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Die Möglichkeit des Spiels im Rahmen der Förderung von Sprache 01
1. Einleitung 01
2. Die Hauptaspekte der Sprache 01
3. Die Sprachentwicklung
3.1. Die Theorien der Sprachentwicklung 02
3.1.1. Burrhus Frederic Skinner
3.1.2. Noam Avram Chomsky 03
3.1.3. Wertung der Theorien 03
3.2. Die Sprachentwicklung des Menschen 04
3.2.1. Die kognitive Grundausstattung 04
3.2.2. Vorbedingungen für die Sprachentwicklung 06
3.2.2.1. Das Gehör 06
3.2.2.2. Der Sprechantrieb 06
3.2.2.3. Das sprachliche Vorbild 06
3.2.2.4. Die Umweltbedingungen 06
3.2.2.5. Die Motorik 07
3.2.2.6. Die Wahrnehmung 07
3.3. Der zeitliche Ablauf der Sprachentwicklung 07
3.3.1. Das erste Lebensjahr - Säuglingsalter - Vorsprachliche Phase 07
3.3.2. Zweites Lebenshalbjahr - die Sprachproduktion - Einwortsatz 08
3.3.3. Das Kleinkindalter 09
1 bis 1 Jahre Phase 1 09
1½ bis 2 Jahre Phase II 09
2 bis 2 Jahre Phase III 09
Ab 3 Jahren Phase IV 09
Ab 3 Jahre Phase V 10
4. Die Sprachentwicklungsverzögerung 10
4.1. Leitsymptome 10
4.2. Dysgrammatismus 11
4.2.1. Einteilung nach Liebman 12
4.2.2. Einteilung nach Remmler 13
4.3. Ätiologie 15
4.3.1. Heilpädagogische Sicht 15
4.3.2. Medizinische Sicht 16
4.3.3. Psycholinguistische Sicht 16
4.4. Folgen von Dysgrammatismus 17
5. Die Bedeutung des Spiels in der Sprachtherapie 17
5. 1. Sprachspiel - was ist das und was kann es bewirken? 18
5.2. Das Sprachspiel „Arche Noah 19
5.2.1. Ziel des Spiels 20
5.2.2. Spielverlauf 20
5.3. Abschließende und Methodische Hinweise 21
2
Die Möglichkeit des Spiels im Rahmen der
Förderung von Sprache
Die Therapie bei Sprachentwicklungsverzögerung - Untersuchung der Altersgruppe von 0 bis 5 Jahre
1. Einleitung
Kindlicher Spracherwerb vollzieht sich im Sprachspiel. Ganz gleich, welcher Theorie des Entstehens von Sprachkompetenz man zuneigt, sicher ist, daß sich schon frühkindliches Ausprobieren sprachlicher Möglichkeiten auf spielerische Weise vollzieht. Sprache ist ein Werkzeug der Intelligenz und das wichtigste Kommunikationsmittel. Sprache ist ein Gefüge sinn- und bedeutungsvoller Zeichen, die nicht sich selbst meinen, sondern Dinge und Vorgänge der Außenwelt und Zustände des Innenlebens darzustellen in der Lage sind. Sprache ist also Symbol oder Signal für etwas. Sie ist Geschichte der Lebewesen einer der jüngst hinzugekommenen Bereiche und deshalb besonders leicht störbar. 1 Man kann auch sagen, daß dem Menschen ohne Sprache wesentliche Bereiche seines Menschseins vorenthalten werden. Darum müssen alle zur Verfügung stehenden Mittel eingesetzt werden, ihm Sprache beizubringen.
Auch das Spielen gehört zum Menschsein. Es kommt bei allen Völkern und in allen Kulturen vor. Bis hin zum Schulalter verbringen Kinder die überwiegende Zeit des Tages mit Spielen.
Im folgenden wird nun die Sprachentwicklung des Kindes im Alter von 0 - 5 Jahren aufgezeigt. Im Anschluß daran wird der Dysgrammatismus als konkrete Sprachentwicklungsverzögerung erklärt und entsprechende Therapieansätze in Form von Sprachspielen vorgeschlagen.
