Inhaltsverzeichnis
Thema : Kinderfernsehen - Medium der Unterhaltung oder der Bildung?
1. Einleitung 2
2. Das (lernorientierte) Kinderfernsehen in Deutschland 4
2.1 Die Geschichte und die momentane Situation 4
2.2 Qualitätskriterien für das (lernorientierte) Kinderfernsehen 7
2.3 Die praktische Umsetzung einiger Qualitätsmerkmale - PuR 15
3. Fernsehnutzungsweisen von Kindern 22
3.1 Nutzungspräferenzen der Kinder 22
3.2 Kindlicher Umgang mit Fernseh(lern-)inhalten 26
4. Fazit 29
Literaturverzeichnis 32
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1.Einleitung
„Der Kinderalltag ist heute Medienalltag.“ (Theunert 1995, S. 24). Diese These von Helga Theunert wird durch die Ergebnisse der Studie „Kinder und Medien“ 1 (KIM) gestützt. In Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten das Fernsehen zum wichtigsten Alltagsmedium entwickelt. Es herrscht eine Vollversorgung mit mindestens einem Fernsehgerät pro Haushalt (vgl. mpfs 2003, S. 13). Die Bestrebungen, Kinder komplett vom Fernsehen fernzuhalten, wie sie nicht nur in den 1950er Jahren im Rahmen einer bewahrpädagogischen Diskussion gefordert wurden, erscheinen heutzutage irreal. „Das Fernsehen ist erfunden, also sehen die Menschen auch fern, basta“ (Mundzeck 1991, S. 27) - eine Feststellung, die nicht nur auf das Fernsehverhalten der Erwachsenen zutrifft. Kinder können in der heutigen Zeit nicht dauerhaft vom Fernsehen abgehalten werden. Kapp 40 % der 6- bis 13-Jährigen haben ein eigenes Fernsehgerät (vgl. mpfs 2003, S. 15). Zudem werden Kinder überall mit Inhalten und Figuren aus dem Fernsehen konfrontiert (vgl. BMFSFJ 2003, S. 7). Problematisch ist jedoch, dass sie dabei zwangsläufig „mit einer geradezu unglaublichen Masse von inhaltlich fragwürdigen und dramaturgisch simplen Sendungen […] überflutet [werden]“ (Schäfer 1998, S. 195). In Diskussionen, die in den letzten Jahren von PädagogInnen, Eltern und nicht zuletzt den Programmmachern im Hinblick auf Kinder und Fernsehen geführt wurden, stehen demzufolge Fragen nach Formaten und Inhalten des Kinderfernsehens im Vordergrund.
Grundsätzlich kann die oft zitierte These „Kinderfernsehen ist, wenn Kinder fernsehen“ von Gert Müntefering (vgl. Volkmer 1997, S. 241) vertreten werden. Aber wann ist Kinderfernsehen gut? Was wünschen sich die Eltern? Was die Kinder? Und wie sieht die Realität des Kinderfernsehens in Deutschland im Hinblick auf Angebot und Nutzung aus?
Im Rahmen dieser Fragestellung sind zwei Attribute von besonderer Bedeutung: „Unterhaltung“ und „Bildung“. Laut Rundfunkgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen (LRG NW) besteht der Programmauftrag der Sender im Wesentlichen
1 Die Studienreihe „KIM“ existiert seit 1999. Es handelt sich dabei um eine repräsentative Befragung von Sechs- bis 13-Jährigen in der Bundesrepublik Deutschland, die von dem Medienpädagogischen Forschungs-bund Südwest, einer Forschungskooperation der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg, der Landeszentrale für private Rundfunkveranstalter Rheinland-Pfalz und des Südwestrundfunks, in jährlichen Abständen durchgeführt wird. Vorrangig geht es darum, jährlich eine aktuelle Abbildung des Themenfelds Kinder und Medien zu leisten und darum, über Jahre hinweg kurz- und mittelfristige Trends zu dokumentieren (vgl. mpfs 2003, S. 3).
