INHALTSVERZEICHNIS:
Einleitung 1
1 Das Motiv der Niederlage 4
1.1 Der Motivbegriff in der Philosophie und Psychologie 5
1.1.1 Motivkategorien 9
1.2 Motivbegriff in der Literaturwissenschaft 11
1.3 „Niederlage“ - Begriffserklärung und Vorbetrachtung 14
1.3.1 Der Begriff „Niederlage“ aus der Perspektive der Psychologie 18
2 Hans Erich Nossacks Biographie 21
2.1 Hans Erich Nossack - Autobiographie 32
2.2 Hans Erich Nossack in der Geschichte der westdeutschen Literatur seit
1945 36
2.3 Das Publikationsverbot 40
2.4 Der Außenseiter 42
2.5 Die verbrannten Manuskripte 44
3 Verschiedene Arten von Niederlage in Nossacks Werken 47
3.1 Interview mit dem Tode - Der Untergang 48
3.2 Spätestens im November 55
3.3 Nekyia. Bericht eines Überlebenden 61
3.4 Spirale. Roman einer schlaflosen Nacht - Das Mal 67
4 Schlussbemerkungen 71
Anhang 1: Abbildungen 75
Anhang 2: Bibliographie der zitierten Quellen 76
III
Einleitung
In der vorliegenden Arbeit setze ich mir das Ziel, das Motiv der Niederlage, des Scheiterns, des Untergangs und verschiedenartiger Katastrophen in ausgewählten Werken von Hans Erich Nossack
festzustellen, zu analysieren und miteinander zu vergleichen.
Hans Erich Nossack, ein deutscher Romanschriftsteller, Essayist und Dramatiker, berührt in vielen Büchern sowohl das Problem der Grenzüberschreitung als auch des Scheiterns, der Beziehungslosigkeit und des versuchten Ausbruchs. Bereits die ersten herausgegebenen Bücher von Nossack: Gedichte (1947), der Roman Nekyia. Bericht eines Überlebenden (1947) und die Prosasammlung unter dem Titel Interview mit dem Tode (1948) zeugen von seinem damaligen Gemütszustand. Er beschäftigte sich besonders mit der Thematik der physischen und geistigen Vernichtung der Menschheit. Er war sich dessen bewusst, dass seine Anstrengungen hoffnungslos ist, trotzdem versuchte er, den Sinn des Lebens und des Sterbens des Menschen zu ergründen, ihn besser kennen zu lernen, sich darin gründlicher, mit allen Einzelheiten zu vertiefen und alles in seinen Büchern darzustellen. Er tat das u.a. in Spätestens im November (1955) und Spirale. Roman einer schlaflosen Nacht (1956).
Meine Arbeit besteht aus vier Kapiteln.
Im ersten Kapitel erkläre ich mit Hilfe verschiedener Lexika den Begriff des „Motivs“ sowohl in der Philosophie, Psychologie als auch in der Literaturwissenschaft. Hierin befinden sich auch „Niederlage -Begriffserklärung und Vorbetrachtung“ und die Erklärung des Begriffs „Niederlage“ aus der Perspektive der Psychologie.
1
Im zweiten Kapitel bringe ich dem Leser die Gestalt des Autors näher. Im dritten Kapitel setze ich mir als Ziel, alle Werke, in denen das Motiv der Niederlage vorkommt, vorzustellen und genau zu analysieren, z.B. die ungewöhnliche und letztlich tödlich endende Liebesgeschichte im Roman Spätestens im November oder der autobiographische Augenzeugenbericht über die Bombardierung Hamburgs im Juli 1943 im „Untergang“ in Interview mit dem Tode.
Im letzten, vierten Kapitel sind meine Schlussbemerkungen zusammengefasst.
2
ˆWxÜ Uxãx|á äÉÇ [xÄwxÇàâÅ Ä|xzà Ç|v{à |Å
Zxã|ÇÇxÇ x|ÇxÜ fv{Ätv{à? áÉÇwxÜÇ |Å XÜàÜtzxÇ
x|ÇxÜ a|xwxÜÄtzxAÂ
Wtä|w _ÄÉçw ZxÉÜzx
3
1. Das Motiv der Niederlage
4
1.1. Der Motivbegriff in der Philosophie und Psychologie
Im ersten Kapitel versuche ich mit Hilfe verschiedener Lexika den Begriff des „Motivs“, sowohl in der Philosophie als auch in der Psychologie erklären.
