8. Unvorhersehbare Faktoren und eine mögliche Wende
8.1. Die Pest von 1237. S. 70 - 72
8.2. Herzog Swantopolk. S. 72 - 76
8.3. Gab es eine Wende in der Vorgehensweise des Ordens? S. 76 - 78
9. Das preußische Unternehmen im Rahmen der Missions-
konzepte
9.1. Allgemeine Einteilung der Missionsmethoden. S. 78 - 80
9.2. Die Einordnung der Preußenmission. S. 80 - 81
9.3. Missionsmethoden, die erwogen wurden. S. 81 - 84
Schlu ßwort. S. 85 - 89
Anhang
1. Karten von Preußen
1.1. Karte Ostpreußen und seine Einteilung in die verschiedenen
S. 90
Gaue.
1.2. Die Angriffslinie des Deutschen Ordens. 90
2. Einige chronologische und begriffliche Daten
2.1. Die Hochmeister des Deutschen Ordens von 1198 bis 1290. 91
2.2. Die Päpste von 1198 bis 1285. 91
2.3. Die wichtigsten Burgen- und Städtegründungen des
Deutschen Ordens im Preußenland. 92
2.4. Konkordanz der Ortsnamen. 92
3. Bilder zur Geschichte des Deutschen Ordens. S. 93 - 94
4. Die Struktur des Deutschen Ordens im Überblick. 95
5. Die preußischen Bischöfe aus dem Deutschen Orden. S. 96 - 97
Literaturverzeichnis S 98 - 101
Einleitung
„Die Bestrebungen des Mittelalters (...) bestanden in einem doppelten Kampfe, nämlich im Kampfe um die Macht und in demjenigen um den Glauben,
die Vereinigung des Mönchtums und des Rittertums in den geistlichen Ritterorden,
Diese, durch Otto Henne am Rhyn so treffend vorgebrachte Beschreibung des geistlichen Rittertums bildet den übergeordneten Rahmen dieser Arbeit, denn auch der Deutsche Orden 2 zählt, neben den Johannitern und Templern, zu den drei großen Vertretern dieser Kategorie. Somit muß auch das eigentliche Thema, „Die Mission des Deutschen Ordens in Preußen“, in diesem Zusammenhang gesehen werden. Sie ist in die Dualität zwischen Mönch und Ritter eingebettet - sie ist ein Produkt ihrer Zeit. Welche Bedeutung dieser Umstand mit sich bringt, wird die Darstellung der Ereignisse zeigen. Die Frage, der dabei im Besonderen nachgegangen werden soll lautet, ob und inwieweit dem Unternehmen eine festgelegte Strategie zugrunde lag oder ob sich die Deutschritter nur den gegebenen Umständen anpaßten. Aufgrund der Aufgabenstellung der Arbeit wird sich diese im wesentlichen auf die Jahre von 1230 bis 1283 beschränken - also die Zeit bis zur endgültigen Eroberung Preußens.
1 Henne am Rhyn, Otto: Geschichte des Rittertums. Nachdruck des unter der Nummer 5883 h in der
Stadtbibliothek Lübeck katalogisierten Bandes. S.188
2 Deutscher Ritterorden, Deutschherren, Deutschritter, Marienritter, Orden des Spitals S. Mariens vom
Deutschen Hause, Ordo Theutonicorum, Fratres domus S. Marie Theutonicorum, Ordo S. Mariae
Theutonicorum
Um darauf eine Antwort zu finden ist es unumgänglich, die für das 21.Jahrhundert typische Denkweise abzulegen. Genauer gesagt es gilt sich von der Vorstellung zu distanzieren, es würden eventuell so konkrete Dokumente wie beispielsweise die Genfer Konvention für den Umgang mit Kriegsgefangenen existieren, an denen man sich bei derartigen Vorhaben orientierte. Vielmehr muß die Suche nach Erfahrungen und Vorbildern im Vordergrund stehen.
Zu diesem Zweck scheint es zunächst notwendig das Wesen des Ordens selbst etwas genauer zu analysieren, wie auch dessen vor Preußen gewonnenen Erkenntnissen Aufmerksamkeit zu schenken, zum einen denjenigen aus dem Heiligen Land, der „Geburtsstätte“ des Ordens, zum anderen denjenigen aus Ungarn. Des weiteren dürfte es sinnvoll sein, die Preußenmission nicht nur als separates Geschehen, sondern gleichfalls als Glied in einem weiteren Zusammenhang zu sehen, denn zumindest in bezug auf die Besiedelung des Landes stand sie in direkter Verbindung mit der schon wesentlich früher einsetzenden Ostexpansion.
Daneben sollen, unter anderem anhand der Darstellung vorhergehender Missionen im Preußenland, mögliche Vorbilder außerhalb des Deutschen Ordens herausgestellt werden. Von besonderer Prägnanz wird sich dabei die Rolle des Bischofs Christian als direkter Vorgänger erweisen.
Aber auch gewisse Einflußgrößen wie das Volk der Prußen selbst und die geographische Situation, die im Lande vorgefunden wurde, dazu das Papsttum und der Kaiser dürfen nicht unbeachtet bleiben. Gleiches gilt für mehr oder weniger verbreitete Vorstellungen vom Ablauf einer Mission, wie sie schon seit dem Frühmittelalter bestanden oder von Zeitgenossen vertreten wurden. Daneben sollen auch Faktoren genannt werden, die der Orden unmöglich einplanen konnte. Dazu zählen vor allem die Pest und der Verrat des Herzogs Swantopolk.
Nachdem all diese Punkte mit ihren differenten Facetten zufriedenstellend abgehandelt wurden, sollte es nicht nur möglich sein, die eingangs gestellte Frage nach einer möglichen Strategie zu beantworten, sondern auch die zweite Frage die sich im Laufe der Arbeit aufdrängen wird, nämlich ob es sich überhaupt um ein Missionsunternehmen gehandelt hat oder ob die Mission nicht vielmehr Deckmantel für ein anderes Ziel des Ordens - eventuell die Schaffung eines eigenen Staates - darstellte.
- 2 -
1. Quellen und Literatur zur Preußenmission des Deutschen Ordens
1.1. Die Quellen zur Preußenmission
Bevor die Mission des Deutschen Ordens in Preußen analysiert werden soll, scheint es ratsam, sich zunächst etwas intensiver mit den verwendeten Quellen zu befassen. Dabei soll weniger Wert auf eine lückenlose Auflistung, sondern vielmehr auf eine Darstellung der verschieden Entwicklungsstufen und Qualitäten gelegt werden. Dadurch fällt es anschließend leichter die Glaubhaftigkeit wie auch das Gewicht einzelner Texte objektiv zu beurteilen.
