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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungsüberblick
2.1 Emotionalität im Mittelalter
2.2 Emotionalität in der mittelalterlichen Heldenepik
3. Textanalyse
3.1 Rüdiger als Brautwerber
3.2 Rüdiger als Gastgeber
3.3 Rüdiger als Kämpfer
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
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1. Einleitung
Die Rüdiger-Figur im Nibelungenlied ist in der Forschung immer wieder auf starkes Interesse gestoßen, obwohl sie, verglichen mit Figuren wie Siegfried, Kriemhild oder Hagen, nur wenige Auftritte im Verlauf der Handlung hat. Dies ist zweifellos auf die exzeptionelle Rolle zurückzuführen, die Rüdiger im Figurenensemble zugewiesen wird. Obwohl die Deutungen dieser Figur und ihres Treuekonfliktes teilweise erhebliche Differenzen aufweisen, so herrscht in einem Punkt überwiegend Einigkeit, nämlich in der Klassifizierung Rüdigers als Repräsentanten der höfischen Ebene im Nibelungenlied, welcher im Kontrast zu heroischen Figuren wie Hagen oder Volker steht. 1 Rüdiger nimmt somit innerhalb des Spannungsfeldes zwischen germanischem Erzählstoff und christlich-höfischer Prägung des Dichters eine besondere Stellung ein, welche durch seine dilemmatische Konfliktsituation eine außergewöhnliche Dynamik bekommt, was Rüdiger in gewisser Weise zu einer „modernen“ Figur macht. 2 Ein Aspekt, der in der Forschung trotz des regen Interesses an dieser Figur bisher wenig Beachtung gefunden hat, ist die Frage nach der Bedeutung von Emotionen im Zusammenhang mit der Rüdiger-Figur. 3 Steht für Rüdiger das höfische Ideal der Affektkontrolle im Vorder-grund oder ist herrscht bei ihm vielmehr eine eher unkontrollierte Emotionalität? Diese Frage nach der Kontrolliertheit oder Unkontrolliertheit der Emotionen bei Rüdiger soll für meine Arbeit die leitende Richtlinie darstellen und dazu beitragen, eine genauere Verortung der Rüdiger-Figur im oben genannten Spannungsfeld vorzunehmen.
Für die Beschäftigung mit dieser Fragestellung möchte ich zunächst eine Basis schaffen, indem ich einen Überblick über die wesentlichen Standpunkte der sich mit dem Mittelalter befassenden historischen Emotionsforschung gebe. Daraufhin werde ich mich mit der allgemeinen Bedeutung von Emotionalität in der Heldenepik des Mittelalters befassen, um mich dann der Rüdiger-Figur im Nibelungenlied in Form einer Textanalyse zuzuwenden. Diese soll sich primär an den Rüdiger-Passagen des Textes selbst orientieren, wird aber auch Positionen aus der Forschungsliteratur thematisieren.
1 Vgl. Edward R. Haymes: Das Nibelungenlied. Geschichte und Interpretation. München 1999, S. 143
2 Vgl. Ursula Schulze: Das Nibelungenlied. Stuttgart 1997, S. 162
3 Eine Ausnahme stellt eine Arbeit von Jan-Dirk Müller dar, der sich mit der Darstellung von Emotionen im
gesamten Nibelungenlied und speziell auch mit der Bedeutung des Zorns bei der Rüdiger-Figur beschäftigt (Jan-
Dirk Müller: Das Nibelungenlied. Berlin 2002)
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Die Gliederung der Analyse orientiert sich an den drei Rollen, die Rüdiger im Verlauf der Handlung übernimmt, nämlich der des Brautwerbers (20. Aventiure), der des Gastgebers (27. Aventiure) und der des Kämpfers (37. Aventiure). Der Schwerpunkt der Untersuchung wird hierbei bei der letztgenannten Rolle liegen, da sein Kampf gegen die Burgunden bei der Analyse der Darstellung von Emotionen von zentraler Bedeutung ist, wobei vor allem die Bedeutung des Zorns im Mittelpunkt meines Interesses stehen wird. Am Ende meiner Arbeit werde ich dann ein Fazit formulieren, in welchem ich versuchen werde, die Ergebnisse meiner Analyse zu systematisieren und einen Rückbezug zu meiner Ausgangsfragestellung herzustellen.
