Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Quellen
2.1. Literarische
2.2. Rechtliche
2.3. Epigraphische
3. Ammen
3.1. Die Person
3.1.1. Terminologie
3.1.2. Sklavinnen
3.1.3. Freie
3.1.4. Wertung
3.1.5. Voraussetzungen
3.2. Die Kinder
3.2.1. Freie
3.2.2. Sklavenkinder
3.3. Gründe der Beschäftigung
3.3.1. Bei freien Kindern
3.3.2. Bei Sklavenkindern16
3.4. Aufgaben
3.4.1. Direkt nach der Geburt
3.4.2. Zu Hause
3.5. Rechtliche Stellung: Ammenverträge
3.5.1. Vertragsnehmer
3.5.2. Inhalt
3.5.3. Die αϑαντος-Klausel
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1. Einleitung
„Ihr Geschrei lockte eine Wölfin herbei, die sich barmherziger als die Menschen zeigte. Sie trug die Zwillinge behutsam in ihre Höhle, leckte sie sauber und säugte sie, so dass sie dem sicheren Tod entgingen. [...] Das sah einer der königlichen Hirten, und voller Staunen rief er seine Genossen herbei. Schließlich brachten sie die Knaben zu Faustulus, dem Schweinehirten des Königs, und dessen Frau nahm sich der Kleinen an und zog sie auf. So wuchsen sie unter den Hirten des Landes zu tüchtigen jungen Männern heran.“ 1
Die Funktion der Amme spielte schon vor der Gründung Roms eine bedeutende Rolle für diese Stadt, denn wären Romulus und Remus nicht erst von der kapitolinischen Wölfin und später von Acca Laréntina, der Frau des Hirten Faustulus gesäugt worden, was wäre aus dem Mythos der Entstehung Roms geworden? Noch viel später war es in der römischen Gesellschaft üblich, die Kinder von Geburt an in die Hände von Ammen und Erziehern, den Pädagogen zu legen.
Ich möchte im Folgenden deren Rolle anhand verschiedener Aspekte behandeln. Die Literaturlage zwingt, die Schwerpunkte der Arbeit ungleichmäßig zu verteilen, da die Forschung sich ausführlich mit den Ammen, dagegen kaum mit den Pädagogen befasst hat. Die Arbeit bezieht sich ausschließlich auf die Lage in Rom während der Kaiserzeit, insbesondere der ersten drei Jahrhunderte, da die Quellenlage besonders für diesen Zeitraum relevant ist.
In einer an Sklaverei gewöhnte Gesellschaft, auf die die zunehmende Hellenisierung ebenfalls Einfluss nahm, fand mit dem Beginn des Prinzipats eine gesellschaftliche Veränderung statt. Im Folgenden werden die Ammen und Pädagogen und ihr Beschäftigungsfeld behandelt, verbunden mit der Frage, inwieweit diese auf die Struktur einer römischen Familie und insbesondere auf deren Kinder Einfluss nahmen und ihre Rolle, meist als Sklaven in einer unfreiwilligen Situation, spielten.
1 http://www.roma-online.de/romulus.html
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2. Quellen
2.1. Literarische
Die Hauptquelle, auf die sich die Literatur über das antike Ammenwesen stützt, ist Soran(os) von Ephesos’ Werk Gynäkologie, das aus vier Büchern besteht. Relevant für diese Arbeit sind das erste und zweite Buch. Im ersten beschrieb Soran ausführlich, wie eine Amme sein musste und welche Voraussetzungen sie für ihre Tätigkeit vorzuweisen hatte. Im zweiten gab er der Amme konkrete Anweisungen für den Umgang mit dem Kind. Als eine weitere Quelle dienen die Aufzeichnungen des Galen(os) von Pergamon. Aus seinen sehr umfangreichen Schriften kann man von großem und exaktem medizinischen Wissen schöpfen, das er in einem gesamten sog. Corpus Galenicum veröffentlichte. Darin baute er nicht nur auf eigenem, sondern auch auf dem Wissen seiner Vorgänger auf. Aus dem vierten Jahrhundert stammt die Latrikai Synagogai, ein medizinisches Lexikon, bestehend aus fast wörtlichen Exzerpten, die der Verfasser Or(e)ibasios 2 von verschiedenen antiken Ärzten (darunter auch Soran und Galen) sammelte und in einer Enzyklopädie vereinigte.
