3
,QKDOWV EHUVLFKW
1. Einführung 3
2. Literaturtheoretischer und entstehungsgeschichtlicher
Kontext der Erzählung 'HUJHWHLOWH LPPHO von Chris-
ta Wolf 4
2.1 Der Sozialistische Realismus 4
2.1.1 Die Doktrin 4
2.1.2 Merkmale und Grundprinzipien sozialistisch-
realistischer Literatur 6
2.2 Der Bitterfelder Weg - die literaturpolitische Situation
zu Christa Wolfs Erzählung 'HUJHWHLOWH LPPHO. 9
3. Der geteilte Himmel - ein Beispiel sozialistisch-
realistischer Literatur? 12
3.1 Die Struktur der Erzählung 12
3.2 Die inhaltlich-thematische Ausgestaltung 14
3.3 Agierende Personen, ihre Charaktere und Funktion. 16
3.3.1 Graphische Darstellung der Personenkonstellation 16
3.3.2 Rita Seidels Wegbegleiter 17
3.4 Ausgewählte Motive und Symbole in der Erzählung -
noch den literaturpolitischen Vorgaben entsprechend? 19
4. Zusammenfassung 21
5. Literaturverzeichnis 23
4
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„Die Literaten schrieben, wie ihnen befohlen, oder verstummten.“ 2
Mit diesen Worten charakterisiert Günther Rüther die Situation der Schriftsteller in der jungen DDR.
Im Jahre 1963 erschien die Erzählung 'HUJHWHLOWH+LPPHO, mit der die damals 34 Jahre alte
und bis zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend unbekannte Autorin Christa Wolf ihren nationalen und internationalen Durchbruch als renommierte Prosaschriftstellerin erlangte. Hinweise auf die Entstehung dieser Erzählung finden sich in der 1960 verfassten, jedoch erst
1974 publizierten Tagebuchskizze 'LHQVWDJGHU6HSWHPEHU, in der Christa Wolf von
der Absicht spricht, eine Brigadegeschichte zu schreiben. Weitere Anhaltspunkte, die auf eine
Beschäftigung mit dem Stoff bereits vor der Publikation ihres ersten Werkes 0RVNDXHU1RYHO OH (1961) hindeuten, bieten das Gespräch mit Anna Seghers, das sie in ihrer Funktion als Redakteurin der Zeitschrift des Schriftstellerverbandes der DDR QHXHGHXWVFKHOLWHUDWXU, im Jahre 1959 geführt hat, sowie die von ihr 1961 verfasste Rezension zu Seghers` Roman 'LH(QW VFKHLGXQJ.
'HU JHWHLOWH +LPPHO ist wie viele weitere Werke von Christa Wolf als die Verarbeitung be-stimmter eigener biographischer Stationen zu betrachten. In der Zeit von 1959 bis 1962 lebte die Schriftstellerin mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in der Industriestadt Halle und arbeitete dort beim Mitteldeutschen Verlag als freie Lektorin. Gemäß den literaturpolitischen Forderungen des Bitterfelder Weges ging sie in das Waggonbauwerk Ammendorf, wurde dort Mitglied in einer Brigade, übernahm schließlich die Leitung eines Zirkels schreibender Arbeiter und nahm 1959 an der Autorenkonferenz in Bitterfeld teil.
Warum gerade 'HUJHWHLOWH+LPPHO bei seiner Publikation wie kaum ein anderes Prosawerk
jener Zeit in Ost und West großes Aufsehen 3 erregte, und ob diese Erzählung als „[...] typi-
1 Vgl.Hilzinger, Sonja: Christa Wolf. Stuttgart 1986 (Sammlung Metzler; Bd.224), S.16-27; vgl. Hilzinger, Sonja: Nachwort. In: Wolf, Christa: Der geteilte Himmel. Erzählung. Hrsg., kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Sonja Hilzinger. München 1999, S.289-303; vgl. Sevin, Dieter: Christa Wolf. Der geteilte Himmel. Nachdenken über Christa T. München 1982, S.14-16
2 Rüther, Günther: ´Greif zur Feder, Kumpel´. Schriftsteller, Literatur und Politik in der DDR 1949-1990. Düs-seldorf ²1992,S.53
'HUJHWHLOWH+LPPHO erschien bereits innerhalb eines Jahres in verschiedenen Zeitschriften als Fortsetzungsab- 3
druck und in zehn Auflagen mit etwa 160.000 Exemplaren, ferner wurde er 1964 von Christa Wolfs Ehemann Konrad Wolf verfilmt. Außerdem wurde von M. Reso bereits zwei Jahre nach dem Erscheinen der Erzählung eine Sammlung unterschiedlicher Reaktionen (Vgl. Reso, Martin (Hrsg.): ´Der geteilte Himmel´ und seine Kritiker. Dokumentation. Halle 1965) veröffentlicht, weshalb D. Sevin vom „ [...] meistdebattierten Buch der DDR [...]“ (Sevin, a.a.O. , S.14) spricht.