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darin, „[…] der Bildung, Unterrichtung und Unterhaltung zu dienen“ (www.lfmnrw.de). In Zeiten des dualen Rundfunksystems, ist - zumindest auf Seiten der privat-wirtschaftlichen Anbieter - die Quote ausschlaggebend. Diese Kommerzialisierung des Fernsehens bringt zwangsläufig eine Unterhaltungsorientierung mit sich (vgl. Aufenanger 1991, S. 92). Die Vermittlung von Informationen, also letztendlich Bildung, ist von den ZuschauerInnen zwar gefragt, steht aber eher an zweiter Stelle. Meiner Ansicht nach sehen Menschen in erster Linie fern, um unterhalten zu werden.
Was die Anforderungen ans Kinderfernsehen betrifft, so scheint der Faktor Bildung jedoch - zumindest aus der Sicht der Erwachsenen - von größerer Bedeutung zu sein: Kinder sollen beim Fernsehen etwas lernen. Einem Angebot wird in der Regel Qualität zugesprochen, wenn ein Bildungsauftrag erfüllt wird. Die Beurteilung eines Formats ist demnach davon abhängig, ob bzw. in welchem Ausmaß Angebot und Anreiz zum Lernen gegeben werden.
Kinder haben wiederum eigene Ansprüche, wie IHR Programm auszusehen hat.
Ziel dieser Arbeit soll es sein, das Medium „Kinderfernsehen“ zu analysieren und eine Antwort auf die Frage zu finden, ob eher die Unterhaltung oder die Bildung im Vordergrund steht. In erster Linie wird Fernsehen als reines Unterhaltungsmedium wahrgenommen. Auch Kindern sind Unterhaltungsaspekte (Spannung, Anlass zum Mitfiebern und Lachen) sehr wichtig (vgl. Frey-Vor und Schumacher 2003, S. 7). In den Ausführungen soll daher in einem stärkeren Maße auf den zweiten Gesichtspunkt, den des „Lernens durch das Fernsehen“, eingegangen werden. Zunächst wird eine Einführung in die Geschichte und die derzeitige Situation des Kinderfernsehens in Deutschland - unter besonderer Berücksichtigung spezieller lernorientierter Angebote - gegeben. In diesem Zusammenhang folgt die Aufführung von Qualitäts- und Gestaltungsmerkmalen für gute (lernorientierte) Kinderprogramme und eine Beschreibung der praktischen Umsetzung einiger Merkmale am Beispiel des ZDF-Kindermagazins PuR.
In einem zweiten Teil sollen anhand von Ergebnissen verschiedener Studien die tatsächlichen Fernsehnutzungsweisen von Kindern dargestellt und der Stellenwert der lernorientierten Angebote aufgegriffen werden.
Eine Dokumentation der Ergebnisse und eine darauf folgende Stellungnahme unter Berücksichtigung des Themas sollen die Arbeit abschließen.
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2. Das (lernorientierte) Kinderfernsehen in Deutschland
2.1 Die Geschichte und die momentane Situation
Das Angebot an Kinderfernsehen in Deutschland ist besonders in den letzten fünfzehn Jahren immens gestiegen. Während es Anfang der 1990er Jahre noch unter 100 Stunden waren, „erhöhte sich im Herbst 2005 das Angebot auf […] über 400 Stunden Kinderfernsehen pro Woche“ (Fuchs 2005, S. 3). Sowohl die öffentlichrechtlichen Sender (ARD, ZDF, KI.KA und die dritten Programme der ARD) als auch die privaten (RTL, RTL 2, SuperRTL, Pro Sieben, Sat 1 usw.) bieten heutzutage eine breite Palette an Kinderprogrammen an. Ausgestrahlt werden Zeichentrickfilme, Magazine, Quizsendungen und andere Formate, die sich speziell an die Gruppe der 3-13-Jährigen richten.
