Daniela Reisel Seite 3 Produktboykott- Sammlung und Analyse historischer Fälle
1. Einleitung
Fast täglich können wir in den Medien Berichte verfolgen, in denen aus verschiedensten Gründen zum Boykott aufgerufen wird. Erinnern wir uns an den Gasboykott Russlands gegenüber der Ukraine zu Anfang des Jahres oder den Boykottaufruf seitens der IG Metall gegen den schwedischen Elektrokonzern Electrolux wegen der geplanten Werksschließung des AEG-Werkes in Nürnberg.
Der wohl bekannteste Fall eines Boykotts in Deutschland ist wohl immer noch der einwöchige Boykott von Shell-Tankstellen im Jahre 1995. Der Öl-Riese Royal Dutch wurde durch diesen Boykott in die Knie gezwungen und musste seinen Plan, die Ölbohrinsel Brent Spar im Ozean zu versenken, schließlich aufgeben.
Spätestens seit dieser Aktion hatte man erkannt, dass ein Boykott eine durchaus sehr wirksame Waffe der Verbraucher ist und seitens der Unternehmen sehr ernst genommen werden muss.
Aus diesem Grund möchte ich mich in dieser Arbeit mit dem Thema Boykott auseinandersetzen und die zugrunde liegenden Prozesse anhand einer Sammlung diverser Boykottaktionen und deren anschließender Analyse darstellen. Beginnen werde ich mit einer Definition des Begriffes „Boykott“.
2. Definition
Ein Boykott kann definiert werden als ein „planmäßiges Ausgrenzen eines Gegners durch Aufforderung an andere die sozialen, rechtlichen oder geschäftlichen Beziehungen zum Gegner abzubrechen und zwar mit dem Ziel, politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Zwang auszuüben.“ 1 Im Falle des Produktboykottes bedeutet dies also die organisierte Verweigerung von Verbrauchern, Produkte von bestimmten Unternehmen zu kaufen.
Der Begriff Boykott geht zurück auf den englischen Grundstücksverwalter Kapitän Charles Cunningham Boykott; dieser betrog seine irischen
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Landarbeiter um ihren Lohn und unterlag daraufhin einem im Jahre 1880 durch die irische Landliga organisierten Boykott. 2
In den Medien wird der Begriff „Boykott“ oftmals auch fälschlicherweise für den Begriff „Embargo“ verwendet, d.h. es handelt sich gar nicht um einen Boykott, sondern um ein Embargo.
Daher möchte ich an dieser Stelle noch eine kurze Abgrenzung zu diesem Sachverhalten vornehmen:
Ein Embargo basiert in der Regel auf Beschlüssen des UN Sicherheitsrates, der Europäischen Union oder anderen internationalen Vereinigungen und stellt ein Verbot oder manchmal auch nur eine Einschränkung der Handelsbeziehungen zu bestimmten Ländern dar. 3 Bei einem Boykott werden die Verbraucher jedoch nur aufgefordert, keine wirtschaftlichen Beziehungen mehr zu bestimmten Unternehmen einzugehen, um dadurch Druck auszuüben. Es handelt sich aber in keinster Weise um ein Verbot, wer sich dem Boykott nicht anschließen möchte, muss dies auch nicht tun.
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3. Sammlung von Boykottaktionen
Im Folgenden werden nun eine Reihe von historischen und auch aktuellen Boykottaktionen vorgestellt werden. Aus Gründen der Übersichtlichkeit zunächst eine kurze tabellarische Darstellung, an die sich eine ausführliche Beschreibung anschließt.
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Wie aus der Tabelle ersichtlich können Boykottaktionen bis ins Mittelalter zurück verfolgt werden. Während der Zeit der Hanse wurde der Boykott bereits als wirksames Druckmittel eingesetzt. Wenn sich Städte oder Staaten nicht an die vereinbarten Rechte der Hanse hielten, wurden sie aus der Hanse ausgeschlossen. Die Stadt Brügge war einem solchen Handels-Boykott im Jahre 1358 ausgesetzt, weil man versucht hatte, die dortigen Handelskaufleuten zu Steuerzahlungen zu zwingen. Durch den Boykott gingen viele Erträge aus vorherigen Handelsgeschäften für die Stadt verloren und man musste sich schließlich dem Willen der Hanse beugen.
Der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ging ein lang andauernder Boykott durch die amerikanischen Siedler, die sich nicht mehr länger von der britischen Krone unterdrücken lassen wollten, voraus.
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Aber auch im 20. Jahrhundert können wir zahlreiche Boykotte mit durchaus beachtlichen Auswirkungen beobachten:
So gehörte zu dem von Gandhi 1915 gestarteten gewaltlosen Kampf gegen die britische Kolonialmacht in Indien auch der Boykott britischer Waren. Gandhis Kampf führte schließlich zur Unabhängigkeit Indiens im Jahre 1947.
In der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland ging im April 1933 der Boykott jüdischer Geschäfte als einer der Höhepunkte des von dem Hitler-Regime praktizierten Antisemitismus in die Geschichte ein.
1955 boykottierten in Montgomery im US-Bundesstaat Alabama Afroamerikaner die dortigen Busse für mehr als ein Jahr um damit gegen die damals noch offiziell praktizierte Rassendiskriminierung zu protestieren. Auslöser für die Boykottaktion war die Inhaftierung der Farbigen Rosa Parks, die sich geweigert hatte ihren Sitzplatz im Bus für eine Weiße zu räumen. Der Boykott war sehr erfolgreich, nach nur fünf Tagen wurde Rosa Parks wieder aus der Haft entlassen und schließlich entschied auch das Bundesdestriktgericht von Alabama, dass die geltende Sitzplatzordnung in Bussen nicht mit der Verfassung vereinbar war. Im Jahr 1964 wurde die Rassendiskriminierung schließlich sogar per Gesetz verboten.
In den 70er Jahren führte der von Tierschützern ausgerufene Pelzboykott zum Verbot des kommerziellen Robbenfangs in Kanada im Jahr 1984. Ebenfalls in diese Kategorie passen die von der Tierschutzorganisation PETA ausgerufenen Boykotte gegen die Fastfoodkette KFC seit 2003 wegen der miserablen und unhygienischen Lebensbedingungen auf den Hühnerfarmen, von denen die Kette ihre Tiere bezieht sowie auch der Boykott von australischer Wolle wegen des Vorwurfs der Misshandlung von Schafen. Bei beiden Aktionen konnte bislang keine Einigung zwischen den Boykottorganisatoren und den Boykottierten gefunden werden.
Der weltweite Boykott südafrikanischer Produkte „kauft keine Früchte der Apartheid“ während der 80er-Jahre führte schließlich zur Abschaffung des Apartheidsystems in Südafrika.
Als die französische Regierung im Juli 1995 beschloss, ihre Atombomben durch Zündungen im Südpazifik zu testen, kam es zum Boykott französischer
Arbeit zitieren:
Daniela Reisel, 2006, Produktboykott - Sammlung und Analyse historischer Fälle, München, GRIN Verlag GmbH
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