Inhaltsverzeichnis:
1) Einleitung
2) Erziehung im Mittelalter
a) Erziehung und Ausbildung des Adels im Mittelalter
b) Höfische Kunstfertigkeiten: listen
c) Ideale höfischer Kultur: hövescheid
d) Erziehung zum Ritter
e) Erziehung zur Edelfrau
3) Erziehung und Ausbildung bei Gottfried
a) Ausbildung Tristans
b) Ausbildung Isoldes
c) Das Thema „Bildung“ im Romanverlauf
4) Schluss
5) Literaturverzeichnis:
a) Quellen
b) Darstellungen
2
1) Einleitung
„Die Bildung des Geistes gibt erst der Schönheit des Körpers einen Wert“ erklärt der Fabeldichter Aesop. Ganz ähnlich gilt dies für den Erziehungs- und Ausbildungsgedanken im Mittelalter: gebildete und wohlerzogene Figuren der Literatur galten als schön, schöne Gestalten der Literatur galten als wohlerzogen und gebildet. So hängen Inneres und Äußeres eng miteinander zusammen und ergeben ein harmonisches Ganzes, bei dem das Stichwort „Bildung“ nicht unwichtig ist.
Auf diese Weise findet sich der Bildungsgedanke auch in Gottfrieds „Tristan“ 1 : sowohl Tristan als auch Isolde gehen einen intensiven Bildungsweg und vervollkommnen einander, denn Tristans Begabungen werden durch Isolde geweckt und im Gegenzug an sie vermittelt. Hierbei spielt vor allem die musikalische Begabung der beiden eine große Rolle. Die Arbeit wird sich mit dem Thema Bildung, Ausbildung und Erziehung im „Tristan“ auseinandersetzen und wird von dem Erkenntnisinteresse geleitet, inwieweit sich zentrale Bildungselemente des mittelalterlichen Adels im „Tristan“ wiederfinden. Zunächst muss der erste Teil als allgemeine Einführung zum Thema „Erziehung im Mittelalter“ grundlegende Elemente der adligen Erziehung und Ausbildung vorstellen, anhand derer dann im zweiten Teil der Arbeit die Bildung Tristans und Isoldes beurteilt werden kann. So werden im ersten Teil neben den listen und der hövescheid als zentrale Ausbildungsinhalte auch die Erziehung zum Ritter und zur Edelfrau (frouwe) vorgestellt. Die Quellenlage hierfür wird in der Forschung als dürftig bewertet, weil Bildung und Erziehung normalerweise oral bzw. über „praktische Anschauung“ 2 vermittelt wurde und es deshalb kaum Schriftliches gibt. Einiges immerhin lässt sich aus den sog. Fürstenspiegeln erfahren und auch die mittelhochdeutschen Epik, vor allem Gottfrieds „Tristan“, gibt uns Einblicke in dieses Thema. Der zweite Teil stellt dann die Bildungselemente im „Tristan“ selbst vor: Zunächst rückt der Protagonist Tristan ins Blickfeld, im Anschluss daran Isolde. Danach soll unter besonderer Berücksichtigung der Musik die Themen „Erziehung“ und „Bildung“ im weiteren Romanverlauf dargestellt werden, bevor im Fazit die gewonnenen Erkenntnisse zusammengefasst werden.
1 Wird in Versen zitiert nach : Gottfried von Straßburg: Tristan. Stuttgart 2003.
2 FENSKE, Lutz: Der Knappe: Erziehung und Funktion. In: Curalitas. Grundfragen der höfisch-ritterlichen
Kultur. Hg. von Joseph Fleckenstein, Göttingen 1990, S.85.
