Inhalt
Inhalt.......................................................................................... 2
Einf ührung 3
Voraussetzung........................................................................... 4
Alltag in der DDR 5
Der Arbeitsbereich. 5
Der Privatbereich 6
Der „Freizeitbereich“ 6
Die Transformation 8
Die Praktiken der Wirklichkeitskonstruktion. 10
Vorfeldmethoden 11
Entproblematisierungsmethoden 13
Ausgrenzungsmethoden. 15
West - Medien, das spezifische DDR-Problem der
Wirklichkeitskonstruktion 18
Warum kam es zur Destruierung der DDR-Wirklichkeit? 20
Zusammenfassung 23
Literaturliste 25
2
Einführung
„Man spricht von Ideen, welche eine ganze Gesellschaft revolutionieren; man spricht damit nur die Tatsache aus, dass sich innerhalb der alten Gesellschaft die Elemente einer neuen gebildet haben, dass mit der Auflösung der alten Lebensverhältnisse die Auflösung der alten Ideen gleichen Schritt hält.“ 1 Dieser beschriebene Umbruch, ist für die gestaltenden Akteure in einem totalitären System genau das, was verhindert werden muss. Es beschreibt das Entstehen einer neuen, gemeinsamen Wirklichkeit. Es zeigt, was passiert, wenn die politischen Institutionen in einem totalitären oder autoritären Staat versagen und für eine Mehrheit der Menschen in einem System erwartete und vorgegebene Wirklichkeiten nicht mehr konform gehen, mit eigenen Ideen und alltäglichen politischen Wahrnehmungen. Es umschreibt also die Fragilität von Realitäten 2 , die für jedes System, das seinen Machtanspruch auf festgesetzte und gleichgeschaltete Wirklichkeiten und Wahrheiten gründet, zur Existenzbedrohung wird.
Den Weg der vorbestimmten und festgelegten Wirklichkeit ist auch das politische System der DDR gegangen. Ihr ist es nicht gelungen, zu verhindern, dass es zur kollektiven gesellschaftlichen Neuorientierung kam und so bin ich heute in der Lage, aus einer Fremdperspektive eine Untersuchung der eigenen Gesellschaft, der Gesellschaft DDR durchzuführen. 3
Ich möchte diese Betrachtung der eigenen, nun fremden sozialen Wirklichkeit, mit dem Blick der Ethnomethodologie 4 untersuchen. Dabei kommt es mir darauf an, erlebtes in einen wissenschaftlichen Kontext einzubinden, um somit mein eigen erlebtes, von der Mikro-Ebene auf die Makro-Ebene zu heben. In dem Zusammenhang möchte ich der Frage nachgehen, was eigentlich die politische Elite der DDR aus ethnomethodologischer Sicht falsch gemacht hat und warum es zur Destruierung der politischen Wirklichkeit in der
1 Kommunistisches Manifest, MEW 4, 480
2 beschrieben und mit Beispielen belegt bei E. Weingarten, F. Sack und J. Schenkein: Ethnomethodologie
Beiträge zu einer Soziologie des Alltagshandelns S.:49
3 Die Voraussetzungen dafür beschreibt J. E. Krieger: Zum Realitätsbegriff der Ethnomethodologie S.: 24
und bezieht sich dabei auf A. Schütz S.:245
4 Eine Definition von Ethnomethodologie soll nicht Gegenstand dieser Arbeit sein und so verweise ich auf
folgende Werke: W. .J. Patzelt: Grundlagen der… S.: 9 ff & J. E. Krieger : Zum Realitätsbegriff… S.: 21;
beide beziehen sich auf H. Garfinkel : Studies in ethnomethodologiy
3
DDR kam. Ich habe mir dazu die Zeit zwischen November 1988 und Oktober 1989 gewählt. Das besondere an dieser Zeit ist, dass in einem recht überschaubaren Zeitabschnitt fest gefügte Orientierungspunkte einer Wirklichkeit wegfielen und eine kollektive Destruierung, einer politischen
Wirklichkeitskonstruktion stattfand, so dass es als gutes Beispiel dienen kann, um die Wichtigkeit des politischen Alltagsdenkens zu verstehen. Die geschichtlichen und politischen Vorgänge während der „Wende“ sind in der Literatur vielschichtig untersucht. Der ethnomethodologische Zusammenhang ist aber nur am Rande betrachtet worden oder umschrieben worden und oft gefühlsmäßig als eine Zeit beschrieben, in der alte Werte nichts mehr galten und eine Desorientierung einsetzte.