Primäre Quellen schriftlicher Art über die Zeit der Missionierung des Deutschen Ordens im Preußenland seit etwa 1231 lassen sich nach dem heutigen Stand der Forschung ausschließlich in Form von Urkunden finden. Die in diesem Bereich wohl zentralste und umfangreichste Sammlung befindet sich noch immer im Königsberger Archiv, deren Bestand an Akten und Urkunden beispielhaft ist. Bereits im Verlauf des 19.Jahrhunderts gingen die Verantwortlichen dazu über, einige Einzeleditionen zu veröffentlichen, wie das Preußische Urkundenbuch auf dessen Inhalt sich diese Arbeit in großem Maße stützt. Es beinhaltet sowohl Dokumente, in denen die Privilegien, die dem Deutschen Orden bestätigt wurden, festgehalten sind wie die „Goldbulle von Rimini“ (1226) oder die „Bulle von Rieti“ (1234) und Verordnungen des Ordens selbst, wie die „Kulmer Handveste“ (1233) als auch zahlreiche weitere für die Nachvollziehung der Ereignisse wertvolle Schriftstücke. In Verbindung mit weiteren urkundlichen Zusammenstellungen wie der Regesta pontificium Romanorum - um nur ein Beispiel zu nennen - läßt sich hier auf eine relativ große Materialfülle zurückgreifen.
Nach Chroniken oder ähnlichen Texten aus der Anfangszeit der preußischen Mission wird man jedoch vergeblich suchen. Die chronikalischen Quellen setzen erst im frühen 14.Jahrhundert ein, da die Ritterorden der literarischen Kultur weit ferner standen als die Mönchsorden, zumal es sich bei den Deutschordensrittern meist um Analphabeten handelte 3 ; die Priester aus den eigenen Reihen und aus den Reihen der Dominikaner, Franziskaner und Zisterziensern hatten darüber hinaus anscheinend das Hauptaugenmerk auf die Christianisierung, nicht aber auf die Dokumentation derselben gelegt. 4
3 Der erste Ritter, dem eine literarische Bildung nachgesagt wird, ist Luther von Braunschweig, Hochmeister
seit 1331
4 Vgl. Bookmann, Hartmut: Ostpreußen und Westpreußen. (Deutsche Geschichte im Osten Europas Bd.1).
Berlin 1992. S.21
Aus dem Überwiegen dieser urkundlichen Überlieferungen für jene Zeitperiode bis 1283 und darüber hinaus resultiert bei näherer Betrachtung, daß die Eroberung Preußens mit Hilfe zeitgenössischer Zeugnisse fast nicht zu beschreiben ist, während die Besiedlung des Landes und die Neustrukturierung der Besitzverhältnisse in einer Vielzahl von Dokumenten aus derselben Zeit bezeugt wird. 5 Doch ist nicht zuletzt der schwer zu erfassende Teil von Bedeutung, will man rekonstruieren, ob der Orden bei dem preußischen Missionsunternehmen eine bestimmte Strategie verfolgte. Daraus ergibt sich, daß man diesbezüglich hauptsächlich auf sekundäre Quellen angewiesen ist. Dabei muß in erster Linie die Chronik des Peter von Dusburg erwähnt werden, die weithin als Standardwerk gilt. Peter von Dusburg, dessen profunder Bericht von der Zeit vor 1230 bis ins Jahr 1326 reicht und als amtliche Sicht der Ordensgeschichte gesehen werden darf, stammte vermutlich aus Doesburg/Ijssel in der niederländischen Provinz Gelderland - nähere Angabe zu machen ist schwierig, da er sich weder selbst über seinen Namen hinaus vorstellt, noch in den Überlieferungen des Ordens etwas über ihn geschrieben steht. 6 Als relativ sicher darf angenommen werden, daß er seine Historie des Deutschen Ordens, die „Chronicon Prussiae“, wohl in den Jahren von 1324 bis 1331 verfaßte, das heißt etwa 100 Jahre nachdem der Orden in Preußen angelangte. Für mittelalterliche Verhältnisse stellt dies zwar eine immense Zeitspanne dar, im 14.Jahrhundert waren die preußischen Aktivitäten allerdings noch längst nicht abgeschlossen, deshalb ist sein Bericht vermutlich wenig verfälscht. Mancher Historiker geht sogar so weit, zu sagen „Das meiste, was man von der früheren Zeit des Ordens in Preußen weiß, beruht auf dieser Chronik. Der Autor geht sogar noch ein Stück weiter zurück. Er berichtet auch vom Glauben und den Gewohnheiten der dort ansässigen Heiden. Hauptinhalt des Buches aber sind die Kämpfe des Ordens gegen die heidnischen Prußen und der Sieg des Christentums.“ 7
Als Informationsgrundlage gibt Dusburg in seinem Prolog selbst drei verschiedene Arten von Quellen an. Sie setzen sich aus Selbsterlebtem in geringem Umfang (pauca, que vidi), Berichten von Augenzeugen (alia, que audivi ab his, qui viderunt et interfuerunt) und anderen glaubwürdigen Berichten (cetera, que relacione veridica intellexi) zusammen. 8
5 Vgl. Bookmann: Ostpreußen S.23
6 Vgl. Dusburg, Peter von: Chronik des Preußenlandes. Ed. Klaus Scholz und Dieter Wojtecki.
Ausgewählte Quellen zur Deutschen Geschichte des Mittelalters Band XXV. Darmstadt 1984
Einleitung: Verfasser und Werk. S.7-14
7 Bookmann: Ostpreußen S.23
8 Vgl. Dusburg. Chronik. Einleitung: Quellen S.14-18 siehe auch Prolog S.26-35
Zu letzterem zählt unter anderem der Prolog zur Ordensregel. Insgesamt jedoch dürfte die Chronik überwiegend aus „oral history“ entstanden sein. Bezüglich der Glaubwürdigkeit des Werkes und seines Verfassers äußert sich Hartmut Boockmann folgendermaßen: 9 „Von moderner politischer Propaganda aus urteilend, könnte man vermuten, der Chronist habe alle jene Grausamkeiten, die sich nicht verheimlichen ließen, eben gerade zugegeben, die anderen aber verschwiegen. Ein solches Urteil würde jedoch die Absichten des Chronisten verkennen. Für ihn waren die blutigen Siege des Ordens nichts, was einer Entschuldigung bedurft hätte. Sie waren vielmehr ein Zeichen dafür, dass der Orden seine Aufgabe wahrnahm, und das wollte Peter von Duisburg, der in der eigenen Zeit einen Verfall der Ordensmoral zu beobachten meinte, für die Zukunft gesichert wissen.“
Setzt man diese Schlußfolgerung mit dem Grundcharakter der Ritterorden, der in der Dualität zwischen Priester und Streiter Christi besteht, in Verbindung, so darf man Boockmanns Annahme als zutreffend beurteilen.
Somit bildet Dusburg die chronikalische Quelle, die den geringsten zeitlichen Abstand von den Ereignissen ab 1231 aufweist, als die objektivste Schilderung in Erscheinung tritt und auf welche als solche zurückgegriffen werden kann. Zwar verfaßte beispielsweise ein Nikolaus Jeroschin ebenfalls ein ähnliches Werk, das im Unterschied zu Dusburgs Chonik in deutsch statt in Latein und in Versform gehalten ist, doch bezieht sich dessen Inhalt ausschließlich auf die Ergebnisse Dusburgs. Dementsprechend wird man daraus keine neuen Erkenntnisse erwarten dürfen, höchstens vielleicht eine hier und da etwas abgeänderte Gewichtung einzelner Fakten.
