Pilgerfahrten angelsächsischer Könige nach Rom - ein Bild, das vor allem im Mittelalter des 7. und 8. Jahrhunderts zu Tage tritt und eine gewisse Besonderheit darstellt. Besonders in dem Sinne, dass nicht nur Angehörige niederen Standes Britannien verließen und diese Reise antraten, sondern Menschen jeder Schicht, Kleriker und Laien, Männer und Frauen, Bauern und Herrscher. 2 Auf letztere nun richtet sich der Blick dieser Arbeit. Dabei gilt es nicht nur Namen aufzulisten oder Biographien, vielmehr gilt es die Frage zu klären, welcher Beweggrund sie veranlaßte die „ewige Stadt“ aufzusuchen. Es gilt zu klären, wieso ein an sich kriegerisch veranlagter Mann zum anscheinend demütigen Büßer wird und es gilt zu klären, welche Rolle St. Petrus und auch Bischof Wilfrid in diesem Zusammenhang spielen, die uns dabei unweigerlich begegnen werden.
1 Beda.. Baedae historia ecclesiastica gentis Anglorum. Hg. von Alfred Holder (Germanischer
Bücherschatz, Bd.7). Freiburg I.B. und Tübingen 1882. Liber V.Caput 7. (Vt Caedualla rex
Occidentalium Saxonum baptizandus Romam nenerit: sed et successor eius Ini eadem
beatorum apostolorum limina deuotus adierit), S.236f.
Vollständige Grabinschrift: siehe Anhang
2 Vgl. Ebd. Liber V.Caput 7
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Viele Orte, wie Jerusalem oder Santiago de Compostella, stehen während des Mittelalters im Ruf, zahlreich besuchte Wallfahrtsorte zu sein, sowohl für Könige als auch für deren Untertanen. Warum also führen die Pilgerfahrten der angelsächsischen Herrscher gerade nach Rom ?
Die ehemals strahlende Stadt der Antike hatte schon längst nicht mehr ihr damaliges Ansehen inne. „Das Papsttum war nur mehr eine moralische Größe. Der alte Primat schien völlig vergessen.“ 3 Die Vorstellung einer allumfassenden Kirche konnte der Realität nicht standhalten und wich partikularen Landeskirchen.
Allerdings besitzt Rom zahlreiche Märtyrergräber, von denen sich besonders zwei hervorheben, da sie die vornehmsten unter den Heiligen beherbergen: Den Apostel Paulus und Sankt Petrus. In dieser Tatsache, mit ihrer religiösen Bedeutung, lag ein Ausgleich des vorangegangenen Statusverlusts, der Rom gleichzeitig ein neues Gesicht verlieh. Deutlich zu sehen ist dieses veränderte „Image“ bei den Angelsachsen, denn im Vergleich zu den Menschen vor ihnen, stellt sich Rom ihnen nicht mehr als Institution an sich dar, sondern als die „durch die heiligen Gebeine der Apostel geweihte Stadt.“ 4 Diese Tatsache allein kann die angelsächsischen Könige aber nicht dorthin getrieben haben.
Der Kern des Ganzen findet sich in der Person des Petrus, denn seine Verehrung spielt die wichtigste Rolle in diesem Gefüge. Ihn haben die Angelsachsen zum eigentlichen Zentrum ihres christlichen Glaubens gemacht. Dem Ort seiner letzten Ruhe nahe zu sein und ihm damit zu huldigen, ist das eigentliche Anliegen der Herrscher aus England. Bleibt noch die Frage offen, woraus die Verbindung mit dem Heiligen Stuhl und Rom resultiert. Dies bleibt nämlich, trotz der Gründung verschiedener Petrusklöster auf eigenem Boden, beispielsweise in Winchester oder Peterborough, das entscheidende Ziel der Pilger.
3 Theodor Zwölfer. Sankt Peter Apostelfürst und Himmelspförtner - Seine Verehrung bei den
Angelsachsen und Franken. Stuttgart 1929. S.20.
4 Beda. Baedae historia ecclesiastica gentis Anglorum. Holder. Liber V.Caput 2 (Vt episcopus
Iohannes mutum et scabiosum benedicendo curauerit). S. 228ff.
