Katholische Universität Eichstätt
Sommersemester 1999
Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
6HPLQDU
HS Goethe und die bildende Kunst der Antike
VV-Nr.: 3094
9HUIDVVHU
$EJDEHWHUPLQ
31.08.1999
2
Inhaltsübersicht
Kapitel Inhalte
1. Einführende Vorbemerkungen und Forschungsüberblick
2. Entstehungsgeschichte und -zusammenhänge von Goethes
“Römischen Elegien unter Berücksichtigung der
Auseinandersetzung mit der bildenden Kunst
3. Die Rolle der antiken bildenden Kunst in Goethes
“Römischen Elegien
3.1. Inhaltliche Übersicht über die “Römischen Elegien unter
Ber ücksichtigung der Darstellung antiker Kunst
3.2. Darstellung und Formen der Begegnung mit der antiken
bildenden Kunst in den einzelnen Elegien im Überblick
3.3. Stellenwert und Funktion der bildenden Kunst
3.3.1. Bedeutung in den einzelnen Elegien
Elegie I
Elegie V
Elegie XI
Elegie XIII
Elegie XV
3.3.2. Bedeutung für den gesamten Zyklus
4. Literaturverzeichnis
4.1. Primärliteratur
4.2. Sekundärliteratur
5. Anhang
5.1. Ingve Berg: Tuschezeichnungen zu den “Römischen
Elegien
5 2 Handreichung zum Referat für die Seminarteilnehmer
3
Einführende Vorbemerkungen und Forschungsüberblick
Sich einmal mit der Frage auseinanderzusetzen, inwieweit die bildende Kunst
der Antike in Goethes 5|PLVFKHQ (OHJLHQ an verschiedenen Stellen
thematisiert wird, ob und welche bedeutungstragende Funktion sie in diesem Gedichtzyklus übernimmt, dürfte sich als interessant und aufschlussreich erweisen, da dieser Aspekt in der germanistischen Forschung bislang nur wenig Beachtung fand.
Horst Rüdiger beispielsweise bemerkt in seinem Aufsatz «Goethes “Römische Elegien” und die antike Tradition», dass bislang viele Untersuchungen sich einerseits den Einflüssen widmen, die von den römischen Dichterninsbesondere von Ovid, Properz und Tibull - auf Goethes Elegiendichtung ausgegangen sind 1 , andererseits sich um eine “Analyse der zyklischen Anordnung” 2 der Elegien bemühen. Darüber hinaus liefert er, ebenso wie Walther Killy, eine recht umfassende Interpretation der verschiedenen mythologischen Gesichtspunkte in den Elegien. Gegen Ende skizziert Rüdiger 3 noch knapp die Rolle der bildenden Kunst in den Elegien, was aber vorwiegend darstellenden Überblickscharakter hat. Herbert Zeman dagegen setzt in seinem Aufsatz «Goethes Elegiendichtung in der Tradition der Liebeslyrik des 18. Jahrhunderts» den Schwerpunkt auf Aspekte der Veränderungen in Goethes
lyrischem Schaffen und betont die Positionen, die den 5|PLVFKHQ (OHJLHQ
dabei zukommen. Die bildende Kunst wird hier an keiner Stelle thematisiert. Walter Wimmel hingegen geht in seiner Publikation «Rom in Goethes Römischen Elegien und im letzten Buch des Properz» unter anderem der Frage nach, wie die Stadt Rom in den Gedichten erscheint und ob, bzw. inwiefern dadurch der Aufbau der einzelnen Elegien sowie des gesamten Zyklus bestimmt wird; eine fundierte Auseinandersetzung, die man bei der hier zu untersuchenden Fragestellung durchaus heranziehen kann. Eine äußerst eingehende Untersuchung von «Goethes “Römischen Elegien”» bietet Dominik Jost, bei dem sich auch eine ausführliche Bibliographie findet. Ein ebenfalls brauchbares Publikationsverzeichnis, das neben vielen deutschen auch englisch-sprachige
1 Vgl. Rüdiger, Horst: Goethes “Römische Elegien” und die antike Tradition. In: Goethe und Europa.
Essays und Aufsätze 1944-1983. Berlin 1990, S.241.
2 Ebd., S.241.
3 Ebd., S.256-259.
4
Titel aufweist, findet man in der Dissertation «Goethe´s “Römische Elegien”: The Lover and the Poet» von Eva Dessau Bernhardt. Eine der neuesten Veröffentlichungen ist die Dissertation von Ute Lieber «Dichtung als Lebensform.
Goethes 5|PLVFKH(OHJLHQ als Paradigma der Weimarer Klassik». Es handelt es sich
hier zwar um eine fachdidaktisch-methodisch orientierte Arbeit, das fach- und literaturwissenschaftliche Kapitel ist hier jedoch besonders hervorzuheben.
