Gliederung
0. Einleitung: Fremdwort und Sprachpurismus
1. Die Übernahme englischsprachiger Elemente bis 1945
1.1. Soziale und politische Voraussetzungen
1.1.1. Das 18. Jahrhundert (Exkurs)
1.1.2. Das 19 . und 20. Jahrhundert
1.2. Bereiche der Übernahme englischsprachiger Elemente
1.2.1. Gesellschaft und häusliches Leben
1.2.2. Technik, Handel und Industrie
1.2.3. Mode
1.2.4. Politik
2. Die „Engländerei“ aus der Sicht von Zeitzeugen
2.1. Hermann Dunger: Engländerei in der deutschen Sprache
2.2. Friedrich Kluge: Deutsche Sprachgeschichte
3. Fazit und Ausblick: „Engländerei“ gestern und heute
3.1. Parallelen zwischen anfänglichem und aktuellem Spracheinfluss
3.2. Englischer Spracheinfluss - Schaden oder Nutzen?
2
0. Einleitung: Fremdwort und Sprachpurismus
„Alle Sprachen, solange sie gesund sind, haben einen Naturtrieb, das Fremde von sich abzuhalten und, wo sein Eindrang erfolgt, es wieder auszustoßen oder wenigstens mit den heimischen Elementen auszugleichen.“ (Jacob Grimm) 2
Die Diskussion um den Umgang mit anderssprachlichen Elementen in unserer Sprache ist beinahe so alt wie die Sprache selbst: Fremdwörter gaben in der Geschichte des Deutschen immer wieder Anlass für mehr oder weniger heftige, leidenschaftliche Debatten. Während im
17. und 18. Jahrhundert nur vereinzelt von Sprachpuristen und -pflegern die Rede ist, verdichten sich im 19. und 20. Jahrhundert die Reihen derer, die sich dazu berufen fühlen, ihre Muttersprache vor fremdsprachlichen Einflüssen zu schützen und zu säubern.
Die Dichterschaft greift bereits im 17. Jahrhundert die Thematik des Fremdworts in der deutschen Sprache auf. So schreibt der Satiriker Johann Michael Moscherosch (1601-1669): „Fast jeder Schneider will jetzund leider/ Der Sprach' erfahren sein und redt latein,/ Wälsch und französisch, halb japonesisch,/ Wann er ist doll und voll, der grobe Knoll./ Ihr bösen Teutschen, man sollt' euch peitschen,/ Daß ihr die Muttersprach so wenig acht.“ 3
War der Sprachpurismus im 17. und 18. Jahrhundert nur dem lateinischen und französischen Anteil an Fremdwörtern im Deutschen gewidmet, so beginnt sich sein Augenmerk ab dem 19. Jahrhundert verstärkt auf den stetig wachsenden Einfluss des Englischen zu richten. Zwar gruppieren sich bereits um 1617 fremdwortpuristisch motivierte Sprachpfleger zur Fruchtbringenden Gesellschaft, doch erst im 19. Jahrhundert kommt es zu einer Blüte der Fremdwortübernahme, und gleichzeitig zu einem radikalen Anstieg der Gegenschläge von Sprachpuristen, die gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts oft über eine bloße Meinungsäußerung hinausgehen.
Der „Naturtrieb, das Fremde von sich abzuhalten“, von dem Jacob Grimm im Eingangszitat schreibt, scheint also gleichsam als ein Thermometer der Gesellschaft zu fungieren:
2 Jakob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Band 1(Leipzig, 1854), Spalte XXVI auf http://www.grin.com/de/preview/39384.html (Zugriff: 08.02.2006)
3 http://www.br-online.de/wissen-bildung/artikel/0502/20-sprachpurismus/index.xml (Zugriff: 08.02.2006)
3
Jede Welle der Fremdwortübernahme bringt die Sprachkritik in Wallung, jeder Import von ausländischem Wortgut ruft den ein oder anderen Sprachpuristen auf den Plan. An der Heftigkeit des Widerstands und der Zuwehrsetzung gegen das sprachlich Fremde, und vor allem an der Intensität der Rückbesinnung auf die eigene Sprache lässt sich also unter Umständen der Grad der Übernahme anderssprachiger Elemente ablesen.