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Die mittelalterliche Ausbildung und Erziehung vollzieht sich in unterschiedlichen Phasen. Zumeist findet sich eine Einteilung, nach der der auszubildende Ritter etwa alle sieben Jahre die nächste Phase betritt. Da die ritterliche Erziehung etwa mit 21 Jahren als abgeschlossen gilt, ergeben sich drei Phasen, die er vorher zu durchlaufen hat: die infantia (bis zum 7.Lebensjahr), die pueritia (bis zum 14.Lebensjahr) und die adolescentia (bis zum 21.Lebensjahr). In der Sekundärliteratur finden sich statt den ebengenannten Begriffen für die Phasen auch die Begriffe Kind, Knabe und Knappe 3 . Das Ziel der Ausbildung zum Ritter ist die Promovierung 4 , d.h. die Ernennung zum Ritter.
Wie Lutz Fenske erklärt, muss man sich aber „vor einer allzu starren Altersfixierung hüten“ 5 , denn für die Annahme einer Festlegung nach Alter ist die Quellenlage leider nicht eindeutig, weshalb Feilzer davon ausgeht, dass zwar „eine Dreiteilung bei der Bewertung der Ritterjugend durchaus legitim ist, dass aber eine nach Lebensjahren präzisierte und allgemein verbindliche Altersgliederung mehr als fraglich scheint“ 6 .
Die ritterliche Ausbildung umfasste neben der Aneignung von Fähigkeiten und Fertigkeiten aber auch die Unterweisung in höfischer Kultur, also allem, was mit höfischem Verhalten zu tun hat. So lassen sich also zwei Aspekte der ritterlichen Ausbildung erkennen: auf der einen Seite das Erwerben von Kenntnissen, die die Ideale der höfischen Kultur umfassen, also hövescheid, und auf der anderen Seite höfische (Kunst-) Fertigkeiten, gemeinhin mit dem mittelhochdeutschen Wort list bezeichnet.
3 Vgl.: FEILZER, Heinrich: Jugend in der mittelalterlichen Ständegesellschaft. Ein Beitrag zum Problem der
Generationen. Wien 1971. S. 177.
4 Vgl. FEILZER 1971, S.176.
5 FENSKE 1990, S.77.
6 FEILZER 1971, S.180.
4
Natürlich muss bei einer Betrachtung der Erziehung im Mittelalter auch die Erziehung und (Aus-) Bildung der Frau eine Rolle spielen. Wie Hans-Werner Götz beiläufig erwähnt, scheinen „vor allem Töchter eine literarische Bildung genossen“ 7 zu haben. Diese wurde in der Regel von einem Hauslehrer oder Hofkaplan übernommen, bzw. man übergab die jungen Mädchen in ein geistliches Stift 8 .
Neben der Ausbildung literarischer und künstlerischer Fähigkeiten spielten vor allem Anstandsregeln und die Tugendlehre 9 eine wichtige Rolle. Welche Inhalte den Phasen bei der Ausbildung zum Ritter und welche Inhalte den beiden Aspekten list und hövescheid zu Grunde liegen, und natürlich, welche Inhalte bei der Ausbildung zur Edelfrau wichtig waren, wird in den nächsten Kapiteln zu besprechen sein.
b) Höfische Kunstfertigkeiten: listen
Die meisten Informationen über die Adelserziehung im Mittelalter, zumindest, was Deutschland betrifft, finden sich in einem Aufsatz aus dem Jahr 1858, nämlich Georg Zapperts Akademieabhandlung „Über ein für den Jugendunterricht Kaiser Maximilian`s I abgefasstes lateinisches Gesprächsbüchlein“ 10 . Darin steht, dass die adlige Jugend hauptsächlich körperlich geschult wurde, d.h. dass sie neben sportlichen Übungen die ritterlicher Reit- und Waffentechnik zu erlernen hatte 11 . Nur aus der Dichtung ist zu erfahren, dass auch die Ausbildung musikalischer Fähigkeiten einen Platz im Erziehungsprogramm hatte 12 .Gut bezeugt ist allerdings, dass junge Adlige zur besseren Ausbildung dieser listen an einen anderen Hof geschickt wurden 13 . Hierbei wird vor allem an die list des Erlernens einer Fremdsprache gedacht, denn „auch für den ungebildeten Adel in Deutschland war Sprachkultur ein Merkmal höfischer Erziehung“ 14 . Eine Quelle aus dem 12.Jahrhundert, die aus dem spanischen Raum stammt, berichtet von der Abhebung des Rittertums von den septem artes liberales, mit denen sich hauptsächlich der Klerus befasste 15 . Im Unterschied zur geistlichen Bildung jener Zeit handelt es sich bei der Ausbildung des Ritters aber nicht um
7 GÖTZ, Hans-Werner: Leben im Mittelalter. Vom 7.bis zum 13. Jh. München 1991. S.172.
8 Vgl.: BUMKE, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. München 1997.
S.472.
