1.) Einleitung
Kommunikation ist „der Prozess, in dessen Verlauf durch die Selektion, Organisation und Interpretation der Wahrnehmung sprachlicher, wie außersprachlicher Symbole dem eigenen oder dem Verhalten anderer Bedeutung zugemessen wird.“ 1 Man kann Kommunikation auch als die Fähigkeit von Individuen bezeichnen, ihre Ideen und Gefühle anderen mitzuteilen, und mit diesen in Verbindung zu treten. Voraussetzung ist das gegenseitige Erkennen und Verstehen von sprachlichen Zeichen, folglich von Worten, die als Symbole dienen und deren Bedeutungen.
Kommunikation spielt sich sowohl auf einer (verbalen oder nonverbalen) Inhaltsebene, als auch auf einer Beziehungsebene ab. Somit ist Kommunikation ein wesentliches Grundelement jeder sozialen Beziehung, und als solches trägt es zur Sozialisation und Persönlichkeitsbildung von Kindern bei. Bei Sprach- bzw. Sprech-, Redefluss- oder Stimmstörungen treten Fehler auf der Inhaltsebene auf, wodurch die zwischenmenschliche Kommunikation beeinträchtigt wird, und sich folglich negativ auf die Beziehungsebene auswirkt. Man geht davon aus, dass sich bei etwa 80% aller Kinder während ihrer Sprachentwicklung Phasen unflüssigen Sprechens finden lassen.
Stottern, als Störung der verbalen Kommunikation, tritt im Vorschulalter sehr häufig auf, bei Jungen viermal so häufiger als bei Mädchen, und beeinträchtigt den Prozess der Sozialisation. Elternhaus, Kindertagesstätten und Grundschule tragen somit eine große Verantwortung für die sprachliche Entwicklung. Auffälligkeiten sollten frühst möglich erfasst und noch vor Schuleintritt behandelt werden, da (richtiges) Stottern im Schulalter zu einer Fehlentwicklung der kindlichen Persönlichkeit führen und die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen kann.
Die vorliegende Arbeit erläutert zunächst was Sprache ist und wie die Sprachentwicklung verläuft, und soll des weiteren einen Überblick über die Ursachen und die Symptomatik der Sprechstörung Stottern verschaffen, um im Schluss auf mögliche Therapieformen einzugehen.
1 Aus: Franke, Ulrike: Logopädisches Handwörterbuch; Seite 100-101.
2
2.) Was ist Sprache und wie verläuft die Sprachentwicklung?
Sprache ist das „Medium zur Übermittlung von Informationen“ 2 und das wichtigste Kommunikationsmittel des Menschen. Sie besteht aus einer Reihe von Zeichen, die als Signale oder Symbole, einzeln oder kombiniert, nach festegelegten Regeln eingesetzt werden, und eine inhaltliche Übereinstimmung aufweisen. Es handelt sich quasi um eine Art Code, der von den Mitgliedern einer Sprachfamilie, eines bestimmten Kulturkreises, oder einer sozialen Gruppe nachvollzogen werden kann. Mit der bzw. unserer Sprache benennen wir mit Wörtern und in Sätzen Gegenstände/Dinge und Handlungen. Das Wort selber ist nicht der Gegenstand oder die Handlung, sondern nur Bedeutungsträger oder Symbol. 3
Kleinkinder müssen über einen komplizierten Lernprozess erfassen, dass Wörter und Sätze bestimmte Vorgänge und Dinge symbolisieren. Wenn ein Kind diesen Zusammenhang erlernt hat, man spricht hierbei von Sprachverständnis, ist es in der Lage selbst Vorgänge und Dinge zu benennen. Hierbei spricht man von Sprechen oder Sprechverständnis, dem „Vermögen, richtige Laute zu erzeugen und daraus Wörter zu bilden.“ 4 Der Terminus Sprache ist demzufolge der Oberbegriff für Sprachverständnis zum einen, und Sprechfähigkeit (aber auch Stimmklang) zum anderen.
Die Sprachentwicklung bei Kindern verläuft unterschiedlich, demzufolge muss stets neu entschieden werden ob Abweichungen von altersgemäßen Durchschnittswerten als Sprachentwicklungsstörung oder -verzögerung anzusehen sind.
