Inhalt
Einf ührung
2. „Dem Schönen, Guten, Baren“ oder der Hauptteil
2.1. Pardon, die Titanic geht unter oder zur Geschichte und Wirkung der NFS
2.2. Das dadaistische Potential der NFS
3. „Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein“ oder zu guter Letzt
Literatur
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1. Einführung
„Die schärfsten Kritiker der Elche, / waren früher selber welche“ 1 , schreibt F.W. Bernstein. Diese Aussage ist nicht nur einfach wahr - war der schärfste Gegner aller Kriegsgegner, besser bekannt als Joschka Fischer, nicht früher selber einer? - sondern die Aussage steht auch beispielhaft für das Werk der Neuen Frankfurter Schule (NFS). Mit eben dieser möchte ich mich auch in dieser Arbeit beschäftigen, ein erstes Problem stellt bereits die Auswahl der zu betrachtenden Autoren 2 da, denn im illusteren, engeren Kreis der Gruppe finden sich Namen wie Robert Gernhardt, F.W. Bernstein (d.i. Fritz Weigle), F. K. Waechter † , Eckhard Henscheid, Bernd Eilert, Hans Traxler, Peter Knorr und Chlodwig Poth † , dazu gesellt sich noch ein großer und versponnener Haufen von Mitläufern und Spätberufenen, deren Beiträge man teilweise bis heute in der Titanic 3 lesen kann, die bekanntesten sind vielleicht Bernd Pfarr † , Wiglaf Droste, Simone Borowiak, Max Goldt oder Thomas Gsella. Sie unterscheidet aber vom ursprünglichen Kreis allein die Tatsache, dass Frankfurt nicht der Mittelpunkt ihres Lebens und Schaffens ist und dieses Schaffen eben nicht direkt durch ´68 beeinflusst und geprägt ist.
Zunächst stellt sich die Frage nach dem Bezug zum Oberthema: DADA, ich möchte zeigen, dass das künstlerische Schaffen der NFS sehr wohl etwas mit DADA zu tun hat und nicht „nur“ typische Blödellyrik ist, die sich in engen Grenzen bewegt. Dazu werde ich mich in erster Linie auf die Kombination von Sprache und Zeichnung konzentrieren, wie man sie meist bei F. K. Waechter und in Form der „Bildgedichte“ auch bei Gernhardt findet. An ausgewählten Beispielen möchte ich demonstrieren, wie sie funktionieren und dass sich so meine These untermauern lässt. Die Vielseitigkeit der NFS werde ich noch an einigen Beispielen der Lyrik Gernhardts, sowie (gezwungenermaßen sehr kurzen) Ausflügen in die Welt im Spiegel 4 -Beiträge, die Kinderliteratur Waechters und in das Romanwerk Henscheids 5 beleuchten.
Als Kriterien für DADA können der spielerische Blick auf und der spielerische Umgang mit Sprache gesehen werden, sie dient nicht der Kommunikation oder Erzählung einer Handlung, sondern ist zum Experimentieren da. Wie man die moderne Kunst der Avantgarde seit dem 20. Jahrhundert - vom italienischen Futurismus über DADA, den Surrealismus, die Wiener Gruppe bis hin zur medialen Performance - als explizite Abgrenzung vom Konventionellen und Sinn-stiftenden, hin zum Experimentellen und zur Revolte definieren kann. Ist die NFS nun avantgardistisch? Oder handelt es sich um bloße Satire, die vielleicht nur den „guten Geschmack“ verletzt und gesellschaftskritisch istwie Avantgardekunst auch - aber eben keine Grenzen umstürzt und sich selbst als „Spiel“ begreift?
1 F. W. Bernstein: Die Gedichte. München 2003
2 Hier muss man der deutschen Sprache ausnahmsweise nicht den berechtigten Vorwurf machen, dass sie in ihrer Pluralbildung die maskuline Form als allgemeingültig setzt, denn Frauen sucht man im ursprünglichen Kreis der NFS leider vergebens.
