Ingo Bertram Brünhild: Höfische Dame oder tíuvéles wîp? 2
Inhalt
1. Einführung 3
2. Kriegskönigin auf Isenstein 4
3. Domestizierung am Wormser Hof 9
4. Königinnenstreit und die Folgen 13
5. Fazit 19
6. Bibliographie 21
Ingo Bertram Brünhild: Höfische Dame oder tíuvéles wîp? 3
1. Einführung
„Was ist eine Jungfrau? -Etwas Schönes, vorausgesetzt, sie bleibt es nicht.“ (Joachim Ringelnatz, 1929)
Die Figurenkonzepte von (Jung-)Frauen, die einem großen, bekannten Helden an die Seite gestellt sind, erweisen sich in der hochmittelalterlichen Literatur mitunter als eintönig ähnlich. Mit unglaublicher Schönheit von Mutter Natur reich ausgestattet, wissen sie die höfischen Umgangsformen zumeist perfekt zu beherrschen und sind stets darum bemüht, ihrem hochgeborenen Gatten zumeist vor allem ein schmückendes Beiwerk zu sein. Ein Schmuck indes, der sich weder gegen geltende Konventionen aufzulehnen droht, noch außerhalb der Grenzen dieses eng abgesteckten Geschlechterkonstruk-tes zu agieren versucht. So etwa die bildschöne Enite, die in Hartmann von Aues höfischem Roman ’Erec’ brav und beizeiten reichlich naiv dem mitunter grausam agierenden Helden folgt, zwischenzeitlich von ihrem Ehemann mit einem Schweigegebot belegt und mit Todesdrohungen konfrontiert wird, als sie selbiges Gebot letztlich dennoch mehrfach bricht.
Auf solch durchgängig höfisch gezeichnete Damen kann das ’Nibelungenlied’ im Kreis der Protagonisten nicht zurückgreifen. Anfangs scheint mit Kriemhild zwar auch hier die perfekte Vertreterin für ein vorbildliches, tugendhaftes, höfisches Leben gefunden zu sein, ihr mörderisch-intriganter Umschwung im zweiten Teil macht diese anfängliche Hoffnung jedoch schnell zunichte. Die andere Königin im Figurenensemble, die gefürchtete Brünhild von Island (wenngleich keine Protagonistin), scheint in die höfischen Vorstellungen erst recht nicht zu passen, zu archaisch und unhöfisch ist das grobe Bild der nordischen Schönheit gezeichnet. Doch ist Brünhild nicht vielleicht doch eine höfische Dame, ja, vielleicht sogar die einzig wirklich höfische Dame des gesamten Epos? Oder bestätigt sich die Vermutung, dass die Königin aus dem fernen Norden tatsächlich nur ein urtümlich überzeichnetes Superweib ist, das mit höfischen Formen rein gar nicht in Einklang gebracht werden kann? Im Folgenden soll genau diese Frage, ob Brünhild als höfische Dame angesehen werden kann oder nicht, anhand der Fassung B des ’Nibelungenliedes’ sowie den Ansichten einiger renommierter Nibelungenforscher
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erörtert werden. Dabei befasst sich diese Ausarbeitung, chronologisch dem Handlungsablauf angepasst, zunächst mit der Darstellung Brünhilds als Königin von Isenstein und wird sich in der Folge dann mit ihrer Rolle am Wormser Hof vor und nach dem Betrug in der Hochzeitsnacht beschäftigen.
