Das Ghetto - Isolation in fremder Umgebung
Inhalt:
1. Einleitung
2. Definition und Herkunft des Begriffes
3. Das jüdische Ghetto
3.1 Das freiwillige Ghetto
3.2 Das Zwangsghetto
4. Das schwarze Ghetto in Nordamerika
4.1 Entstehungsgeschichte
4.2 Das “Pre - Civil Rights - Ghetto
4.3 Das Hyperghetto
5. Wie entsteht ein Ghetto?
6. Gibt es Ghettos in Europa?
7. Literatur- und Quellenverzeichnis
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Das Ghetto - Isolation in fremder Umgebung
1. Einleitung
Immer wieder ist, wenn sogenannte „Problemkieze“ thematisiert werden, in den Medien und Aussagen öffentlicher Meinungsträger vom Begriff des „Ghettos“ die Rede. Die betreffenden Stadtviertel gelten dann meist als „problematisch“, „gefährlich“ und „unregierbar“, oder werden oft auch als „soziale Brennpunkte“ bezeichnet. Ein solches Szenario wird schließlich mit negativen Attributen, wie beispielsweise dem „illegalen Handel mit Handys“, natürlich dem Verkauf und Konsum von Drogen und der Existenz von „Jugendbanden“ belegt. Ein Ghetto definiert sich demnach als ein Ort hoher Kriminalität, welcher von Verwahrlosungserscheinungen geprägt, meist im Zusammenhang mit einer hohen Ausländerkonzentration steht. Klar ist, dass sich derartige Schlagzeilen in den Zeitungen besser verkaufen, und dass Politiker, indem sie „Stimmung“ erzeugen, auf Wählerpotential hoffen. Im Endeffekt führt dies gedanklich allerdings zu einer Polarisierung des Stadtgebietes, mit der „urbanen Apokalypse“ auf der einen und dem „bürgerlichen Idyll“ auf der anderen Seite. Durch diese „Ghettoisierung in den Köpfen“ werden die als „unzivilisiert“ geltenden Quartiere stigmatisiert. Die entstehende Grenze „signalisiert einen Defizitraum, ein Innen und Außen, sowie eine mögliche Gefahr bei deren Überschreitung“. Bei den Bewohnern des Viertels wird dadurch eine lokale Fluchtatmosphäre erzeugt, die zu selektiven Wegzügen derjenigen führt, die „das Leben im Quartier sozial und ökonomisch stabilisieren“. Zurück bleiben Arme, Alte und Ausländer, die das Stigma des Ghettos bestätigen. (vgl.Schnur,2004) Die Bedingungen in den betroffenen Gebieten sind natürlich nicht der über sie geführten Berichterstattung und Meinungsbildung geschuldet, allerdings können sie durch diese verstärkt werden. Ohne die vorhandenen Probleme zu ignorieren bzw. schön zu reden, wäre deshalb ein differenzierterer Diskurs zum Thema nötig. In der nun folgenden Arbeit soll der Begriff des „Ghettos“ hinterfragt werden. Anhand des historischen, „jüdischen Ghettos“ in Europa und des „schwarzen Ghettos“ in Nordamerika sollen Bedingungen erörtert werden, die eine Ghettobildung zur Folge haben und eine Anwendung des Begriffes rechtfertigen.