Der Sprung zur nächsten Gattung der Quellen ist enorm, denn er führt direkt in das 16.Jahrhundert. Diese müssen auch völlig anders betrachtet werden, denn ab jener Periode verschwimmen die Grenzen zwischen Quellen und wissenschaftlicher Literatur. 10 An oberster Stelle steht hier zweifellos der Dominikaner Simon Grunau, der seit 1517 anerkennenswerte Bemühungen unternahm, die Geschichte des Deutschen Ordens in Preußen auf neue Weise darzustellen. Simon Grunau selbst beruft sich dabei in seiner Vorrede auf höchst eindrucksvolle Schreiber und ihre Texte, die ihm als Grundlage gedient haben sollen.
9 Bookmann: Ostpreußen. S.23
10 Vgl. Bookmann: Ostpreußen. S.27
Von der Forschung wird aber angenommen, daß lediglich Peter von Dusburgs Chronik dabei der Realität entspricht - andere erwähnte Schriftstücke wie das des Dominus Christianus bischoff von Preussen oder sogar Personen selbst wie Jaroslaus thumbprobst zu Plotzaw („liber originis et furiarum gentis indomite Brutorum in sanguinem Christianum“) und Magister Alexius von Nizewitz pharrer zu Thorn sollen Simon Grunaus Fantasie entsprungen sein. 11
Trotzdem wäre es übereilt Grunau vorschnell als unbrauchbar abzutun. „In der Tat ist nicht zu bestreiten, daß der Mönch dort, wo er nicht weiterwußte, spekulierte, Urkunden erfand und sich zudem von einer strikten Tendenz leiten ließ, nämlich von der Feindschaft gegenüber dem Deutschen Orden. [Doch] Auch was eine streng positivistische Quellenkritik als Fabeleien des Lügenmönches zurückwies, erscheint heute interessant, weil sich dahinter verlorene oder überhaupt niemals aus dem Bereich der Mündlichkeit herausgetretene Sachverhalte verbergen können.“ 12
Mit anderen Worten, nimmt man einmal an, Grunau habe die Existenz eines Alexius von Nizewitz nur deshalb frei erfunden, um ihm die vernommenen Worte eines gänzlich unbekannten Mannes in den Mund zu legen, weil er annahm, sie hätten durch einen wohlklingenden Namen als Urheber eine wesentlich größere Wirkung auf sein Publikum, so blieben die Worte immer noch wahr.
Derartige Aussagen bleiben aber nichts weiter als Vermutungen und deshalb muß man zwar nicht gänzlich auf Simon Grunau verzichten, allerdings müssen seine Aussagen mit Vorsicht genossen und überprüft werden.
Gleiches gilt verstärkt für die Schriftsteller die nach ihm kamen und sich oft blind auf dessen Grundlagen verließen. Allen voran ist hier der Königsberger Hofrat Lucas David anzuführen, der von 1573 bis 1583 eine preußische Chronik ausarbeitete. Er wand sich zwar ausdrücklich gegen Grunau, der seiner Meinung nach im polnischen Sinne schrieb, dennoch beruht sein Wissen - wie er selbst gesteht - größtenteils auf ihm, der noch die alten Bücher zur Verfügung gehabt habe, wobei Lucas David es unterließ die dortigen Aussagen anhand anderer Quellen nach ihrem Wahrheitsgehalt hin zu kontrollieren. 13
11 Vgl. Grunau, Simon : Simon Grunau´s Preußische Chronik Band I Tractat I-XIV. Hg. von Dr. M.Perlbach
Die preußischen Geschichtsschreiber des XVI. und XVII Jahrhunderts Band I. Herausgegeben von dem
Verein für die Geschichte der Provinz Preußen. Leipzig 1876. Einleitung S.5f.
12 Bookmann: Ostpreußen. S.30
13 Vgl. Bookmann: Ostpreußen. S.30
Abschließend läßt sich also sagen, daß eine Erforschung der Mission des Deutschen Ordens im Preußenland, speziell in Bezug auf die Anfangsphase, anhand primärer Quellen nur durch Urkunden möglich ist. Die Arbeit mit sekundären Quellen - in diesem Fall Chroniken - stützt sich in enormen Umfang auf das Werk Peter von Dusburgs. Auch weitere Autoren erweisen sich als durchaus ergiebig, doch müssen sie mit einer gewissen Skepsis betrachtet werden, damit die Tatsachen nicht verfälscht werden. Äquivalente Schwierigkeiten ergeben sich stellenweise auch im Bereich der Sekundärliteratur wie der nächste Abschnitt zeigen wird.
1.2. Die Literatur zur Preußenmission
Bezüglich der Literatur zur Geschichte des Deutschen Ordens und seiner Mission in Preußen ist - wie eigentlich fast permanent im Bereich der historischen Sekundärwerkein erster Linie auf die Intension des Autors zu achten. Davon leitet sich zumeist automatisch auch die Qualität der verfaßten Werke ab.
Nach der Zwischenphase des 16.Jahrhunderts, in der Quellen und wissenschaftliche Schriften verschwammen, klaffte in gewissem Sinne ein Loch. Zwar wurde die Preußische Geschichte im 17. und 18. Jahrhundert nicht völlig vernachlässigt, doch treten hier nur wenige Namen hervor. Einer von ihnen ist der Thorner Professor Christoph Hartknoch, ein gebürtiger Preuße, dessen Buch Alt- und Neues Preußen 1684 erschien. Es versucht sich mit der Frage nach der Glaubwürdigkeit der chronikalischen Quellen auseinanderzusetzen. Sein Beitrag zur Analyse der Missionstätigkeit des Ordens darf nicht unerschätzt werden, doch ist sein Buch in erster Linie aufgrund seiner Schilderungen über das Volk der Prußen und seiner Bräuche vor Ankunft des Deutschen Ordens interessant. Ab dem 19.Jahrhundert beginnt die Forschung schließlich bedeutende Fortschritte zu machen. Es entsteht zum einen mit der 1819 gegründeten Monumenta Germaniae Historica eine umfassende Quellensammlung zur Deutschen Geschichte und zum anderen erfolgt eine immer fortschreitendere Offenlegung der Bestände des Königsberger Archivs.
- 7 -
Damit wurde es den damaligen Historikern - im Gegensatz zu denen der vorherigen beiden Jahrhunderte - ermöglicht, ihre Forschungen auf kritische Quellenstudien zu stützen und diese als Belege anzuführen.