2. Kriegskönigin auf Isenstein
Während die ersten Aventuiren noch ohne sie auskommen, wird Brünhild zu Beginn der sechsten Aventuire in das Geschehen des ’Nibelungenliedes’ eingeflochten:
„Es was ein küneginne gesezzen über sê,
ir gelîche enheine man wesse ninder mê. diu was unmâzen scœne, vil michel was ir kraft.“ (326)
Dass Brünhild als werbungsbedürftige Königin in einem Land herrscht, welches „über sê“ und damit außerhalb des höfischen Horizonts liegt, ist zunächst typisch für Sagen wie das ’Nibelungenlied’, wenngleich eine Frau in Herrscherposition gewiss kurios auf der zeitgenössische Publikum gewirkt haben muss, auch wenn ihre eigentliche Legitimation als Königin aufgrund der geltenden Thronfolgeregelung („wol geborn“, 327) nicht in Frage gestellt wird. Später wird ihr Land unter dem Namen „Island“ genauer lokalisiert (auch wenn man Abstand davon nehmen sollte, das heutige Island als Reich Brünhilds zu betrachten [vgl. Mackensen 1984, S.157]) und mit Isenstein ein konkreter Schauplatz in diesem Land geschaffen.
Untypisch, besonders für eine weibliche Figur, wirken hingegen die eigentlich ausschließlich männlichen Helden vorbehaltenen Bezeichnungen „kraft“ und „sterke“, die in Verbindung mit „scœne“ bereits gleich zu Beginn der Nennung Brünhilds eine Verbindung zwischen Archaik und höfischem Leben aufzeigen (vgl. Ehrismann 1987, S.122). Somit scheint sich durch die Schilderung des Dichters bei Brünhild recht früh durchaus eine höfische Seite herauszubilden, wenngleich durch Siegfrieds Schilderungen speziell im Vorfeld zur Werbungsfahrt die archaischen Züge Brünhilds noch deutlich überwiegen. Nicht nur, dass Brünhild die Stärke mehrerer Männer zugesprochen wird (Siegfried wird sie später nur mithilfe der Tarnkappe, die dem
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Träger neben der Unsichtbarkeit auch die Kraft von zwölf Männern verleiht [vgl. 337], bezwingen können), der von ihr ausgerufene Dreikampf entbehrt jeglicher höfischer Vorstellung von Minne und genießt als grausames Ritual weit über die Landesgrenzen Islands hinaus einen beängstigenden Ruf, da bereits viele Landesfürsten samt Gefolge ihr Leben auf Isenstein lassen mussten. So grausam diese „sit“ auch ist: die harten Kampfbedingungen erscheinen als logische Konsequenz, weil Brünhild mit einer Niederlage nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Land und damit ihre Leute aufs Spiel setzt (vgl. Ehrismann 1987, S.126). Da ein etwaiger Gewinner nicht nur die Herrschaft über sie als Frau, sondern automatisch auch die Regentschaft in ihrem Reich übernehmen würde, kann sie nicht riskieren, sich beispielsweise durch „zu einfache“ Wettkämpfe einem so genannten Schwächling preis zu geben, der für die Sicherheit des Landes unter Umständen nicht weiterführend garantieren kann. Somit scheint sie zwar grundsätzlich zu einer Zähmung durch einen Freier bereit, dieser muss aber die von ihr gestellten, deutlich hohen Anforderungen ausnahmslos erfüllen, weshalb sie einen Sieg in der Freierprobe gegen sie als unausweichlich voraussetzt und Versager gnadenlos mit dem Tod bestraft („unt ist, daz ich gewinne, ez gêt iu allen an den lip“, 422).