Der Motivbegriff kann man verschiedentlich erklären. Motive kommen u.a. in der Literatur, Malerei, Musik, Architektur und Fotografie vor. Ein Motiv (lat. motus = Bewegung, Antrieb) bezeichnet den Beweggrund für ein Werk oder eine Tat , z.B. Motiv für ein Verbrechen. 1 Bei Kunstwerken nennt es in der Regel das zentrale Thema und in der Musik bezeichnet eine oft kurze Melodielinie, die im Verlauf eines Musikstückes variiert und ausgearbeitet wird; in der Fotografie und Malerei: ein bildprägender Bildteil, oft zentral dargestellt; beim Schach bekannte Verfahren, um Vorteil zu erlangen oder um matt zu setzen; als Verzierung im Möbelbau, der Architektur, der Metallverarbeitung oder im Kunsthandwerk. 2
Man kann aber dieser Begriff auch anders erklären. So definiert ihn Christoph von Blumröder: „Ein Motiv (ital. motivo = Grund, Ursache, Beweggrund, Anlass; franz. motif; engl. motive bzw. motif; dtsch. Motiv; von mittellat. motivum, dem substantivierten Neutrum des spätlat. Adjektivs motivus, bewegend, antreibend, anreizend); gemäß dieser Grundbedeutung bezeichnete in der Scholastik der Ausdruck motivum als Lehnübersetzung von griech. kινητικόν - bei Aristoteles in seiner Analyse der Bewegung das, was Bewegung verursacht - zum einen speziell den Beweggrund eines Entschlusses oder einer Handlung in der Willenslehre, zum anderen in allgemeinem Sinne bewegende und einwirkende Potenzen überhaupt.“ 3
1 Vgl. NN, „Motivbegriff“, www.de.wikipedia.org/wiki/Motiv, (03.02.2005).
2 Ebenda.
3 Christoph von Blumröder, „Motivo / motif / Motiv“, www.sim.spk-
berlin.de/pdf/htm/HTM_SIM_MOTIVO-mtif-Motiv.pdf, (03.02.2005).
5
Man kann das „Motiv“ auch so definieren: „Als Motiv bezeichnet man den angeborenen oder erworbenen Beweggrund, den Antrieb und die Ursache für menschliches Verhalten, es ist richtunggebender, leitender und antreibender seelischer Hinter- und Bestimmungsgrund menschlichen Handels. Je stärker ein Motiv empfunden wird, je eher richtet sich die Intervention danach aus. Schwächere Motive sind eher zu verdrängen, können länger auf Befriedigung warten.“ 4 In der Psychologie hat der Begriff des „Motivs“ andere Bedeutung als in der Literatur. Das sind Sammelbegriffe für viele Bezeichnungen, wie z.B. Streben, Affekt oder Bewegung. „Ein Motiv ist eine Disposition, nach einem bestimmten wertgeladenen Zielzustand zu streben. Ein Motiv ist also kurz gesagt eine Wertungsdisposition: Wenn ich dazu tendiere, meine Aktivitäten häufig nach dem Ziel auszurichten, gute Leistungen (z.B. in Schule und Beruf) zu erbringen (und somit Leistung als etwas Positives bewerte), kann man bei mir von einem Leistungsmotiv sprechen. Ein Motiv ist somit eine überdauernde Handlungsbereitschaft bei einer bestimmten Person. Unter Motiv lassen sich verwandte Konzepte wie Instinkt, Trieb, Bedürfnis oder Interesse subsumieren. […] Damit sollte auch klar geworden sein, dass in der Motivationspsychologie der Begriff Motiv etwas abstrakter gefasst wird als im Alltag, wo mit dem Motiv des Täters sein konkreter Beweggrund gemeint ist, z.B. das Erbe des Vaters zu bekommen.“ 5 Hier möchte ich auch hinzufügen, dass bei den Motiven Emotionen und Gefühle eine wichtige Rolle spielen. Anreize und Motive sind wechselseitig miteinander verbunden und vor allem voneinander abhängig. Wenn die Lebewesen bei den Handlungen Lust empfinden, dann wiederholen sie sie möglichst oft, aber wenn dabei Widerwille oder
4 NN, „Begriffsabgrenzung von Motiv und Motivation“, www.wissen24.de/vorschau/25392.htm/
(03.02.2005).