Zu Beginn der Arbeit, möchte ich einige Begriffe und Vorgänge klären, die für das Verstehen der Arbeit unerlässlich sind
Voraussetzung
In der Geschichte des Poltischen Systems der DDR war es ein zentraler Punkt, das eigene Wertesystem durchzusetzen. Dabei veränderte sich die Intensität, mit der der Gestaltungsanspruch verfolgt und durchgesetzt werden konnte und wurde. Während in den fünfziger Jahren die Wirkungsmöglichkeit durch die offene Grenze zur BRD begrenzt blieb, wurde nach der Schließung der innerdeutschen Grenze die „neue Gesellschaft“ mit Zwang, Gewalt und ideologischem Eifer durchgesetzt und während des Prager Frühlings 1968 von der Sowjetunion, der Weltöffentlichkeit demonstriert. 5 Die Ideologie entwickelte sich in den 80-er Jahren zum Ritualkodex, der von immer weniger Menschen ernst genommen wurde.
Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, das bis zum Zusammenbruch des Systems und der Modifizierung des totalitären Sicherheitssystems zu keinem Zeitpunkt wirtschaftlicher, sozialer oder politischer Pluralismus zugelassen wurde.
5 Klaus Schroeder, Der SED-Staat, Geschichte und Strukturen der DDR, München 1998, Bayrische
Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München, S.: 646
4
Die Ethnomethodologie ist ein sehr probates Hilfsmittel um zu untersuchen, welches Wesen die flächendeckenden Überwachung und die präventive Unterdrückung von potentiell oppositionellem Verhalten besaß. Vor allem aber warum trotz des massiv durchgesetztem Gestaltungsanspruch eine neue Wirklichkeit entstand.
Ethnomethodologie spielt in der Politikwissenschaft seit über fünfzehn Jahren eine unbestrittene Rolle. Sie geht der Frage nach „Durch welches methodische Handeln, Äußern und Denken bringen die Menschen in ihren konkreten, alltäglichen Kommunikations- und Interaktionskommunikationen jene
Wirklichkeit hervor, die sie dann wiederum ihrem eigenen Handeln als so-und-nicht-anders-beschaffene Wirklichkeit in aller Selbstverständlichkeit zugrunde legen, bzw. gegen die sie revoltieren und die sie verändern und destruieren.“ 6
Alltag in der DDR
Der Alltag, in dem bis 1988 gelebt wurde, war klar strukturiert und für jeden Menschen der politische Kurs und die Gleichschaltung fast aller Lebensbereiche, ein deutlicher Pfad durchs Leben. Es darf aber nicht daraus geschlossen werden, dass das Privatleben nicht ausdifferenziert war. Um einen kleinen Überblick über die Ausgangssituation von 1988 zu geben, habe ich den Alltag in verschiedene Betrachtungsschwerpunkte geteilt. Den Bereich ,den ich „Arbeitsbereich“ nennen möchte, den „Privatbereich“ und den „Freizeitbereich“.
Der Arbeitsbereich.
Vor allem im Arbeitsprozess kam der Widerspruch zwischen Schein und Sein, Anspruch und Wirklichkeit, ständig propagierter Überlegenheit der zentralen Planwirtschaft und tagtäglich erfahrener Realität im Betrieb zum Ausdruck. Es gelang kaum mehr, die Betriebe kontinuierlich mit Rohstoffen, Material und Ersatzteilen zu versorgen; hinzu kam, dass bereits zu diesem Zeitpunkt nahezu zwei Drittel der verwendeten Maschinen längst verschlissen waren und eigentlich
6 Werner J. Patzelt, Politikwissenschaft und Ethnomethodologie, In: Vortragsmanuskript Universität Salzburg, Sommer
1988
5
hätten ersetzt werden müssen. Insofern fiel es zunehmend schwerer, die Produktion überhaupt aufrecht zu halten. 7 Eine Motivation hielt sich durch das strukturbedingte Nichtstun in einigen Betrieben, allgemein in Grenzen.
