Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Theoretische Grundlagen der Sprachkritik 3
3. LTI Notizbuch eines Philologen: die Sprachkritik Victor Klemperers 7
3.1 Klemperers sprachkritischer Ansatz 8
3.2 Kritische Bewertung von Klemperers Ansatz 10
4. Aus dem Wörterbuch des Unmenschen: die Sprachkritik Sternbergers
Storz und Süskinds 13
4.1 Sternbergers Storz und Süskinds sprachkritischer Ansatz 14
4.2 Kritische Betrachtung von Sternbergers Storz und Süskinds Ansatz 17
5. LTI Aus dem Wörterbuch des Unmenschen: eine Gegenüberstellung 20
6. Schlussbetrachtung 23
7. Literatur 25
7.1 Primärliteratur 25
7.2 Internetquellen 25
1
1. Einleitung
Über die Sprache des Nationalsozialismus ist viel geschrieben worden und be- rechtigterweise wurde in diesem Zuge sehr viel Kritik an dem die Menschenver- achtung und Brutalität des Regimes widerspiegelnden Sprachgebrauch geübt. Die beiden sprachkritischen Werke, die dem Zusammenbruch des 3. Reichs unmittelbar folgten, sind von daher interessant, als sie zeitnah zum kritisierten Objekt verfasst wurden und dass zu diesem Zeitpunkt die Sprachkritik keinen besonders festen Stand innerhalb der Sprachwissenschaften hatte.
Es geht in dieser Arbeit nicht um die Bewertung der Sprache im Nationalsozia- lismus. Der Fokus liegt vielmehr auf der Betrachtung des den beiden Werken LTI und Aus dem Wörterbuch des Unmenschen zugrundeliegenden Begriffs der Sprachkritik. Der von den Autoren untersuchte und bewertete Bereich weist trotz des gleichen bzw. sehr ähnlichen Themas große Unterschiede auf. Diese sind so- wohl festzumachen in dem, welche Phänomene überhaupt in den Bereich der Sprachkritik fallen, als auch in der Art der Bewertung.
Zu hinterfragen ist in diesem Zusammenhang, ob das jeweilige Verständnis von Sprachkritik den wissenschaftlichen Ansprüchen genügt und ob die Art der Kritik angemessen ist. Zu diesem Zweck ist es sinnvoll, zunächst eine eingehendere Be- trachtung dessen vorzunehmen, was Sprachkritik kann und soll. Wichtig ist also eine Erörterung der Kriterien, die Sprachkritik nachvollziehbar und fundiert wer- den lassen.
Abschließend werden die beiden Werke gegenüber gestellt und eine Bewertung des Sprachkritikbegriffs vorgenommen.
2
2. Theoretische Grundlagen der Sprachkritik
Im Gegensatz zur Sprachwissenschaft, die den aktuellen Ist-Zustand oder aber historisch gewordene Aspekte der Sprache betrachtet und beschreibt, gibt die Sprachkritik Bewertungen ab und beschreibt auf dieser Basis einen Soll-Zustand. Die deutliche Trennung zwischen der nüchternen, wissenschaftlichen Beschreibung und der ästhetisch und moralisch motivierten Bewertung hat lange dafür gesorgt, dass die Zuordnung der Sprachkritik in den Bereich der Sprachwissenschaften sehr umstritten war. Sie galt als unwissenschaftlich und zu subjektiv. Um dem wissen- schaftlichen Anspruch zu genügen, sollte die Sprachkritik darum auf die Erkennt- nisse der Sprachwissenschaft zurückgreifen. Einer angemessenen Kritik immanent ist außerdem eine rationale Wertung, denn so wird diese nachvollziehbar und kann
den Vorwurf der Subjektivität weitgehend widerlegen. 1
Auf die Frage, ob Sprachkritik die Sprache selbst oder aber deren Realisierung im Sprachgebrauch bewerten soll, verweist Schiewe auf ein Modell von Eugenio Coseriu, der den beiden Kriterien Saussures, der Sprache (langue) und dem Sprachgebrauch (parole), noch den Aspekt der sprachlichen Normen zuordnet. Um eine fundierte und nachvollziehbare Sprachkritik zu formulieren, muss der Kritiker
sich mit den Normen auseinander setzen. 2 Dies ist insofern einleuchtend, als es problematisch und auch ungenau erscheint, das die Sprachvarietäten einer Gesell- schaft überdachende (und damit äußerst vielfältige) sprachliche System zu bewer- ten oder aber den individuellen Gebrauch desselben zu kritisieren.
