Strukturprobleme und Entwicklungspotentiale des heutigen Irak Examensarbeit von Thomas Drews
Inhaltsverzeichnis
Tabellen- und Abbildungsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis
1. Einleitung
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1.1 Fragestellungen
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1.2 Aufbau der Arbeit
2
2. Historischer Abriss des Landes
3
2.1 Geschichte bis zur Gründung 1921
3
2.1.1 Die altorientalischen Reiche
4
2.1.2 Die arabisch-islamische Blütezeit
4
2.1.3 Die osmanische Herrschaft
6
2.2 Vom Königreich zur Republik (1920-1958)
7
2.2.1 Die Gründung des modernen Irak
9
2.2.2 Zwischenkriegsjahre und „Scheinunabhängigkeit“
10
2.2.3 Der Zweite Weltkrieg und die Folgen
13
2.2.4 Das Ende der Monarchie
15
2.3 Von der Republik zur Diktatur (1958-1979)
17
2.3.1 Das republikanische Experiment
17
2.3.2 Konsolidierung der Baath-Partei
20
2.4 Von der Diktatur zum Neubeginn (1979-2003)
26
2.4.1 Errichtung der Diktatur
26
2.4.2 Der irakisch-iranische Krieg (1. Golfkrieg)
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2.4.3 Die Annexion Kuwaits (2. Golfkrieg)
30
2.4.4 Irak unter dem Embargo
33
2.4.5 Der Irak im Visier des Anti-Terror-Krieges der USA (3. Golfkrieg)
35
2.4.6 Zusammenbruch und Chaos
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I
Strukturprobleme und Entwicklungspotenziale des heutigen Irak Examensarbeit von Thomas Drews
3. Strukturprobleme des „neuen“ Irak Strukturprobleme des „neuen“ Irak
39
3.1 Das Aufbrechen alter ethnischer Probleme
39
3.1.1 Die Schiiten - Übernahme der politischen Führung?
40
3.1.2 Die Sunniten - Vom Herrscher zum Beherrschten?
41
3.1.3 Die Kurden - Abspaltung oder Mitgestaltung?
43
3.2 Der Wiederaufbau des Irak - Hoffnungen und Realitäten
44
3.2.1 Zielvorstellungen für einen Neuanfang
44
3.2.2 Was lief bis jetzt verkehrt?
46
3.2.3 Das Problem der anhaltenden Gewalt und des importierten Terrors
49
3.2.4 Das Problem der Arbeitslosigkeit
54
3.2.5 Das Problem der Korruption
56
3.3 Die Bedeutung des Erdöls für Konfl ikt, Kooperation und Gewalt im Irak
und in der Golfregion
57
3.3.1 Die strukturelle Prägekraft des Erdöls
58
3.3.2 Öl als strategisches Potenzial im Irak
59
3.3.3 Öl und Geostrategie
62
4. Wohin geht der Weg? -
Szenarien und Entwicklungspotenziale des zukünftigen Irak Szenarien und Entwicklungspotenziale des zukünftigen Irak
62
4.1 Chancen für einen demokratischen Irak?
63
4.1.1 Die Option einer kurzfristigen Besatzung
64
4.1.2 Die Option einer langfristigen Besatzung
66
4.1.3 Wer hat eigentlich Interesse an einem demokratischen Irak?
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4.2 Autoritäres Marionettenregime?
69
4.2.1 Wer übernimmt die Macht?
69
4.2.2 (über-)regionale Auswirkungen?
71
III
4.3 Fragmentierung des Irak?
71
4.3.1 Auseinanderbrechen und regionale Erneuerung?
72
4.3.2 (Koordinierte) Teilung?