An erster Stelle muß hier Johannes Voigt genannt werden, der lange Zeit als Direktor des Königsberger Archivs arbeitete, denn die von ihm zusammengetragenen Fakten sind beispielhaft an Quellenbelegen. „Voigt hat fast jedes Aktenstück, fast jede Urkunde des Königsberger Archivs in der Hand gehabt und gelesen. Man kann das heute noch sehen, weil den Archivalien damals Lesehilfen dergestalt beigegeben wurden, daß auf den Papierumschlag eines Aktenstücks dessen Inhalt notiert wurde. Tausende von Archivalien des Königsberger Archivs liegen in Umschlägen, die von Voigts etwas krakeliger Hand beschriftet sind.“ 14 In Voigt findet man also einen Autor, wie man ihn sich nur wünschen kann. Einen Mann der sich, wenn auch hier und da die Überzeugungen seiner Zeit hindurchscheinen, beinahe ausschließlich von Fakten leiten läßt. Auf der anderen Seite erwuchsen in dieser Zeit jedoch auch Autoren, die wenig Wert auf die Quellen legen, sondern die Ereignisse der Vergangenheit größtenteils so wiedergaben, daß sie als Zugpferd ihrer politischen bzw. gesellschaftlichen Überzeugung dienen konnten. Als ein Vertreter dieser Kategorie muß Heinrich von Treitschke (1834-1896), ein Berliner Geschichtsprofessor eingeschätzt werden. Seine radikal-nationalistische Einstellung überschattet großteils die eigentliche Geschichte des Deutschen Ordens im Preußenland.
Dies mag sich schon aus den Worten ergeben, die Treitschke über Voigt findet: 15 „Leicht mögen wir heute die Mängel des Werkes tadeln: die reizlose Darstellung, die oft stumpfe Kritik der Quellen, den Mangel großer staatsmännischer Gesichtspunkte und vor allem jene sanguinische Schönseherei, welche sich aus der Freude des ersten Entdeckers und aus dem dünnen Idealismus der Tage der alten Romantik vollauf erklärt. Uns jüngeren Skeptikern wird oft gar lustig zumute unter all diesen edlen und biederen Rittern, deren Taten doch so laut verkünden: ein guter Teil ihrer Größe bestand in dem gänzlichen Mangel jener Gutmütigkeit, die man fälschlich als eine deutsche Tugend preist.“
14 Bookmann: Ostpreußen. S.39
15 Treitschke, Heinrich von: Das Deutsche Ordensland Preußen. Göttingen 1955. S.9 f.
Das soll natürlich nicht bedeuten, daß sein Aufsatz „Das Deutsche Ordensland Preußen“ keinen Wert für die Forschung besitzt, es muß nur unter dem richtigen Blickwinkel, nämlich als Propaganda für den Orden und das Deutsche Volk, gesehen werden. Ebenfalls im 19.Jahrhundert setzte auch verstärkt die polnische Geschichtswissenschaft ein, die in der Erforschung der preußischen Geschichte wohl auch zum Teil einen Beitrag zur Ergründung der eigenen Identität sah. Es war ein fruchtbarer Boden, der auch in das Theater und andere schöne Künste einfloß. Dies endete jedoch jäh mit der Besetzung Polens durch die Wehrmacht. Zwar konnten einige Autoren, wie Henryk Lowmianski ihre Bemühungen fortsetzen, doch es veränderte alles.
Die Zeit zwischen dem Beginn des 20.Jahrhundert und dem Ende des Zweiten Weltkrieges führte allgemein zu einer stückweisen Instrumentalisierung der Forschungen und Veröffentlichungen in diesem Bereich. Sie dienten oftmals - ähnlich wie schon Treitschkes Stellungnahmen - als Untermauerungen des Nationalismus. Exemplarisch soll hier ein Ausspruch aus dem Buch Der Zug nach Osten von Theodor Hampe aus dem Jahre 1934 mit dem bezeichnenden Untertitel Die kolonisatorische Großtat des deutschen Volkes im Mittelalter angeführt werden: 16 “Dem panslawischen Haß und Vernichtungsdrang traten Bestrebungen auf Befreiung alter Außenposten des Reiches, auf neues Siedlungsland für überschüssige germanische Kräfte, auf ein weiteres Vorschieben deutschen Einflusses nach Osten entgegen. Sie erwiesen sich trotz unleugbarer Überspannung solange als die stärkeren, bis der Zusammenbruch gegenüber den Westfeinden und im Innern auch hier zum Rückzug zwang und abermals eine slawische Flutwelle emporhob, die seitdem an die durch den Schmachfrieden von Versailles ohnehin zurückgenommene und durchlöcherte deutsche Ostgrenze mit erneuter Wucht brandet. Diese Dinge erfordern also auch in Zukunft die gespannteste Aufmerksamkeit jedes Deutschen.“
Andere wurden insofern verfälscht, als die Autoren nicht in der Lage waren, frei ihre Gedanken zu äußern.
Parallel zu dieser Entwicklung profitierte man beispielsweise auf deutscher Seite von gewissen Förderungen, die verschiedene Historiker erst dazu veranlassten sich mit dem Thema Deutscher Orden zu befassen.
16 Hampe, Prof. Dr. K : Der Zug nach dem Osten - Die kolonisatorische Großtat des deutschen Volkes im
Mittelalter (Aus Natur und Geisteswelt 731.Band). Leipzig und Berlin. 1934 2 . Einleitung S.9
Zu ihnen zählt unter anderem Erich Caspar, der in seinem Werk Hermann von Salza und die Gründung des Deutschordensstaates in Preußen damals oft behandelte grundsätzliche Verfassungsprobleme anspricht und bis heute als der wohl beste Beitrag zu diesem Thema gilt. 17
Es scheint also unvermeidlich, bei Werken aus dieser Periode zu ergründen, ob der Autor ungebunden schreiben konnte oder ob er einer gewissen Zensur unterlag und es somit nötig ist bei einigen Aussagen zwischen den Zeilen zu lesen, und es gilt zu fragen, ob die Hauptintension des Textes der politischen Propaganda oder der Darstellung der Fakten diente.
Nach Ende des Krieges wurde überall wieder dort angeknüpft, wo man unterbrochen wurde. Die Historiker widmeten sich dem Studium der Urkunden, von denen zahlreiche unbeschadet geblieben waren und Männer wie Walther Hubatsch brachten die Forschung wieder voran - allerdings nicht ungeprägt von den Jahren, die hinter ihnen lagen. „Im ganzen kann sich die Erforschung des alten Preußen“ in den darauffolgenden vier Jahrzehnten „durchaus sehen lassen. Die großen Editionen wurden fortgeführt und neue wurden in Angriff genommen - von deutschen wie von polnischen Historikern, und das gleiche gilt für gelehrte Monographien.“ 18
Abschließend läßt sich also zusammenfassen, daß die Arbeit mit Sekundärliteratur im Bereich der Mission des Deutschen Ordens in Preußen gelegentlich äußerst schwierig ist. Sie gibt zwar Einblicke in die Ereignisse jener Zeit, muß aber in vielen Fällen vor dem Hintergrund der jeweiligen Entstehungsepoche gesehen und in manchen Fällen bezüglich ihrer Aussagen relativiert werden, beispielweise durch einen Vergleich mit dem Quellenmaterial oder durch die Erfassung des Kerngedankens unter Ausblendung des propagandistischen Slogans.