Die Schnittstelle zwischen diesen beiden Faktoren stellen die sprachlichen Nor- men dar, die von der Sprachgemeinschaft vorgegeben und allgemein anerkannt sind und somit den angemessenen Sprachgebrauch innerhalb einer Gesellschaft festlegen. Hier kann eine fundierte Kritik ansetzen, indem die Möglichkeit des Sprachsystems mit den realisierten Normen verglichen und die Normen mit Blick auf die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten bewertet werden.
1 Schiewe, 1998, S. 14ff.
2 ebd., S. 17
3
In dieser Kritik enthalten ist immer auch Sachkritik, da die sprachlichen Be-
zeichnungen hinsichtlich ihrer Angemessenheit geprüft werden. 3
Wird die Entwicklung der Sprachkritik in den letzten Jahrhunderten betrachtet,
werden die sie konstituierenden Merkmale ersichtlich, von denen einige auch als
Forderung an eine angemessene Sprachbewertung gesehen werden können.
Schiewe fasst die Merkmale folgendermaßen zusammen: 4
a) Sprachkritik ist auch Sprachgebrauchskritik und durch die Analyse real verwen- deter Elemente aus dem sprachlichen Inventar auch immer Wortkritik. b) Weil die kritisierten Elemente auf bestimmte „Sachen und Sachverhalte“ bezogen sind, werden auch diese sowie die Vorstellung von ihnen kritisiert. c) Sprachkritik ist methodisch, weil die sprachwissenschaftlichen Erkenntnisse hin- sichtlich sprachlicher Abläufe, Entwicklungen und Funktionen berücksichtigt werden.
d) Sie bewertet im Kontext der historischen oder aktuellen Sprachrealität, d.h., Er- kenntnisse und Bewertungen werden nicht unreflektiert auf andere Sprachrealitä- ten und Zeiten übertragen.
e) Sie formuliert eine Idealvorstellung, die sich aus den Diskrepanzen zwischen Ist- Zustand und Soll-Zustand ergibt.
f) Der Idealvorstellung liegt ein klar bezeichnetes Motiv zugrunde. Dies kann poli- tisch, soziologisch, ästhetisch oder anderweitig begründet sein. g) Sprachkritik ist realistisch, d.h., die von der Sprachrealität vorgegebenen Grenzen werden akzeptiert und bei der Formulierung des Idealzustands berücksichtigt. h) Sie ist konstruktiv, d.h., sie beschränkt sich nicht auf die Kritik des Ist-Zustands, sondern bietet gleichzeitig auch alternative Lösungsmöglichkeiten an. i) Sie ist emanzipatorisch, d.h., sie versucht in der Bewertung der Sprache allen Mitgliedern der Sprachgemeinschaft gerecht zu werden.
Die ersten beiden Punkte dienen dazu, den Aktionsradius der Sprachkritik zu de-
finieren, alle weiteren können als Anspruch an eine angemessene Sprachkritik auf-
gefasst werden.
3 ebd., S. 18
4 ebd., S. 26/27
4
Ein Punkt ist in dieser Auflistung nicht enthalten und zwar jener der Zweckmäßig- keit. Zweifellos darf der Nutzen der Kritik kein Kriterium für deren eigene Bewer- tung oder gar Legitimation sein, der Einwand, den Polenz Sternberger in der Kon- troverse um die Sprachkritik im Wörterbuch des Unmenschen gab, birgt nichtsdes- totrotz einige interessante Aspekte. Polenz verwies darauf, dass es in der Sprachkri- tik müßig sei, sich mit Fach- und Sondersprachen zu befassen, wenn man den all- gemeinen Sprachgebrauch beeinflussen wolle. Zu diesem Zweck müsse der Fokus auf der kritischen Betrachtung des Sprachgebrauchs liegen, mit dem Menschen aller Gesellschaftsschichten in der Öffentlichkeit am häufigsten konfrontiert wür-
den, also dem der (Massen-)Medien und der Politik. 5
Unter anderen sind es diese beiden Bereiche, welche eine wichtige Rolle bezüg- lich des Sprachwandels und -gebrauchs im Nationalsozialismus spielten, und dem- zufolge beziehen sich auch die kritischen Bewertungen Klemperers und der Gruppe um Sternberger auf sie. Bei einem kritischen Vergleich der beiden Werke ist jedoch der sprachhistorische Kontext zu berücksichtigen, in dem diese entstanden. Auch für den Kritiker der Sprachkritik gilt somit Punkt d der Merkmale. Inwiefern dieser Bereich relevant für eine adäquate Auseinandersetzung mit historischen sprachli- chen Phänomenen, wird nachfolgend erläutert.