Der durch das Aufkommen von Fremdwörtern ausgelöste Purismus zieht wiederum meist eine Gegenreaktion nach sich. So spricht sich beispielsweise Johann Wolfgang von Goethe, einer der ersten Kritiker des Fremdwortpurismus, dagegen aus, fremdsprachliche Elemente zu verpönen, und plädiert dafür, sie „produktiv aufzunehmen“ 4 . Auch Jacob Grimm äußert sich abfällig über diese extreme, meist auf niedrigem sprachwissenschaftlichem Niveau fußende Vorgehensweise: „Deutschland pflegt einen Schwarm von Puristen zu erzeugen, die sich gleich Fliegen an den Rand unserer Sprache setzen und mit dünnen Fühlhörnern sie betasten.“ 5 Zwar ist das primär anvisierte Ziel der Kritiker am Sprachpurismus nicht direkt die Unterstützung der Fremdwortübernahme, doch die angestrebte Abschwächung der sprachpuristischen Gegenschläge mag sich begünstigend auf das Einfließen von fremdsprachlichen Elementen auswirken.
Da also der Fremdwortpurismus als eine direkte Reaktion auf das vermehrte Vorkommen von fremdsprachlichen Elementen in der Sprache verstanden werden kann, ergeben sich somit für den speziellen Fall des englischen Einflusses auf das Deutsche im 19. und frühen 20. Jahrhundert zwei zentrale Fragen:
a. Welche Gründe können für den rasanten Anstieg des prozentualen Anteils der
b. Welche Lebensbereiche reflektieren besonders stark das Einströmen englischer
4 ebd.
5 In „über das Pedantische in der deutschen Sprache“ auf http://www.literaturblatt.de/heftarchiv/2003-uebersicht/juliaugust-2003/arbeit-im-schalltoten-raum.html (Zugriff: 06.02.2006)
4
Die vorliegende Arbeit soll besonders diese beiden Aspekte beleuchten, und das gefühlte und tatsächliche Ausmaß des englischsprachigen Einflusses im 19. und frühen 20. Jahrhundert aus der Sicht von Zeitzeugen um die Jahrhundertwende und vom heutigen Standpunkt aus umreißen.
1. Die Übernahme englischsprachiger Elemente bis 1945
Der Einfluss englischsprachiger Elemente auf den deutschen Wortschatz lässt sich grob in drei Abschnitte einteilen: Die frühe Entlehnungsphase bis 1800, die erste starke Entlehnungswelle im 19. und frühen 20. Jahrhundert, und die von Besatzungszeit und amerikanischem Einfluss geprägte Periode nach 1945. Das Hauptaugenmerk der vorliegenden Arbeit richtet sich somit zwar auf die zweite Etappe. Da die Grenzen zwischen den einzelnen Phasen jedoch fließend sind, und eine klare Abgrenzung praktisch unmöglich ist, lässt sich das zu behandelnde Feld nicht exakt eingrenzen. Somit sind sowohl die Ausläufer des 18. Jahrhunderts, als auch die Anfänge der Nachkriegszeit bisweilen mit einzubeziehen. Die frühe Entlehnungsphase soll im Folgenden lediglich kurz skizziert werden, um die Vorgeschichte und die Ausgangssituation am Anfang des 19. Jahrhunderts zu beleuchten, zu den sprachgeschichtlichen Ereignissen während der zu behandelnden Periode hinzuführen und die Geschehnisse in den historischen, sozialen und kulturellen Kontext einzubetten.
1.1. Soziale und politische Voraussetzungen
Historisch und politisch gesehen erstreckt sich das 19. Jahrhundert in seiner geschichtlichen Gesamtheit von der Französischen Revolution (1789) bis zum Ende des Ersten Weltkrieges (1918). Bezeichnend für diese Ära ist der endgültige Aufbruch in die Moderne, gekennzeichnet von Liberalismus, Rationalisierung, Säkularisierung, Staatsbildung, und basierend auf der Aufklärung, „die nun endgültig politische und gesellschaftliche Gestalt annahm“ 6 . Da eines der zentralen auslösenden Momente, die Französische Revolution, noch dem 18. Jahrhundert angehört, bietet es sich an, einen kurzen Blick zurück zu werfen, bevor sich das Augenmerk auf das 19. Jahrhundert im engeren Sinn richten soll.
