während in The Grove Dictionary 4 auch der andere Wolzogen genannt wird. Von außen sieht man eben manches klarer:
Hans und Ernst und von Wolzogen sind Brüder, Söhne des Schweriner Hoftheaterintendanten Alfred von Wolzogen, Schwiegergroßneffen Friedrich Schillers, der erstere außerdem noch Enkel Karl Friedrich Schinkels, beide wirkten als Dramatiker, Essayisten und Librettisten. Ernst Ludwig Freiherr von Wolzogen ist der um sieben Jahre jüngere Bruder von Hans, genau genommen dessen Halbbruder und politisch und künstlerisch so weit von dem Erstgeborenen entfernt, dass Hans von Wolzogen sich später sogar bemüßigt fühlte, die Halbbruderschaft öffentlich im Sinne einer distanzierenden Barriere zu betonen. Natürlich stieß er damit bei den intimen Kennern der Zwistigkeiten von Gunther und seinem Halbbruder Hagen auf volles Verständnis.
Ernst von Wolzogen also, der - gemessen an Hans von Wolzogen - vergleichsweise liberale, in mancher Hinsicht sogar progressive Bruder, wurde am 23.April 1855 in Breslau geboren. Die Mutter, eine in Florenz aufgewachsene Halbengländerin hugenottischer Abstammung, lehrte ihn das Spiel mehrerer Instrumente, Singen und Balletttanz. Bereits im Alter von sechs Jahren schrieb Ernst sein erstes Drama und brachte zur Freude und zum Erstaunen seiner Umwelt eine Reihe von Puppenspielen zur Aufführung.
Nach Wanderjahren mit seinem Hauslehrer, nach dem Abitur im Jahre 1876, studierte er in Straßburg und Leipzig Literatur, Geschichte und Naturwissenschaften und verdiente sich seinen Lebensunterhalt durch Novellen, Romane und Erzählungen und Lustspiele. 1881 übersiedelte er nach Berlin, wo ihm die Pastoralhumoreske „Die Gloriahose“ im Jahr 1884 besonderen Ruhm eintrug. Im Kreise der Friedrichshagener um Wilhelm Bölsche und die Brüder Hart bemühte er sich um die Gründung einer „Freien literarischen Gesellschaft“, was ihm dann im Jahre 1893 in München gelang; den Vorsitz dieser „Freien literarischen Gesellschaft“ hatte Ludwig Ganghofer. Von Wolzogen übernahm die Spielleitung des „Akademisch-dramatischen Vereins“ und inszenierte am Gärtnerplatztheater als erstes Tolstois „Macht der Finsternis“. Nach Meinungsverschiedenheiten um eine Aufführung von Shakespeares „Troilus und Cressida“ brach Wolzogen jedoch mit der Münchner „Freien literarischen Gesellschaft“ und ging im Frühjahr 1899 enttäuscht nach Berlin zurück.
Hier gründete er, frei nach dem Muster des Pariser „Chat noir“, das erste deutsche Kabarett. Wolzogen, der im Weimarer Kreis um Liszt zum Wagner-Anhänger und begeisterten Nietzsche-Verehrer geworden war, widmete seinen humoristischen Musikanten-Roman „Der Kraft-Mayr“: „dem Andenken Franz Liszts“ und nannte sein Kabarett in Anlehnung an Nietzsches „Übermensch“: „Überbrettl“. Die Unterschiede zum französischen Vorbild, dem Cabaret, definierte er so:
4 Stanley Dadie (Hg.): The New Grove Dictionary of Music an Musicians. London 1980. Bd. 20, S. 515.
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„Aus meiner Pariser Erfahrung und meinem eigenen Empfinden heraus gestaltete sich nunmehr mein Überbrettl folgendermaßen: kein Bier- und Weinausschank und Tabaksqualm, sondern regelrechtes Theater. Eine Rampe und ein gehöriger Orchesterraum zwischen mir und dem Publikum; eine Kleinbühne für anmutige Kleinkunst aller Art; keine Zimperlichkeit im Erotischen...“ 5
Ernst von Wolzogens Kabarett propagierte in Anlehnung an die zwanzig Jahre zuvor in Paris gegründeten Vorbilder weitgehende Freizügigkeit und stellte sich in Gegensatz zu den Moralnormen der Zeit. Erotische Leitbilder dieses Kabaretts waren die Liebelei und der Flirt. Wolzogens Verhältnis zur Gesellschaft wurde wesentlich durch seine Verehrung für Nietzsche geprägt: dieser Theaterleiter hegte die Absicht, mithilfe seiner literarisch-musikalischen Neugründung das „frische, fröhliche Niederreißen morscher alter Zäune“ und die „Umwertung alter verbrauchter Werte“ zu erreichen und der Verachtung des „Banausentums, der Philisterei, der absurd gewordenen Autorität“ überdeutlich Ausdruck zu verleihen. Von Wolzogen erinnert sich:
„Die zu jener Zeit hervorragendsten deutschen Komponisten erwiesen sich sämtlich als viel zu schwerfällig für die Aufgabe, eine künstlerisch vornehme und dabei doch einschmeichelnde, melodisch leicht fassliche Musik zu schreiben. Sie waren alle mit dem schweren Wagnerischen Gepäck beladen und keuchten unter der Last ihrer Polyphonie und Enharmonik. Von denen war nichts zu hoffen. Ich war völlig ratlos, an wen ich mich in meiner Musiknot wenden sollte;“ 6 .
