I. Einleitung
Zu dem Zeitpunkt, an dem d ie ersten schriftlichen Zeugnisse der ägyptischen Kultur auftreten, gab es, obwohl manches sich noch in der Experimentierphase befand, bereits ein fertig ausgebildetes Schriftsystem. Da die frühesten Dokumente sowohl den verwaltungstechnischen als auch den kultischen Bereich abdecken, kann nicht mit Sicherheit entschieden werden, für welchen Zweck die Schrift ursprünglich entwickelt wurde. 1 Verschiedene Faktoren, wie die Kürze (keine Sätze, keine fortlaufenden Texte) der Angaben und deren Inhalt (Verwaltungsangaben, Namen) sprechen jedoch dafür, daß die Schrift entwickelt wurde, um die Verwaltung zu erleichtern. 2
Die ältesten bekannten Inschriften (Abb. 1), in denen frühe Hieroglyphenschrift benutzt wird, die bereits Phono- und Semogramme aufweist, stammen aus dem Grab U-j auf dem Friedhof von Umm el-Qaab. Es handelt sich bei den Inschriften vor allem um Gefäßaufschriften und Schriftzeichen auf Etiketten, die an Gefäßen befestigt waren. In den Etiketten sind Vorläufer der Jahrestäfelchen zu sehen, die mit Hor Aha (Menes) aufkamen. Keramikfunde im gleichen Fundkontext ließen eine Datierung in Naqada IIIa2 zu, was einen Zeitraum ca. 150 Jahre vor Menes bezeichnet (3150 v. Chr.). Kalibrierte C -14 Analysen von Material aus Grab U -j deuten auf ein noch größeres A lter des Grabes hin. Untersuchungen von zwei Proben aus U -j, durchgeführt an der Universität Heidelberg, ergaben für Probe a eine Datierung in einen Zeitraum zwischen 3310-3045 v. Chr. Probe b wurde in den Bereich 3375-3335 v. Chr. datiert. 3
Belege für k ultische Nutzung liegen in Form von steinernen Votivgaben, wie Schminkpaletten und Keulenköpfen vor. Eines der ältesten Exemplare, eine fragmentarischer Keulenkopf (Abb. 2) des Königs „Skorpion“ wird in eine Zeit vor 3000 v. Chr. datiert. 4
1 Schlott, A., Schrift und Schreiber im alten Ägypten, München 1989, S. 104-108.
2 Kahl, J., Das System der ägyptischen Hieroglyphenschrift in der 0.-3. Dynastie, GOF 29, Wiesbaden 1994,
S. 158-160; Schenkel, W., Wozu die Ägypter eine Schrift brauchten, in: Assmann, A., Assmann, J.,
Hardmeier, C. (Hrsg.), Schrift und Gedächtnis. Beiträge zur Archäologie der literarischen Kommunikation,
München 1983, S. 45-63.
3 Dreyer, G., Umm el-Qaab I. Das prädynastische Königsgrab U-j und seine frühen Schriftzeugnisse, ÄV 86,
Mainz 1998, S. 17f, S. 40; Hartung, U., Prädynastische Siegelabrollungen aus dem Friedhof U in Abydos
(Umm el-Qaab), MDAIK 54 (1998), S. 187; Kahl, System der Hieroglyphenschrift, S.156f.
4 Schlott, A., Schrift und Schreiber im alten Ägypten, München 1989, S. 104-108.
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Die frühesten V erwaltungsangaben wurden ebenfalls in kultischem Zusammenhang gefunden. In Gräbern und Tempeln wurden eine große Anzahl an Gefäßen aus Stein oder Ton angetroffen, auf die Schriftzeichen sowohl eingeritzt oder gemeißelt, als auch mit einer Tinteninschrift o der einer Siegelabrollung versehen waren. Der Inhalt dieser „Inschriften“ gibt an, daß die Gefäße Abgaben enthielten, die an den König entrichtet worden waren. Der früheste Beleg dieser Art stammt wiederum aus der Zeit des „Skorpion“. 5
Da die Hieroglyphenschrift schon in dieser Zeit sehr komplex war, konnte nicht jeder ihren Gebrauch erlernen. Es war daher notwendig, eine bestimmte Gruppe von Personen darin zu unterweisen. Dies waren die Schreiber, deren Rolle in der stetig wachsenden Verwaltung im Folgenden untersucht werden soll. Ferner wird auch auf die Beschreibstoffe und das Handwerkzeug des Schreibers eingegangen werden.
