Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Allgemeine Einführung ins Thema 4
2.1 Genealogische und inhaltliche Grundlagen der Melusine 4
2.2 Die allgemeine Söhnekonstellation 6
3. Betrachtung der einzelnen Söhne. 9
3.1 Uriens Gyot und Anthoni Reinhart. 9
3.2 Gedes 13
3.3 Dietrich und Raimund. 14
3.4 Freimund und Horrible 15
3.5 Geoffroy. 18
4. Fazit 21
5. Literaturverzeichnis 23
2
1. Einleitung
Im Rahmen der vorliegenden Hausarbeit soll sich der thematische Schwerpunkt um die Söhnegeneration im Melusinenroman von Thüring von Ringoltingen drehen. In besonderer Betrachtung stehen dabei die prägnanten Körperzeichen der einzelnen Söhne, da sich schließlich darauf die Frage anschließen soll, inwieweit eine Verbindung zwischen den durch Körperzeichen gekennzeichneten Söhnen und ihren „Heldentaten“ im Verlauf des Romans hergestellt werden kann. Zur Klärung dieser Fragestellung muss sicherlich notwendigerweise auf die Mutter Melusine eingegangen werden, jedoch kann die Einbeziehung ihres eigenen Schicksals nur zur Verdeutlichung und Argumentation der „Besonderheit“ der einzelnen Söhne herangezogen werden. Eine nähere Hinterfragung der Melusine als Protagonistin des Romans muss diese Hausarbeit aufgrund des Umfangs ausklammern. Die Argumentationsstruktur bezieht sich daher vornehmlich auf die Textanalyse und soll durch weiterführende Literaturgrundlagen bekräftigt werden. Zunächst wird es deshalb darum gehen, eine kurze Einführung in das Werk an sich zu geben, um diese als Ausgangs- und Bezugspunkt zur Vorstellung der allgemeinen Söhnekonstellation zu nehmen. Im folgenden sollen dann die einzelnen Söhne verstärkt textanalytisch vorgestellt und ihre Vielschichtigkeit sowie ihre Ambivalenz zueinander thematisiert werden. Ein Fazit über den allgemeinen Charakter von Körperzeichen und ihre dämonische Struktur stellt den Abschluss dieser Seminararbeit dar.
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2. Allgemeine Einführung ins Thema
2.1 Genealogische und inhaltliche Grundlagen der Melusine
Der „Melusinenroman“ gehört wohl zu den Leittexten der spätmittelalterlichfrühneuzeitlichen Ära und ist in verschiedenen Formen überliefert und von drei Autoren (Jean d’Arras, Couldrette, Thüring von Ringoltingen) dargestellt worden. In dieser Seminararbeit steht nun die Fassung von Thüring von Ringoltingen im Mittelpunkt, die er 1456 in deutsche Prosa aus der französischen Versromangrundlage von Couldrette (Ende 14. Jahrhundert) übertragen hat. 1 Couldrette schrieb sein Werk im Auftrag der adligen Herren Guillaume de Parthenay-Larchevêque und dessen Sohn Jean II, die zu einer Seitenlinie des Hauses der Lusignan gehören. Aber wozu ist dieser Einschub wichtig für die Thematik der Söhnegeneration in Thürings Bearbeitung? Bei der Betrachtung der Söhne darf eines nicht unberücksichtig bleiben. Die Absonderlichkeiten, die Thüring an Melusines Söhnen schildert, basieren zum Teil, bereits dargestellt in Couldrettes Vorlage, auf dem genealogischen Interesse seiner Auftraggeber. 2 Dieser Bezug äußert sich daher vor allem in den Handlungen der Söhne und wird daher zu einem späteren Zeitpunkt immer wieder dargestellt werden.
Der inhaltliche Schwerpunkt des Melusinenromans behandelt verstärkt die Frage nach der Entstehung des Geschlechts der Lusignan und die Legitimation von Herrschaft überhaupt. Bei Thüring verallgemeinert sich diese Fragestellung in Richtung der Diskussion nach dem Ursprung, dem Aufstieg und schließlich der Legitimation von Adelsgeschlechtern allgemein. Die Melusine kann dabei als „Signatur des Ursprungs der Lusignan“ 3 verstanden werden. 4 Ihre mythische Gestalt,
1 Vgl. Mühlherr, Anna: Melusine und Fortunatus. Verrätselter und verewigter Sinn. Tübingen:
Niemeyer-Verlag 1993 (Fortuna vitrea 10), S.1 & S.7.