5
scher Beitrag zur Literatur des Bitterfelder Weges [...]“ 4 zu verstehen ist, gilt es nun zu untersuchen. In einem ersten Abschnitt werden zunächst die wichtigsten literaturtheoretischen und zentralen entstehungsgeschichtlichen Hintergründe aufgezeigt, die in enger Verzahnung mit Christa Wolfs bereits kurz angesprochener biographischer Situation zu sehen sind, um dann den literarischen Ort der Erzählung bestimmen zu können. Hierzu ist eine - wenn auch nur überblicksartig - Darstellung der Theorie des Sozialistischen Realismus und der literaturpolitischen Bewegung des Bitterfelder Weges (1959-1964) erforderlich. Daran schließt sich in einem zweiten Abschnitt eine konkrete Untersuchung des Werkes hinsichtlich der angesprochenen Thematik, des strukturellen Baus der Erzählung, der vorkommenden Personen, deren Charakteristika und Funktionen innerhalb der Erzählung und letztlich ein Überblick über mögliche Aussagen von Motiven und Symbolen, welche dann in der Frage gipfelt, ob es sich bei der vorliegenden Erzählung um ein typisches Beispiel der Bitterfelder Literatur handelt, oder ob Christa Wolf mit diesem Werk nicht sogar einen richtungsweisenden Schritt hin zu neuem Erzählen in der DDR-Prosa unternommen hat.
/LWHUDWXUWKHRUHWLVFKHUXQGHQWVWHKXQJVJHVFKLFKWOLFKHU.RQWH[WGHU(U]lKOXQJ 'HUJHWHLOWH+LPPHO 'HU6R]LDOLVWLVFKH5HDOLVPXV 'LH'RNWULQ
Bereits unmittelbar nach der Gründung der DDR im Jahre 1949 wurde von Seiten der SED die Forderung laut, dass „ [...] das gesamte Kulturschaffen auf den Grundlagen des Marxismus-Leninismus zu beruhen habe.“ 5 Im Rahmen einer Rezension zu einer Brecht-Inszenierung schreibt das Parteiorgan 1HXHV'HXWVFKODQG von einer zwingenden ideologischen Ausrichtung
der Literatur, da es meint, dass „ [...] die besten Mittel unfruchtbar werden, wenn es der Kunst an ideologischer Klarheit fehle.“ 6
Die ideologische Ausrichtung der DDR-Kulturpolitik im Allgemeinen, sowie die Doktrin des sozialistischen Realismus, welche die Gegenwartsliteratur der DDR maßgeblich beeinflusst hat und insbesondere in den Anfangsjahren der DDR zeittypische Erzählformen hervorgebracht hat, sind als ein Versuch der gezielten systematischen Beeinflussung der Literatur von
4 Hilzinger, a.a.O, S.16
5 Sevin, a.a.O., S.12
6 Schubbe, Elimar (Hrsg.): Dokumente zur Kunst-, Literatur- und Kulturpolitik der SED. Stuttgart 1972, S.45
6
ihrer Entstehung bis hin zur Publikation bzw. Nichtveröffentlichung anzusehen 7 . Diese im Wesentlichen auf Anregungen von W. Lenin zurückgehenden, von M. Gorki weiterentwickelten und auf dem ersten Schriftstellerkongress der UdSSR 1934 von A. Shdanow vorgestellten Prinzipien und Methoden der offiziellen sowjetischen Kunst- und Literaturtheorie wurden mit dem Beschluss des Zentralkomitees „ Kampf gegen Formalismus in Kunst und Literatur für eine fortschrittliche deutsche Kultur“ 8 vom 17.3.1951 auch für die DDR-Schriftsteller zur weitgehend verbindlichen Theorie und Methode literarischer Realitätsdarstellung. Auf diesem Weg sollte die von der Staatsmacht geforderte ideologische Klarheit in Kunst und Literatur erreicht werden. Besonders in den frühen Jahren (1949-1960) wurden Kunst, Musik und Literatur von der SED ideologisch instrumentalisiert und als antiwestliches Propagandamittel eingesetzt. Dies lässt sich sehr deutlich an einigen Stellen der bereits zitierten Brecht-Rezension exemplifizieren.