II. Schreibgeräte und Beschreibstoffe
a) Beschreibstoffe: Bei den Schriftträgern muß zwischen festem, dauerhaftem Material wie S tein, das mit einem Meißel oder ähnlichem bearbeitet wurde und vergänglichem Material, das mit einer Schreibbinse beschriftet wurde wie Papyrus oder Ostraka unterschieden werden. Eine Ausnahme sind die Jahrestäfelchen, denn sie wurden zum Teil nicht mit einer Schreibbinse beschriftet, sondern die Zeichen wurden mit einem spitzen Gegenstand eingeritzt. Stein und ähnliches ist hier nicht von Belang, da es eher in den Aufgabenbereich von Steinmetzen fällt. 6 Es bleibt zu beachten, daß im behandelten Zeitraum die Schriftzeugnisse noch in sehr begrenztem Umfang erscheinen, wofür es verschiedene Ursachen gibt. So sind längere Texte aus der Frühzeit nicht bekannt, obwohl spätere Texte zum Teil „rückdatiert“ wurden. Auch ist für die Frühzeit vorauszusetzen, daß die Zahl lese- und schreibkundiger verschwindend gering war. 7
1. Papyrus: Der neben den Ostraka am weitesten verbreitete Schriftträger war der Papyrus. Um aus den Stengeln der Pflanze beschreibbare Blätter zu erhalten, wurden diese zuerst geschält und danach in S treifen geschnitten. Diese Streifen
5 Schlott, A., Schrift und Schreiber, S. 1113-116.
6 Weber, M., Beiträge zur Kenntnis des Schrift- und Buchwesens der alten Ägypter, Diss. Köln, S. 6f.
7 Kahl, System der Hieroglyphenschrift, S. 11f.
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wurden in zwei Lagen übereinandergelegt und gepreßt. 8 Das fertige Blatt war recht dünn, zum Teil fast durchsichtig, und sehr flexibel. Mehrere dieser Blätter wurden aneinander geklebt, bis die gewünschte Länge der Rolle erreicht war. Papyrusbögen ließen sich bei einer Länge von z. B. 6m zu einer Rolle von einer Dicke von nur 6cm zusammenrollen. 9 Die Farbe variierte von annähernd weiß über mattgrün bis silbrig weiß. Mit zunehmendem Alter nahm der Papyrus einen gelblichen F arbton an. 10 Seine Benutzung läßt sich bis in die 1. Dynastie zurückverfolgen, aus der ein unbeschrifteter 11 Papyrus (Abb. 3/4) stammt, der dem Beamten Hemaka 12 , der unter König Den lebte, verpackt in einer runden Holzdose, mit in sein Grab in Saqqara gegeben wurde. Die Tatsache, daß dieser Fund zur Grabausstattung gehörte und damit für unverzichtbar im Leben nach dem Tode war, weist darauf hin, daß schon in dieser Zeit der Schrift, sowie den Schreibmaterialien und der Person des Schreibers selbst große Bedeutung zukam.
2. Holz, Elfenbein: Besonders in der 1. Dynastie sind diese beiden Materialien in Form der Jahrestäfelchen (Abb. 5) belegt, die zugleich die wichtigste historische Quelle für diese Zeit darstellen. Jahrestäfelchen waren Etiketten an steinernen Ölgefäßen und trugen Angaben über die Qualität und Herkunft des Öles, aber auch zum „Jahrgang“ des Öles. Um diesen kenntlich zu machen, waren der Name des regierenden Königs sowie die bestimmte Ereignisse des „Abfülljahres“ vermerkt, wie z. B. das Horusgeleit, eine alle zwei Jahre wiederkehrende Steuererhebung, oder auch bestimmte Feste. 13 Die Jahrestäfelchen sind erstmals unter Hor Aha sicher belegt, obwohl möglicherweise ein Vorläufer aus der Zeit des Narmer existiert. Gesicherte Vorläufer liegen mit den Gefäßetiktten (Abb. 6) aus dem Grab U-j (Umm el-Qaab) vor. 14 Mit dem Ende der ersten Dynastie hören die Jahrestäfelchen auf. 15
8 Cerný, J., Paper and Books in Ancient Egypt, London 1947, S. 5f; Möller, G., Hieratische Paläographie.
Die aegyptische Buchschrift in ihrer Entwicklung von der fünften Dynastie bis zur römischen Kaiserzeit, Bd.