Nach dieser groben Typisierung der verschiedenen Quellen und der Literatur soll nun ein kurzer Überblick über Mission des Deutschen Ordens im Preußenland, sowie der zentralen Ereignisse, die im Vorfeld stattfanden, erfolgen - um das Gesamtbild nicht aus dem Auge zu verlieren - bevor einzelne Elemente daraus näher betrachtet und unter der eingangs genannten Fragestellung genauer analysiert werden.
17 Vgl. Bookmann: Ostpreußen S. 60
18 Bookmann: Ostpreußen. S.73
Bevor einzelne Elemente der preußischen Mission und eine damit verbundene mögliche Strategie untersucht werden, soll wie bereits erwähnt zunächst ein grober Überblick über die Ereignisse und größeren Stationen des Unterfangens das Gesamtbild wiedergeben. Dazu gehören ebenfalls die Jahre des Ordens vor dieser Aufgabe, denn sie spielen eine nicht unerhebliche Rolle.
Die Geschichte des Deutschen Ritterordens begann in Palästina - einem bereits seit längerer Zeit geschichtsträchtigen Ort, denn im Jahre 1095 hatte Papst Urban II auf dem Konzil zu Clermont zu einem Kreuzzug in das Heilige Land aufgerufen. Als Unterstützung - primär zur Versorgung der Verwundeten - dienten bald zwei große Ritterorden. Zunächst nur auf den Hospitaldienst beschränkt, erweiterten die 1071 als erste zu diesem Zweck gegründeten Johanniter schnell ihr Aufgabengebiet auch auf die Verteidigung des eroberten Jerusalem, während die 1119 gestifteten Templer schon von Beginn an einen starken Schwerpunkt in diese Richtung besaßen. Im Zuge dieses durchaus als erfolgreich einzustufenden Kampfes gegen die Sarazenen konnten sich diese Ansehen und Besitz erwerben, denn sie erfüllten ihre Aufgabe äußerst effektiv. Als aber nach dem zweiten, wenig ruhmreichen, Kreuzzug der islamische Herrscher Saladin beinahe das gesamte von Christen besetzte Gebiet zurückeroberte, gewann der Kampf in Palästina gewaltigere Dimensionen. Die Zahl an Verletzten, vor allem im sich anschließenden dritten Kreuzzug, stieg enorm und deshalb wurde ein weiterer, der letzte der drei großen geistlichen Ritterorden, der Deutsche Orden ins Leben gerufen. Der Grundstein dieser Bruderschaft allerdings war schon etwa 8 Jahrzehnte zuvor gelegt worden, denn „sein Ursprung ging zurück auf jene deutsche Hospitalgenossenschaft, die bei der Belagerung der Festung Akkon zur Pflege deutscher Kranker und Verwundeter gegründet worden war.“ 19 Wie aber wurde aus einem Spital ein Ritterorden ? „Nach dem Prolog zu den Statuten des Deutschen Ordens fand das Hospital zunächst in einem Zelt, das aus den Segeln einer Hanse-Kogge durch Bürger von Bremen und Lübeck gefertigt war, seine Stätte (…) „
19 Tautorat, Hans Georg: Schwarzes Kreuz auf weißem Mantel- Die Kulturleistung des Deutschen Ordens in
Preußen. Düsseldorf 19802. S.9 f.
„(...) [bald darauf ] erhob eine Versammlung deutscher Fürsten, (...) vor der Rückkehr in die Heimat die Genossenschaft zum Range eines geistlichen Ritterordens, der die Tradition eines schon 1118 von Deutschen in Jerusalem gegründeten Marienhospitals übernahm. Hieraus ergab sich der offizielle Name des Ordens: „Fratres domus hospitalis Sanctae Mariae Theutonicorum Jerosolymitani“ (Brüder von Hause des St.-Marien-Hospitals der Deutschen in Jerusalem).“ 20 Nachdem der Orden 1191 von Papst Clemens III (1187-1191) bestätigt und 1198 abschließend von Innozenz III (1198-1216) als geistlicher Ritterorden anerkannt wurde, konnte sein Aufstieg beginnen.
Namentlich nahm dieser seinen Anfang 1209, da in diesem Jahr das Hochmeisteramt des Deutschen Ordens Hermann von Salza (H:1209-1239) zufiel, der seine Geschichte - nicht nur im Bereich Preußens - entscheidend prägte. Schon unter Kaiser Otto IV (R:1209-1218) und Papst Innozenz III wuchs der Einfluß des Ordens. Doch besonders Salzas späteres enges Verhältnis zu Staufer-Kaiser Friedrich II (R:1218-1250) und zum Heiligen Stuhl in Person Honorius III (1216-1227) durch welches er hohes Ansehen erwarb 21 garantierte den Deutschherren den Erwerb zahlreicher Privilegien und Gebiete 22 . Zudem erkannte der Hochmeister wohl früher als jeder andere, daß die Aktivitäten im Heiligen Land ihrem Ende entgegen gingen, denn schon längst hatte die anfängliche Euphorie der Kreuzzüge zu verschwinden begonnen und so benötigten die Ritter ein neues Betätigungsfeld. Dieses fand sich bereits 1211 in Ungarn. Der Hilferuf des ungarischen Königs Andreas II, das siebenbürgische Burzenland von den feindlichen Kumanen zu befreien, muß in diesem Zusammenhang wie ein Wink Gottes gewirkt haben. Nicht nur, daß dieses Unternehmen ein ehrenvolles Dasein als Streiter Christi ermöglichte, es stellte zusätzlich die Chance in Aussicht ein, explizit durch Salza, verfolgtes Ziel zu verwirklichen: Die Errichtung eines autonomen Ordensstaates. „Die neuen Staatsideen auf der Grundlage der bisherigen verstreuten Besitzungen durchführen zu wollen, wäre für den Deutschen Orden unmöglich gewesen; er benötigte dafür ein zusammenhängendes größeres Gebiet und erhielt es im Burzenland von Ungarn zugewiesen.“ 23
20 Ebd.
21 Vgl. Kluger, Helmuth: Hochmeister Hermann von Salza und Kaiser Friedrich II (Quellen und Studien
zur Geschichte des Deutschen Ordens Bd.37). Marburg 1987
22 12 Balleien in Deutschland, die beinahe alle in den ersten zwei Jahrzehnten des 13.Jahrhunderts
entstanden: Thüringen, Hessen, Österreich, Rheinland, Franken, Elsaß, Burgund, Lothringen, Utrecht,
Bozen, Sachsen (seit 1223) und Westfalen (Wende 13./14.Jahrhundert). Vgl. Prutz, Hans: Die Geist-
lichen Ritterorden - Ihre Stellung zur kirchlichen, politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Entwicklung des Mittelalters. Nachdruck der Originalausgabe. Berlin 1908. S.134 ff.
23 Hubatsch, Walther: Die Staatsbildung des Deutschen Ordens. In: Ostdeutsche Beiträge aus dem Göttinger
Arbeitskreis Band IX. Preußenland und Deutscher Orden - Festschrift für Kurt Forstreuter.
