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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Konzeption der Arbeit von Labov und Waletzky
2.1 Grundgedanken der Arbeit
2.2 Das Datenmaterial
3. Die formale Analyse
4. Die funktionale Analyse
5. Fazit
6. Literaturverzeichnis
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1. Einleitung
Die von William Labov und Joshua Waletzky erstmals 1967 unter dem Titel „Narrative Analysis: Oral Versions of Personal Experience“ 1 erschienene Arbeit hat nachhaltigen Einfluss auf die Sprachwissenschaft ausgeübt. Die von ihnen vorgenommene Abkoppelung der Erzähltheorie von der Literaturwissenschaft und die Konzentration auf die Betrachtung mündlicher Alltagserzählungen haben einen neuartigen Zugang zum Begriff „Erzählung“ eröffnet:
„A major contribution of Labov and Waletzky was the demonstration that everyday spoken narratives, especially those of ´unsophisticated speakers,` could be systematically studied without resort to the types and schemas already developed for literary works.“ (Edwards 1997: 139). In der vorliegenden Arbeit soll das Ziel verfolgt werden, die Untersuchung von Labov und Waletzky vorzustellen und dabei gleichzeitig kritische Aspekte zu besprechen, um letztlich zu einer Gesamtbeurteilung zu kommen. Hierbei lautet die zentrale Frage: Wird die von Labov und Waletzky vorgeführte Erzähltheorie dem Charakter mündlicher Versionen persönlicher Erfahrung gerecht? Neben der ausfühlichen Analyse des Haupttextes wird es somit nötig sein, die von verschiedenen Kritikern geäußerten Vorbehalte zu untersuchen. Darüber hinaus sollen auch einige von anderen Sprachwissenschaftlern durchgeführte alternative Versuche zur Entwicklung linguistischer Erzähltheorien sowie spätere Modifikationen des eigenen Ansatzes durch William Labov selbst thematisiert werden.
Die Gliederung der Arbeit orientiert sich am Aufbau des Textes von Labov und Waletzky. Zunächst soll die allgemeine Konzeption der Arbeit vorgestellt werden, wobei sowohl die wesentlichen Grundgedanken als auch die Art und Weise der Datenerhebung und das Untersuchungsmaterial betrachtet werden sollen. Hierbei soll auch eine Einordnung der Arbeit in ihren theoretischen Zusammenhang vorgenommen
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Grundlage der vorliegenden Arbeit ist nicht der Originaltext, sondern die deutsche Übersetzung aus
dem Jahr 1973: William Labov/ Joshua Waletzky: Erzählanalyse: Mündliche Versionen persönlicher
Erfahrung. Übs. Wolfram K. Köck. In: Jens Ihwe (Hg.) Literaturwissenschaft und Linguistik. Eine
Auswahl. Texte zur Theorie der Lilteraturwissenschaft. Band 2, Frankfurt a. M: Athenäum, 1973.
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werden. Danach sollen die beiden wesentlichen Analyseschritte von Labov und Waletzky untersucht werden, also einerseits die formale und andererseits die funktionale Analyse von Erzählungen. Gleichzeitig sollen die Ergebnisse mit den wesentlichen Kritikpunkten am Vorgehen der Autoren konfrontiert werden. Abschließend soll in einem Fazit eine Gesamtbeurteilung vorgenommen werden.
2. Die Konzeption der Arbeit von Labov und Waletzky
2.1 Grundgedanken der Arbeit
Labov und Waletzky beginnen ihre Studie über „Mündliche Versionen persönlicher Erfahrung“ mit einer Abgrenzung gegenüber dem Untersuchungsgegenstand der herkömmlichen Erzählanalyse, nämlich den „komplexeren Produkte[n] länger bestehender literarischer bzw. mündlicher Überlieferungen“. Die Erzählforschung hat in ihren Augen bisher den Fehler gemacht, den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun, indem sie sich auf die Untersuchung hochgradig komplexer literarischer Erzählungen beschränkte, ohne zuvor die zu deren Verständnis unerlässlichen „grundlegendsten und einfachsten narrativen Strukturen“, die man in mündlichen Versionen persönlicher Erfahrung finde, zu bestimmen. Erst wenn die „originalen Produktionen einer repräsentativen Auswahl aus der Gesamtbevölkerung“ im Hinblick auf ihre elementaren Strukturen analysiert worden seien, sei die Untersuchung der künstlichen und konstruierten Produkte geschulter Erzähler wirklich Erfolg versprechend (Labov/ Waletzky 1973: 78). Die Autoren unternehmen hier also den Versuch, den Schwerpunkt innerhalb der Erzählforschung von der Literaturwissenschaft zur empirischen Sprachwissenschaft zu verlagern, wobei die gewonnenen Ergebnisse aber durchaus auch Anknüpfungspunkte für eine strukturelle Analyse komplexer literarischer Erzählungen liefern sollen (Bernstein 1997: 45).