2. Forschungsüberblick
2.1 Emotionalität im Mittelalter
Die Vorstellungen hinsichtlich der Bedeutung von Emotionalität im Mittelalter waren lange Zeit stark von Vorurteilen geprägt. Da das Mittelalter gemeinhin als primitives, unterentwickeltes und unzivilisiertes Zeitalter betrachtet wurde, nahm man häufig an, dass auch Emotionen im Mittelalter noch „unzivilisiert“ waren und deshalb keiner Kontrolle unterlagen. Der wohl bedeutendste Vertreter dieser Sichtweise war Norbert Elias, der in seinem im Jahr 1936 erstmals erschienenen Werk „Über den Prozeß der Zivilisation“ die These aufstellte, dass erst im Renaissancezeitalter eine Epoche der Impulsivität und mangelnden Affektkontrolle allmählich von einer verstärkten Kontrolle, Internalisierung und „Zivilisierung“ von Gefühlen abgelöst worden sei. 4 Diesen Wandel versuchte er etwa am Beispiel der kriegerischen Anwendung von Gewalt aufzuzeigen:
„Die Entladung der Affekte im Kampf war vielleicht im Mittelalter nicht mehr ganz so ungedämpft, wie in der Frühzeit der Völkerwanderung. Sie war offen und ungebunden genug, verglichen mit dem Standard der neueren Zeit. In dieser werden Grausamkeit, Lust an der Zerstörung und Qual von anderen [...] mehr und mehr unter eine starke, in der Staatsorganisation verankerte, gesellschaftliche Kontrolle gestellt.“ 5
4 Vgl. Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen.
Bd. 1: Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes. Frankfurt a.M. 1976, S. 91
5 Ebd., S. 265
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Diese Position, die im Laufe des 20. Jahrhunderts zahlreiche Anhänger gefunden hat, wird von den zeitgenössischen Vertretern der historischen Emotionsforschung größtenteils ver-worfen. So vertritt etwa Barbara H. Rosenwein die Position, dass Emotionen im Mittelalter keineswegs immer unkontrolliert in Erscheinung traten und dass eine pauschale Klassifizierung dieses Zeitalters als impulsiv und unzivilisiert den historischen Tatsachen widerspreche: „...historical change takes us from one set of conventions and restraints to another rather than through a process of civilizing“ 6 . Außerdem ignoriere eine allzu undifferenzierte Sichtweise die Tatsache, dass Unterschiede im Umgang mit Emotionen nicht nur zwischen verschiedenen Zeitaltern und Gesellschaften, sondern auch innerhalb einzelner Gesellschaften existierten. 7
Auch Gerd Althoff versucht, die Komplexität der im Mittelalter herrschenden emotionalen Konzepte zu verdeutlichen, indem er die historische Entwicklung der Vorstellungen über Herrscherzorn untersucht. Hierbei betont er, dass königlicher Zorn, der im frühen Mittelalter noch gängige Praxis gewesen sei, in der frühen karolingischen Zeit allmählich von einer den Zorn verachtenden christlichen Herrscherethik verdrängt worden sei, bis dann im 12. Jahrhundert die Idee des gerechten Zorns, also des zur Durchsetzung des göttlichen Willens fungierenden Zorns, aufgekommen sei. 8 Darüber hinaus unterstreicht Althoff, dass königlicher Zorn im Mittelalter kein Ausdruck von Gefühlen, sondern ein gesellschaftlich codiertes Ritual mit einer ganz bestimmten Funktion gewesen sei: „...the king demonstrated his determination to go to war with raging anger, his mildness with a flood of tears.“ 9 Harald Haferland argumentiert ähnlich, indem er betont, dass es im Mittelalter noch keine „Kultur der Innerlichkeit“ gegeben habe und dass Gefühle „nicht vorgängig von ihrem Ausdruck differenziert“ worden seien, so dass ein Gefühlsausdruck den Charakter eines Repräsentationsverhältnisses erhalten habe. 10
6 Barbara H. Rosenwein: Controlling Paradigms. In: Dies. (Hg.): Anger´s Past. The Social Uses of an Emotion in
the Middle Ages. Ithaca/ London 1998, S. 233-247, hier: S. 241
7 Vgl. Barbara H. Rosenwein: Worrying about Emotions in History. In: The American Historical Review 107 (3/
2002), S. 821-845, hier: S. 843
8 Vgl. Gerd Althoff: Ira regis: Prolegomena to a History of Royal Anger. In: Barbara H. Rosenwein (Hg.): An-
ger´s Past. The Social Uses of an Emotion in the Middle Ages. Ithaca/ London 1998, S. 60-79, hier: S. 63-70