2. Die Hauptaspekte der Sprache
Jede Sprache hat zwei Hauptaspekte - Struktur (fundamentale Einheit von Wörtern und Lauten, sowie Regeln, nach denen sie zu ordnen sind) und Bedeutung (konventionelle, willkürliche Zeichen für Gemeintes, für Objekte und Ereignisse).
1 Josef , K. / Böckmann, G.: Spracherziehung bei geistig behinderten und sprachentwicklungsgestörten Kindern. S. 8
3
Die Struktur besteht aus einem Lautsystem (Phonologie), Bildern in Worten aus Lauten (Morphologie) und Wortverbindungen (Syntaxen).
Die Sprache besteht aus elementaren Lauten, sog. Phoneme. 2 Das sind zumeist Vokale und Konsonanten, die ungefähr Buchstaben eines alphabetischen Schreibsystems entsprechen (lautliches Segment als kleinste bedeutungsunterscheidende sprachliche Einheit). Aus Phonemen entsteht eine größere Einheit, ein Morphem (kleinste linguistische Einheit zur Analyse von Sprachphänomenen). 3
Jede Sprache hat ihre eigenen Regeln für Phonemkombinationen. Jeder Satz hat eine Oberflächen- und Tiefenstruktur. Die Oberflächenstruktur bezeichnet das, was wir tatsächlich wahrnehmen. Die Tiefenstruktur meint die logische Grundbeziehung, die in dem Satz ausgedrückt wird. Sie ist abstrakter und hängt von der Bedeutung ab. Die Semantik 4 (Bedeutung) erkennt, daß Sprache das wichtigste Medium für soziale Interaktionen und kognitive Funktionsweisen ist. Die drei wesentlichsten Punkte der Sprache sind:
1. Durch die sprachliche Benennung ist es möglich, sich mit Dingen zu beschäftigen, die hier und jetzt nicht vorhanden sein müssen.
2. Durch die Sprache haben wir eine große Bereicherung der menschlichen Beziehung. Wir können uns mitteilen.
3. Mit Hilfe der Sprache kann man etwas unternehmen, ohne praktisch tätig zu sein.
3. Die Sprachentwicklung
3.1. Die Theorien der Sprachentwicklung
Wie Sprache funktioniert und entsteht, wie Kinder die Fähigkeit erwerben Sätze zu sprechen und Bedeutung und Gedanken mitzuteilen, damit beschäftigten sich B. F. Skinner und N. A. Chomsky.
3.1.1. Burrhus Frederic Skinner
Der Lerntheoretiker Skinner erforschte das Aneignen von Sprache im Sinne von Assoziationen zwischen Stimulus und Reaktion und Belohnung oder Verstärkung. Diese Theorie geht auf die Forschung über Lernen mit Tieren zurück. Nach Skinner wird Spra-
2 Dupuis,G. /Kerkhoff, W.: Enzyklopädie der Sonderpädagogik, der Heilpädagogik und ihrer Nebengebiete, S. 484
3 Dupuis, G. /Kerkhoff, W.: Enzyklopädie der Sonderpädagogik, der Heilpädagogik und ihrer Nebengebiete, S. 437
4 Dupuis, G. /Kerkhoff, W.: Enzyklopädie der Sonderpädagogik, der Heilpädagogik und ihrer Neben- gebiete , S. 580
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che über operante Konditionierung gelernt. Dem Versuchsobjekt wird ein verstärkter Reiz unmittelbar nach dem Vollzug einer bestimmten Reaktion dargeboten. Operant deshalb, weil das Tier eine Handlung vollziehen muß, um den Reiz zu erhalten. Die Konditionierung ist vollbracht, wenn das den Reiz hervorbringende Verhalten schneller, nachdrücklicher oder häufiger erfolgt. 5
Dieser Theorie zufolge basiert operantes Konditionieren verbalen Verhaltens auf selektivem Verstärken von Lauten und Lautkombinationen durch die Umwelt. Babys äußern Laute spontan und Eltern oder andere Umweltpersonen verstärken Laute in differenzierter Weise. Mit wachsender Reife des Kindes werden Annäherung an seine Wörter stärker betont. Nach dieser Theorie lernen Kinder durch Bekräftigung, die sprachliche Reaktion der Eltern zu imitieren. Doch es unterliegt keiner „Reizkontrolle” und bei Belohnung wird das Kind auch in unpassenden Momenten das Verhalten wiederholen. Wenn das Kind mit der Zeit erkennt, daß es die Belohnung nur bekommt, wenn des Umweltreiz auch präsent ist, dann spricht man von kontrollierter operanter Konditionierung.