2 Vgl. Störmer-Caysa, Uta: Melusines Kinder bei Thüring von Ringoltingen. In: Beiträge zur
Geschichte der deutschen Sprache und Literatur (PBB), Band 121, hg. von Klaus Grubmüller u.a.,
Tübingen: Niemeyer Verlag 1999, S.243.
3 Vgl. Kellner, Beate: Genealogie in der Melusinengeschichte. In: Genealogie als Denkform im
Mittelalter und Früher Neuzeit. Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur, Band 80, hg.
von Wolfgang Frühwald, Georg Jäger u.a., Tübingen: Niemeyer-Verlag 2000, S.21.
4 Anmerkung: Zum ersten Mal wird dieser Bezug zum Haus Lusignan von Melusine selber
ausgesprochen, in dem sie das Schloss „Lusignan“ erbauen lässt. „Als nun das Schloss zu aller were
4
der Fee bzw. eines dämonischen Wesens, wird bei manchem Adelsgeschlecht daher als Ahnfrau oder Stammmutter verehrt. 5
Ihre eigene Genealogie wird dem Rezipienten jedoch erst am Ende des Romans durch ihren Sohn, Geoffroy, aufgedeckt.
Für die Söhne bleibt allgemein festzustellen, dass sie die „Besonderheit“ der Melusine mit in ihr eigenes Leben nehmen. Die Melusine selbst wird durch Thüring bivalent, mit einer doppelten Natur, dargestellt. Zum einen als böser Geist, dämonisches Wesen, zum anderen als gute christliche Frau. Dieser Umstand wird bereits im Vorwort angesprochen. (S.12, Z.2-4) 6
Mit der Heirat Raymonds, der ebenfalls durch den unbeabsichtigten „Mord“ an seinem Onkel, Graf Amrich von Poitou, seit der Jagd schwer belastet ist (S.20, Z.3-6), und dem daraus hervorgehenden Versprechen gegenüber Melusine nimmt die gestörte Mahrtenehe 7 ihren Beginn. Im Wesen der Melusine werden dabei die Grenzen zwischen Mensch und Gespenst/Dämon, Gut und Böse, Zufall und Vorsehung immer wieder deutlich und in Bezug zu ihrer Familie kontrovers dargestellt. 8
Mit den Geburten überträgt sich diese Diskussion auf ihre Söhne und wird damit im zweiten Teil des Romans schwerpunktmäßig thematisiert.
starck und veste zugericht was / do nampte es Melusina ze teyl nach irem tauffnamen / und sprach
Diß schloß sol und muß Lusinia geheissen ....“. Vgl. Thüring von Ringoltingen: Melusine. In:
Romane des 15. und 16. Jahrhunderts. Nach den Erstdrucken mit sämtlichen Holzschnitten, hg. von
Jan-Dirk Müller, Frankfurt a. M. 1990 (Bibliothek deutscher Klassiker 54. Bibliothek der Frühen
Neuzeit 1), S.46, Z.6/7.
5 Vgl. Ruh, Kurt: Die ‚Melusine’ des Thüring von Ringoltingen. München (Verlag der Bayerischen
Akademie der Wissenschaften u. München): Beck 1985, Heft 5, S.14.
6 Vgl. Thüring: Melusine (Anm. 4), S.12. „... einer frawen genannt Melusina / die ein merfeyin
gewesen und noch ist / das sy nit nach ganczer menschlicher natur ein weyb gewesen ist ...“.
7 Erläuterung: Mit der gestörten Mahrtenehe geht die Erzählung einer Liebesgeschichte, zwischen
einem sterblichen Mann mit einer überirdischen, dämonischen Frau einher. Grundlage dafür ist ein
Tabu, die Zeugung von Nachkommen, dem Tabubruch und der Offenlegung des dämonischen
Wesens und der Trennung der Partner. Vgl. Kellner, Beate: Melusinengeschichten im Mittelalter.