Eine derartige Programmvielfalt bringt eine Vielzahl an Diskussionen mit sich. Sowohl die Machart als auch die Inhalte von Kindersendungen werden nicht selten von Erwachsenen - in spezieller Weise von Eltern - kritisiert. Es herrschen hohe Ansprüche, was die Programmangebote für Kinder betrifft. Formate, die mit allen Mitteln auf pure Unterhaltung abzielen - gewalthaltige Darstellungen nicht ausgeschlossen - sind nicht sehr willkommen. „Wenn es nach vielen Eltern oder PädagogInnen ginge, sähen die Kinder - wenn überhaupt - nur Sendungen, die positiv ausgerichtete märchenhafte Unterhaltung bieten oder bei denen sie etwas Nützliches lernen können“ (Baacke et al. 1997, S. 12). Das heißt, von dieser Seite werden hauptsächlich Produktionen bevorzugt, die pädagogische Elemente erkennen lassen, also Sendungen, bei denen eine Lernidee im Zentrum des Konzepts steht. Die Programmmacher der Sendeanstalten bemühen sich sichtlich um ein solches lernorientiertes Angebot für Kinder. Die Bestandsaufnahme Kinderfernsehen 2 hat ergeben, dass explizite Kinderprogramme im Jahr 2002 insgesamt 33 % des gesamten Fernsehprogramms ausmachten. Etwa ein Drittel davon waren lernorientierte Programme (vgl. Lambrecht, 2002a, S. 4). Im Gegensatz dazu wiesen nicht einmal 2 % des restlichen Programms eine Lernorientierung auf (vgl. ebd.). Dies
2 Die Bestandsaufnahme Kinderfernsehen ist ein Kooperationsprojekt der Medienpädagogik der Universität Kassel und des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) am Bayerischen Rundfunk. „Untersucht [wird] die Schnittlinie der Massenkommunikation zwischen den Angeboten der Sender und der Nutzung der Rezipienten. Dazu wird jährlich eine Stichprobe im Umfang von je drei Tagen einer Kalenderwoche von je ca. 500 Stunden Programm der für Kinder relevanten, in Deutschland lizenzierten Fernsehsender erhoben und mit den standardisierten Fernsehnutzungsdaten in einer Datenbank verbunden“ (vgl. www.kinderfernsehforschung.de).
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unterstützt die Aussage aus der Einleitung, dass Lernen mit dem Fernsehen eher Sache der Kinder zu sein scheint und das Fernsehen den Erwachsenen demnach hauptsächlich zu Unterhaltungszwecken dient.
Stichproben aus den Jahren 1999 und 2000 haben ergeben, dass die öffentlichrechtlichen Sender den Großteil an lernorientierten Kinderprogrammen senden (1999: 90 %; 2000: 72 %) (vgl. Lambrecht 2000b, S. 1). Zudem genießen diese Sender heutzutage einen klaren „Vertrauensvorsprung“ (Frey-Vor und Schumacher 2003, S. 12 ff.) auf Seiten der Eltern. Laut den Ergebnissen der Studie „Kinder und Medien 2003“ 3 schreiben Eltern dem KI.KA 4 , der ARD und dem ZDF die größte Kompetenz für Kindersendungen zu. Vor allem bezüglich verschiedener Lernaspekte (Anregungen zum Nachdenken und zum Lernen, Lebensweltbezug, gute und verständliche Erklärweisen etc.), auf die an anderer Stelle genauer eingegangen wird, haben die öffentlich-rechtlichen Sender ein sehr gutes Image (vgl. ebd.). Daher soll das Hauptaugenmerk in der nachstehenden Betrachtung auf den (lern-orientierten) Kinderprogrammangeboten von ARD, ZDF, KI.KA und den dritten Programmen der ARD liegen.
Die öffentlich-rechtlichen Sender haben seit dem Vorschulboom in den 1970er Jahren viele explizite Kinderprogramme auf den Bildschirm gebracht. Die aus den USA importierte Sesame Street (Sesamstraße, NDR/KI.KA), die Lach- und Sachgeschichten - heute besser bekannt als Die Sendung mit der Maus - (WDR/KI.KA/ ARD), Löwenzahn (zunächst: mittendrin, ZDF/KI.KA) und die Nachrichtensendungen Logo! (KI.KA) sind wohl die bis heute bekanntesten Aushängeschilder für lernorientiertes Fernsehen. Sie haben den Sendern im Laufe der letzten Jahrzehnte bereits viel Anerkennung und auch auf internationaler Ebene eine Reihe von Auszeichnungen eingebracht (vgl. Erlinger 1995, S. 563 ff.). Gemein haben diese und viele weitere Kinderformate der öffentlich-rechtlichen Sender Grundsätze, die vor mittlerweile über dreißig Jahren aufgestellt wurden und sich seitdem im Wesentlichen nicht verändert haben.