Würzburg 1958. S.127-152. S.139
Nach der Zustimmung Papst Innozenz III zu diesem Vorhaben, zögerte man nicht lange und trat die neue Aufgabe an. Doch die Versprechungen die Andreas II gegeben hatte, hielt er nicht ein. Nach dem raschen Sieg über die Kumanen, wurden alle Zusagen, genauer gesagt die Überlassung des Burzenlandes als eine Art Lehen, 1225 wieder rückgängig gemacht und der Orden unter zahlreichen Vorwürfen vertrieben.
Allerdings waren die letzten 14 Jahre nicht völlig ergebnislos geblieben. Zwar hatte sich das ungarische Unternehmen als blamable Niederlage erwiesen, die Wahl Hermann von Salzas zum Hochmeister aber nicht. Er erwies sich als herausragender Diplomat und als äußert begabt, wenn es galt, aussichtsreiche Kontakte zu knüpfen. Er intensivierte sein hohes Ansehen bei der päpstlichen Kurie, auch sein Verhältnis zu Kaiser Friedrich II muß, seit ihrer ersten Begegnung 1215 zu den Krönungsfeierlichkeiten, nicht lediglich als eng, sondern als durchaus freundschaftlicher Natur bezeichnet werden. Wie groß das Vertrauen des Herrschers war zeigt sich schon darin, daß er während des Kreuzzuges ins Heilige Land dem Hochmeister die Leitung der deutschen und italienischen Truppen anvertraute. 24 Somit waren die Voraussetzungen zu der Zeit als sich die Mission im Preußenland ankündigte ideal. Die geistliche und die weltliche Spitze standen auf Seiten des Deutschen Ordens. 25
2.2. Die Zeit der Preußenmission (1226-1283)
Beinahe unmittelbar im Anschluß an die Ereignisse in Ungarn schloß sich das wohl größte Kapitel in der Geschichte des Deutschen Ordens und zugleich das eigentliche Thema dieser Arbeit an: Die Mission in Preußen.
Im Jahre 1226 bat Herzog Konrad von Masowien und Kujawien, nicht zuletzt auf Anraten des in Preußen bereits seit längerem tätigen Missionar Bischof Christian, den Deutschen Orden um Hilfe gegen die heidnischen Prußen. Als Gegenleistung für dessen Eingreifen versprach der Herzog dem Orden, das von Heiden heimgesuchte Kulmerland und weiteres Gebiet zu überlassen.
24 Vgl. Kluger: Hochmeister Hermann von Salza. S.80
25 Ein entscheidender Hinweis auf die bevorzugte Stellung des Ordens, genauer seines Hochmeisters, ist die
Tatsache, daß Hermann von Salza in dem Streit der 1225 zwischen Honorius und Friedrich entbrannt war
als Vermittler auftrat und Friedrich sich dessen Spruch zugunsten des Papstes beugte. Der Streit wurde so
beigelegt. Vgl. Matthaeus, Antonius: Veteris aevi analecta V. Ed Hagae Comitum. 1738. S.679
Von diesem Ruf, weiß der Chronist Peter von Dusburg zu berichten: „Der Herzog sandte also eine feierliche Gesandtschaft mit seinen Briefen an den Bruder Herrmann, den Meister; als die ihm und seine Brüdern den Grund ihrer Reise dargelegt hatten, entsprach der Meister nach vielen Beratungen und verschiedenen Verhandlungen mit seinen Brüdern über diese schwierige Angelegenheit schließlich auf Anraten des Herrn Papstes, des Kaisers Friedrich II und der Fürsten Deutschlands, die ihm in dieser Sache mit Rat und Hilfe beizustehen versprachen, den Bitten des Herzogs.“ 26 Erst nach einigem Zögern der Brüder 27 also, das unbestreitbar aus dem Streben resultierte, zunächst alle Privilegien und Rechtsverhältnisse zu klären, willigte man ein. Es galt schließlich ein ähnliches Desaster wie man es in Ungar erlebt hatte, zu vermeiden. So ließ sich der Deutschorden zunächst alle in Aussicht gestellten Schenkungen des Herzogs, namentlich das Kulmerland und ein nicht näher benanntes Gebiet zwischen der herzoglichen Mark und dem Gebiet der Pruzzen, sowie den Besitz allen später eroberten Landes in Preußen, durch den Kaiser in der Goldbulle von Rimini (1226) 28 bestätigen. Auch nach der Ausstellung dieses Dokumentes lag das größte Augenmerk weiterhin auf einem planvollen und nicht überstürzten Vorgehen. Demgemäß zog man zunächst Erkundigungen ein und traf Vorbereitungen. Gewissermaßen als Vorauskommando hielten sich deshalb Ritter Konrad von Landsberg und ein Mitbruder bereits seit 1226 in Masowien auf, zudem erbaute der Herzog die von Salza verlangte erste Befestigungsanlage, die Burg Vogelsang, gegenüber dem späteren Thorn. 29 Im Jahre 1230 schließlich entsagte Herzog Konrad von Masowien im Vertrag von Kruschwitz, zur Zufriedenheit des Ordens, allen persönlichen Anrechten auf die zugesagten Ländereien 30 und Herrmann Balk wurde als Landmeister (1229-39) mit einer kleinen Schar Brüdern gen Osten entsandt.
26 Dusburg: Chronik II, 5. S.60 ff. “Unde misit solempnes nuncios cum literis suis ad dictum fratrem
Hermannum magistrum, qui dum causam itineris coram eo et fratribus suis exposuissent, idem magister
post multa consilia variosque tractatus cum fratribus suis habitos super hoc arduo negocio tandem per
suggestionem domini pape et imperatoris Friderici II. et principum Alemanie, qui consilio et auxilio ei
assistere promiserunt in hac causa, dicti ducis precibus acquievit.
27 Nach Helmuth Kluger ist es wahrscheinlich, daß eine Nachricht, die den Unmut der meisten Mitbrüder
ausdrückte, ein ähnliches Desaster wie in Ungarn zu wiederholen, Hermann von Salza in Apulien
erreichte, bevor er sich ins Heilige Land aufmachte. Er führt aber auch die Möglichkeit an, daß er sie
aufgrund der äußeren Umstände erst im Jahre 1228 erhielt. Vgl. Kluger: Hochmeister Hermann von Salza.
S.58-59
28 Philippi, R. u.a. (Hrsg.): Preußisches Urkundenbuch. Band 1: Die Bildung des Ordensstaates; Hälfte 1.
Nachdruck der Ausgabe Königsberg 1882. Nr. 1.1.56
29 Vgl.: Zimmerling, Dieter: Der Deutsche Ritterorden. Düsseldorf u.a. 1988. S.108
30 Vertrag von Kruschwitz vom Juni 1230 (seine Echtheit gilt allerdings als umstritten)
Im Rahmen von feurigen Aufrufen Papst Gregorius IX (1227-1241), Nachfolger des 1227 verstorbenen Honorius III (1216-1227), denen im Laufe der Zeit noch viele weitere folgen sollten, trafen ab 1231 auch die ersten Kreuzfahrer ein und man überschritt gemeinsam die Weichsel hinein ins Preußenland, wo nun die Burg Thorn errichtet wurde. Von dort entflammte die progressive Unterwerfung des umliegenden Gebietes. „Aber der fanatische Widerstand der Preußen nötigt den Orden zur Behauptung der Plätze und zur schrittweisen Urbarmachung und dauernden Beherrschung des Landes die Hilfe der Heimat anzurufen. Langsam folgt den Rittern und den ritterlichen Mönchen ein anfangs schmaler Strom von Ansiedlern, deutschen Bürgern und Bauern zumeist aus Niederdeutschland und Schlesien.“ 31 Im Verlauf dieser Siedlung entstanden die Städte Kulm und Thorn, denen durch die Kulmer Handveste (1233) 32 das Magdeburgische Stadtrecht verliehen wurde.