3 Titanic. Das endgültige Satiremagazin. ist seit 1979 Zentralorgan der NFS und löst als solches die Pardon ab, siehe auch Kapitel 2.1.
4 Welt im Spiegel (WimS) war eine von Gernhardt, Waechter und Bernstein „verbrochene“ Zeitungsparodie, die von 1964-1976 ständige Beilage der Pardon war
5 Ich beschränke mich hierbei auf: Eckhard Henscheid: Die Vollidioten.
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Ich denke, dass meine Beispiele zeigen, dass die NFS im Bereich der Kombination von Schrift und Bild durchaus den Weg des Nonsens und des Spiels weiter geht, den die Dadaisten in Zürich begonnen haben, wenn man bei der NFS aber ein dadaistisches Potential feststellen kann, dann mit Sicherheit nicht in dem Extrem, wie es etwa bei der Wiener Gruppe vorhanden ist. Zunächst werde ich einen groben Überblick über Ursprung und Entwicklung der NFS von damals bis heute geben, dabei auf die wichtigsten Namen und Werke kurz eingehen um dann mit Hilfe der angedeuteten Beispiele meine These zu beweisen.
Die Eingrenzung eines so weiten Themas ist schon eine Kunst und somit bitte ich darum, zu respektieren, dass ich mich leider nicht - so viel Bedeutung sie auch verdienen mag - intensiv mit der Satire beschäftigen, denn Satire ist, auch und gerade durch Titanic und Pardon wahrscheinlich das zentrale Mittel der NFS, doch neben Einblicken in das dadaistische Potential noch einen Überblick über die Satire als Gattung und ihr komisches Potential in der NFS würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, und wird daher nur im kurzen historischen Abriss zur Sprache kommen. Denn Satire ist gesellschaftskritisch und Gesellschaftskritik ist auch eines der primären Anliegen der NFS, so wird deutlich, dass die Orientierung an der Frankfurter Schule mit ihrer Kritischen Theorie in der Namensgebung nicht nur Spielerei ist, sondern auch einen ernsten Unterton hat. Zur näheren Beschäftigung mit dem Thema Satire und NFS empfehle ich die Dissertation Klaus Cäsar Zehrers. 6 Am schwierigsten sind die Kriterien zu finden, nach denen sich so etwas wie dadaistisches Potential messen lässt, denn so etwas gibt es nicht. Soll man in einem Koordinatensystem eintragen, wie dadaistisch ein Gedicht ist? Das würde am Ende nur zu einem schönen Muster, aber nicht zu viel Erkenntnis führen. Vielleicht wäre es sogar komisch, doch wie Helga Kotthoff festgestellt hat gilt: „Komikanalytiker/innen haben nicht den Anspruch, selbst komisch zu sein. Kriminologen sind ja meist auch nicht kriminell.“ 7 Da diese Untersuchung also ernsthaften Ansprüchen folgt, stelle ich, bevor ich an das Untersuchen gehe, noch meine Sicht auf das Forschungsobjekt vor. Mein persönlicher Eindruck ist es, den ich versuche über die intensive Beschäftigung mit dem Werk der NFS zu bestätigen und ich sehe DADA dann, wenn mit Kunst an sich gespielt wird, das „nicht mehr Ernst nehmen“ eines an sich ernsthaften Sujets - etwa der Forderung nach einem tieferen Sinn von Kunst oder der ernsthaften Handlung eines Romans - ist bereits DADA und ich wende diese Sicht auch in dieser Untersuchung in Bezug auf die NFS an.