Der Privatbereich
Bei einem Blick in die Literatur sind sehr konträre Meinungen über den privaten Bereich zu finden. Einerseits wird von einer „Intensivierung nach Innen“ 8 ausgegangen und andererseits vertritt Norbert Schneider die Ansicht, dass die Familie in der DDR "nicht der abgeschottete und durchprivatisierte Lebensbereich war, sondern zunehmend den Charakter einer "Versorgungs-und Erledigungsgemeinschaft" angenommen hatte, in dem emotionale Ansprüche zu kurz kommen und Beziehungen vor allem wegen ihres instrumentellen Nutzens gepflegt und aufrechterhalten worden seien. 9
Der „Freizeitbereich“
Kein Lebensbereich war wohl unklarer und differenzierter als die Freizeit. Offizielle Erwartung und privater Wille verschmolzen oder standen sich auch konträr gegenüber.
Das offizielle Ziel der Kulturpolitik war allgemein die Errichtung der Diktatur des Proletariats und der Aufbau des Sozialismus. Auch die Kultur sollte im Dienst des Klassenkampfes stehen und sollte die sozialistische Kulturrevolution durchführen. 10
7 Deutschland in den 70er/80er Jahren, Informationen zur politischen Bildung (Heft 270)
8 Familiale Lebensformen im Wandel, Aus Politik und Zeitgeschichte (B 19/2004)
Scheller Gitta
9 Norbert Schneider, Familie und private Lebensführung in West- und Ostdeutschland, Stuttgart 1994.; Eine empirisch-
quantitative Studie zur Rekonstruktion der Sozialgeschichte der DDR wurde vom der Projektgruppe „Lebensläufe und
historischer Wandel in der ehemaligen DDR“ am Max-Plank-Institut für Bildungsforschung Berlin veröffentlicht. Der
Beitrag: „Netzwerke und Hilfeleistungen: Familie oder Familismus?“ S.: 37 Beschäftigt sich genau mit dem Thema.
10 Informationen Zur Politischen Bildung (1991) : Geschichte der DDR. Heft 231
6
Im Programm der SED von 1986 wurde ihre Aufgabe definiert als "die für die entwickelte sozialistische Gesellschaft charakteristische Art und Weise des gesellschaftlichen Lebens (...) in der Freizeit (...) so wie in den Lebensgewohnheiten (...) auszuprägen" 11 .
Speziell für die Freizeit wurde aber auch festgestellt, dass es "objektive Erfordernisse" gäbe. So bedeute sie zum Beispiel nicht grenzenlose Freiheit. Aber es bestünde auch eine Pflicht zur Erholung, denn der Mensch müsse sich auch von innen ausruhen, ein sinnvoller Wechsel von Anspannung und Entspannung sei notwendig. Ein Mangel an Freizeit sei keine Tugend, denn jeder habe eine "persönliche und gesellschaftliche Verantwortung für die Reproduktion der Erholung". 12 Arbeitskraft durch Diese gehöre zur sozialistischen
Persönlichkeitsentwicklung und sei aber nicht gleichzusetzen mit passiven Freizeitverhalten.
Das Bedürfnis nach mehr Selbstbestimmung und Individualität wuchs in den 80er Jahren. Gerade die Jüngeren entfremdeten sich zunehmend von der Partei und dem System. Während die Generation der 70er die Anhebung des Lebensstandards noch erlebt hatte und dadurch einen eher positiven Bezug zum Staat gehabt hatte, prägte die Jugend der 80er eher das Bild von Starrheit und Stagnation im Staat.
Der Wertewandel der Jugendlichen kann somit als direkte Abgrenzung zum SED-System gewertet werden. Für Sie gewannen selbst bestimmte, soziale Beziehungen, politikfreie Räume, aber auch Lebensgenuss und Spaß in der Freizeit, zunehmend an Bedeutung. Der Anstieg materieller Werte konnte als "Reflex auf ein dezimiertes, standardisiertes Angebot an materiellen Werten (...) interpretiert werden." 13
11 STEITZ, L. (1987): Sozialistische Lebensweise und Aktivität. - Berlin., S.111
12 STEITZ, L. (1987): Sozialistische Lebensweise und Aktivität. - Berlin., S.120 ff
4 Wolle, S; Die heile Welt der Diktatur, S.:128
7
Arbeit zitieren:
René Plaul, 2006, Warum kam es zur Destruierung der politischen Wirklichkeit in der DDR?, München, GRIN Verlag GmbH
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