I, Osnabrück 1965 (Neudruck der 2. Auflage von 1927), S. 4-6. Schlott, A., Schrift und Schreiber, S. 63f;
Weber, M., Schrift- und Buchwesen, S. 6f.
9 Cerný, Paper, S. 11; Schlott, Schrift und Schreiber, S.64; Weber, Schrift- und Buchwesen, S. 7f.
10 Cerný, Paper, S. 6f; Möller, Paläographie, S. 5; Weber, Schrift- und Buchwesen, S. 7f
11 Ob der Papyrus aus dem Grab des Hemaka wirklich unbeschriftet ist, is t nicht eindeutig geklärt, da meines
Wissens bis heute niemand ihn vollständig ausgerollt hat (wohl aufgrund des Erhaltungszustandes).
12 Cerný, Paper, S. 11; Emery, W., The Tomb of Hemaka, Cairo 1938, S. 13f, S. 41, Pl. 23a; Postgate, N.,
Wang,T., Wilkinson, T., The evidence for early writing: utilitarian or ceremonial? In: Antiquity 69 (1995),
S. 473; Schlott, Schrift und Schreiber, S. 66; S. 124; Weber, Schrift- und Buchwesen, S. 12f.
13 Helck, W., Untersuchungen zur Thinitenzeit, ÄA 45, Wiesbaden 1987, S. 168-175; Kaplony, P.,
Jahrestäfelchen, in: LÄ III, Sp. 237f; Schlott, Schrift und Schreiber, S. 120f; Schmitz, B., Jahreszählung, in:
LÄ III, Sp. 238-240.
14 Dreyer, Umm el-Qaab I, S. 113-145.
15 Helck, Thinitenzeit, S. 168f; Kaplony, LÄ III, Sp. 237f; Schlott, Schrift und Schreiber, S. 121.
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3. Keramik- und Steingefäße: Verwaltungsangaben wie auf den Jahrestäfelchen gab es auch direkt auf den Gefäßen (Abb. 7) selbst. Die ältesten bekannten Beispiele für beschriftete Gefäße stammen aus der Regierungszeit des Königs „Skorpion“ und wurden auf dem Friedhof von Tarkhan entdeckt. Es wird auf ihnen der Königsname „Skorpion“ in einer Palastfassade und einem Horusfalken darüber dargestellt sowie daneben eine Pflanze und darunter drei waagerechte Striche. Bei letzteren handelt es sich vermutlich um Kürzel für eine bestimmte Sorte Öl. Die Pflanze bezeichnete Oberägypten. 16 Vorläufer (Abb. 8), die mit Tieren und Pflanzen versehen waren, sind aus Grab U -j in Abydos belegt. Diese Zeichen waren möglicherweise ebenfalls schon Herkunfts- oder Qualitätsangaben. 17 Als in der 1. Dynastie die Jahrestäfelchen aufkamen, wurden meist nur noch einfache Ölgefäße aus Ton direkt beschriftet. In der zweiten Dynastie ersetzt die Direktbeschriftung die Jahrestäfelchen wieder komplett, obwohl die Angaben auf den Gefäßwänden weniger umfangreich sind als auf den Täfelchen. 18 Beschriftete Gefäße verschiedensten Materials wurden in der gesamten pharaonischen Zeit benutzt.
4. Ostraka: Ostraka waren neben dem Papyrus von Anfang an ein verbreiteter Schriftträger, der vor allem dann zum Tragen kam, wenn gerade kein Papyrus zur Hand war. Der „Rohstoff“ für Ostraka, Kalksteinsplitter und Keramikscherben, war äußerst billig und beinahe überall erhältlich. Daß Ostraka bereits seit der 1. Dynastie benutzt wurden, belegt ein recht einfach ausgestattetes Grab. Es bestand nur aus einer Grube, in der sich unter anderem auch ein Ostrakon befand, das mit einer Reihe von Zahlen beschriftet war. 19
b) Schreibgeräte: Die Ausrüstung des Schreibers bestand aus im Wesentlichen aus drei Teilen: einem Behälter für die Binsen, mit denen geschrieben wurde, der Palette, auf der die Tinte angerührt wurde und einem Beutel, der die Bestandteile der Tinte enthielt. Die einzelnen Komponenten wurden mit einer Schnur zusammengehalten. Die Hieroglyphe für Schreiber und Geschriebenes leitet sich direkt vom Schreibgerät ab. 20
