Christian-Albrechts-Universität zu Kiel WS 99/00
Institut für Neuere Literatur und Medien Proseminar: Von Ibsen zu Thomas Mann: Klassiker der deutschen und skandinavischen Moderne Hausarbeit:
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Semester: 3
II
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1. Einleitung - Flucht aus gesellschaftlicher Determiniertheit 1
2. Zwei Fluchtmotive 2
3. Beispiele aus der skandinavischen Literatur um die Jahrhundertwende 3
3.1 August Strindberg 3
3.2 Henrik Ibsen 6
3.3 Jens Peter Jacobsen 9
3.4 Herman Bang 11
4. Beispiele aus der deutschen Literatur um die Jahrhundertwende 13
4.1 Gerhart Hauptmann 13
4.2 Thomas Mann 16
5. Versteckte Kontinuität 19
6. Finden von Wahrheit 21
Literaturverzeichnis S. 23
III
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Da war doch endlich einmal einer aus jener Welt da draußen, einer, der in den großen, fernen Städten gelebt hatte, [...] wo der Rauch von den Lagerfeuern der Zigeuner sich lang über Baumkronen der Wälder hinzog, während rote Ruinen von den weinumkränzten Höhen in ein lachendes Tal hinabschauten... 1 In sowohl der skandinavischen als auch der unter skandinavischem Einfluß stehenden Literatur um die Jahrhundertwende, welche die Beziehung zwischen dem nach Selbstverwirklichung strebenden Individuum und der in ihrer Determiniertheit gefangenen Gesellschaft beschreibt, tritt besonders häufig ein Motiv des „Dem-Ort-Entfliehens“ auf. Dieser $XVEUXFK aus gesellschaftlichen Zwängen vollzieht sich in
den Werken der Autoren in unterschiedlichster Weise. Häufig scheint eine wie oben zitierte Sehnsucht nach dem ganz Unbekannten (aber erwartet Sinngebenden) Ursprung dieses Ausbruchs zu sein.
Womöglich nicht immer ist dieses Motiv jedoch unter dem hier zu untersuchenden Aspekt ein bewußt gewähltes zu sein, vielmehr gewinnt man den Eindruck der aus anderen Intentionen heraus gewählten „Flucht“, bzw. der Wahl dieser Lösung als beinahe unbewußte (und damit den zeitlichen Umständen um die Jahrhundertwende Rechnung tragende) Entscheidung der Autoren.
Gerade deshalb ist das Ziel der vorliegenden Arbeit eine etwaige Stringenz in der Beibehaltung dieses Motivs als Ultimativlösung festzustellen und zu untersuchen, wobei ausschließlich dieses auf gesellschaftlichen Zwängen basierende Fluchtmotiv analysiert wird, während andere Lösungen menschlicher Unzufriedenheit nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein sollen.
Die Texte der deutschen Autoren Gerhart Hauptmann und Thomas Mann, aber auch die ihrer skandinavischen Vorläufer August Strindberg, Henrik Ibsen, Jens Peter Jacobsen und Herman Bang dienen nicht nur wegen ihrer überragenden (und damit beispielhaften) Position in der Literatur des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts, sondern insbesondere auch wegen der in ihnen auftretenden Vielfältigkeit des zu erwartenden Motivs, als textliche Grundlage dieser Analyse.
1 J. P. Jacobsen: Niels Lyhne, Stuttgart 1995, S. 7.
1
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In der sich mit gesellschaftlicher Determiniertheit auseinandersetzenden Literatur tauchen im wesentlichen zwei Typen des $XVEUXFKV auf, welche - vorab definiert -
die Kategorien des zu untersuchenden Fluchtmotivs darstellen sollen.
Am auffälligsten erscheint der Weggang von einem Ort als Flucht aus den gegebenen historisch-gesellschaftlichen Bedingungen. Dieses soll hier als e r s t e r T y p bezeichnet werden.
Die tatsächliche Unmöglichkeit oder nur erschwerte Gelegenheit der Weiterführung des eigenen Lebens an einem Ort, an dem die äußeren Umstände (=die Gesellschaft) gegen eine solche sprechen, führt hier zum Verlassen der den einzelnen Menschen bedrängenden Begebenheiten. Hierunter fallen alle YRQ DXHQ PRWLYLHUWHQ Ent-scheidungen der Protagonisten, beispielsweise das Verschwinden des Adligen mit (und eben nicht Heiraten) einer ihm zugeneigten Magd.
Diverse Variationen dieses Typs in der Literatur der Moderne verdecken trotzdem nicht die eigentlich schon vorhandene Etablierung eines solchen Motivs in der gesamten Literaturgeschichte.
Neu hingegen scheint die Sehnsucht zu fernen Orten als Motiv in der Literatur der Moderne; nicht nur die Sehnsuchtnach einem (- individuell gestaltbarem -) Ort, (wie es die Literatur durchaus bereits kennt), sondern nach einem, an dem die Erweiter-ung des Horizonts (und die damit implizierte Loslösung von persönlichen Lebensbedrückungen) möglich scheint, also einem bedeutenem, weltoffenen Ort geistigen Klimas. Dieses stellt den z w e i t e n T y p der hier feststellbaren Ausbruchmotive dar. Die YRQ LQQHQ PRWLYLHUWH Entscheidung des Protagonisten zur Flucht aus bspw.
seinem ihm beengenden Heimatdorf gehört hier zu den häufigsten Motiven.