Formen und Möglichkeiten ihrer diskursiven Vernetzung. In: Text und Kultur. Mittelalterliche
Literatur 1150-1450, hg. von Ursula Peters, Stuttgart/Weimar (Germanistische-Symposien-
Berichtsbände 23): Metzler Verlag 2001, S.275.
8 Vgl. Papenberg, Stephanie B.: Vorsehung, Zufall und das Böse in der Melusine des Thüring von
Ringoltingen. In: Colloquia Germanica - Internationale Zeitschrift für Germanistik, Band 28, hg. von
Theodor Fiedler u.a., Tübingen u. Basel: Franke Verlag 1995, S.266.
5
2.2 Die allgemeine Söhnekonstellation
Aus der eben kurz dargestellten Mahrtenehe zwischen Melusine und Raymond gehen insgesamt zehn Söhne hervor, die alle bis auf die letzten beiden Kinder mit auffallenden, meist tierischen bzw. dämonischen Merkmalen behaftet sind. Diese Söhne tragen damit die dämonisch-menschliche Beziehung ihrer Eltern bzw. insbesondere das Schicksal ihrer Mutter durch die Körperzeichen nach außen. Sie besitzen kurzgesagt zwei Naturen und die Familie kann, laut Anna Mühlherr 9 , zugleich als „gezeichnet“ und „ausgezeichnet“ angesehen werden. 10 Augenscheinlich ist, dass sie dieses Schicksal und somit ihr eigenes hauptsächlich im Gesicht tragen. Daran orientiert sich auch die Besonderheit als Person. Je auffälliger das Körperzeichen, desto mehr wird auch durch Thüring von den einzelnen Söhnen berichtet. Die Absonderlichkeiten stammen jedoch nicht direkt von Thüring, sondern bereits aus der Textgrundlage Couldrettes, der sie möglicherweise selber schon vorgefunden hat. 11
Die Tatsache, weshalb es sich bei den zehn Kindern nur um Söhne handelt, dürfte wohl mit der genealogischen Herrschaftskonstitution zusammenhängen. War in der Elterngeneration mit der Melusine die weibliche Nachkommenschaft dominant, so kehrt sich dieses nun in der Söhnegeneration um. Dieses Schema, die große Anzahl an männlichen Nachkommen, kann vermutlich über die Vorstellung einer Herrschaftssicherung über die Genealogie begründend betrachtet werden. 12 In dieser Sichtweise dürfte sich jedoch auch die Frage anschließen, weshalb die Söhne nicht schön gezeichnet sind, wie dies vielleicht normalerweise in der höfischen Epik üblich wäre. Dieses Prinzip wird nämlich sowohl bei Thüring als auch bei seinen „Vorgängern“ durchbrochen und ganz in den Gegensatz versetzt, dass Schönheit nicht als Zeichen und Vorhersage von Ruhm und Ehre verstanden werden kann. Bis
9 Vgl. Mühlherr: Melusine und Fortunatus. Verrätselter und verewigter Sinn (Anm. 1), S.26.
10 Anmerkung: Bereits im Vorwort bezeichnet Thüring den Schlangenleib der Melusine als „selczame
außzeychnung“. Vgl. Thüring: Melusine (Anm. 4) S.12, Z.5. Jan-Dirk Müller bezeichnet diese
Auszeichnung der Melusine als eine von Gott gegebene, die die Herausgehobenheit ihrer Person und
schließlich ihrer körperlich gekennzeichneten Söhne markiert. Vgl. Müller, Jan-Dirk: Melusine in
Bern. Zum Problem der ‚Verbürgerlichung’ höfischer Epik im 15. Jahrhundert. In: Literatur -
Publikum - historischer Kontext, hg. von Gert Kaiser, Bern, Franfurt u.a.: Peter Lang 1977 (Beiträge
zur Älteren Deutschen Literaturgeschichte 1), S.66.
11 Vgl. Störmer-Caysa: Melusines Kinder bei Thüring von Ringoltingen (Anm. 2), S.242.
12 Vgl. Kellner: Melusinengeschichten im Mittelalter (Anm. 7), S.289.
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Maike Alberti, 2004, Die Söhnegeneration im Melusinenroman von Thüring von Ringoltingen, München, GRIN Verlag GmbH
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