16 Schlott, Schrift und Schreiber, S. 115f.
17 Dreyer, Umm el-Qaab I, S. 84-86.
18 Kaplony, LÄ III, Sp. 237f.
19 Petrie, W. M.F., Gizeh and Rifeh, S. 3, S. 5; Schlott, Schrift und Schreiber, S. 125.
20 Cerný, Paper, S. 11f; Schlott, Schrift und Schreiber, S. 58f; Weber, Schrift- und Buchwesen, S. 27-30.
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1. Schreibbinse: Geschrieben wurde mit einer Art von Pinsel, der hergestellt wurde, indem man ein Stück einer Binse (Juncus maritimus, Juncus ridigus C. A. Mey, Juncus arabicus Adams) 21 abschnitt. Ein Ende dieses Stückes wurde diagonal zugespitzt und zu einem Pinsel zerkaut. Die Länge dieser Schreibbinsen ist variabel: die kürzesten waren ca. 16cm lang, es gab jedoch auch Exemplare mit Längen von bis zu 40cm. Der Durchmesser allerdings betrug nur ca. 1,5mm, so daß ein solcher „Pinsel“ sehr leicht war und mit zwei Fingern gehalten werden konnte. 22 Gewöhnlich führte ein Schreiber ein bis zwei Binsen als Reserve mit sich, die er hinter dem Ohr aufbewahrte. Für den Transport gab es einen röhreförmigen Behälter. 23
2. Schreibpalette: Die Schreibpalette war meist eine recheckige Platte, auf der sich zwei Näpfe befanden, in denen die Tinten angerührt wurden. Es konnten jedoch auch Muscheln oder ähnliches zu diesem Zweck benutzt werden. Die ältesten erhaltenen Beispiele (Abb. 9) für Schreibpaletten waren aus Stein und stammen aus dem oben bereits erwähnten Grab, in dem sich außer dem Ostrakon noch zwei Schreibpaletten aus Schiefer und ein Kupfermeißel befanden. In den Näpfen beider Paletten waren noch Reste der zum Schreiben benutzten Tinte vorhanden. 24 Im Relief traten Schreibpaletten erstmals in der 3. Dynastie in der hölzernen Wandverkleidung im Grab des Hesire, der unter König Djoser (3. Dynastie) lebte, in Erscheinung. 25
3. Tinte: Zum Schreiben auf Papyrus und vielen anderen Materialien wurde Tinte in zwei Farben benutzt: schwarz für den laufenden Text und rot, um wichtige Passagen hervorzuheben. Die Tinte wurde in festen Brocken in einem Lederbeutel aufbewahrt oder in trockenen Zustand in den Vertiefungen der Schreibpalette befestigt und konnte je nach Bedarf mit Wasser angerührt werden. Der schwarze Farbstoff wurde aus Ruß gewonnen, der rote aus fein zerriebenen Ocker. In beiden
21 Gamer-Wallert, I., Binse, in: LÄ I, Sp. 814f; Schlott, Schrift und Schreiber, S. 53, Anm. 2; Weber,
Schrift- und Buchwesen, S. 44.
22 Schlott, Schrift und Schreiber, S. 53-56; Weber, Schrift- und Buchwesen, S. 44.
23 Schlott, Schrift und Schreiber, S.58; Weber, Schrift- und Buchwesen, S. 27f; S. 44.
24 Petrie, W.M.F., Gizeh and Rifeh, S.3, S. 5, Pl. III; Schlott, Schrift und Schreiber, S.124f; Weber, Schrift-
und Buchwesen, S. 28.
25 Weber, Schrift- und Buchwesen, S. 28.
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Magister Artium Christian E. Schulz, 2001, Schreibgeräte und Schreiber in der 0. bis 3. Dynastie, München, GRIN Verlag GmbH
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