu finden sein würde: 2
2 Adenauer, K.: Erinnerungen 1953-1955. Stuttgart 1966. S.15
3
„Die Westmächte und die Sowjetunion waren während des Zweiten Weltkrieges durch das gemeinsame Interesse an der Niederringung Deutschlands miteinander verbunden. Je sichtbarer der Zusammenbruch Deutschlands wurde desto deutlicher trat die grundsätzlich unterschiedliche Interessenlage der Kriegsverbündeten wieder zutage. Die auf die Weltherrschaft des Kommunismus ausgerichtete Politik der Sowjetunion zeigte sich wieder unverhüllt, namentlich in den Europa und insbesondere Deutschland betreffenden Fragen. Die Politik der Westmächte hingegen basierte auf der Verwirklichung und Erhaltung einer freien demokratischen Lebensform, wie sie sich im Laufe der Jahrhunderte in Europa herausgebildet hatte.“
Um den Wiederaufbau in Deutschland und ganz Europa voranzutreiben, kündigte der amerikanische Außenminister George C. Marshall im Juni 1947 ein Hilfsprogramm an, das European Recovery Program, später besser bekannt als Marshall-Plan. Dieser entscheidende Schritt in Richtung wirtschaftliche Erholung, beinhaltete an erster Stelle eine Währungsreform und durch die dementsprechende Einführung der Deutschen Mark 1948 anstatt der wertlos gewordenen Reichmark, füllten sich die Geschäfte tatsächlich praktisch über Nacht mit all den Waren, die zuvor nur auf dem Schwarzmark zu bekommen waren. Dies stärkte das Vertrauen und die Hoffnung der Bevölkerungzumindest derjenigen, die in der Westzone lebten.
Die Sowjetunion lehnte für sich und die von ihr beherrschten Länder, einschließlich der Ostzone Deutschlands, die angebotene Teilnahme am Marshall-Plan ab und versuchte darüber hinaus, nicht zuletzt durch die Blockade des westlichen Berlin, die Verbindung der Westzone mit Amerika zu verhindern oder wenigstens zu verzögern. Die Kluft zwischen den Besatzungsmächten vertiefte sich.
Zwar gab es in der Besatzungspolitik der Westmächte anfangs zwar ebenfalls gewisse Unterschiede, doch die potente Stellung der USA, die politisch und ökonomisch gestärkt aus dem Krieg hervorgegangen waren, führte schnell zu einer Unterordnung Großbritanniens und Frankreichs unter die Interessen Amerikas. 3
3 Vgl. Siepmann, E. u.a. (Hrsg.): Bikini - Die fünfziger Jahre. Berlin 1981. S.12
4
Genau genommen standen sich also ab diesem Zeitpunkt zwei Nationen mit differenten Motivationen gegenüber: Auf der einen Seite die Sowjetunion im Zeichen des Kommunismus und auf der anderen Seite die USA als Land des Kapitalismus. So prägte diese schwelende Feindschaft, die als „Kalter Krieg“ in die Geschichte einging ein ganzes Jahrzehnt.
Mitten in diesem Disput stand Deutschland, das nun langsam aber stetig aufhörte als Einheit zu existieren. Aus einem Staat erwuchsen 1949 mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik Zwei, die sich im Verlauf der 50er Jahre immer stärker an ihren jeweiligen Bündnispartner annäherten. Im selben Jahr noch erfolgte im Petersberger Abkommen die von den USA und der BRD bekundete Absicht, die Eingliederung der Bundesrepublik in das westeuropäische Bündnissystem herbeizuführen.
Dabei sollte ihr Status nicht mehr der eines Besiegten ohne Rechte sein, sondern nach und nach der eines gleichberechtigten Mitglieds. Dies war der Beginn einer vielversprechenden Entwicklung: 4
„Die Teilnahme der Bundesrepublik als geachteter und gleichberechtigter Partner an übernationalen Zusammenschlüssen setzte eine Stabilisierung der Lebensverhält-nisse voraus, die dem Ausland Vertrauen in die zukünftige deutsche Entwicklung geben konnte. Die frühen fünfziger Jahre waren in Westdeutschland einer intensiven Aufbauarbeit gewidmet, die sich auf allen Ebenen des politischen, rechtlichen, sozialen und gesellschaftlichen Lebens beobachten ließ. Dementsprechend fanden sich die Westmächte bereit, ihre Besatzungsrechte einzuschränken und der Bundesrepublik nach und nach größere Souveränitätsrechte zuzubilligen.“
1955 trat die BRD der NATO bei und bereits einige Monate darauf kam es, trotz offiziell gegenteiliger Beteuerungen im Petersberger Abkommen, zur Wiederbe-waffnung durch die Gründung der Bundeswehr. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wurde deutlich, daß die Alliierten ihr ursprüngliches Ziel, Deutschland zu einem ihnen untergeordneten, entmilitarisierten Gebiet umzuformen längst verworfen hatten.