3 Die Studie "Kinder und Medien 2003" ist nach 1979 und 1990 die dritte empirische Grundlagenstudie von ARD und ZDF zur Mediennutzung von Kindern in Deutschland. Auftraggeber der aktuellen Studie sind die ARD/ZDF-Medienkommission und der Kinderkanal von ARD und ZDF. Die Ergebnisse wurden in mündlich-persönlichen Interviews aus einer repräsentativen Stichprobe von rund 2 100 Kindern im Alter von sechs bis 13 Jahren sowie zusätzlich von erwachsenen Personen, die am besten über das Medienverhalten des Kindes Auskunft geben konnten, gewonnen (vgl. Frey-Vor und Schumacher 2003)
4 „Der Kinderkanal KI.KA ist ein Gemeinschaftsprogramm der ARD-Landesrundfunkanstalten und des ZDF. [Er] steht […] für ein hochwertiges, kreatives und kindgerechtes Programm für Zuschauer bis 13 Jahre.“ (vgl. www.zdf.de)
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In den 1950er Jahren wurden in Deutschland von Seiten einiger Kulturkritiker heftige Proteste gegen das Fernsehen für Kinder ausgeübt. Eine „Reizüberflutung“, „Suchtgefährdung“ und die „Verwüstung des Menschen“ wurden prognostiziert (vgl. Mundzeck 1991, S. 28). Das Vorhaben, Kindern durch das Fernsehen Sinnvolles zu vermitteln, wurde als unmöglich angesehen (vgl. Saldecki 1995, S. 18). 1957 wurde mit der Novellierung des Jugendschutzgesetzes ein Kinoverbot für Kinder unter sechs Jahren in Kraft gesetzt. Dementsprechend durften Filme nur noch für ältere Kinder produziert werden (vgl. Volkmer 1997, S. 239). Gefordert wurde eine solche Bestimmung auch für das Fernsehen, woraufhin die ARD auf einer Programmkonferenz den Entschluss verkündete, ab dem 1. November 1958 „für Kinder unter 6 Jahren keine speziellen Sendungen [mehr anzubieten]“ (ebd.). Auch das ZDF, das 1963 auf Sendung ging, folgte zunächst dieser Entscheidung (vgl. Schäfer 1995, S. 28).
Ende der 1960er Jahre kam jedoch Kritik an dem Beschluss auf. Das Nicht-Senden von kindgerechten Angeboten führe nicht dazu, dass Kinder nicht fernsehen, sondern dazu, dass sie Sendungen sehen, die sie gar nicht begreifen und verstehen können (vgl. Mundzeck 1991, S. 28). Gefordert wurden „Fernsehsendungen, die in Sprache, Inhalt, in Form und Zielsetzung der kindlichen, der dem Spiel verhafteten, der sprachlich und logisch, der erfahrend-verstehend noch unfertigen Verstehensstruktur angemessen [seien]“ (ebd., S. 29). In dieser Zeit gab es noch weitere Erkenntnisse, die schließlich den Weg zur Wiedereinführung des Fernsehprogramms für jüngere Kinder ebneten. 1967 veröffentlichte der damalige Leiter des WDR-Kinderprogramms, Gert Müntefering, die „Zehn Thesen zum Kinderfernsehen“ (vgl. Erlinger 1995, S. 587) vor dem Hintergrund der Überzeugung, dass auch jüngere Kinder ein Recht auf Unterhaltung und Information über den Bildschirm haben (vgl. Saldecki 1995, S. 19). Von Seiten der Soziologie und der Psychologie wurde zudem festgestellt, dass „die kindliche Entwicklung nicht mit einer inneren Notwendigkeit [ablaufe], sondern sehr stark von äußeren Einflüssen abhängig“ sei (ebd.).
Wahrscheinlich waren all diese Faktoren letztendlich der Auslöser dafür, dass das Fernsehverbot für jüngere Kinder 1969 nach zehnjähriger Aufrechterhaltung aufgehoben wurde und die öffentlich-rechtlichen Sender begannen, ihr Kinderprogramm zu überdenken.
Das Kinderfernsehen wurde zum „Vorschulerzieher“ (ebd.). Sowohl die ARD als auch das ZDF, das schnell nachzog, richteten spezielle Arbeitsgruppen und Re-
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Arbeit zitieren:
Lena Timmer, 2006, Kinderfernsehen - Medium der Unterhaltung oder der Bildung?, München, GRIN Verlag GmbH
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