Nach der Geburt und dem Reflexschrei des Neugeborenem, ist ab der 2. Woche gezieltes Schreien als Anruf oder Appell zu beobachten. Das zeitweise Schreien im 1. Monat ist für die Ausbildung der Atmungs- und Stimmorgane gesund. Neugeborene reagieren auf Geräuschquellen, deshalb kann leises Zureden auch beruhigend wirken.
Ab dem 2./3. Monat erzeugt das Kind primäres Lallen, sowie Gurgel-, Sprudel- und Schnalzlaute. Mit dem 4. bzw. 5. bis 7. Monat ist sekundäres Lallen, sowie Lautnachahmung zu beobachten. Das Kind erzeugt Echolaute, indem es seine eigenen nachplappert. Dadurch
2 Ebd. Seite 167.
3 Vgl.: Grunwald, Arnold: Sprachtherapie - Praktische Anleitung zur Diagnose und Therapie sprachgestörter und entwicklungsbehinderter Kinder; Seite 11.
4 Aus: ebd. Seite 11.
3
erlernt es die Laute anderer Personen nachzuahmen, was für die Sprachentwicklung wichtig ist. Ab dem 8. bis zum 12. Monat beginnt das Kind zu verstehen, dass mit Sprache bestimmte Handlungen oder Gegenstände in Zusammenhang gebracht werden.
Diese Phase wird auch Symbolverständnis genannt, in der das Lallen bzw. die Lall- und Lautfolge einen bestimmten Ausdruck und eine bestimmte Funktion hat. Es reagiert auf kleinere sprachliche Aufforderungen und kann Einwortsätze von sich geben. Im 13. bis 18. Monat gibt das Kind spontan und leicht abgewandelt die Spracherzeugnisse anderer Personen wieder, was auch als Echolalie oder Echosprache bezeichnet wird. Mit 1,5 bis 2 Jahren ist die sprachliche mit der geistigen Entwicklung soweit vorangeschritten, dass sich das Kleinkind anstatt der Einwortäußerung in Zweiwortsätzen und Wortaggregaten äußert.
Ab dem 2. Lebensjahr wird der Zweiwortsatz zu einem geformten Mehrwortsatz, die vom Satzbau her aber zumeist noch fehlerhaft aufgebaut sind. Bis zum 4. Lebensjahr ist das Kind in der Lage sich in einfachen Satzverbindungen, mit ersten einfachen Nebensätzen und Satzgefügen zu artikulieren.
Sind die Lebensumstände bisher günstig verlaufen, beherrscht das Kind im Alter von 4 bis 5 Jahren alle Laute und Lautverbindungen. Es ist in der Lage Sätze richtig zu bilden, mit Ausnahme geringer Regelverstöße. Mit 5 Jahren ist die Spracherlernung weitgehend abgeschlossen, die weitere Formung findet in der Schulzeit statt. 5
Als sprachgestört wird ein Kind bezeichnet, „wenn es im Vergleich zu seiner Altersgruppe in seiner Sprachentwicklung zeitlich deutlich verzögert ist“, „es im Zusammenhang mit einer Entwicklungsbehinderung (einer körperlichen oder geistigen Behinderung) nur erschwert die Sprache erlernt“, oder „es zwar die wesentlichen Stufen der Sprachentwicklung altersgemäß durchläuft, aber gegen bestimmte Regeln der Laut-, Wort- oder Satzbildung verstößt.“ 6
5 Zusammengefasst aus: Franke, Ulrike; Seite 167 & Grunwald, Arnold; Seite 11-13.
6 Aus: Grunwald, Arnold; Seite 13.
4
3.) Stottern
3. 1. Definition und Formen des Stotterns
Stottern ist eine Blockade des Sprechablaufs durch mangelnde Koordination zwischen Atmung und Stimmgebung, mit teilweise spastischen Veränderung der Mund- und Gesichtsmuskulatur. Auch Dyspemie, Spasmophemie, Anarthria syllabaris, Balbuties oder Dysarthria syllabaris 7 genannt, bezeichnet es die Unfähigkeit, das ausgebildete Sprachverständnis und die mögliche Sprechfähigkeit unabhängig von Personen und Situationen jederzeit flüssig sprechend umzusetzen, was sich in Laut-, Silben- oder Wortwiederholungen äußert.