Walther Killy schließt seine Untersuchung «Mythologie und Lakonismus in der ersten, dritten und vierten Römischen Elegie» mit der Feststellung, dass die Frage nach dem Kunstcharakter dieser Gedichte in der Goethe-Forschung bis dato unbeantwortet im Raum steht: “[...] eine einläßliche Untersuchung des Kunstcharakters der Elegien, die ´dem Künstler helfend, gleichsam dessen Absicht vollendet´, steht noch bevor. Sie wird bestätigt finden, was GOETHE in eben dem Brief niederschrieb, der von der umsichtigen Einbildungskraft und dem Wünschenswerthen der Analogie sprach: Laß dich nicht verdrießen, den Dichter auf solche Weise zerstückeln; ich
4 kenne nur diesen Weg, um aus der allgemeinen in die besondere Bewunderung zu gelangen.”
5 zu den 5|PLVFKHQ
Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt wurden zwar zahlreiche Untersuchungen
(OHJLHQ veröffentlicht, doch befassen sich weitgehend alle mit Aspekten, bei denen die bildende Kunst immer nur eine untergeordnete Rolle spielt, bzw. diese überhaupt nicht thematisiert wird. Diese Publikationen können somit ausschließlich Anregungen und die Aufforderung zu einer
eigenständigen und vertieften Auseinandersetzung mit dem Komplex ´Kunst in den 5|PLVFKHQ (OHJLHQ´ liefern. Deshalb soll die hier vorliegende Arbeit einen Versuch darstellen, zu zeigen, welche Rolle und welchen Stellenwert Goethe der bildenden Kunst der Antike in den
5|PLVFKHQ (OHJLHQeinräumt.
Eine Untersuchung, die sich mit Goethes Elegien beschäftigt, würde unter Einbezug verschiedenster Aspekte eine Vielfalt an möglichen Untersuchungen erlauben. Da dies aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, soll hier auf den Einbezug weiterer Aspekte weitgehend verzichtet werden, bzw. sollen hierzu nur Querverweise erfolgen, um weitere Themenfelder anzuschneiden, die aber aus Themenrelevanz und Platzgründen hier nicht ausgeführt werden können. Ziel ist es vorrangig, herauszuarbeiten, welche Rolle Goethe der bildenden Kunst der Antike in den Elegien zuschreibt, weshalb eine detaillierte und möglichst nahe Arbeit am Text mit möglichen Interpretationsansätzen im Mittelpunkt dieser Untersuchung stehen soll. Es ist auch nicht Gegenstand dieser Abhandlung, den Zusammenhang zwischen Goethes Biographie und
4 Killy, Walther: Mythologie und Lakonismus in der ersten, dritten und vierten Römischen Elegie. In: Gymnasium 71 (1964).
Zeitschrift für Kultur der Antike und Humanistischen Bildung. S.150.
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den Gründen, die zur Entstehung dieses Gedichtzyklus geführt haben, ausführlich darzustellen. Ein Heranziehen von biographischen Elementen kann jedoch bei der Textuntersuchung zu weiteren Ergebnissen führen, als dies bei einer ausschließlich textbezogenen, dem werkimmanenten Ansatz folgende Untersuchung der Fall ist. Deshalb erscheint es an manchen Stellen sowohl sinnvoll als auch hilfreich, Goethes eigene Äußerungen zu seinen Zeitgenossen über seinen Aufenthalt in Rom, seinem Kunstverständnis und sein eigenes
Urteil über die 5|PLVFKHQ(OHJLHQ - wenn auch nur peripher - heranzuziehen.
Die vorliegende Arbeit gliedert sich thematisch im Wesentlichen in drei Teile: Zunächst werden im ersten Abschnitt die Entstehungshintergründe der
5|PLVFKHQ (OHJLHQ unter Berücksichtigung von Goethes Beschäftigung mit
antiker bildender Kunst kurz aufzeigt. Im Anschluss daran werden die einzelnen Textstellen innerhalb der für die Fragestellung relevanten Elegien eingehend untersucht, und zuletzt wird die Frage erörtert, welche Bedeutung die bildende Kunst für den gesamten Zyklus hat.