Brünhilds archaische, geradezu gewaltig große „sterke“ („Diu Prúnhilde sterke vil groezlîche schein.“, 449) und ihr männlich-triumphaler Auftritt werden im Dreikampf auf überspitzt wirkende, fast schon kurios verzerrte Weise vor allem anhand ihrer überdimensional wirkenden Kampfgeräte dargestellt. „Ihren goldenen Schild, der in der Mitte drei Spannen, d.h. ca. 60 Zentimeter dick ist, können vier, ihren Wurfspieß können drei Männer nur mit Mühe tragen.“ (Heinzle 2005, S.82; vgl. 437, 441). Gleichzeitig erscheint Brünhild als absolut selbstbewusst und siegessicher vor den recken und kann sich selbst während des Kampfes ein Lächeln auf den Lippen nicht verkneifen („mit smielendem munde si über ahsel sach“, 447). Ehrismann
konstatiert hierbei, dass die Spiele die Verteidigung Islands symbolisieren sowie analog dazu Brünhilds Stärke gleichzeitig auch als Stärke ihres Landes angesehen werden kann. Nein, höfisch wirkt die isländische Königin zu dieser Zeit definitiv nicht. Ganz im Gegenteil: bei den Burgunden lösen der Anblick der Waffen und Brünhilds „sterke“ schiere Angst und unweigerlich Assoziationen mit mittelalterlichen Höllenbildern aus: „waz sol díz wésen? der tiuvel ûz der helle wie kúnd’er dâ vór genesen?“ (442) fragt Gunther sorgenvoll. Hagen geht indes noch einen Schritt
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weiter und setzt mit den Formulierungen „diu ist des tíuvéles wîp“ (438) und „jâ sol si in der helle sîn des übeln tiuvels brût.“ (451) Brünhild mit des Satans Gefährtin gleich. Damit einhergehend werden erstmals berechtigte Zweifel an Gunthers Entscheidung laut: Feststellungen wie „wie vliesen wir den lîp“ (438), „mich riuwet inneclîchen disiu hovevart“ (443) und „waz hât der künic ze trût!“ (450) lassen erahnen, dass Brünhilds Auftritt unmittelbar vor Beginn der anberaumten Kampfspiele in deutlichem Maße einschüchternd auf die Helden wirkt, die zuvor noch in „recken wîse“ (341) und ohne größere Zweifel an einem Sieg gen Norden gereist waren und sich „kurzewîlen in Prúnhilde lant“ (354) erhofften - ein Trugschluss. Siegfried bringt bereits vor der Abreise seinen Unmut über die geplante Werbungsfahrt zum Ausdruck („Daz will ich widerrâten“, 330) und lässt den amazonenhaften Charakter Brünhilds anhand ihrer „vreislîchen sit“ (330) anklingen. Für Gunther jedoch scheint die Aussicht, durch die Eheschließung mit der mächtigsten Frau der Welt sein politisches Ansehen massiv steigern zu können, die drohende Gefahr zu relativieren, zumal er sich Siegfrieds Hilfe per Eid zusichern lässt („Des swuoren si dô eide“, 334). Siegfrieds Warnung ist berechtigt, da er Brünhild, ihr Land und ihre Sitten genau kennt und somit die drohende Gefahr durchaus abschätzen kann. Woher diese Kenntnis stammt, bleibt offen und liegt in älteren, nordischen Sagen wie der ’Edda’ versteckt. Gegenseitiges Wissen zumindest ist nicht vorhanden, da Siegfried am isländischen Hofe von Brünhild nicht erkannt wird.
Analog zu ihrer „vreislîchen sit“ und den urtümlich-männlichen Eigenschaften wird der Dichter nicht müde, auch bei der amazonenähnlichen Kriegskönigin und ihrem Land höfische Züge im Text zu bezeugen. Bereits Siegfried berichtet neben den drohenden Gefahren auch davon, dass Island ein weites Land sei, in dem nicht nur viele Burgen stünden, sondern auch „vil scœner frouwen“ (384) lebten. So ist denn auch Gunther ist bei der Ankunft zu Schiff von diesem „hêrlîche lant“ (383) positiv überrascht, erweist es sich doch auf den zweiten Blick tatsächlich als höfische Welt würdiger Repräsentationen, in der Kleider, Hofstaat und einige Umgangsformen höfischen Vorstellungen angepasst sind. Hier bewohnt Brünhild, ganz würdig, „einen Palast mit sechsundachtzig Türmen und thront in einem Saal aus grünem Marmor“ (Mackensen 1984, S.157). Somit lässt sich schlussfolgern, dass Brünhilds Land zwar durchaus von urtümlichen Zügen gezeichnet ist, gleichzeitig aber eben nicht
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Ingo Bertram, 2006, Brünhild im Nibelungenlied - Höfische Dame oder tíuvéles wîp?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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