„ Ein hochbegabter Dramatiker und ein talentierter Komponist, deren fortschrittliche Absicht außer Zweifel steht, haben sich in einem Experiment verirrt, das aus ideologischen Gründen mißlingen mußte und mißlungen ist. [...] Die Intendanz der Staatsoper leistet sich einen Mißgriff nach dem anderen. Es ist erforderlich, daß ihre Spielplangestaltung diskutiert und überprüft wird.“ 9
So wie von ihrem ursprünglichen Anspruch Literatur und Realität bzw. Fiktion miteinander verbunden sind, sollten künftig auch Literatur und Politik untrennbar sein. Formalismus oder Kitsch in literarischen Ausdrucksformen wurden von der Einheitspartei abwertend als „ [...] zwangsläufige Verrohung des Geschmacks und Ausdruck der Dekadenz des bürgerlichen Bewusstseins in der kapitalistischen Welt [...]“ 10 angesehen, während dem sozialistischen Realismus die Aufgabe zugeschrieben wurde, „ [...] die Menschen zu wahren Demokraten [zu] erziehen und ihre humanistischen Bestrebungen [...] [zu] fördern.“ 11 Durch diese programmatische Polarisierung, die auf den politischen Druck von Moskau ausgehend zurückzuführen ist, sollte der DDR ein antiwestliches Profil auch im kulturellen Bereich verliehen werden. Diese politischen Vorgaben für Kulturschaffende und die damit verbundenen verschiedenen Formen der direkten wie indirekten Zensur wirkten sich einschränkend und sogar lähmend auf den literarischen Produktionsprozess aus, was dazu führte, dass sich viele Schriftsteller der
7 In diesem Zusammenhang sei besonderers auf die «Rede Anton Ackermanns auf der Ersten Zentralen Kulturtagung zur marxistischen Kulturtagung der SED» im Mai 1948 sowie auf den «Ruf an die Künstler und Schriftstel-
ler » im 1HXHQ'HXWVFKODQG vom 7.9.1948 verwiesen. Vgl. Schubbe, a.a.O., S.84-90 und S.94-95
8 Schubbe, a.a.O., S.103
9 Ebd., S.186-187
10 Ebd., S.44
11 Ebd., S.44
7
östlichen Welt in ihrer dichterischen Schaffensfreiheit zunehmend eingeengt fühlten und sie vor die Wahl gestellt wurden, entweder systemkonforme, den Vorgaben entsprechende Literatur zu verfassen, oder nichts mehr zu schreiben. Besonders deutlich bringt dies Czeslaw Milosz zum Ausdruck.
„ Ich kann nicht so schreiben, wie ich möchte. Der Strom meiner eigenen Gedanken hat so viele Nebenflüsse, dass es mir kaum gelingt, den einen davon abzudämmen, ehe nicht ein zweiter, dritter oder vierter über seine Ufer tritt. Kaum bin ich halb mit einem Satz fertig, so unterwerfe ich ihn schon der marxistischen Kritik. Ich stelle mir vor, was X oder Y darüber sagen werden, und schon habe ich den Schluß verändert.“ 12
Offiziell hatte die Doktrin des sozialistischen Realismus ihre verbindliche Gültigkeit bis zum Ende der DDR 1990, wenn auch sie seit der Machtübernahme durch E. Honecker 1971 zunehmend an ideologischer Schärfe verloren hatte. Trotzdem wurde sie zur vielzitierten „ [...] Berufungsinstanz gegenüber Schriftstellern [...]“ 13 , wenn es darum ging, dass ein Werk den SED-Politikern missfiel und daher eine Publikation verhindert werden sollte. Auf eine ausführliche Darstellung der philosophischen und politischen Entstehungshintergründe, die zur Theorie des Sozialistischen Realismus führten, sowie eine Untersuchung der Ursachen für die Modifikation der Doktrin im Lauf der Jahre muss hier allerdings verzichtet und der Verweis auf die Forschungsliteratur gemacht werden. 14
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Während Greiner als Hauptkennzeichen des stalinistischen Modells des sozialistischen Realismus einerseits den revolutionären Optimismus, der sich in einem historischmaterialistischem Geschichtsbild gründet und gesellschaftliche Wandlungsprozesse als Stufen hin zur kommunistischen Gesellschaftsordnung auffasst und andererseits die Ausbildung alle-gorischer Formen literarischer Gestaltung in den Vordergrund rückt 15 , sieht Rüther, der sich in seinen Ausführungen auf Mehnert beruft, die Grundprinzipien des sozialistischen Realismus durch folgende Elemente definiert: „ [...] die wahrheitsgetreue Darstellung der Realität, das
12 Milosz, Czeslaw: Verführtes Denken. Darmstadt, Neuwied 1974, S.27
13 Rüther, a.a.O., S.46
14 Vgl. Mozejko, Edward: Der sozialistische Realismus. Theorie, Entwicklung und Versagen einer Literaturmethode. Bonn 1977; Koch, Hans: Zur Theorie des sozialistischen Realismus. Berlin (Ost) 1974; Mehnert, Günter: Aktuelle Probleme des sozialistischen Realismus. Berlin (Ost) 1968
15 Vgl. Greiner, Bernhard: Von der Allegorie zur Idylle: Die Literatur der Arbeitswelt in der DDR. Heidelberg 1974, S.55-67
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Klaus Ludwig Hohn, 2002, Christa Wolf: Der geteilte Himmel im Kontext von Sozialistischem Realismus und Bitterfelder Weg, München, GRIN Verlag GmbH
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