Diesem Anspruch entsprechend haben sich Labov und Waletzky das Ziel gesetzt, durch die strukturelle Analyse aufgezeichneter mündlicher Erzählungen ungeschulter Sprecher „ein analytisches System für die Analyse mündlicher Versionen persönlicher Erfahrung im Englischen“ zu entwickeln, wobei zunächst die „fundamentalen Einheiten“ von Erzählungen herausgearbeitet werden sollen, um daraus dann die
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Normalstruktur einer vollständigen Erzählung ableiten zu können (Labov/ Waletzky 1973: 79). Die Autoren machen hier also deutlich, dass sie einen strukturalistischen Ansatz vertreten. Das empirische Material soll in Bezug auf verallgemeinerbare Strukturelemente untersucht werden, mit dem Ziel, am Ende eine universelle Normalstruktur zu entwickeln, die für alle mündlichen Versionen persönlicher Erfahrung in der englischen Sprache als strukturelles Grundprinzip angesehen werden kann. Die Analyse soll einerseits formal orientiert sein und „sich auf rekurrente, für die Erzählung typische Strukturen von der Teilsatzebene bis zur einfachen Erzählung als ganzer stützen“, und andererseits funktional orientiert sein und den referentiellen sowie den evaluativen Charakter des Erzählens untersuchen, wobei der Zusammenhang zwischen formalen Eigenschaften und narrativen Funktionen beleuchtet werden soll (Labov/ Waletzky 1973: 79). Bei der Analyse sollen zwei wesentliche Fragen beant-wortet werden: Woher wissen wir, „ob in einem gegebenen Beispiel eine Erzählung oder mehrere Erzählungen enthalten sind?“ Und „wie läßt sich die Folge der Teilsätze der Erzählung auf die Ereignisfolge, die aus der Erzählung abzuleiten ist, beziehen?“ (Labov/ Waletzky 1973: 95).
Die strukturalistische Herangehensweise, die in den sechziger Jahren innerhalb der Linguistik weit verbreitet war, ist, vor allem in Bezug auf die Analyse von Alltagserzählungen, sehr umstritten. So wirft etwa Mark B. Tappan Labov und Waletzky vor, sie würden ihrem Gegenstand nicht gerecht, weil die Analyse mündlicher Erzählungen keineswegs eine Suche nach typischen narrativen Strukturen erfordere: „Rather, it requires a method that is sensitive to voice, and open to the fundamentally polyphonic nature of discourse; a method that honors the complexity of persons´ narratives of lived moral experience; a method that thus captures, fully, the personal, relational, and cultural dimensions of psychic life.“ (Tappan 1997: 383).
Betrachtet man jedoch das von Labov und Waletzky untersuchte Datenmaterial sowie die Aussagen der Autoren zu ihrem Umgang mit diesen Daten, so stellt sich bald heraus, dass der streng strukturalistische Anspruch, der aus den anfänglichen Erläute- rungen spricht, von ihnen in Wirklichkeit nicht eingehalten wird.
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2.2 Das Datenmaterial
Analysiert werden in Labovs und Waltzkys Arbeit 14 anonyme Beispiele aus 600 Interviews, die vier verschiedenen Untersuchungen entstammen. Bei der Auswahl der Sprecher wurde versucht, ein möglichst breites Spektrum an Altersgruppen, ethnischer Zugehörigkeit und regionaler Herkunft abzudecken, wobei die Autoren allerdings eine bedeutende Einschränkung hervorheben: „In einer Hinsicht ist die Auswahl beschränkt: es sind keine Sprecher mit höherer Schulbildung erfaßt“ (Labov/ Waletzky 1973: 80f.). Am Ende ihrer Arbeit räumen sie deshalb auch ein, dass ihre Untersuchungen keine Universalität für sich in Anspruch nehmen können: „Es ist offensichtlich, daß unsere Schlußfolgerungen auf die Sprachgemeinschaften beschränkt bleiben, die wir untersucht haben.“ (Labov/ Waletzky 1973: 125). Der zu Beginn geäußerte Vorsatz, durch die Untersuchung von „originalen Produktionen einer repräsentativen Auswahl aus der Bevölkerung“ (Labov/ Waletzky 1973: 78) zu verallgemeinerbaren Ergebnissen zu kommen, kann angesichts dieser Einseitigkeit des zu untersuchenden Materials im Hinblick auf den Bildungsgrad der Sprecher nicht mehr erfüllt werden. Die Arbeit steht somit in einem Spannungsfeld zwischen dem strukturalistischen Anspruch und einem eher soziolinguistisch orientierten Kontextualismus. Jerome Bruner drückt dieses Dilemma folgendermaßen aus: „One realizes how much L&W were caught in the time warp of their daycall it the structuralist warp - but at the same time, were fighting valiantly to be free of it.“ (Bruner 1997: 61).
Die auf Tonband festgehaltenen und später transkribierten Erzählungen wurden entweder in Zweiergesprächen mit einem fremden Interviewer, oder aber in einem Gespräch des Erzählers mit Mitgliedern seiner Gruppe gewonnen. Der wesentliche Impuls für die Erzählung war in den meisten Fällen die vom Interviewer gestellte Frage: „Waren Sie schon einmal in einer Situation, in der Sie meinten, in ernster Gefahr zu sein, getötet zu werden?“ (Labov/ Waletzky 1973: 81). In einem späteren Aufsatz betont Labov die Bedeutung dieser Befragungstechnik als bestmögliche Lösung für das bei derartigen Aufnahmen existierende Beobachterparadox:
Arbeit zitieren:
Torsten Halling, 2003, Die Erzähltheorie von William Labov und Joshua Waletzky, München, GRIN Verlag GmbH
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