5 NN,“ Motivbegriff in der Psychologie - Welche Begrifflichkeiten hat sich die
Motivationspsychologie geschaffen?“, www.psychologie.uni-heidelberg.de/ae/allg/lehre/wet/m/M0102beg.htm (03.02.2005).
6
Abneigung vorkommt, versuchen sie solche Handlungen zu vermeiden. Also das Ziel ist hier von grundlegender Bedeutung.
Allgemein ausgedrückt „sind Motive in der Psychologie richtunggebende, leitende und antreibende psychische Ursachen des Handelns. Motive befähigen ihren Besitzer, bestimmte Gegenstände wahrzunehmen und durch die Wahrnehmung eine emotionale Erregung zu erleben, daraufhin in bestimmter Weise zu handeln oder wenigstens den Impuls zur Handlung zu verspüren. Man unterscheidet biogene oder primäre Motive: diese sind angeboren, haben eine genetische Grundlage und eine phylogenetische Entwicklung. Es gilt heute als sicher, dass auch angeborene Motive durch Umwelteinflüsse überlagert und ausgestaltet werden, und soziogene oder sekundäre Motive, die gelernt bzw. erworben werden. Für deren individualspezifische Ausprägung sind besonders die Einflüsse während der ersten Lebensjahre entscheidend. Beide Motivarten wirken meist zusammen, etwa beim Hunger, der zwar vorwiegend biogen ist, soziogen jedoch, wenn er gegen die Mittagszeit auftritt. Die grundlegenden Motive sind vital bedeutungshaltige, universelle Anliegen, sie sind Antworten auf die fundamentalen Probleme des Überlebens und der Fortpflanzung. Die meisten Motive sind daher beim Menschen universell und überkulturell, aber die meisten treten nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Säugetieren auf. Beim Menschen nimmt man an, dass Motive nur relativ grob umfasste Verhaltensprogramme sind, die durch die jeweilige Kultur überformt (sozialisiert) werden, wobei der kulturelle Wandel auch das Hervorbringen immer neuer Motive bewirkt. Dass diese auf Grund ihrer Herkunft meist Uminterpretationen darstellen, soll hier explizit erwähnt werden.“ 6
6 NN, „Motiv und Motivation - Psychologische Erklärungsmodelle“, www.arbeitsblaetter.stange-
taller.at/MOTIVATIONSMODELLE.HTML (02.01.2005).
7
Motive können grundsätzlich nur „in einem hermeneutisch verstehbaren Sinnzusammenhang wie auch in einem erklärbaren
Kausalzusammenhang stehen, z.B. wenn bestimmte Motive (etwa die elementaren Bedürfnisse wie Hunger, Durst, Sexualität) eng mit physiologischen Vorgängen verknüpft sind und daher z.B. durch Hirnreizung, Pharmaka oder Hormone ausgelöst werden können. Einer Handlung geht selten ein einzelnes Motiv, sondern meist ein Motivbündel voraus, das, zum Teil gebildet aus Gewöhnungen, fixierten Einstellungen und Werthaltungen, in affektiver, emotionaler oder intellektueller Richtung das Verhalten eines Individuums bestimmt.“ 7 Motive sind Sammelbegriffe für solche Bezeichnungen wie, z.B. Drang oder Sucht. Jeder Mensch sucht oder entwickelt in seiner Umgebung solche Muster, die man als Motive oder Motivation bezeichnen. Das können sowohl angeborene, als auch erworbene Einstellungen sein, die beim jeden Menschen in unterschiedlichen Formen vorkommen.