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Dabei sind zum einen natürlich die Gebeine des Heiligen ausschlaggebend, zum anderen aber auch der Papst selbst. Er gilt nämlich als dessen irdischer Vertreter, da die Vorrangstellung im Kreise der Apostel, begründet durch Jesu Verheißung (Matth. 16,19), auf ihn, seinen Nachfolger, übergegangen ist. 5
Zusammenfassend läßt sich also sagen, dass die Wallfahrten nicht auf einen bestimmten Ort hin ausgerichtet waren, sondern auf eine religiöse Figur beziehungsweise auf dessen weltliche Entsprechung. Die angelsächsischen Könige pilgerten also genau genommen vielmehr zu Sankt Petrus als nach Rom - aber warum ?
2. Gründe für die zentrale Stellung des Sankt Petrus
In der 2.Hälfte des 7.Jahrhunderts wurde die ursprüngliche Kirchenform Englands endgültig von der römischen verdrängt und die Verbindung zum apostolischen Stuhl, in erster Linie jedoch zu Petrus gefestigt. Zunächst unerklärlich ist, warum ein Heiliger einen solchen Einfluß auf die Angelsachsen haben konnte, dass mancher sogar bereit war seine Herrschaft aufzugeben, nur um in seiner Nähe zu sterben. Er scheint dort gewirkt zu haben, wo die Missionare Gregors des Großen und alle übrigen Christen versagten, denn ihr Eintreffen auf der Insel stellte durchaus nicht die erste Begegnung mit der christlichen Welt dar. Bereits sehr früh haben wohl intensive Kontakte nach dem Festland um die Nordsee und auch Handelsaktivitäten mit Importwaren aus dem östlichen Mittelmeerraum stattgefunden, was eine gewisse Bekanntschaft mit dem Christentum vermuten läßt. 6
Dies belegt der Fund eines Schiffsgrabes in Sutton Hoo, nahe London, das neben Indizien für diese Theorie auch den Leichnam eines Herrschers aus East Anglia, datiert auf den Beginn des 7.Jh., enthielt. Da es sich, seiner Ausstattung nach zu urteilen, um einen heidnischen Wotanskönig handelte, darf man allerdings eine tiefgreifendere Beziehung zum „neuen Glauben“ wohl ausschließen.
5 Vgl. Bertelsmann. Großes Handlexikon in Farbe. Gütersloh 1979. S.818
6 Vgl. Bertelsmann. Die Große Illustrierte Weltgeschichte I - Urgeschichte bis Mittelalter.
Gütersloh 1964, 1969 G. S. 1478.
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Aethelbert von Kent (560-616) war sogar mit einer praktizierenden Katholikin namens Berta verheiratet. Gregor selbst forderte jene Merowingerprinzessin in einem Brief dazu auf, ihren Gemahl zu bekehren. 7 Dieses Unterfangen blieb jedoch erfolglos, denn er ließ sich nicht taufen und blieb Zeit seines Lebens Heide. Sein Interesse am Missionsunternehmen resultierte lediglich „aus Gründen des Prestiges und der Machtpolitik.“ 8 Der Grund weswegen besagter Apostel im folgenden einen so hohen Stellwert einnehmen konnte und sie schließlich doch das Knie vor ihm beugten, liegt zunächst in zwei Eigenarten des germanischen Volkes. Erstens sind sie davon überzeugt, dass nur Heilige göttliches Wirken auf der Erde ermöglichen und, wenn man so will, als Werkzeug fungieren. Zweitens baut ihre religiöse Demut auf dem Dienst an einem Schutzpatron auf und nicht nur in dessen Verehrung. Dementsprechend ziehen die Angelsachsen bei Pilgerfahrten auch nicht unterwürfig, wie man im allgemeinen erwarten würde, nach Rom, sondern ausgerüstet wie Heerführer und begleitet von einer berittenen Mannschaft. Die „peregrinatio“ gestaltete sich hier so gesehen in Form eines Kriegsdienstes für Christus („militia Christi“). 9 Folgt man diesem Gedanken, führt er irgendwann unweigerlich zu Petrus, denn wen hätten sie sich zum Patron erwählen sollen, wenn nicht den Obersten in der Hierarchie der Heiligen ? Darüber hinaus muß er als Himmelspförtner ihnen am edelsten erschienen sein. Schon in der Synode von Whitby (664), die zu einer Vereinheitlichung des Ostertermins diente, wird die endgültige Entscheidung von einem Wettstreit zwischen den Aposteln Johannes und Petrus, der (unter Berufung auf Matth. 16,18,19) letzendlich den Sieg davonträgt, abhängig gemacht. 10 Somit könnte man schlußfolgern, dass die angelsächsischen Könige nur bereit waren ihm ergeben zu dienen, weil er sich in ihren Augen als dessen würdig erwies.