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2. Definition und Herkunft des Begriffes
Die ursprüngliche Bezeichnung des Ghettos geht auf die nach außen hin abgeschlossenen jüdischen Wohnviertel innerhalb der italienischen Städte der frühen Neuzeit zurück. Später wurde der Begriff auch auf die Judenviertel anderer Länder übertragen, und beschreibt heute allgemein die Quartiere ethnischer und sozio-ökonomischer Minderheiten, die sich freiwillig oder gezwungen von der übrigen Bevölkerung isolieren, und häufig auch von dieser diskriminiert werden. (vgl.DIERCKE,1997)
Obwohl der Begriff des Ghettos seit fast schon 600 Jahren einheitlich benutzt wird, ist dessen Ursprung nicht ganz klar. Nachweislich lassen sich zwei Varianten der Herleitung benennen. Einerseits leiteten italienische Juden möglicherweise das Wort aus dem Hebräischen ab, indem „ghet“ so viel wie Absonderung oder Trennung bedeutet. Mit größerer Wahrscheinlichkeit jedoch stammt der Begriff vom italienischen Wort „gietto“, womit eine Metallgießerei bezeichnet wurde. Das 1516 gegründete Judenviertel von Venedig befand sich in direkter Nachbarschaft zu einer Kanonengießerei, wo sich der Begriff des „Ghettos“ dann auch erstmals 1531 dokumentarisch belegen lässt. (vgl.Wirth,1928) (vgl.LpB-B.Wü.,2000) Das Phänomen einer jüdischen Segregation vom Rest der Bevölkerung existierte allerdings schon lange bevor sich ein einheitlicher Name dafür etablierte. Bereits in der Antike und im frühen Mittelalter zogen es die Juden als Minderheit vor in Strassen oder Vierteln zusammenzuleben. (vgl.LpB-B.Wü.,2000) Am Ende des 14. Jh. gab es in vielen europäischen Städten klar definierte jüdische Siedlungsgebiete mit jeweils lokalen Bezeichnungen, in denen überwiegend, aber nicht ausschließlich jüdische Bewohner lebten. (vgl.Wirth,1928)
3. Das jüdische Ghetto
Die Geschichte der Juden ist stets auch eine Geschichte geprägt von Migration auf der Suche nach einer neuen Heimat und dem Leben in der Diaspora. Ganz gleich in welche Länder sie gelangten oder an welchen Orten sie sich ansiedelten, meist wurde der Jude, besonders aufgrund seiner von der ansässigen Bevölkerung ablehnenden Religion als Fremder wahrgenommen. Aus einigen europäischen Ländern, wie beispielsweise England (1290) und Frankreich (1394) wurden sie völlig vertrieben, und erst wieder zu Beginn des 18.Jh. zugelassen. Dort wo die Juden geduldet wurden, was seit dem Ende des 14. Jh. nur noch die Gebiete des ehemaligen Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation waren (vgl.Poliakov, 1989), besaßen sie kaum Rechte, und mußten somit gesellschaftliche Nischenfunktionen besetzen.
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Demnach lebte eine große jüdische Mehrheit stets in Unsicherheit und ständig im Elend, entweder von der aus christlicher Sicht schädlichen Tätigkeit des Geldverleihes, oder auch als Trödler und Händler. In den Chroniken der Zeit werden sie als „räuberisch“ beschrieben, die „groß und klein“ finanziell „ausplündern“ (vgl.Poliakov,1989).
Neben dieser Ablehnung der Juden, resultierend aus deren Tätigkeit, war die reine Anwesenheit einer fremden, andersdenkenden Bevölkerungsgruppe ausreichend, um seitens der Kirche und des Staates Ängste zu schüren, und Ketzerei bei den Einheimischen hervorzurufen. In verschiedensten Erklärungen wird auf die von den Juden ausgehende Gefahr der „Ansteckung des Aberglaubens und der verwerflichen Moral“ hingewiesen. Auch wurde der Umgang mit ihnen als eine „Gefahr für Körper und Kopf“ bezeichnet. In den Zeiten als sich der „schwarze Tod“ auf dem Kontinent ausbreitete, wurden mancherorts die Juden beschuldigt „die Brunnen vergiftet zu haben“. (vgl.Wirth,1928)
Im Ergebnis all dessen sah sich die jüdische Bevölkerung permanenten Demütigungen, sowie gewalttätigen Exzessen und Mobübergriffen ausgesetzt. Unter diesen Umständen darf es nicht verwundern, dass vor der zwanghaften Isolierung im Ghetto die Juden selbst ein starkes Bedürfnis verspürten sich von der sie umgebenden feindseligen Gesellschaft abzukapseln.