Ab dem Jahre 1233, als das Kulmerland zum größten Teil erobert war, kämpften sich die Ritter die Küste entlang und flussaufwärts voran nach Pomesien und erbauten die nächste Burg, Marienwerder. Auf diese Weise - durch den stetigen Bau von Befestigungsanlagen, den Zuzug von Siedlern und die schrittweise Eroberung - gelang es dem Orden in den ersten Jahren beträchtliche Erfolge zu erzielen.
Doch spätestens seit 1240 machten die furchtbaren Preußenaufstände, die in ihrem ständigen wiederauflodern an die zähen Kämpfe der Sachsen gegen Karl den Großen erinnerten, das Vorgehen schwieriger. 33 Zunächst ließen sie sich mit dem Schwert und hohen Verlusten auf Seiten der Preußen niederdrücken, denn ihnen fehlte es an Zusammenhalt und Stärke - dies änderte sich bald. Der Grund dafür ist allerdings nicht nur in Preußen selbst zu suchen, sondern in gewisser Hinsicht auch zu einem großen Teil in Livland.
Zusammen mit dem livländischen Schwertbrüderorden, der den Deutschrittern am 12. Mai 1237 angegliedert worden war, sandte Hermann von Salza in eben jenem Jahr Hermann Balk mit einem Heer nach Livland, um sich der Zustände dort anzunehmen. Dies erwies sich als eine Entscheidung, die weitreichende Konsequenzen haben sollte.
31 Bauer, H.: Schwert im Osten. Die Staatsschöpfung des deutschen Ritterordens in Preußen.
(Schriften an die Nation Bd.41). Oldenburg i.D. 1932. S.16
32 Preußisches Urkundenbuch Nr. 1.1.105
33 Vgl. Hampe: Zug nach Osten. S. 74
Bereits der Tod des Hochmeisters 1239 und das Dahinscheiden Hermann Balks im selben Jahr erscheinen rückblickend wie ein böses Omen. So endete trotz anfänglich guter Lage und durchaus positiver Entwicklung die Fahrt für den Orden in einer katastrophalen Niederlage am 5. April 1242. Unter Balks jungem Nachfolger Dietrich von Grüningen unterlag der Orden im Kampf dem russischen Heer von Alexander Newsky. An dieser Stelle trafen zwei für den Orden in Preußen ungünstige Elemente zusammen. Zum einen darf man annehmen, daß jene livländische Niederlage die Pruzzen in ihrem Widerstand ermutigte und bestärkte. Zum anderen nun betrat ein nicht einkalkulierter Feind die Bühne: Swantopolk, Herzog des unabhängigen polnischen Teilfürstentums Pomerellen. Zunächst mußte man in ihm einen treuen und bei der Eroberung und Christianisierung des Landes aktiven Verbündeten des Ordens sehen, doch bereits in den Tagen der Einnahme Burg Balgas und des umliegenden Warmiens unter den Truppen Ottos von Braunschweig seit 1239 begann er, eine gewisse Distanz zu den Deutschrittern zu wahren. Später stellte er sich offen gegen die Ritter. Die Wirkung die der Herzog zusammen mit dem gestärkten Willen der Heiden hatte muß verheerend gewesen sein. So weiß Ordenschronist Peter von Dusburg zu berichten: 34 „Die Prußen sammelten sich also wie ein Mann, machten Swantopolk zu ihrem Führer und Hauptmann und brachen mit bewaffneter Hand und erhobenem Arm in die unteren Landschaften des Landes ein; (...) alle Burgen außer Balga und Elbing eroberten sie, zerstörten sie von Grund auf und machten die Brüder und die Christgläubigen nieder.“ Der Volksaufstand griff um sich, erreichte Pomesien und das Kulmerland und wirkte auch hier wie ein Donnerschlag für den Orden - nur die Burgen Thorn, Kulm und Rheden blieben als Zuflucht.
Der Gegenschlag erfolgte in Form der Einnahme der Burg Sarowitz durch Marschall Dietrich von Bernheim. Die versuchte Rückgewinnung Swantopolks scheiterte. Zudem gelang es dem päpstlichen Legaten Wilhelm von Modena die polnischen Herzöge von Krakau und Sandomir für die Seite des Ordens zu gewinnen und auch der neue Papst Innozenz der IV (1243-1254) trug durch feurige Kreuzzugsaufrufe indirekt zu einer positiven Wendung für die Ritter bei.
34 Dusburg: Chronik III, 34. S.136 ff.: „Congregati ergo Prutheni omnes quasi vir unus, idem Swantepolcus
factus fuit dux et capitaneus eorum, et armata manu et brachio extenso intraverunt dicte terre partes
inferiores (…) omnia castra preter Balgam et Elbingum expugnantes occisis fratribus et Cristifidelibus
funditus everterunt.“
Herzog Swantopolk war in die Enge getrieben, aber trotz mehrerer Friedensbeteuerungen, entfachte er immer neue Kämpfe. Erst 1249 gelang es Wilhelm von Modena beide Parteien im Frieden von Christburg 35 , in welchem sowohl der Orden als auch die Preußen zu Zugeständnissen bereit waren, zu versöhnen. Der Widerstand selbst war jedoch nicht gebrochen.
Nach dem Tode Kaiser Friedrichs II 1250 und der nie ausgefüllten Lücke die Hermann von Salza hinterlassen hatte und die keiner der nachfolgenden Hochmeister nur annähernd füllen konnte, standen dem Orden nun Jahre des erbitterten Krieges bevor. Als der Orden unter Heinrich Stange 1253 in das Samland eindrang, wurde der preußische Drang nach Freiheit wieder mit aller Gewalt spürbar. Dem zu begegnen zog zwei Jahre darauf König Ottokar II von Böhmen mit einem Heer nach Osten und seine Entschlossenheit schien unermesslich: „Getreu dem Grundsatz Taufe oder Tod macht er nieder, was sich ihm in den Weg stellt, sofern es abgelehnt wird, sich taufen zu lassen. Er rottet auf diese Weise ganze Landstriche aus. Kriegführung in einem gewohnten Sinn ist das nicht mehr; es ist ein Ausrottungsfeldzug, wie ihn die Preußen bis dahin nicht gesehen haben.“ 36 Der Erfolg war nur von kurzer Dauer, nicht nur die Samaiten, die dem Orden 1260 eine große Niederlage bescherten, auch die Tartaren und die Nachfolger des 1266 verstorbenen Herzogs Swantopolk lieferten dem Orden gnadenlose Gefechte. Alles in allem sah die Lage der Deutschritter zu dieser Zeit alles andere als erfolgversprechend aus. Ein weiterer Heereszug König Ottokars II 1267 verlief erfolglos und auf Hilfe durch einen etwaigen Kreuzzugsaufruf eines Papstes konnte man nicht hoffen, war Clemens IV (1265-1268) doch im November 1268 gestorben und, aufgrund von Streitigkeiten des Kardinalskollegiums, erst drei Jahre später ein neuer Papst, Gregor X (1271-1276) erhoben worden. Das deutsche Reich, von den Schwierigkeiten des Interregnums (1256-1273) aufgerieben, stellte ebenfalls keinen Anker dar.