6 http://de.wikipedia.org/wiki/Das_lange_19._Jahrhundert (Zugriff: 06.02.2006)
5
1.1.1. Das 18. Jahrhundert (Exkurs)
Als eine der wichtigsten Zäsuren in der Weltgeschichte gilt die Französische Revolution, die sich im Zeitraum zwischen 1789 und 1799 ansiedeln lässt. Die Stürzung der Monarchie und der Übergang zur Republik läuten ein neues Bewusstsein ein: „Das 18. und 19. Jahrhundert war das Zeitalter der Entstehung von Nationalstaaten und damit gleichzeitig der Entwicklung und Absicherung von Nationalsprachen“ 7 . Dabei gilt jedoch nicht nur Frankreich als Pionier und Vorbild. Auch auf England richtet Europa schon früh sein Augenmerk: Das Deutschland des späten 18. Jahrhunderts schätzt an England besonders sein - im Vergleich zum eigenenrelativ freiheitliches politisches System. Bereits der Englische Bürgerkrieg (1642-1649), der mit der Hinrichtung Karls I. und der vorübergehenden Abschaffung der Monarchie endet, rückt England in den Fokus des allgemeinen Interesses.
Auch seine zukunftsweisende Philosophie, beispielsweise der Empirismus 8 oder die bereits im 17. Jahrhundert begründete Erkenntnistheorie 9 nach Thomas Hobbes, bringen es in Deutschland zu großer Beachtung. Darüber hinaus findet vor allem das bereits verhältnismäßig erfolgreiche Handels- und Manufakturwesen Englands in Europa enorme Bewunderung.
Als originell gilt im Deutschland des späten 18. Jahrhunderts auch die englische Literatur. So werden beispielsweise die Werke von Alexander Pope, Jonathan Swift und William Shakespeare 10 bereits in lateinischer und vereinzelt in deutscher Übersetzung gelesen. Allerdings gilt das Englische bis 1800 mehr als Lese- und Bildungssprache, da die Sprachkenntnisse sich noch auf einen sehr geringen Anteil der Bevölkerung beschränken.
Sowohl im 18., als auch in den darauf folgenden Jahrhunderten gilt vor allem Göttingen als Vorreiter in punkto Englisch. Besonders die Personalunion zwischen Großbritannien und dem Hause Hannover (bis 1837) begünstigt den kulturellen und sprachlichen Austausch, führt zu einer „Anglisierung des Adels und des gebildeten Bürgertums“ 11 , und lässt die Georg-August-Universität Göttingen zum Zentrum und Ausgangspunkt der Erlernung der englischen Sprache in Deutschland erwachsen.
7 Braun, Peter: Tendenzen in der deutschen Gegenwartssprache, S. 129.
8 http://de.wikipedia.org/wiki/Empirismus (Zugriff: 06.02.2006)
9 http://de.wikipedia.org/wiki/Erkenntnistheorie (Zugriff: 06.02.2006)
10 Vgl. Ganz, Peter F.: Der Einfluss des Englischen auf den deutschen Wortschatz 1640-1815, S.15.
11 Ganz, Peter F.: Der Einfluss des Englischen auf den deutschen Wortschatz 1640-1815, S.16.
6
Auch beginnen deutsche und englische Studenten bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts, zu Studienzwecken das Ausland zu bereisen, und mit der Hamburger Handelsschule nimmt die erste deutsche Lehranstalt den regelmäßigen Englischunterricht im Jahre 1769 in den Lehrplan auf 12 .
1.1.2. Das 19. und 20. Jahrhundert
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts ist somit der Grundstock für die englisch-deutschen Sprachbeziehungen bereits gelegt. Aus der im Anhang beigefügten Graphik 13 wird ersichtlich, dass diese Entwicklung sich in den darauf folgenden 150 Jahren noch verstärkt, und dies mit zunehmender Geschwindigkeit:
Die Tatsache, dass es nach 1780 zu einem derart bemerkenswerten Anstieg des prozentuellen Anteils englischsprachiger Elemente an den ins Deutsche übernommenen Fremdwörtern kommt - von zehn Prozent um 1800 auf etwa 88 Prozent im Jahre 1940 -, lässt zu Recht weitere begünstigende und verstärkende Faktoren vermuten. Zum einen wird diese rasante Entwicklung von bestimmten sozialen und politischen Voraussetzungen determiniert: Das 19. Jahrhundert erlebt die fortschreitende Säkularisierung der Weltanschauung, die - wie es in ganz Europa der Fall ist - mit einem enormen Aufschwung der empirischen Wissenschaften einhergeht. Revolutionäre Erfindungen wie Dampfmaschine und Eisenbahn läuten ein neues wirtschaftliches Zeitalter ein, und im Zuge der Industrialisierung führt die zunehmende Landflucht zum Zusammenströmen großer Teile der arbeitenden Bevölkerung in Ballungszentren. Die deutsche Bevölkerung erfährt eine radikale Umstrukturierung in Bezug auf die prozentualen Anteile der einzelnen Berufszweige.