Nun aber endgültig in medias res: denn gesprochen wurde schon genug, aber es heißt doch: „Wer schreibt bleibt / Wer spricht nicht.“ 8
6 Klaus Cäsar Zehrer: Dialektik der Satire. Zur Komik von Robert Gernhardt und der „Neuen Frankfurter Schule“. Diss. Bremen 2003
7 Helga Kotthoff: Spaß Verstehen. Zur Pragmatik von konversationellem Humor. Tübingen 1998, S. 5
8 Robert Gernhardt: Reim und Zeit. Stuttgart 2001
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2. „Dem Schönen, Guten, Baren“ oder der Hauptteil
2.1. Pardon, die Titanic geht unter oder zur Geschichte und Wirkung der NFS
Robert Gernhardt beschreibt die Ursprünge der NFS gerne in Bezug auf die Situation in der BRD in den 60er Jahren 9 , er meint, dass auch die Experimente und Satiren in der Pardon die Ereignisse um ´68 erst vorbreitet und ermöglicht haben - fast so, als könne man von einer neuen Vormärz-Literatur sprechen. Die Redaktion der Pardon hat sich schon damals zur Aufgabe gemacht die „Grenzen der Satire“ selbst zu bestimmen, also bewusst gegen zuvor respektierte Konventionen zu verstoßen und kein Tabu auszulassen. In den 60er Jahren sind damit natürlich in erster Linie sexuelle und politische Scherzchen gemeint, von denen einige heute als reichlich belanglos gelten würden, die damals aber auf der einen Seite für Empörung sorgten, auf der einen Seite aber das vorwegnahmen, was während der Studentenbewegung auch geschah.
Als Beispiel für eine dieser sexuellen Anspielungen soll hier das recht bekannte Bildgedicht „Munter, munter!“ von Robert Gernhardt dienen. An den hingesudelten Bildern ist noch nichts wirklich komisches und auch der banale Gedichttext: „Der Kragenbär der holt sich munter / einen nach dem anderen runter“ 10 ist in erster Linie eines: platt. Durch die Kombination dieser beiden Kunstformen entsteht allerdings Komik auf einer höheren Ebene, beachtet werden sollte hier insbesondere der empörte Gesichtsausdruck des Bären auf Bild drei, der sich über den Beobachter (respektive Leser) aufregt und ihn somit direkt in die sexuelle Thematik hinein zieht. Diesen Aspekt kann man als Beispiel für das dadaistische Potential sehen. Die Wirkung solcher Harmlosigkeiten lässt sich in der eher prüden BRD der frühen sechziger Jahre gut ausmalen, eine gewisse Empörung seitens der etablierten Schichten auf der einen und eine belustigt-beschwingte Aufnahme im studentischalternativen Bereich - aus und in dem sich auch die späteren Mitglieder der NFS sammeln - auf der anderen Seite.
So wird die Pardon-Redaktion in Frankfurt zum Hort der Ideen, der bis in die späten Siebziger auch trefflich ausgeschlachtet wird, nicht nur Beiträge wie Welt im Spiegel 11 werden geboren, auch die ersten größeren Buchveröffentlichungen, also etwa Die Wahrheit über Arnold Hau und Die Vollidioten entstehen in diesem Zirkel.
Welt im Spiegel ist eine Zeitungsparodie in einer Zeitung - noch dazu in einer Satirezeitung, der Charakter der Parodie wird hier über mehrere Ebenen erhöht und von simplen Parodien und Satiren auf die Berichterstattung gewisser „leicht bescheuerter Provinzblätter, von der FAZ bis zur Bäckerblume“ 12 entwickelt sich auch ein dadaistsiches Element, etwa ein völlig sinnentleertes
9 Ich nehme Bezug auf eine Lesung Robert Gerhardts an der Albert-Einstein-Schule Schwalbach im Jahr 2003, vgl. http://aesmtk.de/Faecher/Sprachlicher_Schwerpunkt/Deutsch/Schwerpunkte/index.htm (18.09.2005)
10 Robert Gernhardt: Vom Schönen, Guten, Baren. Gesammelte Bildergeschichten und Bildgedichte. Zürich 1997, S.376., s. Anhang Abb. 1
11 Vgl. Kapitel 2.2.
12 WimS wieso. In Robert Gernhardt, F. W. Bernstein u. F. K. Waechter: Welt im Spiegel. WimS 1964-1976. Frankfurt 1979, S. 320
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Arbeit zitieren:
Adrian Breul, 2005, Das dadaistische Potential der Neuen Frankfurter Schule, München, GRIN Verlag GmbH
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