4 Lilge, H.: Deutschland 1945-1963. Hannover 1980 12 . S.83
5
Schließlich würde sich ein gleichgestellter Staat mit militärischer Schlagkraft in Anbetracht des Kalten Krieges als wesentlich konstruktiver erweisen.
Allerdings bedeutete diese verstärkte Annäherung auch eine immer größer werdende Spaltung der beiden deutschen Gebiete, denn auch die DDR-Regierung verfolgt einen parallelen Kurs in Hinsicht auf die Sowjetunion. Auch hier kommt es zur Wiederbewaffnung durch die Gründung der Nationalen Volksarmee, zum Beitritt in den Warschauer Pakt 1955 und damit ebenfalls zu einer politischen und militärischen Angliederung. Besiegelt wird dieses Auseinanderdriften der beiden deutschen Staaten im Bau der Mauer 1961.
Die gesamten 50er Jahre waren also von dem tiefgehenden Konflikt zwischen Ost und West geprägt. Realistisch betrachtet könnte man sogar sagen, während des gesamten Jahrzehnts schwebte das Damoklesschwert eines erneuten Krieges über der Bevölkerung.
1.2. Die Ära Adenauer
Die 50er Jahre werden in den meisten Geschichtsbüchern in einem Atemzug mit der Ära Adenauer genannt - nicht zu unrecht. „Der im Jahre 1876 geborene Dr.Konrad Adenauer war zweifellos die überragende Erscheinung unter den deutschen Politikern der Nachkriegszeit. Er galt, solange er regierte, als der starke Mann im Nachkriegsdeutschland. Daß seine Politik nicht unbestritten ist, mindert nicht seine Leistung.“ 5
Von 1949 bis 1963 gelang es ihm als einer der wichtigsten politischen Instanzen des Staates durch die soziale Marktwirtschaft oder die Einschränkung der Demontagen für wirtschaftliche Stabilität zu sorgen. Zudem legte er die Basis, Deutschland allmählich wieder die Eigenständigkeit zu verschaffen, die es eingebüßt hatte. Schritte in eine freiheitlich-demokratische Zukunft wie die Pariser Verträge 1954, in denen neben dem Beitritt zur NATO auch von einem Ende des Besatzungsregimes die Rede war, oder der
5 Noak, P.: Die deutsche Nachkriegszeit. (Geschichte und Staat Bd.114/115). München 1973 2 . S.37 f.
6
Elysee-Vertrag 1963, in dem die kaum denkbare Aussöhnung mit Frankreich besiegelt wurde, wären ohne Adenauer wohlmöglich nie zustande gekommen: 6
Schon früh hatte er erkannt, daß ein besiegtes, besetztes Volk eine völlig andere auswärtige Politik verfolgen müsse, als eines, das sich in normalen Verhältnissen befindet. Sein Kurs war deshalb in erster Linie geprägt von der Annäherung an Amerika und erst in zweiter Linie von dem Bestreben eine Wiedervereinigung mit der DDR durch Verhandlungen mit der Sowjetunion zu erwirken; dennoch verlor er nie das übergeordnete Ziel der Schaffung einer souveränen Position für die BRD aus den Augen.
Diese „Versteifung“ auf das Primärziel USA wurde ihm allerdings in Regierungs-kreisen häufig zum Vorwurf gemacht. Sein Streben sich das Wohlwollen Amerikas zu sichern, stünde der Wiedervereinigung Deutschlands nur im Wege und führe zu einer immer breiter werdenden Kluft zu Moskau. In der Bevölkerung wurde das „Problem“ jedoch weit weniger dramatisch aufgefaßt. Man hatte Vertrauen in die Kompetenz Adenauers als Staatsmann.