9 BUMKE 1997, S.477-483.
10 Vgl.: BUMKE 1997, S.433.
11 Vgl.: BUMKE 1997, S.433.
12 Vgl.: BUMKE 1997, S.438.
13 Vgl.: BUMKE 1997, S.433.
14 BUMKE 1997, S.437.
15 Vgl.: FEILZER 1971, S.69.
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eine intellektuelle, sondern um eine praktische Bildung, weshalb sich der Ritter in die sogenannten septem probitates 16 einzuüben hatte.
Kurze Betrachtung soll der letzte Punkt erfahren: das Versemachen entwickelte sich mit der Zeit zu einem eigenen Bereich und gehörte zur musisch-ästhetischen Ausbildung, denn „höfische Lyrik war keine reine Buchdichtung, [sondern] Text und Melodie waren untrennbar miteinander verbunden“ so dass „mit der Aneignung der Dichtung [...] die Einübung in den Gesang und die Erlernung eines oder mehrerer Instrumente“ 17 einhergingen. Das soll nun aber nicht bedeuten, dass sich klerikale und adlige Erziehung strikt voneinander trennen ließen: maßgeblich war stets, „die repräsentative Anwendung im Handlungsvollzug“ 18 . Ob man hinsichtlich der Bildung von Frauen von der Erlernung von listen sprechen kann, ist schwer zu beantworten. Wenn man allerdings das mittelhochdeutsche Wort list in seiner Grundbedeutung Fähigkeit sieht, dann kann man schon von listen sprechen. Um die Tochter vor schlimmen Gedanken hinsichtlich der Verlockungen der Welt zu bewahren, mussten die Mädchen zu Hause beschäftigt werden 19 . Ihre Tätigkeiten beschränkten sich hierbei auf lernen, arbeiten und beten, wobei arbeiten vor allem Tätigkeiten wie Spinnen, Weben und Nähen meinte. Lernen bezog sich nach Bumke vor allem auf das Lesenlernen und die Auseinandersetzung mit der heiligen Schrift 20 . Die wichtigste Rolle spielte allerdings die Unterweisung in gute Sitten, wobei „das weibliche Tugendideal [...] alle sittlichen Werte [umfasst], die auch für den höfischen Ritter verbindlich waren“ 21 . Da diese Werte aber keine listen sind, sondern zu den höfischen Idealen gerechnet werden können, werden sie noch zu besprechen sein. Wer für die Erziehung der Mädchen zuständig war, ist eine aufgrund der Quellenlage schwer zu beantwortende Frage: nach Bumke wird wohl die Ausbildung praktischer Fertigkeiten in der Hand von Frauen, die literarische Ausbildung in der Hand eine Hofkaplans oder Hauslehrer gelegen haben 22 .
16 Zu den septem probitates gehören: Schwimmen, Pfeilschießen, Fechten, Jagen, Schachspiel und Versemachen.
17 FEILZER 1971, S.170.
18 KINTZINGER, Martin: Wissen wird Macht. Ostfildern 2003. S.182.
19 Vgl.: BUMKE 1997, S.470.
20 BUMKE 1997, S.471.
21 BUMKE 1997, S.481.
22 BUMKE 1997, S.472.
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Arbeit zitieren:
Steffi Rothmund, 2005, Elemente der höfischen Erziehung und ihre Darstellung in Gottfrieds 'Tristan' , München, GRIN Verlag GmbH
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