Neben den medizinischen Aufzeichnungen existieren auch philosophische Quellen, die sich an einigen Stellen mit dem Thema „Amme“ befassen. Vor allem Plutarch übte starke Kritik an den Forderungen der Mediziner und gab ebenfalls Hinweise zum Umgang mit Kindern, zum Beispiel im vierten Band seiner Moralia. Der mit Plutarch befreundete Favorinus dient den heutigen Wissenschaftlern ebenfalls als wichtige Quelle zum Thema Ammen und Kinder. Zum Thema Pädagogen ist eine der wichtigsten Quellen die Institutio Oratoria von Quintilian, in der nicht nur die Rhetorik, sondern zunächst die elementare Ausbildung in Rom behandelt wurde 3 .
2 Im Folgenden immer in der lateinischen Form Oribasius erwähnt.
3 Zur näheren Beschreibung der Quellen und weiterer Information über deren Autoren siehe Paulys Realenzyklopädie der classischen Altertumswissenschaft; Bde. VI, VII, XVIII, XXI, IIIA; hrsg. v. Wilhelm Kroll und Karl Mittelhaus; neu bearb. v. Georg Wissowa; Stuttgart 1927.
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2.2. Rechtliche
Die wichtigste Rechtsquelle zu diesem Thema sind die sog. Ammendienstverträge, die die Aufgaben der Amme, den vereinbarten Zeitraum der Beschäftigung, die Bedingungen und ihre Vergütung der festlegten. Sie sind im vierten Band der Berliner Griechischen Urkunden (BGU) verzeichnet. Fast alle Verträge stammen aus Ägypten, hauptsächlich Alexandria, Oxyrhynchos und Arsinoites aus den Jahren 15 v. Chr. bis 157 n. Chr. Die zeitliche und örtliche Begrenzung der Verträge lässt es nicht zu, die Vertragsinhalte für das gesamte römische Reich zu pauschalisieren, doch kann man inhaltlich ein umfassendes Bild über die rechtliche Lage der Ammen gewinnen.
2.3. Epigraphische
Die meisten Rückschlüsse auf Ammen und ihre Zöglinge bezüglich ihres sozialen Status, ihrer Anzahl und ihrer geistigen und moralischen Verbundenheit lassen sich aus epigraphischen Untersuchungen ziehen, indem man die Inschriften auf antiken römischen Grabsteinen untersuchte. Der Inhalt der Inschriften gab meist klar Auskunft über die soziale Einordnung der Ammen und auch die der Kinder. Stellte eine Amme ihrem verstorbenen Zögling einen Grabstein aus oder das erwachsene Kind der verstorbenen Amme, war das in der Inschrift vermerkt, zusammen mit einem Verweis auf die innige Beziehung, die zwischen den beiden im Laufe der Jahre entstanden war und der Grund für die Ausstellung des Steins war.
Der Wert der epigraphischen Inschriften für Untersuchungen bezüglich der Ammen kann in gleicher Weise auch auf die Pädagogen angewandt werden.
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3. Ammen
3.1. Die Person
3.1.1. Terminologie
Für die korrekte Bezeichnung der Amme gebrauchte man ursprünglich zwei Termini. Man unterschied zwischen der reinen Stillamme, die, dem Namen nach das ihr anvertraute Kind mit eigener Muttermilch speiste und der Amme, der die Betreuung und Versorgung 4 des Zöglings übertragen wurde, jedoch nicht das Stillen. Erstere bezeichnete man als nutrix, letztere als assa nutrix 5 , was „trockene Amme“ bedeutet. Generell wird die Amme, gleich ob sie stillt oder nicht, in den meisten Quellen 6 als nutrix bezeichnet. Die Amme, die meist zwei Jahre von Geburt des Kindes an alleine für den Säugling zuständig waren, übernahm konsequenterweise das Stillen und die weitere Pflege und Ernährung des Kindes zusammen. Daher werden im Folgenden bei Gebrauch des Begriffes nutrix die Funktionen der Amme und der Stillamme darin verschmelzen.
