Universität Stuttgart, Institut für Literaturwissenschaft
PS: Das Theater der französischen Klassik: Corneille und Racine
"Phèdre" und "Andromaque".
Zwei Tragödien von Jean Racine
von: Florian Burkhardt
Inhalt
I. Einleitung
II. Andromaque
III. Phèdre
IV. Zusammenfassung
V. Schlussbemerkung
VI. Literaturverzeichnis
I. Einleitung
Jean Racine gilt in der französischen Literaturgeschichte als der klassische Tragödien-autor schlechthin. Wenn von der ‚tragédie classique’ die Rede ist, denkt der heutige Franzose eher an das Theater des 17. Jahrhunderts zur Zeit des Königs Louis XIV und damit auch an Racine als an das antike griechische Theater und etwa Sophokles. Bereits die Zeitgenossen der Französischen Klassik waren zu der Auffassung gelangt, dass die Autoren ihrer Epoche die Antike an literarischer Kunstfertigkeit eingeholt, wenn nicht gar überholt hätten und von nun an selbst als Vorbild für kommende Generationen dienen könnten. Wenn wir von Französischer Klassik sprechen, so meinen wir damit vor allem die Dramen eines Pierre Corneille, Jean Racine und Jean-Baptiste Poquelin (besser bekannt als Molière) und damit die Zeit zwischen 1660 und 1680. Auch wenn es zeitlich weiter gedehnte Definitionen der Französischen Klassik gibt, gelten jene zwanzig Jahre immer noch als die ‚Hochklassik’.
Jean Racine wurde 1639 in La Ferté-Milon geboren. Nach dem frühen Tod seiner Eltern liegt die Erziehung des Knaben in den Händen der Großmutter. Er wurde von 1655-58 in Port-Royal erzogen, in einer jansenistisch geprägten Schule. Nach dem Studium in Paris sollte Racine eigentlich Geistlicher werden, doch wählte er sich die Dichtung zum Beruf und er konnte sich am Hofe des Königs einen Namen machen. Racine war derjenige Dramenautor, der dem sich wandelnden Geschmack des Publikums Rechnung trug. Gefragt sind seit den Fünfzigern immer mehr die ‚livres d’amour’, also Romane, in denen die Liebe eine zentrale Rolle spielt und nicht mehr der heroischgalante Roman.1 Also akzentuierte auch Racine das Thema Leidenschaft in seinen Stücken und hatte Erfolg damit, konnte sogar Pierre Corneilles Nachfolge in der Gunst des Publikums antreten.
Thema dieser Arbeit sollen zwei elementare Dramen von Jean Racine sein, in deren Mittelpunkt eben die Passion steht: Andromaque, das dem Dichter 1667 den Durchbruch beschert und Phèdre, das bis heute als Racines Meisterwerk gilt.2 Beide Dramen werden hierbei analysiert und interpretiert mit dem Ziel, in einer Zusammenfassung eine kurze Charakteristik von Racines Tragödien zu geben.
II. Andromaque
Die 1667 entstandene und uraufgeführte Tragödie Andromaque hat innerhalb des Werkes von Jean Racine deshalb einen so hohen Stellenwert, weil er sich hier erstmals von den vor allem durch Corneille geprägten Normen löst und in eine eigene, kreative Phase eintritt. In Andromaque werden streng die drei Einheiten des Aristoteles beachtet (Raum, Zeit, Handlung) und die Handlung wird in das Innere der Figuren gelegt. Die Gefühle und Beweggründe der Protagonisten sind nun das Thema und die Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben. Held ist nun nicht derjenige, der heroisch und idealistisch in das Schicksal eingreift wie bei Corneille, sondern derjenige, der von seinen Leidenschaften überwältigt wird und diese nicht mehr kontrollieren kann, an ihnen gar untergeht. Dazu braucht es natürlich eines ‚mittleren’ Helden, also eines Protagonisten, der nicht völlig tugendhaft ist, aber auch nicht gänzlich ein Schurke, damit dieser ein Opfer seiner Passion werden kann.
Der Struktur des Dramas liegt eine so genannte Liebeskette zugrunde: Oreste liebt Hermione, Hermione liebt Pyrrhus, Pyrrhus liebt Andromaque und Andromaque liebt ihren verstorbenen Gemahl Hector und ihren Sohn. Die Grundkonstellation erinnert also eher an den Aufbau einer Komödie denn einer Tragödie.3 Die dramatische Aktion entfaltet sich in fünf Akten in der Form eines Kreises: Es beginnt mit den sehnsüchtigen Wünschen Orestes und endet mit dessen Wahnsinn und der Zerstörung all seiner Hoffnungen. Beide Szenen, die erste und die letzte, sind Dialoge zwischen Oreste und Pylade. Den Auftakt des Stückes bildet die Erklärung Orestes seinem Freund Pylade gegenüber, er sei im Auftrag der Hellenen nach Buthrote gekommen, um von König Pyrrhus die Auslieferung von Astyanax, Andromaques Sohn, zu fordern. Doch teilt er auch sogleich seine wahre Absicht mit: Oreste erhofft sich, Hermione, die aber Pyrrhus heiraten möchte, für sich zu gewinnen, da er weiß, dass Pyrrhus eigentlich Andromaque liebt. Darum glaubt Oreste, Phyrrus werde Andromaque zuliebe dem Wunsche der Griechen nicht nachkommen und einen Krieg riskieren. Und Hermione werde so die Aussichtslosigkeit ihrer Liebe vor Augen gestellt und sie werde sich des werbenden Orestes erinnern und erweichen.
[...]
1 Vgl. Nachwort von WOLF STEINSIECK in: JEAN RACINE: Phèdre. Tragédie en cinq actes, Stuttgart 1995.
2 Vgl. JÜRGEN GRIMM (Hg.): Französische Literaturgeschichte, Stuttgart 1999, S. 164.
3 Vgl. HARALD WEINRICH: Tragische und komische Elemente in Racines Andromaque. Eine Interpretation, Münster 1958.
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Florian Burkhardt, 2006, "Phèdre" und "Andromaque". Zwei Tragödien von Jean Racine, Munich, GRIN Publishing GmbH
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