Gliederung:
1. Zentrale Fragestellungen der Arbeit S 03
2. Wissen als Handlungsvermögen S 03
3. Wissen als unmittelbare Produktivkraft S 05
4. Wissen als Ware und Eigentum S 05
5. Wissensgesellschaft bei Nico Stehr S 07
6. Probleme und Defizite der Theorie S 09
7. Zusammenfassung und Ausblick S 10
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1. Zentrale Fragestellungen der Arbeit
In der modernen soziologischen Theorie findet man immer wieder verschiedene, sich ergänzende, aber auch widersprüchliche und konträre Aussagen bezüglich der derzeitigen Gesellschaftsformation. So spricht in diesem Zusammenhang zum Beispiel Manuel Castells von einer Netzwerkgesellschaft (vgl. Castells 1996), Daniel Bell von der postindustriellen Gesellschaft (vgl. Bell 1996, S. 8), Jean-Francois Lyotard von der postmodernen Gesellschaft (vgl. Lyotard 1994, S. 13) oder Helmut Spinner von einer Informationsgesellschaft (vgl. Spinner 1998). Ich möchte in diesem Essay aber den Begriff und das Konzept der Wissensgesellschaft näher erläutern. Schon Klassiker wie Max Weber, Werner Sombart, Joseph Schumpeter und vor allem Karl Marx haben in ihren Gesellschaftsanalysen mit den Konzept der Wissensgesellschaft gearbeitet, wobei die Betonung vornehmlich auf die Innovationsdynamik charismatischer Unternehmer und die Wissensbasierung bürokratischer Organisationen gelegt wurde. (vgl. Heidenreich 2003) Die Theorie Nico Stehrs weist aber über diese Erklärungen hinaus und legt Wert auf die neu entstehende ökonomische Struktur und deren gesellschaftlichen Grundlagen. Im folgenden werde ich zuerst anhand des Buches „Wissen und Wirtschaften. Die gesellschaftlichen Grundlagen der modernen Ökonomie“ auf die drei Konzepte und Funktionen des Wissens, Wissen als Handlungsvermögen, Wissen als unmittelbare Produktivkraft und Wissen als Eigentum und Ware, näher eingehen. (vgl. Stehr 2001) Anschließend werde ich vorstellen, warum Nico Stehr von einer Wissensgesellschaft spricht und welche Rolle Wissen in diesem Zusammenhang spielt. Danach gehe ich kurz auf die Probleme und Defizite seines Theorieansatzes ein, sofern diese noch nicht behandelt wurden. Abschließend möchte ich die Ergebnisse kurz zusammenfassen und einen kritischen Ausblick auf die Zukunft geben.
2. Wissen als Handlungsvermögen
Wie bereits erwähnt, steht im Mittelpunkt der Theorie Nico Stehrs die Analyse der Wissensgesellschaft und des Wissens. Nico Stehr schreibt dem Wissen drei zentrale Funktionen zu. Die erste Funktion ist das Handlungsvermögen, also die „Fähigkeit zum sozialen Handeln“ (Stehr 1992, S. 114). Mit dieser Funktionszuweisung stützt er sich auf die These von Francis Bacon: „sciencia est potentia“ oder auch „Wissen ist Macht“. (vgl. Stehr
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2001, S. 62) Die beiden Begriffe ‚Vermögen’ und ‚Fähigkeit’ signalisieren, dass Wissen an sich noch kein soziales Handeln, im Sinne Max Webers, also Verhalten mit subjektiven Sinn (vgl. Weber 1922), darstellt. Hiermit grenzt er sich explizit vom Begriff des sozialen Handelns ab, wie ihn Max Weber verwendete, da diese Funktion nur dort zum tragen kommt, wo Entscheidungsspielräume oder Entscheidungsnotwendigkeiten gegeben sind; und nicht, wo Handeln „..., nach im wesentlichen stereotypisierten Mustern abläuft.“ (Stehr 2001, S. 63) Eine weitere Einschränkung, die es hierbei zu beachten gilt, ist, dass Wissen nur unter bestimmten Umständen realisierbar wird. „... the realization and implementation of knowledge is dependent on, or occurs within the context of specific social and intellectual conditions.“ (Stehr 1992, S. 114) Die hervorstechende Eigenschaft von Wissen in der Wissenschaft ist, so meint er, nicht die Objektivität oder die Wahrhaftigkeit, sondern die Fabrikation von zusätzlichen Handlungsvermögen. Eine analoge Funktion kommt auch dem zusätzlichen Wissen in der Ökonomie zugute, das durch die Fabrikation von neuen Handlungsspielräumen den Unternehmen Wettbewerbsvorteile verschafft. Somit ist zusätzliches Wissen konkurrierendes und sich gegenseitig ausschließendes Wissen, was es in die Nähe einer ökonomischen Ware bringt. (vgl. Stehr 2001, S. 67) Auf den Warencharakter des Wissens werde ich aber später noch näher eingehen. Zusammenfassend kann man sagen, dass zusätzliches Wissen die Grundlage und der Motor der fortschreitenden Modernisierung in hoch entwickelten Gesellschaften ist.