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5. Schlussbemerkungen und Ausblick Schlussbemerkungen und Ausblick
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Literaturverzeichnis
IV
Strukturprobleme und Entwicklungspotentiale des heutigen Irak Examensarbeit von Thomas Drews
Tabellen- und Abbildungsverzeichnis
Tabellen
Tab. 1: Vermutete Kosten für den irakischen Wiederaufbau (Schätzung der Weltbank) 46 Tab. 2: Vermutete Anzahl der Aufständischen im Irak 53
Tab. 3: Vermutete Anzahl der Ausländer unter den Aufständischen im Irak 53
Tab. 4: Arbeitslosenquote des Irak seit Mai 2003 55
Tab. 5: Erdölexport des Irak seit Mai 2003 60
Tab. 6: Priorität der Regierungsaufgaben nach Ansicht der irakischen Bevölkerung 65
Abbildungen
Abb. 1: Der Fruchtbare Halbmond 5
Abb. 2: Das Sykes-Picot Abkommen von 1916 8
Abb. 3: Das Sunnitische Dreieck 25
Abb. 4: Die Flugverbotszonen im irakischen Luftraum während des UN Embargos 33
Abb. 5: Der Dritte Golfkrieg 2003 37
Abb. 6: Anschläge auf irakische Erdölpipelines, Förderanlagen und Personal 50
Abb. 7: Anzahl getöteter nicht-irakischer Zivilisten (inkl. Unternehmer) seit Mai 2003 51 Abb. 8: Anzahl monatlich getöteter irakischer Ordnungskräfte (Militär und Polizei) 52
Abb. 9: Gefallene US Soldaten seit dem 19.März 2003 67
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Strukturprobleme und Entwicklungspotentiale des heutigen Irak Examensarbeit von Thomas Drews
CENTO Central Treaty Organization CIA Central Intelligence Agency FNE Front der Nationalen Einheit GKR Golf Kooperationsrat IKP Irakische Kommunistische Partei INOC Iraq National Oil Company IPC Iraq Petroleum Company KDP Kurdische Demokratische Partei NATO North Atlantic Treaty Organization NRRK Nationaler Rat des Revolutionären Kommandos OPEC Organization of Petroleum Exporting Countries PCO Iraq Project and Contracting Offi ce PLO Palestine Liberation Organization PUK Patriotische Union Kurdistans SCIRI Supreme Council of Islamic Revolution In Iraq UN United Nations UNSCOM United Nations Special Commision VAR Vereinigte Arabische Republik
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Strukturprobleme und Entwicklungspotenziale des heutigen Irak Examensarbeit von Thomas Drews Strukturprobleme und Entwicklungspotenziale des heutigen Irak Examensarbeit von Thomas Drews Strukturprobleme und Entwicklungspotenziale des heutigen Irak Examensarbeit von Thomas Drews
1. Einleitung
Das Gebiet des heutigen Irak, die fruchtbare Region um die beiden Ströme Euphrat und Tigris, gehört zu den ältesten Kulturlandschaften der Welt. Nach dem Untergang der alten orientalischen Hochkulturen und Reiche wurde es zum Mittelpunkt des Perserreiches und ab dem achten Jahrhundert zum Kernraum des islamischen Weltreiches. Bis 1918 war es Teil des Osmanischen Reiches und stand nach Gründung des modernen Irak 1921 unter britischer Mandatsherrschaft. Das mit reichen Ölvorkommen gesegnete Land konnte seine volle Unabhängigkeit nur unter großen Opfern erkämpfen. Immer wieder wechselnde Staatsformen, Regierungsumstürze und Putschversuche, Interventionen externer Großmächte und fortwährende Konfl ikte mit den Nachbarstaaten ließen die Bevölkerung auch in der Folgezeit kaum zur Ruhe kommen. Saddam Hussein und sein totalitäres Unterdrückungsregime seit 1979 sowie drei Kriege führten den Irak schließlich an den Rand des Abgrundes. Die große Masse der Iraker hatte unter drei Dekaden baathistischer Herrschaft nicht nur nahezu alle bürgerlichen Rechte verloren, sondern litt auch unter großen wirtschaftlichen und menschlichen Repressalien.
Der Irak wurde 2003 durch einen heftigst umstrittenen Militäreinsatz unter Führung der USA und Großbritanniens von dem Regime Saddam Husseins befreit und steht an einem Neuanfang. Zunächst waren die allierten Streitkräfte darum bemüht, die Kontrolle sowohl über den Sicherheitsapparat des Landes als auch über die wirtschaftlichen Ressourcen wie über die Verfassungsgebung zu behalten. Vor diesem Hintergrund kam es zu einem Anwachsen des bewaffneten Widerstandes gegen die Besatzungstruppen, welcher sich zunächst auf das sogenannte „Sunnitische Dreieck“ um Bagdad konzentrierte, zunehmend jedoch auch den kurdischen Norden und den schiitischen Süden erfasst. Erfolg wie Misserfolg beim laufenden gesellschaftlichen und politischen Umbruch im Irak sind davon abhängig, ob die irakischen Gegebenheiten und das komplizierte Beziehungsgefl echt, welches die Heterogenität des Landes widerspiegelt, in der Art und Weise verstanden und bewertet werden können, dass nach der Übergangsphase eine Regierung gebildet werden kann, welche innerhalb der irakischen Gesellschaft die nötige Legitimität besitzt. Letzten Endes ist es jetzt Aufgabe der Koalitionstruppen und, trotz aller vorherigen Differenzen, auch der internationalen Gemeinschaft, die unterschiedlichen irakischen Ansprüche auf Macht und Einfl uss zu navigieren und dem Übergangsprozess eine sichere Grundlage zu bieten.