3.1.2. Noam Avram Chomsky
Während Verstärkung und Imitation bei Spracherwerb zweifellos eine wichtige Rolle spielen, reichen sie nicht als Erklärung für den Prozeß selbst aus. Chomsky hält auch die Fähigkeit für nötig, andere Sprachdaten, das sog. Input, zu verarbeiten und daraus korrekte, annehmbare grammatische Formen zu schließen. Chomsky nimmt ein von der Natur vorgegebenes System an, das „language acquisition device” (LAD), zu deutsch, Spracherwerbsvorrichtung. Eine Struktur, die von vornherein so angelegt ist, daß es dem Kind ermöglicht, Sprache zu verarbeiten, Regeln zu konstruieren und Sprachäußerungen zu verstehen sowie selbst hervorzubringen. 6 Durch komplexe, noch unbekannte Mittel verarbeitet das Kind das sprachliche Input. Das LAD muß universell einsetzbar sein und in jeder Sprache erworben werden können. Ein Beweis für die Existenz des Sprachverarbeitungsmechanismus ist die vorhandene Neurologie des Menschen für Sprache.
3.1.3. Wertung der Theorien
Während früher gerade der kindliche Spracherwerb zur Verfechtung extrem empiristi- 5 B.F. Skinner in: Krech, D./ Crutchfield, R. S.: Grundlagen der Psychologie. Lern- und Gedächtnispsychologie, S. 31
6 N. Chomsky in: Krech, D./Crutchfield, R. S.: Grundlagen der Psychologie. Lern- und Gedächtnis- psychologie. S. 48
5
scher, also das Lernen betonender Positionen (Skinner), und extrem nativistischer, als die vorgegebene Anlage betonender Positionen (Chomsky), diente, ist dieser Streit mittlerweile einer detaillierten Betrachtung gewichen. 7
Die erste Theorie nach Skinner berücksichtigt den Beitrag des Kindes zum Erlernen und Meistern der Sprache nicht und hat deshalb nicht wesentlich zur Erforschung der Sprachentwicklung beigetragen. Nach Skinner lassen sich weder die erstaunlich rasche Entwicklung des kindlichen Sprachverständnisses noch die frühzeitige Beherrschung syntaktischer Regeln erklären. Der Schluß, daß Spracherwerb ein klar definierter Lernvorgang sei, war voreilig: Erwerb und Benutzung von Sprache läßt sich nicht sinnvoll in reinen Reiz-Reaktions-Ketten darstellen. 8
Kritik an Chomsky ist, daß er angeborene Universalien postuliert, die dafür sorgen sollen daß nicht zuviele und nur ganz bestimmte Hypothesen solcher Art getestet werden müssen. 9
Diese Hypothesen aber werden durch Grundmuster kanalisiert, die sich in der wechselseitigen Mutter-Kind-Interaktion herausbilden. Damit basieren sie auf Erfahrung und nicht auf obskuren „angeborenen Ideen”.