3.1.2. Sklavinnen
Der größte Teil der Ammen stammte aus der Sklavenschicht. Die Frauen wurden von ihren Herren zum Ammendienst verpflichtet; entweder für die Kinder des eigenen Herrn oder die anderer Familien der Oberschicht. Im letzteren Fall wurde die Amme von ihrem Herrn an eine fremde Familie übergeben.
4 Hierzu gehörte natürlich auch die Ernährung des Kindes, jedoch ohne es mit Muttermilch zu stillen. Étienne berichtet von antiken Saugflaschen, sog. gutti, die als Beigaben in römischen Kindergräbern gefunden wurden. Diese Flaschen wurden offensichtlich für Kinder während der Abstillphase verwendet, indem sie übergangsweise feste Nahrung auf gewohnte Art, nämlich durch Saugen, aufnehmen konnten.
Étienne; R.; Ancient Medical Conscience and the Life of Children; in: Journal of Psychohistory 4; 1976; S. 149 f.
5 Bradley; Wet-Nursing; S. 202.
Fildes, V.; Wet-Nursing. A History from Antiquity to the Present; Oxford u.a. 1988, S. 18. Eichenauer; Arbeitswelt der Frau; S. 246f.
Hopfner, T. und Klauser, T.; Art. Amme; in: Reallexikon für Antike und Christentum 1; 1950; S. 381.
6 Eichenauer; Arbeitswelt der Frau; S. 246.
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Sie wohnten im Elternhaus des jeweiligen Kindes, wo sie der ständigen Kontrolle durch die Eltern ausgesetzt waren. Beliebt waren Griechinnen, da sie laut den Quellen ob ihrer Reinheit die besten Voraussetzungen für die Elementarerziehung eines Kindes besaßen. Soran betonte ausdrücklich, die ideale Amme müsse unter anderem auch eine Griechin sein 7 .
„[...] Sie selbst muss außerdem mäßig, liebevoll, sanftmütig, eine Griechin und reinlich sein.“ 8
Im Zuge des Hellenismus wurden die römischen Kinder neben der lateinischen, auch in der griechischen Sprache unterrichtet; und was war besser als eine griechisch sprechende Amme, die für das Kleinkind, das sprechen lernte, die nächste Bezugsperson war? 9
Ebenfalls lässt sich anhand der Untersuchung von Inschriften auf Grabsteinen, welche von den Ammen und ihren Zöglingen errichtet wurden, feststellen, dass die Mehrzahl der Inschriften auf versklavte oder freigelassene Ammen hindeutet. Auch wenn die Amme zum Zeitpunkt ihres Todes eine liberta, also Freigelassene war, führte diese Bezeichnung unmissverständlich auf ihren früheren Sklavenstand zurück, indem ihr Name auf dem Grabstein mit dem Attribut lib. versehen war.
7 Bradley, Wet-Nursing; S. 215 Eichenauer; Arbeitswelt der Frau, S. 249 Fildes; Wet-Nursing; S. 17.
Schumacher, L.; Sklaverei in der Antike. Alltag und Schicksal der Unfreien; München 2001; S.207. Eichenauer, Fildes und Schumacher führen an diesen Stellen zusätzlich weitere Quellen an, in denen sich deren Autoren für griechische Ammen aussprechen. Es handelt sich hierbei um Oribasius, Paulus von Ägina (beide bei Eichenauer), Plutarch (bei Fildes) und Mnesitheos von Kyzikos (Schumacher).
8 Soran; Gynäkologie; I, 88, ed. Huber.
9 Es liegt nahe, dass die Sklavinnen keine römischen Bürger waren, sondern generell aus dem Ausland stammten. Besonders Soran stellt in seiner Schrift Gynäkologie die Forderung nach griechischen Ammen, da sie aufgrund ihrer positiven Charaktereigenschaften am geeignetsten schienen, die Anforderungen für das Amt der Amme zu erfüllen. Ebenfalls beliebt waren Thrakerinnen, Ägypterinnen und Schwarzafrikanerinnen. Bradley; Wet-Nursing; S. 215. Eichenauer; Arbeitswelt der Frau; S. 249. Fildes; Wet-Nursing; S.17. Hopfner und Klauser; Amme; S. 382. Schumacher; Sklaverei; S.207.
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Arbeit zitieren:
Caroline Hauke, 2006, Sklaven in der Antike: Ammen und Pädagogen, München, GRIN Verlag GmbH
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