Wolzogen zählte Richard Strauss zu seinen „persönlichen Freunden“, aber den Wunschkandidaten für die musikalische Leitung seines „Überbrettl“ anzufragen, scheute sich der Baron, „schon wegen der hohen Ansprüche, die (er) an die Kunst des Singens stellte“ 7 . Auf seiner Suche nach einen Hauskomponisten und musikalischen Leiter schrieb Ernst von Wolzogen schließlich einen Wettbewerb aus, an dem sich auch Alexander von Zemlinsky beteiligte, der mit Wolzogen bereits seit dem Jahr 1896 bekannt war. Die gestellte Aufgabe lautete, Otto Julius Bierbaums biedermeierliches Tanzgedicht „Der lustige Ehemann“ als Lied für ein künftiges deutsches Kabarett zu komponieren.
Als Sieger aus dem Wettbewerb gingen freilich weder Alexander Zemlinskys noch Viktor Holländers Vertonung, sondern die von Oscar Straus hervor. Und so entschied sich Wolzogen für Straus mit einem „s“ am Namensende als „Überbrettl“-Kompositeur“. Als Vermittler dieses Engagements fungierte der Journalist des „Berliner Generalanzeigers“ Oskar Geller, der als Pantomimiker des „Überbrettl“ und als Librettist von Alexander Zemlinskys Mimodram „Ein Lichtstrahl“ in die
5 Ernst von Wolzogen: Ich bin der größte Idiot des Jahrhunderts. In: Die zehnte Muse. Kabarettisten erzählen. Hg: Frauke Deißner-Jenssen. Berlin 1986, S. 21.
6 Wolzogen a. a. O., S. 22.
7 Wolzogen a. a. O., S. 22.
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Theatergeschichte einging. Geller - mit dem Künstlernamen Spontelli - hatte Straus gebeten, ihm eine Rolle auf den Leib zu komponieren, aber Straus hatte dieses ihm im Bohéme-Café „Westminster“ unter den Linden unterbreitete Angebot Gellers nicht ernst genommen, bis eine Rohrpostkarte Ernst von Wolzogens ihn aufforderte, ihm die für Herrn Spontelli komponierte Pantomime vorzuspielen. Straus setzte sich ans Klavier, spielte, was ihm gerade an Phantasien in den Sinn kam und - von Wolzogen erwarb diese bloße Behauptung einer Pantomimen-Komposition. Mit dem unheimlichen Titel „Pierrots Tücke, Traum und Tod“ 8 diente sie dem „Überbrettl“ als Eröffnungsvorstellung.
Als verkappter Darsteller war Ernst von Wolzogen sein eigener Conferencier, der im Biedermeier-Dress, mit hechtgrauer Hose und pflaumenblauem Frack mit Goldknöpfen durch das Programm der Lieder, Balladen, Rezitationen, Schattenspiele, Pantomimen und dramatischen Kurzszenen führte.
Seine eigenen Dichtungen fürs Brettl und vom Brettl trug er selbst vor, etwa die Brettl-Lieder „Madame Angèle“, „Das Laufmädel“, „Ein fescher Domino“, das „Lied von den lieben, süssen Mädeln“ oder seine Satire „Das Philisterparadies“.
Der stets präsente, unbekannte Zensor passte auf und trug so dazu bei, dass kein Abend im Programm des „Überbrettl“ mit dem des nachfolgenden Abends identisch war, und dass die musikalische Ausbeute an Brettl-Liedern enorm war.
Den eigentlichen Durchbruch errang das „Überbrettl“ jedoch nicht mit dieser Pantomime, der bald weitere „Überbrettl“-Pantomimen folgten, sondern mit dem „Ehetanzlied“ auf den reimeklingelnden Text von Otto Julius Bierbaum.
Der Dichter Otto Julius Bierbaum war durch die von ihm herausgegebene Sammlung „Deutsche Chansons“ 9 , die zum Vortrag auf einer „künstlerischen Varietébühne“ bestimmt war und die Bestseller-Auflagen von dreißigtausend Bänden pro Jahr erreichte, einer der geistigen Väter des „Überbrettls“.
In seinen Erinnerungen rühmt von Wolzogen Otto Julius Bierbaum:
„Es wurde ihm einfach alles unter der Hand zum Gedicht. Und zwar nicht zum ergrübelten, literarisch frisierten Gedicht, sondern zum echten, klingenden Lied. Merkwürdig war dabei, dass Bierbaum durchaus nicht hervorragend musikalisch war. Er hatte dennoch mehr Musik in seiner Seele als alle gleichzeitigen starken lyrischen Begabungen in Deutschland. Darum ist auch von den sämtlichen
8 So der Titel in den Erinnerungen von Oscar Straus. Vgl.: Franz Mailer: Weltbürger der Musik. Eine Oscar-Straus-Biographie. Wien 1985, S. 25. Wolzogen gibt den Titel als „Pierrots Tücke, Trug und Tod“ wieder. Vgl. Wolzogen, a. a. O., S. 27.
9 Otto Julius Bierbaum (Hg.): Deutsche Chansons (Brettl-Lieder). Leipzig 1902.
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Prof. Dr. Peter P. Pachl, 2005, Die Wiedergeburt der Komödie aus dem Geiste des Chat Noir, Munich, GRIN Publishing GmbH
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