Hermanns hat der Sprachgeschichte den mentalitätsgeschichtlichen Aspekt zu- geordnet, mit der Begründung, in der historischen Sprachbetrachtung werde zwar der Sprachgebrauch im Kontext der Gesellschafts- und Sozialgeschichte gesehen, die Motivation der Sprecher jedoch außer Acht gelassen. Unter Mentalitäten ver-
steht er die „ethischen, affektiven und kognitiven Dispositionen“ 6 der Mitglieder einer Sprachgemeinschaft, ihr gemeinsames „Denken, Fühlen [und] Wollen“ 7 , das sich im Sprachgebrauch und in der Einstellung zur Sprache zu einem bestimmten Zeitpunkt niederschlägt und in letzter Konsequenz auch in das Handeln und Ver- halten eingeht. Die Betrachtung dieser Mentalitäten gibt nun also Aufschluss über
den Sprachgebrauch sowie dessen Wandel und vice versa. 8
5 Polenz, 1968, S. 307
6 Raulff, Ulrich. Mentalitäten – Geschichte. 1987, S. 10. Zitiert in: Hermanns, 1995, S. 75
7 ebd., S. 76
8 ebd., S. 70ff.
5
Diese Betrachtung ist hier insofern von Belang, als die Mentalität der Sprach- gemeinschaft im Nationalsozialismus ein wichtiges Untersuchungsfeld darstellt. Auch wenn weder Klemperer noch Sternberger diesen Begriff verwenden, so ist für sie trotzdem die Motivation der Sprecher wichtig. Für die Untersuchung und den Vergleich beider Werke ist wiederum die Berücksichtigung der Dispositionen kurz nach Kriegsende relevant. Begründet ist dies in der zeitlichen Nähe der beiden Sprachkritiken zu einem ‚extremen’ Untersuchungsobjekt und der damit verbunde- nen emotionalen Spannung. Die Autoren beider Werke haben den Krieg miterlebt und den ‚Sprachverfall’ bewusst wahrgenommen. Dies beeinflusste ihre Dispositi- onen vor allem hinsichtlich der Einstellung zur Sprache.
Im Gegenzug gilt aber auch für die kritische Betrachtung der Sprache im Natio- nalsozialismus, dass der sprachhistorische Aspekt Eingang finden muss. Dahinge- hend formuliert Polenz einige „methodische und politisch-historische Erfordernis- se“. Zu klären sind unter anderem die Unterschiede der „Sprache des Nationalsozi- alismus und Sprache im Nationalsozialismus“, die Gründe für die bereitwillige Akzeptanz des faschistischen Regimes in der Bevölkerung sowie die Rolle der Sprache diesbezüglich. Zu untersuchen ist nicht nur die offizielle Propagandaspra- che, sondern außerdem der vielfältige Sprachgebrauch in der Bevölkerung und die sich dadurch ausgedrückten Haltungen und Erwartungen. Wichtig ist darüber hin- aus laut Polenz die sachliche Auseinandersetzung mit der Sprache, d.h., die Bewer- tung der Sprache als zunächst wertfreies weil instrumentalisiertes und abstraktes Zeichensystem, das nicht selbst agiert und keine Ziele verfolgt. 9
9 Polenz, 1999, S. 547
6
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Katrin Bade, 2006, Kritik der Sprachkritik: Vergleich und Bewertung der sprachkritischen Ansätze in Victor Klemperers "LTI" und Sternbergers "Wörterbuch des Unmenschen", Munich, GRIN Publishing GmbH
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