7 Vgl. Gregor I der Große. Epistulae. Eddition M. unter www.newadvent.org/fathers
Liber XI.Epistula XIX (Gregorius Bertae Reginae Anglorum).
8 Lutz E.von Padberg. Die Christianisierung Europas im Mittelalter. Stuttgart 1998. S. 74.
9 Vgl. Theodor Zwölfer. Sankt Peter Apostelfürst und Himmelpförtner. S.37.
10 Vgl. Eddius Stephanus. Vita Sancti Wifridi Episcopi Eboracencis. In The Life of Bishop
Wilfrid by Eddius Stephanus. Hg. von Bertram Colgrave. Cambrige 1927. Chapter X (De
conflictu sancti Wilfrithi presbiteri contra Colmanum episcopum de ratione paschae). S.20ff.
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Um einen tiefergehenden Einblick in die Wallfahrten der angelsächsischen Könige und ihre Motivation zu gewährleisten sind zwei Dinge nötig. Zum einen sollte man sich nicht nur mit der Handlung selbst befassen, sondern ebenso mit der Lebensgeschichte, die dahinter steht. Zum anderen sollten auch diejenigen unter ihnen erwähnt werden, die zwar eine solche Unternehmung planten, sie jedoch aus unterschiedlichsten Gründen nie in die Tat umgesetzt haben. Stellvertreten für letztere stehen die Regenten Oswiu und Edward der Bekenner. Oswiu (642-670) besteigt als Nachfolger Oswalds zu einer Zeit den Thron von Nordhumbrien, da die römische Mission aufgrund der Niederlage König Edwins in der Schlacht von Hatfield (633) vorerst beendet ist, und öffnet, wie sein Vorgänger, irischen Mönchen das Land. 11 Auf diese Weise ermöglicht er dem Christentum, in Form von Gegnern Gregors I, den Einzug in das noch heidnische Gebiet, allerdings nicht aus religiöser Überzeugung. Er scheint lediglich darauf bedacht, seine Macht, seinen Erfolg und sein Glück zu sichern. Nachdem aber das Zusammentreffen der, im Norden dominierenden, Abtbischöfe aus Irland und der, im Süden vorherrschenden, römischen Bischöfe zu einer kirchlichen Spaltung Englands führt, sieht sich Oswiu wegen der untragbaren Situation (v.a.unterschiedlicher Ostertermin) gezwungen einzugreifen. 12 Auf der Synode zu Whitby, auf der man eine endgültige Klärung anstrebt, wird er nun, in seiner Funktion als Herrscher und Schiedsrichter, mit Sankt Petrus konfrontiert, von dessen Vorrangstellung unter den Heiligen er sich im Laufe der Diskussion überzeugen läßt und deshalb schließlich die Entscheidung zu Gunsten der, sich auf ihn berufenden, römischen Seite fällt. 13 Im Folgenden vertreibt er die irischen Missionare, die ihm zuvor treu bei der Festigung seiner Herrschaft gedient hatten, und plant wenig später eine Pilgerfahrt zu den Gebeinen des Heiligen.
Scheint es nun realistisch anzunehmen, dass allein die Bedeutsamkeit des Apostel-fürsten einen solchen Umschwung im Denken dieses Mannes bewirkt hat ?
11 Vgl. Lutz E. von Padberg. Die Christianisierung Europas im Mittelalter. S. 79.
12 Vgl. Ebd. S.79.
13 Vgl. Eddius Stephanuns. Vita Sancti Wilfridi Episcopi Eboracencis. Colgrave. Chapter X. S.20ff.
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Magistra Artium Daniela Herbst, 2002, Pilgernde Könige. Angelsächsische Könige als Pilger in Rom, München, GRIN Verlag GmbH
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