7 Ebenda.
8
1.1.1. Motivkategorien
Man kann viele Motivarten unterscheiden. Die Motive sind „der einfachste Sinnkomplex, mit dem man eine Handlung auslegen und verstehen kann. Der Motiv-Begriff ist aber zweideutig, d.h. man unterscheidet zwischen zwei Motivkategorien: › Um-zu-Motive: beziehen sich auf die Zukunft, sind mit dem Realisierungszweck identisch, die Handlung ist dafür ein Mittel (integraler Teil des Handelns)
› Weil-Motive: beziehen sich auf die Vergangenheit, können auch Grund oder Ursache genannt werden (Reflexionsakt)
Das Handeln wird durch den Entwurf (imaginierte Handlung) und das Umzu-Motiv (zukünftiger Sachverhalt) bestimmt. Der Entwurf ist durch das Weil-Motiv bestimmt. Alle Motive der konkreten Handlung werden nicht zufällig gewählt und sind großen subjektiven Systemen zugeordnet (Lebensplan, Prinzipien, Gewohnheiten usw.). Das Handeln anderer Leute kann man nicht ohne Kenntnis über beide Motive (Um-zu und Weil) verstehen. In der Praxis ist vollkommenes Verständnis nicht möglich und man reduziert alles auf typische Motive, typische Situationen, typische Zwecke, typische Mittel.“ 8 Also hier bringt es mir auf die Gedanken solche Schlussfolgerung, dass nur dann die sozialen Gegenstände verständlich sind, wenn sie auf menschliche Tätigkeiten bezogen werden. 9
Motive kann man auch in drei andren Gruppen: Kernmotive, Rahmenmotive und Füllmotive einteilen. 10 „Die Konstellation der Motive zueinander und innerhalb des Stoffes gibt wichtige Aufschlüsse, besonders
8 Alfred Schütz, „Die soziale Welt und die Theorie der sozialen Handlung“, www.wiso.uni-
koeln.de/soziologie/02_stud/2003-04/mikro/1273a_download_14.pdf (03.02.2005).
9 Vgl. ebenda.
10 Vgl. Elisabeth Frenzel, Stoff-, Motiv- und Symbolforschung, Stuttgart, 1978, S.32.
9
im Zusammenhang mit der Struktur literarischer Gattungen. Petsch unterschied Kernmotive, Rahmenmotive, die das Kernmotiv stützen, sowie Füllmotive, die einzelnes charakterisieren, ergänzen und Verbindungen herstellen. Sperber ordnete nach primären Motiven, die eine Mittelstellung einnehmen, sekundären Motiven, die entweder eine Mittel- oder eine Nebenstellung einnehmen können, und detailbildenden Motiven. Krogmann begnügt sich mit der Dreiteilung in Mittelstellung, Seitenstellung und Randstellung. Ist das Kernmotiv ein Situationsmotiv, so konstruiert es einen situationsbestimmten Stoff, ist es ein Typus, so kann man von einem personalen Stoff sprechen. Bei der Neubearbeitung eines Stoffes werden die Füllmotive am leichtesten eliminiert oder ersetzt, während eine Änderung der Rahmenmotive bereits Rückwirkungen auf das Kernmotiv hat, d. h. eine Neuinterpretation des Stoffes einleitet. Das Kernmotiv ist die Konstante jeden Stoffes, die Variabilität der ihm zugeordneten Rahmenmotive prädestiniert einen Stoff häufig zu einer langen und wechselvollen Geschichte. Das Gleichgewicht des Motivgefüges darf jedoch nicht angetastet werden.“ 11
Man kann auch ein Leitmotiv unterscheiden. „Das Leitmotiv findet sich hauptsächlich im realistischen Roman, jedoch auch schon vorher, z.B. bei Goethe, und in der Moderne, besonders im Werk Heinrich Bölls. Leitmotive sind […] keine Bestandteile des Inhalts, keine echten Motive, sie sind auch keineswegs leitend, sondern stilistische, tektonische, gliedernde Elemente, die eine Art musikalischen Effekt haben und einen Refrain gleichen. […] Das Leitmotiv kann auch symbolhaften Charakter haben und ist überhaupt in seiner rhythmisierenden Funktion dem Symbol verwandt.“ 12