Um der Frage nach dem tatsächlichen Vorhandensein dieser Typen in der Literatur der Jahrhundertwende (sowie der bewußten Setzung durch die Autoren) näher zu kommen, werden im folgenden zunächst Beispiele von Fluchtmodellen in den Wer-
2
ken einiger Autoren der skandinavischen und deutschen Moderne geschildert und darauf möglichst einem der beiden Typen zugeordnet.
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Die hier relevanten skandinavischen Autoren des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts nutzen die geschilderten Fluchtmotive in diversen Variationen unterschiedlichster Motivation. Besonders auffällig, noch mehr als wenig später bei ihren deutschen Kollegen, scheint persönlicher Reisewillen und damit die Vermittlung eigener Lebensauffassungen und -erwartungen, ihre literarischen Darstellungen zu beeinflußen.
Die Texte )UlXOHLQ-XOLH (August Strindberg), *HVSHQVWHU (Henrik Ibsen) und 1LHOV /\KQH (Jens Peter Jacobsen), aber auch Herman Bangs Kurzgeschichte ,UHQH +ROP,
lassen nicht nur eine Analyse dieses Ausbruchsmotivs zu, sondern geben zudem einen Eindruck ihres Einflusses auf die deutsche Literatur der Jahrhundertwende. Die nachfolgende Analyse beschränkt sich im wesentlichen auf eine Betrachtung der Hauptfiguren vorstehender Werke, was auch als Zeichen der Bedeutsamkeit des Motivs gewertet werden kann. $XJXVW6WULQGEHUJ
August Strindbergs )UlXOHLQ -XOLH, die Determiniertheit der Menschen durch die
Gesellschaft erfassend, beschreibt den mißlungenen Fluchtversuch der Fräulein Julie und ihres Dieners Jean. Beide sehen sich nicht in der Lage, sich ihrer Situation - dem Zugeständnis einer gemeinsamen Nacht und deren Folgen - zu stellen, sondern fürchten Sanktionen ihrer Umgebung. 2 Verkörpert wird diese gesellschaftliche Bedrohung durch die gräfliche Vaterfigur Julies, wie u.a. Jeans Aussage kurz vor der Rückkehr des Grafen verdeutlicht:
2 vgl. F. Paul: August Strindberg, (=Realien zur Literatur, Abt. D: Literaturgeschichte), Stuttgart
3
...und nachdem ich eben die Stimme des Grafen gehört habe, da - ich kann es nicht so richtig erklären, aber - ah, das ist der verdammte Lakai, der mir im Genick sitzt! Ich glaube, wenn jetzt der Graf herunterkäme und sagte, daß ich mir die Gurgel durchschneiden soll - ich täte es auf der Stelle! 3
Selbst die Lösung einer (demnach v o n a u ß e n m o t i v i e r t e n) Flucht können sie nicht wahrnehmen. Zwar ist sich zumindest Julie durchaus einer Verantwortung bewußt: „ Wer trägt die Schuld? Ach, was kümmert es mich, wer die Schuld trägt! So oder so, jedenfalls muß ich die Folgen tragen“ 4 ; diese entsteht allerdings im wesentlichen durch ein Schuldbewußtsein aufgrund iher Handlung und kann damit auch nicht zu einer Befreiung ihrer Person führen, wie Julie selbst bemerkt: Wer trägt die Schuld an dem, was geschah? Mein Vater, meine Mutter, oder ich selbst? - Ich selbst? Und es wäre meine Schuld? Aber ich habe ja doch nichts Eigenes! ich habe keinen Gedanken, den ich nicht von meinem Vater, keine Passion, die ich nicht von meiner Mutter hätte“ 5
Die von Fräulein Julie ausgemachte Verantwortung gipfelt in ihrer ( - fast sogar eigenständigen - ) Entscheidung des Freitods, welche in ähnlicher Weise auch bei Hauptmanns 9RU 6RQQHQDXIJDQJ als letzte Lösung einer Person, die sich in der sie
beengenden sowie ihre Lebensauffassung verneinenden Umwelt nicht zurechtfindet. Strindbergs ablehnende Einstellung gegenüber der, in seinen Augen, degenerierten Oberschicht läßt eigentlich keinen Zweifel an der Notwendigkeit dieses Schlusses zu. Damit würde die adlige Julie unfähig zu entscheiden aufgrund ihrer Herkunft, welche gleichzeitig „ die Unlust zu leben, das Sehnen nach dem Ende des Geschlechts“ 6 hervorruft. Gleichzeitig verhinderten 'LHQHUPHQWDOLWlW sowie ]ZLHVSlOWLJHU&KDUDNWHU
Jeans die tatsächliche Durchführung einer Flucht, die dergestalt von Strindberg also nicht gewollt sein kann.
Dennoch taucht der Ausbruchversuch e r s t e n T y p e s, wie bereits erwähnt, in Strindbergs Drama u.a. durch das Packen und Entwenden von Reisegeld 7 in sehr konkreter Planung auf, womit Julies Tod den Status eines mißglückten Fluchtversuchs erhält. 8
1979, S. 39.
3 A. Strindberg, Fräulein Julie, Stuttgart 1983, S. 54.
4 ebda, S. 54.
5 ebda, S. 53.
6 A. Strindberg ]LWLHUWQDFK F. Paul, a.a.O., S. 41.
7 s. A. Strindberg, a.a.O., S. 40ff.
8 vgl. F. Paul, a.a.O., S. 40.
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Arbeit zitieren:
T. Niemsch, 2000, Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft - Ausbruchversuche in der Literatur um die Jahrhundertwende, München, GRIN Verlag GmbH
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