Fälschlicherweise wird Stottern oftmals als Sprachstörung angesehen. Linguistisch gesehen ist dies nicht richtig, denn Sprache ist dem Sprechen übergeordnet, und „beinhaltet Sprachsystem, Sprachbesitz und individuelle Sprachbenutzung“ 8 , sowie die Anwendung der Sprache beim Sprechen. Sprechen dagegen ist die mündliche Kommunikation und das Vermögen Gedanken durch wahrnehmbare bzw. vernehmbare Worte auszudrücken. Der Stotterer ist demnach der Sprache mächtig, aber beherrscht nicht im gleichen Maße das Sprechen. Folglich ist Stottern als Sprechstörung anzusehen.
Eine Form des Stotterns ist das entwicklungsbedingte, auch physiologische Stottern. Hierbei wiederholt das Kind in Momenten der (situationsbedingten) Erregung Laute oder Wörter. Es kann nicht so sprechen oder berichten wie es möchte, d.h. es stottert aufgrund einer Diskrepanz zwischen Sprach- und Denkvermögen - man kann auch sagen es denkt schneller als es sprechen kann, überschlägt dabei die Wörter, baut eventuell überflüssige Redewendungen und Wörter ein und gewinnt dadurch Zeit zum Überlegen. Während einige Forscher davon ausgehen, dass diese Sprechbesonderheiten belanglos und nicht behandlungsbedürftig sind, vertreten andere wiederum die Ansicht, dass echte Stottersyndrome mit dem physiologischen Stottern beginnen. 9
7 Vgl.: Demuth, Wolfgang: Klinische Praxis der Verhaltenstherapie - Psychodiagnostisches Vademecum und Kasuistik häufig vorkommender psychischer und psychosomatischer Störungen; Seite 31 & Seeman, M.: Sprachstörungen bei Kindern; Seite 255.
8 Aus: Demuth, Wolfgang; Seite 31.
9 Vgl.: Grunwald, Arnold; Seite 34.
5
Arbeit zitieren:
Christiane Berger, 2006, Stottern im Kindesalter, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
STOTTERN - Symptomatik, Ursachen und Therapie
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Seminararbeit, 32 Seiten
AD(H)S: Verhaltensstörung oder Modekrankheit?
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Vordiplomarbeit, 35 Seiten
Das Menschen- und Erziehungsbild von Wilhelm Flitner
Pädagogik - Geschichte der Päd.
Hausarbeit, 16 Seiten
Darwin, Lamarck und die Epigenetik
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Hausarbeit, 22 Seiten
Möglichkeiten der Sichtveränderung durch den systemischen Ansatz in de...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Hausarbeit, 21 Seiten
Verselbständigung von Jugendlichen in Einrichtungen der stationären Ju...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 90 Seiten
Die Sensorische Integration und ihre Auswirkung auf Lernen und Verhalt...
Psychologie - Lernpsychologie, Intelligenzforschung
Hausarbeit, 16 Seiten
Zur Förderung von Schulkindern mit auditiven Verarbeitungs- und Wahrne...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Examensarbeit, 99 Seiten
Die Ich-Zustände in der Transaktionsanalyse
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Hausarbeit, 20 Seiten
Stottern aus neuropsychopysiologischer Sicht und in Bezug auf die umge...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Hausarbeit, 20 Seiten
Bewegung und Sprache - Psychomotorische Förderansätze bei Sprachentwic...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Examensarbeit, 92 Seiten
Aggressivität im Alltag einer Heimgruppe - Aggressionen erkennen und b...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Studienarbeit, 23 Seiten
Die Familientherapie unter besonderer Berücksichtigung der systemische...
Hauptseminararbeit, 23 Seiten
Postpartale Depressionen und ihre Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Bez...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 106 Seiten
Vergleich der Ansätze Piagets und Kohlbergs zur Moralentwicklung
Psychologie - Entwicklungspsychologie
Seminararbeit, 22 Seiten
Einelternfamilien in Deutschland und die Sozialisationsbedingungen für...
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Studienarbeit, 31 Seiten
Christiane Berger hat den Text Stottern im Kindesalter veröffentlicht
Christiane Berger hat einen neuen Text hochgeladen
Wenn ein Kind anfängt zu stottern
Ratgeber für Eltern und Erzieh...
Walburga Brügge, Katharina Mohs
Kindliches Stottern - ein kindgerechter, psychosomatischer Zugang
Warum Kinder stottern. Ein ein...
Sybille Schmitz, Martina Vierthaler
Stottern bei Kindern und Jugendlichen
Bausteine einer mehrdimensiona...
Monika M. Thiel, Caroline Ewerbeck, Claudia Ochsenkühn
0 Kommentare