11 Ebenda. S.32-33.
12 Ebenda. S.34.
10
1.2. Motivbegriff in der Literaturwissenschaft
Der Begriff „Motiv“ ist in der Literaturwissenschaft einer der gebräuchlichsten Gemeinplätze. Bedeutung erhält er vorab im Rahmen der komparatistischen Stoff-, Motiv- und Themenforschung. „Motiv“ gehört als Grundbegriff der Thematologie zu einem der bevorzugten Arbeitsgebiete der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft. 13 Im allgemeinen Sinne bewegender und einwirkender Potenzen dringt der Begriff des Motivs im „18. Jh. nach französischem Vorbild auch in den ästhetischen Bereich ein und wird bei der Analyse inhaltlicher Elemente wie auch handlungsbezogener Situationen und Beweggründe angewendet. Neben dem voluntativen Beweggrund handelnder dramatischer oder epischer Personen im Kontext streng motivierter, d.h. durch Motiv veranlasster Handlungsgefüge, und neben dem ideellen Beweggrund des Dichters für das Aufgreifen eines bestimmten Stoffs angesichts eines zu künstlerischer Gestaltung anregenden Gegenstands, der die genauere Stoffwahl regelt, meint als Motiv auch die strukturelle Einheit als typische bedeutungsvolle Situation, welche generelle thematische Vorstellungen umfasst - im Gegensatz zum durch konkrete Züge festgelegten und ausgestatteten Stoff, der wiederum mehrere Motive enthalten mag - und unabhängig von einer Idee als bewusst geformtes Stoffelement Ausgangspunkt eigener Erlebnis- und Erfahrungsgehalte im Rahmen symbolischer Interaktion werden kann.“ 14 Im deutschsprachigen Raum ist das literaturwissenschaftliche Motivverständnis von Elisabeth Frenzels Einführungen in Stoff-, Motiv- und Symbolforschung geprägt. Sie stellt die Definition des Begriffs „Motiv“ folgendermaßen dar: „Im Deutschen bezeichnet das Wort „Motiv“ eine
13 Vgl. Manfred Beller, „Stoff, Motiv, Thema“ [in:] Helmut Brackert, Jörn Stückrath, (Hrsg.),
Literaturwissenschaft. Ein Grundkurs, Bd.523, Reinbek bei Hamburg, 1992, S.30.
14 NN, „Motivbegriff in der Literaturwissenschaft“, www.uni-tuebingen.de/hwrh/Motiv.htm
(20.01.2005).
11
kleinere stoffliche Einheit, die zwar noch nicht einen ganzen Plot, eine
Fabel , umfasst, aber doch bereits ein inhaltliches, situationsmäßiges
Element und damit einen Handlungsansatz darstellt. Bei Dichtungen, deren
Inhalt nicht sehr komplex ist, kann er durch das Kernmotiv in kondensierter
Form wiedergegeben werden, im Allgemeinen jedoch ergeben bei den
pragmatischen Dichtungsgattungen erst mehrere Motive den Inhalt. Für die
Lyrik , die keinen eigentlichen Inhalt und daher keinen Stoff in dem hier
umrissenen Sinne hat, bedeuten ein oder mehrere Motive die alleinige
stoffliche Substanz. Die Abgrenzung nach dem umfassenderen Begriff
des Stoffes hin bedarf der Ergänzung durch eine Abgrenzung gegenüber
den kleineren Einheiten. Einzelnstehende so genannte Züge und Bilder, die
der näheren Charakterisierung, dem Schmuck, der Stimmung oder auch der
geistigen Erhellung des Inhalts dienen, sind keine Motive. Sie üben im
Gesamt des Inhalts keine notwendige, sondern eine nur additive Funktion
aus und reichen häufig auf das Gebiet des Stilistischen hinüber. Zu Motiven
werden sie erst in komplexeren Erscheinungsformen wie Goldgier oder
Palast und Hütte Die Motive zeigen Personen und Sachen nicht isoliert,
sondern in einen Zusammenhang, d. h. eine Situation, gestellt, z.B.