Eine wirkliche Wende für den Orden brachte erst das Jahr 1272 als der ordensgebundene Markgraf Dietrich von Meißen mit seinem Heer in Ratangen einfiel. Die Deutschen zogen nun, den Prußen in Zahl und Bewaffnung weit überlegen, von Sieg zu Sieg. 37 Ab diesem Zeitpunkt war Preußen im Grunde erobert.
35 Preußisches Urkundenbuch Nr.1.1.218
36 Zimmerling: Der Deutsche Ritterorden. S.138
37 Vgl. Wellinghusen, Oßwald: Wie Alt-Preußen bekehrt und Ordensland wurde. München 1934. S.99
„Das vierte Jahrzehnt der Ordensherrschaft war verstrichen, von den elf preußischen Gauen acht unterworfen, die Besten gefallen oder gemordet, das Land verwüstet; und doch glühte noch immer tief in der Seele der göttliche Funke der Freiheitsliebe.“ 38 Es war nicht das Ende der Aufstände, allerdings gingen diese weitgehend gegenüber der Schlagkraft des Ordens unter. Fördernd wirkte sich auch die Tatsache aus, daß sowohl der Königsthron durch Rudolf I von Habsburg (R:1273-1291), als auch der Papsstuhl durch Gregor X wieder besetzt waren. Der Orden eroberte nun nacheinander Pomesien, wie auch 1273 die Randgebiete Preußens, Schalauen und Nadrauen. Lediglich Sudauen konnte sich unter seinem Führer Skomand noch weiter den Rittern entziehen. Im Jahre 1283 schließlich hatte man das gesamte Ordensland unterworfen. „Mit der Eroberung dieser drei Preußischen Landschaften hat der Orden seine größte Ausdehnung nach Osten hin erreicht.“ 39
Jeder Ritterorden besaß eigene Statuten und somit eigene Umgrenzungen seines Aufgabengebietes. Dadurch wurde gleichsam das innere Wesen desselben festgelegt als auch die Grundtendenz, unter welcher sämtliche Aktivitäten standen. Doch soll nicht sofort auf den Deutschen Orden im Speziellen eingegangen werden. Zunächst einmal scheint es sinnvoll, sich etwas genauer mit dem Konzept des geistlichen Ritterordens in seiner Globalität zu befassen.
Sie sind allesamt mehr oder weniger ein Produkt der Kreuzzüge, wobei sich ihre Existenz aus einer homogenen Verbindung zwischen dem Mönchstum und dem Rittertum gründete. „Die Mönche, geleitet vom Papste, riefen zur heiligen Kreuzfahrt auf, die Ritter, geleitet vom Kaiser und von den Königen und übrigen Fürsten, zogen zum heiligen Kriege aus und eroberten das heilige Land, das verlorene Grab des Gottessohnes, und damit den höchsten Hort des mittelalterlichen Glaubens.“ 40
38 Ebd. Wellinghusen: Ordensland. S.100
39 Zimmerling: Der Deutsche Ritterorden. S.157
40 Henne am Rhyn: Geschichte des Rittertums. S. 189
Dabei stellte sich zu Anfang die kaum zu überwindende Schwierigkeit, die Mission mit dem Schwert und das Gebot „Du sollst nicht Töten“ in Einklang zu bringen. Ein Mann der Kirche, der auszog um Heiden zu erschlagen, ließ sich nicht in die Auffassung eines gottgefälligen Lebens integrieren.
Diese Diskrepanz überbrückte der Kirchenmann Augustin, der den Begriff des gerechten Krieges (bellum iustum) prägte. 41 Nach dieser Definition war nun das Führen von Waffen bzw. das Töten des Gegners von kirchlicher Seite legitimiert, solange die Kriegsschuld auf Seiten des Gegners lag, der Krieg nicht aus Eigennutz begonnen wurde und er aus einer höheren Notwendigkeit resultierte. 42 Der Begriff wurde schließlich, besonders unter dem Reformpapsttum, zu der Formulierung bellum Deo auctore erweitert, die bedeutete, daß die Kreuz- und Ordensritter nun als militia Christi (militia Dei; militia coelestis, militia chritiana; militia spiritualis) im Namen Gottes zur Verbreitung der Kirche und des Glaubens beitrugen. 43 Damit waren sie nicht länger auf den passiven Verteidigungskrieg beschränkt, sondern auch die militärische Heidenmission konnte mit dem Segen der Geistlichkeit stattfinden.
Damit hatten die geistlichen Ritterorden eine gefällige Legitimierung ihres besonderen Charakters erfahren, die ihnen das Schwert ebenso nahe legte wie das Kreuz. Diese Tatsache zeichnete also den Deutschen Orden, der als ein Produkt dieser Entwicklung hervorging, in ebensolchem Maße aus wie die übrigen geistlichen Ritterorden. Ein Blick in seine Statuten wird dazu beitragen, sein inneres Wesen noch besser zu erfassen. Das Deutsche Haus Sankt Marien zu Jerusalem wurde wie der Name bereits erahnen läßt im Heiligen Lande gegründet. Wegen der Leistungen, die das Hospital in Palästina erbracht hatte, wurden seine Träger auf Einwirken einiger Fürsten aus Deutschland in den Ritterstand erhoben. Hier bildete er nach den Templern und Johannitern den dritten und jüngsten der großen geistlichen Ritterorden. Der Hauptgrund für dessen Stiftung lag in den Rückeroberungszügen Saladins und der damit verbundenen Steigerung an Verletzten, denn der Zweite und besonders der Dritte Kreuzzug erwiesen sich als harte Prüfung für die Streiter der Kirche. Sein vornehmlicher Zweck sollte die Pflege - nicht ausschließlich, doch besonders deutscher - kranker Pilger und verwundeter Streiter sein 44 .
41 Vgl. Erdmann, Carl: Die Entstehung des Kreuzzugsgedankens. (Forschung zur Kirchen- und
Geistesgeschichte Bd.6 ). Stuttgart 1935. S. 5
42 Vgl. Ebd. S. 5 f.
43 Vgl. Ebd. S. 10 f.
44 Vgl. Hennig, Ernst (Hrsg.): Die Statuten des Deutschen Ordens. Königsberg. 1806.Vorrede S.32
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Magistra Artium Daniela Herbst, 2004, Die Mission des Deutschen Ordens in Preußen, München, GRIN Verlag GmbH
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