3.1 Das freiwillige Ghetto
Die Segregation der Juden in europäischen Mittelalterstädten lässt sich ursprünglich nicht aus einer Anordnung durch Kirche oder Staat heraus erklären. Die Entstehung des Ghettos war, wie oft geglaubt wird, keine Kreation der Autoritäten. Lange bevor sie dazu gezwungen wurden, lebten die Juden aufgrund ihrer religiös und weltlich verwurzelten Bräuche und Bedürfnisse separat im eigenen Viertel der Stadt. Denn nur hier besaßen sie die Möglichkeit ihren religiösen Grundsätzen zu folgen, sei es um Essen für bestimmte Rituale zuzubereiten, um eigenen Gesetzen zu folgen, um dreimal täglich in der Synagoge zu beten oder um an den zahlreichen Funktionen des Gemeinschaftslebens teilzunehmen. Ein weiterer Grund ihrer Separierung ist in der Tatsache zu sehen, dass die Juden eine eigene Berufsklasse darstellten, und einen anderen ökonomischen Status als die restliche Bevölkerung besaßen. Aber dennoch gab es natürlich, und im Gegensatz zu später, nicht wenige Juden die auch außerhalb dieser Viertel lebten. (vgl.Wirth,1928)
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Das freiwillige Ghetto entwickelte sich dann schon teilweise zu einer administrativen Einrichtung in der Stadt, indem den jüdischen Bewohnern die Bildung eines eigenen Viertels unter formalem Schutz des lokalen Machthabers als Recht zugebilligt wurde. Denn schließlich fiel es diesem so auch leichter die Aufsicht und soziale Kontrolle über die Mitglieder der Gemeinschaft zu behalten, was nicht zuletzt auch die Eintreibung spezieller jüdischer Steuern vereinfachte. Durch die Verfestigung des Ghettos entstand schrittweise eine zunehmende soziale Distanz, welche die Juden vom Rest der Stadtbewohner isolierte. Einst persönliche und freundliche Beziehungen zu den Nachbarn reduzierten sich im Laufe der Zeit auf reine Geschäftsbeziehungen. Je deutlicher sich die noch unsichtbaren Barrieren verfestigten, und um so mehr sich das Leben der Juden von der sie umgebenden Welt weg bewegte, desto stärker erwuchs die Solidarität in der eigenen kleinen Gemeinschaft. Nur noch innerhalb des Ghettos fühlten sich die Juden frei, und konnten auf persönlichen Rückhalt bauen. (vgl.Wirth,1928)
Die spontanen und natürlichen Formen des Gemeinschaftslebens, entstanden beim Versuch der Juden sich an die Umgebung anzupassen, verfestigten sich schrittweise zur Gewohnheit, und werden schließlich zur legalen Verordnung (vgl.Wirth,1928). Dem endgültigen Rückzug auf sich selbst, und damit der Entstehung einer hermetisch abgeschlossenen Gesellschaft steht nun nichts mehr im Wege (vgl.Poliakov,1989).
3.2 Das Zwangsghetto
Die jüdische Religion und deren Ausübung inmitten der christlichen Gesellschaft rief schon seit jeher scharfe Konflikte mit der etablierten Ordnung hervor. Mit dem Beginn der Kreuzzüge jedoch wurde die Kirche militanter, und verfolgte eine aktive Unterdrückung der Juden, die schließlich in der Ghettoregulierung gipfelte. Die Motive für die Einsperrung im Ghetto waren verschieden. Zum einen bestand eine permanente Furcht, die Anwesenheit von Juden würde den christlichen Glauben schwächen. Oft wurde argumentiert, dass Juden zwangsläufig Christen konvertieren, und ebenso den Gottesdienst beeinträchtigen, weshalb sie soweit wie möglich von der Kirche entfernt, von den Christen separiert in eigenen Stadtteilen zu leben haben. Andererseits fürchtete sich die Kirche vor einer möglichen Aufklärung durch die Juden, da diese aufgrund ihrer langen Reisen und dem belesenerem Wissen stets eine kosmopolitischere Ausrichtung besaßen als ihre christlichen Nachbarn. (vgl.Wirth,1928)
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Arbeit zitieren:
Dipl.-Geograph Lars Wagenknecht, 2004, Das Ghetto - Isolation in fremder Umgebung, München, GRIN Verlag GmbH
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