Heimkehrer , Nebenbuhlerschaft oder heimliche Liebesbeziehung
Neben menschlichen Grundsituationen haben auch bestimmte menschliche
Typen , in deren Existenz etwas Situationsmäßiges liegt, etwa der Rebell,
der Menschenfeind, der Sonderling, die Funktion von Motiven. Gerade
ihnen gelten viele motivgeschichtliche Untersuchungen Solche
konstanten Situationen und Typen sind jedoch nicht an reale Vorlagen
gebunden , sondern entspringen häufig auch Wunsch- und
Angstvorstellungen. Ob die Aufgabe eines Zuges, Bildes oder Typus nur
ornamental oder bereits motivierend ist, unterliegt keiner absoluten
Entscheidung , sondern ergibt sich aus dem Zusammenhang des Textes, aus
dem Stellenwert: das Gewitter in Goethes Werther ist ein Motiv.“ 15
15 Elisabeth Frenzel, Stoff-, Motiv- und Symbolforschung , S.29-30.
12
Wie schon beim Stoff, so ist auch beim Motiv eine Abgrenzung gegen den Bezirk des Gehalts nötig. In älteren literarischen Werken finden sich mitunter eine Verwischung dieser Grenze und eine Gleichsetzung des Motivs mit Kategorien des Gehalts wie Idee, Thema und Problem. „Nun können Motive zwar Problemträger sein, wie etwa das Heimkehrer-Motiv im Odysseus-Stoff, aber das Motiv ist mit dem Problem ebenso wenig gleichzusetzen, wie die Tatsache, dass viele Motive Symbolkraft haben, dazu verführen darf, hier eine Identität zu sehen. Spricht man vom Liebesmotiv im Tristan, so meint man die Liebe, die mit der spezifischen Dreieckssituation des Tristan-Stoffes verbunden ist, und benutzt gewissermaßen eine sprachliche Abbreviatur.“ 16 Die Untersuchung von Motiven hat es nicht allein „mit dem Aussagewert und dem Aufbau des jeweiligen Motivs, sondern vor allem auch mit seiner Kontaktfähigkeit und seinem Amalgamierungsvermögen zu tun. Das Motiv führt nicht einmal in der Lyrik ein völlig isoliertes Dasein, und in den pragmatischen Dichtungsgattungen ist das einzelne Motiv mit vielen anderen verschränkt. Das Bezugsvermögen des Motivs einerseits und seine Abstrahierbarkeit aus dem spezifischen Stoff andererseits sind der Grund für die Konstanz, die es […] befähigt, sich in der Überlieferung zu erhalten, aber auch für die Beweglichkeit, mit der es Bindungen mit anderen Motiven eingeht und wieder löst.“ 17 Ein Motiv kann Bestandteil nicht nur ähnlicher, sondern auch verschiedenartiger Stoffe sein. Den Begriff des Motivs versteht man in der Literatur als poetisierte stoffliche Verfestigung eines Problems, als sich wiederholende, typische, menschlich bedeutungsvolle Situation.
16 Ebenda. S.29-30.
17 Ebenda. S.32.
13
Arbeit zitieren:
Magister Magdalena Plaszczyk, 2006, Das Motiv der Niederlage in ausgewaehlten Texten von Hans Erich Nossack, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Magdalena Plaszczyk hat den Text Das Motiv der Niederlage in ausgewaehlten Texten von Hans Erich Nossack veröffentlicht
Magdalena Plaszczyk hat einen neuen Text hochgeladen
Leben, Werk, Kontext
Hans Rudolf Picard, Ulrich Kinzel, Jan Bürger, Günter Damann
Ausgewählte Texte zum Völkerrecht
Lateinischer Text nebst deutsc...
Francisco Suarez, Josef de Vries
Die Niederlage in der Niederlage
Texte zur Arbeiterbewegung, Kl...
Christian Riechers, Felix Klopotek
Erich Fromm & Critical Criminology: Beyond the Punitive Society
Erich Fromm, Kevin Anderson, Richard Quinney
0 Kommentare