Als Vorreiter der Industrialisierung und Quelle der technischen Erfindungen spielt im 19. Jahrhundert vor allem England eine Rolle. Dort gelten „Absolutismus und die Grundherrschaft früher als in anderen Ländern Europas [als] gelockert, Zunftzwang gab es im Gegensatz zu deutschen Ländern gar nicht“, und somit steht im England dieser Epoche der Entfaltung „des Handels, der Kapitalbildung und der technischen“ Neuerungen nichts mehr im Wege 14 .
12 Vgl. Ganz, Peter F.: Der Einfluss des Englischen auf den deutschen Wortschatz 1640-1815, S.12; S.16.
13 Graphik Nr. 1; Vgl. Polenz, Peter von: Deutsche Sprachgeschichte, Band III, S. 393.
14 http://de.wikipedia.org/wiki/Industrialisierung (Zugriff: 09.02.2006)
7
Quote paper:
Christiane Abspacher, 2006, Der englischsprachige Einfluss auf die deutsche Sprache im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Georg Büchners 'Woyzeck' im Diskurs der Medizin
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 20 Pages
Von Austin zu Searle: Die Entwicklung der Sprechakttheorie
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 19 Pages
Belastungen im Lehrerberuf und Aspekte der Bewältigung
Pedagogy - The Teacher, Educational Leadership
Examination Thesis, 79 Pages
Umberto Eccos Einführung in die Semiotik
Über die Abschnitte "Die ...
Communications - Theories, Models, Terms and Definitions
Essay, 8 Pages
Die Funktion der Nebenfiguren in Lessings "Minna von Barnhelm&quo...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Der Versuch am Menschen - Georg Büchners "Woyzeck" als liter...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 18 Pages
German - Grammar, Style, Working Technique
Intermediate Examination Paper, 27 Pages
Sozialkritik und Darstellung des Vierten Standes im "Woyzeck"...
German Studies - Literature of History, Eras
Scholary Paper (Seminar), 25 Pages
Zu "Das Erdbeben in Chili" von Heinrich von Kleist - Eine An...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 24 Pages
"Ob sich das Herz zum Herzen findet" - Das Ehe- und Familien...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Grundlagen des Wissens in der Alltagswelt bei Berger/Luckmann
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Termpaper, 13 Pages
Christiane Abspacher's text Der englischsprachige Einfluss auf die deutsche Sprache im 19. und frühen 20. Jahrhundert is now available as a printed book
Christiane Abspacher has published the text Der englischsprachige Einfluss auf die deutsche Sprache im 19. und frühen 20. Jahrhundert
Christiane Abspacher has uploaded a new text
»Imperialismus« in der japanischen Sprache am Übergang vom 19. zum 20....
Begriffsgeschichte im außereur...
Anneli Wallentowitz
Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert 09. Der Holocaust
Judenverfolgung und Völkermord
Alexander Brakel, Manfred Görtemaker, Frank-Lothar Kroll, Sönke Neitzel
Ein 'neues' Deutschland? Eine deutsch-französische Bilanz 20 Jahre nac...
Une 'nouvelle' Allemagne? Un b...
Reiner Marcowitz
Die Entwicklung der Krankenpflege zur staatlich anerkannten Tätigkeit ...
Das Zusammenwirken von Moderni...
Christoph Schweikardt
Figurale Humidore des 19. und 20. Jahrhunderts - Band 1
Die schönsten Humidoren in For...
Alois Gmeiner, Parastoo Barghgir
Figurale Humidore des 19. und 20. Jahrhunderts - Band 2
Die schönsten Humidoren in For...
Alois Gmeiner, Parastoo Barghgir
0 comments