3. Wissen als unmittelbare Produktivkraft
Die zweite Funktion des Wissens in Wissensgesellschaften, Wissen als unmittelbare Produktivkraft, bezieht sich vor allem auf die moderne Ökonomie. Bisher gab es drei unterschiedliche Kategorien von Wissen, die die Wissenschaft bisher produziert hat. (vgl. Stehr 2001, S. 88f) Die erste Kategorie ist das Deutungswissen oder Orientierungswissen. Dessen soziale Funktion ist die Einflussnahme auf das Bewusstsein der Gesellschaftsmitglieder. Als Beispiel kann hier die Theologie genannt werden, die mit ihren Erkenntnissen direkt das Verhalten der Menschen beeinflusste. Dies reicht von alltäglichen Verhaltensweisen, wie regelmäßiges Beten, bis hin zu religiösen Riten und Zeremonien, wie Opfer- und Dankfesten. Die nächste Kategorie von Wissen, das im Zuge der Industrialisierung produziert wurde, bezeichnet Nico Stehr als Produktivwissen. Produktivwissen ist direkt umsetzbar in die Methoden der Naturaneignung. Beispielsweise könnte hier die Erfindung der Dampfmaschine genannt werden. Die letzte Kategorie von
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Wissen ist das Handlungswissen und damit unmittelbare Produktivkraft. Hier geht es nicht mehr nur um die Methoden der Naturaneignung, sondern um die unmittelbare soziale Produktion. Das heisst zum einen wird die Wissenschaft von direkter Arbeit immer mehr unabhängig und zum anderen wird die Arbeit zu einer wissensfundierten Arbeit. Das bedeutet, dass ein Grossteil der Arbeit auf einer sekundären Produktionsstufe abläuft und Disziplinen, wie Entscheidungstheorie oder „operations research“ entstehen. Wissen wird also zur wichtigsten Ressource und löst damit die traditionellen Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital ab. (vgl. Stehr 2001, S. 91) Wie auch beim Wissen als Handlungsvermögen, wird bei dieser Funktion des Wissens deutlich welch wichtige Verbindung der Autor zwischen dem wissenschaftlichen und ökonomischen System herstellt. Hier lässt sich auch ein erster Kritikpunkt anbringen, die einerseits von der systemischen und funktionalistischen Theorie her rührt und andererseits im Konzept der Wissensgesellschaft selbst verankert ist. So geht zum Beispiel Luhmann davon aus, dass es eine klare funktionsspezifische Trennung der einzelnen Systeme, also auch der Systeme Wissenschaft und Wirtschaft, gibt und eine gegenseitige Eindringung nicht möglich ist. (vgl. Luhmann 1992, S. 172) Heidenreich beschreibt, dass die aktuelle Positionen in der Debatte über die Wissensgesellschaften über die Analysen der 60er Jahre hinausgehen und neben dem wissenschaftlichen Wissen noch andere Wissensformen, wie „..., erfahrungsbasiertes Wissen, technisches oder organisatorisches Wissen“ zunehmend an Bedeutung gewinnen. (Heidenreich 2003, S. 12) Obwohl auch andere Autoren, wie zum Beispiel Wolfgang Krohn, von einer wissenschaftlichen Durchdringung aller Lebensbereiche sprechen, oder sogar darüber hinaus gehen – „... Die Verwissenschaftlichung und Technisierung unseres Alltags ist unser Alltag selbst geworden.“ (Krohn 2000, S. 14) – steht, meiner Meinung nach das wissenschaftliche Wissen bei Nico Stehr zu sehr im Mittelpunkt seiner Theorie und andere Wissensformen werden vernachlässigt. Da er der Wissenschaft einen solch zentralen Stellenwert beimisst, beschreibt er, so glaube ich, eher eine Gesellschaftsformation von der er sich abgrenzen wollte, nämlich die Wissenschaftsgesellschaft und nicht die Wissensgesellschaft.
4. Wissen als Ware und Eigentum
Die Frage, ob Wissen als Ware im ökonomischen Sinn und als Eigentum im juristischen Sinn gesehen und behandelt werden kann, ist nicht leicht zu beantworten. Einerseits sprechen einige Argumente dafür, aber andererseits besitzt Wissen einige Eigenschaften, die ihm einen
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Carlo Cerbone, 2004, Ökonomie des Wissens - Die Entstehung und Entwicklung der Wissensgesellschaft und die Rolle des Wissens, Munich, GRIN Publishing GmbH
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