Auch wenn man nicht jede Maßnahme, in erster Linie die Wiederbewaffnung, guthieß, bestand für die Mehrzahl der Bürger kein Zweifel daran, daß kein anderer Politiker fähiger wäre, das Land aus der Krise und in eine positive Zukunft zu führen. 7
Allerdings, auch wenn sich dieses Vertrauen der Bevölkerung als gerechtfertigt erwies, ist es dennoch in gewisser Hinsicht als blind zu bezeichnen. Kaum jemand hinterfragte Adenauers Motive oder seine Persönlichkeit. Ob er bzw. seine Minister im Nazi-Regime gedient hatte oder ob er während dieser Zeit überhaupt in Deutschland verweilte schien niemanden zu interessieren. 8
6 Vgl. Adenauer, K.: Erinnerungen 1953-1955. Stuttgart 1966. S.63
7 Vgl. Meinungsumfragen: siehe Anhang
8 Vgl. Meinungsumfragen: siehe Anhang
7
Hierin könnte man den ersten Hinweis sehen, daß eine Aufarbeitung der Vergangenheit noch nicht (ausreichend) stattgefunden hatte, denn wie sonst ließe sich erklären, daß die Menschen immer noch bereit waren, einem Mann ohne wirkliche Kritik oder einem gewissen Maß an gesundem Mißtrauen zu folgen - nur diesmal Adenauer und nicht Hitler.
1.3. Exkurs: Die Zustände in der DDR
Bisher war überwiegend von der BRD und von der sich dort augenscheinlich rapide verbessernden wirtschaftlichen und politischen Lage die Rede. Wie aber zeigten sich die Zustände in der Ostzone?
Nach dem Text der Verfassung, die von der provisorischen Volkskammer 1949 in Kraft gesetzt worden war, galt sie als ein bürgerlich-parlamentarischer Staat. In der Realität aber zeigte sich, dass die Deutsche Demokratische Republik durch die SED unter Generalsekretär Walter Ulbricht nach dem Vorbild der Sowjetunion umgebildet wurde. „Während sich in der Bundesrepublik das politische Leben seit Inkrafttreten des Grundgesetzes vielseitig und in neuen Formen weiterentwickelte, nahmen Vereinheitlichung und Gleichschaltung von Parteien und Verwaltung, von Wirtschaft und Gesellschaft in der DDR ihren Fortgang.“ 9
Der Aufbau des Kommunismus bzw. Sozialismus schritt unaufhaltsam fort und auch die Verfolgung politisch Andersdenkender gehörte seit der Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit zum Alltag. Zudem wurden die Demontagen der Rüstungsbetriebe und ähnliche Maßnahmen durch die UdSSR wesentlich rigoroser vorgenommen als dies in der BRD der Fall war, obwohl man dem „verhassten Westen“ wirtschaftlich bereits deutlich hinterher hinkte. Die erschwerte Situation führte zu einer tiefgreifenden Ablehnung der Regierung innerhalb der Bürger: 10
9 Lilge, H.: Deutschland 1945-1963. Hannover 1980. S. 96
10 Noak, P.: Die deutsche Nachkriegszeit. München 1973. S.98
8
Arbeit zitieren:
Magistra Artium Daniela Herbst, 2004, Die Fünfziger Jahre - Der Wiederaufbau in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Bertolt Brechts 'Die heilige Johanna der Schlachthöfe'
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 21 Seiten
Gedichtanalyse und Interpretation zu 'Sachliche Romanze' von E...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 14 Seiten
The role of marriage in Jane Austen's 'Pride and Prejudice'...
Hausarbeit, 15 Seiten
Marriages and the alternatives in Jane Austen´s 'Pride and Prejudi...
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Reifenwechsel an einem PKW (Unterweisung KFZ-Mechatroniker / -in)
AdA Handwerk / Produktion / Gewerbe - Kfz-Berufe
Unterweisung / Unterweisungsentwurf, 15 Seiten
Daniela Herbst's Text Die Fünfziger Jahre - Der Wiederaufbau in Deutschland ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Daniela Herbst hat den Text Die Fünfziger Jahre - Der Wiederaufbau in Deutschland veröffentlicht
Daniela Herbst hat einen neuen Text hochgeladen
Kunst und Kunstverständnis in ...
Bernhard Denscher, Berthold Ecker, Wolfgang Hilger, Klaus Kastberger, Evelyne Polt-Heinzl, Michael Wolschlager, Wolfgang Astelbauer, Stephen Grynwasser, Rebecca Law
treibhaus. Jahrbuch für die Literatur der fünfziger Jahre 5.2009
Das Jahr 1959 in der deutschsp...
Günter Häntzschel, Ulrike Leuschner, Sven Hanuschek
Sechzig Jahre Bundesrepublik Deutschland
Forschungsbeiträge tunesischer...
Maike Bouassida, Mohamed Hedi Ferchichi, Michael Fisch
Schlüssel-Kinder ( Schlüsselkinder). Kindheit in Deutschland 1950 - 19...
46 Geschichten und Berichte vo...
Jürgen Kleindienst
0 Kommentare