Entstehungsgeschichte und -zusammenhänge von Goethes
“Römischen Elegien” unter Berücksichtigung der 6 Auseinandersetzung mit der bildenden Kunst der Antike
Durch verschiedene Selbstäußerungen, Briefwechsel und Dokumente ist
belegbar 7 , dass Goethe mit der Abfassung der 5|PLVFKHQ(OHJLHQ im Oktober
1788 begann und diese 1790 abgeschlossen hatte. Für die Entstehung dieses Gedichtzyklus kommen im Wesentlichen drei Phasen in Goethes Leben in Frage, die man zur Interpretation und zum besseren Verständnis dieser Gedichte heranziehen muss: zunächst die Zeit von 1775 bis 1786 in Weimar, dann darauffolgend Goethes erste Italienreise von 1786 bis 1788 und damit verbunden der Aufenthalt in Rom von 1786 bis 1788, sowie Goethes Rückkehr nach Weimar und die Folgejahre ab 1788.
5 Vgl. hierzu die Titel und deren Literaturverzeichnisse im bibliographischen Verzeichnis dieser Arbeit.
¢ ¡ ¤ £ ¦ ¥§ © ¨ © © ¢ ¥ © 6 Das Kapitel der Entstehungsgeschichte und -zusammenhänge von Goethes basiert auf den Ausführungen von
Lieber, Ute: Dichtung als Lebensform. Goethes Römische Elegien als Paradigma der Weimarer Klassik. Ein Unterrichtsmodell für
die gymnasiale Oberstufe. Diss., Bochum 1993, S.8-18 und Jeßing, Benedikt: Johann Wolfgang Goethe. Stuttgart, Weimar 1995
(Sammlung Metzler 288; Realien zur Literatur), S.23-26.
7 Vgl. Beissner, Friedrich: Geschichte der deutschen Elegie. Berlin 1961, S.135.
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Im November 1775 folgt Johann Wolfgang von Goethe der Einladung des Herzogs Karl August an den Weimarer Hof und avanciert dort innerhalb von zehn Jahren zum Staatsmann und Dichter in beamteter Stellung. Mit der Übernahme des Ministeramtes erlangt Goethe einerseits die Möglichkeit zur dauerhaften Niederlassung, andererseits tritt das Verantwortungsbewusstsein für die neuen Aufgaben im Fürstentum an die Stelle des früheren emotionsbetonen Freiheitsstreben der Sturm-und-Drang Zeit. Durch diese Veränderung im beruflichen Leben wandelt sich auch der Dichter vom einst bürgerlich-revolutionären Genie und dem Urbild des dynamischen und freiheitsliebenden Menschen und Künstler zu einem Gesellschaftsmenschen, der sich mehr und mehr den unterschiedlichen Konventionen und Regelhaftigkeiten in Weimar unterworfen sieht. Goethes Zeit in Weimar ist weitgehend durch einen wachsenden Konflikt zwischen angestrebter individueller Selbstentfaltung und gesellschaftlich Möglichem gekennzeichnet. Die Erkenntnis, dass eine Selbstverwirklichung in gewünschtem Umfang durch gesellschaftliche und private Zwänge kaum realisierbar ist, führt letztlich dazu, dass Goethe im September 1786 aus seinen dienstlichen und privaten Verpflichtungen ausbricht und Italien bereist. Die innere Unzufriedenheit und die Feststellung, dass das eigene literarische Schaffen nahezu zum Erliegen gekommen ist, veranlassen Goethe zur Flucht nach Italien, um sich auf die Suche nach innerer Erfüllung, Selbstfindung und Selbstbestätigung zu begeben.
In Italien und insbesondere in Rom macht Goethe zwei wesentliche
Erfahrungen, die in den 5|PLVFKHQ (OHJLHQ literarisch zum Ausdruck gebracht
werden. Einerseits befindet sich Goethe in einer Art befreitem Zustand, denn er ist frei von materiellen Sorgen und verpflichtenden Zwängen und Bindungen und somit aufgeschlossen für neue und andere Dinge, so auch für die Kunst. Andererseits begegnet Goethe in Rom seinen Idealvorstellungen über die Antike in Form von Bauwerken, Skulpturen, Mythen, literarischen Zeugnissen und letztlich auf dem historischem Boden auch der Geschichte selbst. Die Natürlichkeit und Lebensfreude dieser südlichen Welt bleibt nicht ohne Wirkung. Goethe spricht sogar von der eigenen Wiedergeburt 8 , als deren dichterisches
8 Vgl. Tagebucheintrag der Italienischen Reise zum 3.12.1786 in: Johann Wolfgang von Goethe. Sämtliche Werke. Briefe,
Tagebücher und Gespräche. Vierzig Bände. Hrsg. von Karl Eibl. I. Abteilung: Sämtliche Werke, Bd. 15: Italienische Reise. Hrsg.
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Klaus Ludwig Hohn, 1999, Darstellung und Deutung der bildenden Kunst der Antike in den Römischen Elegien von Johann Wolfgang von Goethe, München, GRIN Verlag GmbH
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