9 Ebd., S. 74
10 Vgl. Harald Haferland: Höfische Interaktion. Interpretationen zur höfischen Epik und Didaktik um 1200.
München 1988, S. 238f
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Udo Friedrich, der sich vor allem mit der Bedeutung von Gewalthandlungen im Mittelalter beschäftigt, thematisiert wiederum das Thema der Kontrolle von Gefühlen, wobei er zwei konkurrierende mittelalterliche Gewaltkonzptionen benennt, nämlich die fortitudo und die disciplina: „heroischer Furor gegen kollektive Taktik, der animalisierte Heros gegenüber dem höfisierten Ritter“ 11 .
Es zeigt sich also, dass die Vorstellung vom Mittelalter als einem Zeitalter der unkontrollierten Emotionen inzwischen ersetzt wurde durch das Bewusstsein, dass zu dieser Zeit verschiedene Konzepte von Emotionalität existierten, wobei kontrollierte und unkontrollierte Emotionen sowie tatsächlich empfundene und ritualisierte Gefühlsausdrücke anzutreffen waren. Bei der Analyse der Bedeutung von Emotionen bei der Darstellung der Rüdiger-Figur im Nibelungenlied sollte eine Verortung innerhalb dieser unterschiedlichen Konzepte vorgenommen werden.
2.2 Emotionalität in der mittelalterlichen Heldenepik
Die Besonderheiten der Heldenepik in Bezug auf die Darstellung von Gefühlsäußerungen lassen sich vor allem durch den Vergleich mit dem höfischen Roman hervorheben. Während im höfischen Roman das Innenleben der handelnden Figuren bereits von großer Bedeutung ist und es häufig zur Darstellung innerer Seelenzustände und Konflikte kommt, so ist der Heldenepik die hiermit verbundene Opposition von Innen und Außen noch völlig fremd. 12 Hier werden - anders als im höfischen Roman - bei der Darstellung von Handlungen, Affekten und Gedanken die jeweiligen Antriebe häufig ausgespart, wobei „vor allem Aktionen, selten nur psychische Konstellationen“ 13 dargestellt werden. So macht etwa Jan-Dirk Müller deutlich, dass Gefühlsäußerungen, wie etwa Zorn, in der Heldenepik im Regelfall Handlungscharakter besitzen: „zorn ist nicht ein Affekt der Betroffenen, sondern heißt der offene Ausbruch von Gewalt; davon wird nicht unterschieden, was diesen psychisch motiviert.“ 14
11 Udo Friedrich: Die Zähmung des Heros. Der Diskurs der Gewalt und Gewaltregulierung im 12. Jahrhundert.
In: Jan-Dirk Müller/ Horst Wenzel (Hg.): Mittelalter. Neue Wege durch einen alten Kontinent. Stuttgart/ Leipzig
1999, S. 149-179, hier: S. 178
12 Vgl. Jan-Dirk Müller: a. a. O., S. 114
13 Ebd., S. 114
14 Ebd., S. 118
Arbeit zitieren:
Torsten Halling, 2003, Emotionalität im Nibelungenlied am Beispiel der Rüdiger-Figur, München, GRIN Verlag GmbH
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