Die Psycholinguistik wendet sich ab von starren Kompetenzmodellen, die von einer weitgehend vollständigen Beherrschung eines klar definierten Regel- und Begriffssystems ausgehen. Als grundlegende Voraussetzung für Aufnahme und Verarbeitung von Sprache ist die Bedingung, daß das Kind in der sinnlich erfahrenen Welt ebenso wie in der gehörten Sprache eine Strukturierung erkennt, beide miteinander in Beziehung setzt, mit seinem eigenen „Ich” symbolisch agieren kann und in der Lage ist, Regeln zu bilden. 10 Das bedeutet eine Abkehr von relativ einfachen Lernmechanismen wie Imitation und „Generalisation” und eine Betonung der Ausbildung von kognitiven Fertigkeiten, wie sie u. a. die Entwicklungspsychologie Piagets als relativ invariante Reifungsfolge ansieht. 11
3.2. Die Sprachentwicklung des Menschen
3.2.1. Die kognitive Grundausstattung
Von Anfang an ist das Menschenkind aktiv, indem es Regelmäßigkeiten in der es umgebenden Welt heraussucht. Das Kind ist in spezifisch menschlicher Weise aktiv; es wan- 7 Asanger,R./Wenninger, G.: Handwörterbuch der Psychologie. S. 734
8 Asanger, R./Wenninger, G.: Handwörterbuch der Psychologie. S. 734 9 Kugemann, W. F. / Toman, W.: Studieneinheit Entwicklungspsychologie 1, S. 7 10 vgl. Hörmann, H. : Einführung in die Psycholinguistik. 11 Zollinger, B.: Spracherwerbsstörungen. S. 25 f.
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delt Erfahrungen in artspezifische Mittel-Zweck-Strukturen um. 12 Ein großer Teil der beim Kleinkind ablaufenden kognitiven Verarbeitungsprozesse begleitet und unterstützt zielgerichtetes Handeln. Säuglinge koordinieren bereits das Hinschauen. Wenn sie am Schnuller saugen, um ein Bild schärfer werden zu lassen, so saugen sie, solange sie hinschauen und lernen bald wegzuschauen, wenn sie mit Saugen aufhören. 13 Weiterhin ist offensichtlich, daß ein gewaltiger Teil der Aktivität, welche das Kind in den ersten anderthalb Lebensjahren an den Tag legt, außerordentlich sozial und kommunikativ ist. 14 Schon beim Säugling kann man Reaktionen auf Mimik und Gestik feststellen. Auf ein freundliches Gesicht reagiert ein Säugling freundlich. Bei einem ernsten Gesichtsausdruck beginnt der Säugling zu weinen. Viele frühe Handlungen des Kindes laufen in umgrenzten familiären Situationen ab und weisen einen erstaunlich hohen Grad von Ordnung und Systematik auf. 15 Kinder probieren viele verschiedene Bewegungsmuster am selben Gegenstand immer wieder aus. Oder: Kinder probieren dasselbe Bewegungsmuster an verschiedenen Gegenständen immer wieder aus.
Niemand hat diesen systematischen Zug am kindlichen Verhalten besser charakterisiert als Jean Piaget. Die frühere Auffassung des kindlichen Verhaltens als eines zufälligen Probierens und des Wachstums als einer Koordination läßt sich im Lichte des heutigen Wissens nicht mehr aufrecht erhalten. Innerhalb der Grenzen des kindlichen Handlungsreichs sind die Abläufe genauso geordnet und systematisch, wie das Verhalten Erwachsener. Es überrascht nicht, daß das Kind bei seinem Eintritt in die Welt der Sprache und der Kultur bereit ist, systematische Bewältigungsstrategien hinsichtlich sozialer Erfordernisse und linguistischer Formen zu finden oder zu erfinden. Das Kind reagiert „kulturell” mit charakteristischen Hypothesen darüber, was verlangt ist und begegnet der Sprache mit einer Bereitschaft für Ordnung. 16 Zwei Schlußfolgerungen ergeben sich daraus: 1. Das Kind ist in der Lage aus „wenig viel zu machen”.
2. Der Erwerb vorsprachlicher und eigentlich sprachlicher Kommunikation findet hauptsächlich im strukturierten Rahmen statt, den wir beschreiben. Das Kind und seine Bezugsperson kombinieren in diesen Situationen ständig Elemente, um Bedeutungen zu gewinnen, Interpretationen zuzuordnen und Absichten zu erschließen. 17 Eine weitere
14 Vgl. Jerome Brunner: Wie das Kind sprechen lernt. S. 20
15 Vgl. Jerome Brunner: Wie das Kind sprechen lernt. S. 23 16 Vgl. Jerome Brunner: Wie das Kind sprechen lernt. S. 23 17 Vgl. Jerome Brunner: Wie das Kind sprechen lernt. S. 23
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Astrid Reiß, 2001, Die Möglichkeit des Spiels im Rahmen der Förderung von Sprache, München, GRIN Verlag GmbH
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