Ob und wann dieser Prozess zu einem Ende kommt ist aktuell indes nicht absehbar. Das gesamte irakische Staatsgebilde und seine Institutionen leiden unter großen Strukturproblemen wie Arbeitslosigkeit und anhaltender politischer Gewalt, dessen Lösungen bislang auf sich warten lassen. Trotz vorhandener Potenziale, allem voran der Erdölreichtum des Landes, bleibt die Zukunft des Irak ungewiss.
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Strukturprobleme und Entwicklungspotenziale des heutigen Irak Examensarbeit von Thomas Drews
1.1 Fragestellungen
Der Anspruch an die umfassende Sichtweise auf die Strukturprobleme und die Entwicklungspotenziale des heutigen Irak erfordert eine vielseitige Herangehensweise an die konkreten Phänomene, die den Konfl ikt konstituieren.
Bevor Probleme und Potenziale erötert und analysiert werden können, kommt man nicht umhin, sich ausführlich der jüngeren Geschichte des Irak zu widmen. Will man sich der ganzen Komplexität des irakischen Problems nähern und den Versuch unternehmen, diese zu verstehen, muss man die Geschichte des Landes kennen. Der rote Faden wird in diesem Teil von der Frage bestimmt: Was hat den Irak zu dem gemacht, was er heute ist? Eine weitere Teilfrage, welche einer Beantwortung bedarf, ist: Was sind die materiellen und ökonomischen Triebkräfte des Geschehens, welche das externe Interesse immer wieder auf den Irak und dessen Ressourcen, wie etwa das Öl, lenkten?
Mit den historischen Zusammenhängen als Grundlage wird der Versuch unternommen, sich den aktuellen Strukturproblemen und Entwicklungspotenzialen zu nähern. Die Leitfragen in diesem Abschnitt sind: Kann das Projekt einer „externen Demokratisierung“ auf einen Staat wie den Irak überhaupt angewendet werden? Kann der Irak, angesichts seiner Geschichte, überhaupt als föderativer Staat regiert werden? Was kann eine zukünftige irakische Regierung tun, um die Strukturprobleme des Landes zu lösen? Welche Entwicklungspotenziale besitzt der Irak?
Die Beantwortung dieser Fragen sollen dabei helfen, das vielschichtige Beziehungsgefl echt, welches den Irak umgibt, zu verstehen und einzuordnen.
1.2 Aufbau der Arbeit
Zunächst erfolgt im zweiten Kapitel ein geschichtlicher Abriss der jüngeren Geschichte des Irak. Vollständigkeit soll hier nicht das wichtigste Qualitätsmerkmal sein. Gleichwohl wird ein wissenschaftlich fundierter Überblick des modernen Irak gegeben, welcher anhand der wichtigsten historischen Akteure und der herausragenden historischen Einschnitte heutige Ereignisse und Zusammenhänge verständlicher machen will. Diesem Anliegen entsprechend, werden immer wieder Bezüge zur Gegenwart aufgezeigt.
Die Strukturprobleme, welche die Entwicklung im Irak aktuell belasten, werden im dritten Kapitel dargelegt. Zunächst werden die Verhältnisse und Prozesse der verschiedenen Akteure im Irak besprochen, wobei besonderes Augenmerk auf deren aktuelle Situation und deren zukünftige Stellung gelegt werden soll. Daraufhin wird der Wiederaufbauprozess im Irak kritisch aufgearbeitet. Anschließend soll die herrausragende Stellung des irakischen Erdöls gesondert betrachtet werden.
Im vierten Kapitel werden einige Entwicklungsszenarien des Irak vorgestellt. Anhand ver
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Strukturprobleme und Entwicklungspotenziale des heutigen Irak Examensarbeit von Thomas Drews
schiedener Prämissen wird hier analysiert, welche Vorraussetzungen wahrscheinlich zu einer einheitlichen Demokratie, zu einem autoritären Staat oder zu einer (gewaltsamen) Teilung führen würden.
Abschließend folgen im fünften Kapitel einige zusammenfassende Schlussbemerkungen. Zudem werden Überlegungen angestellt, welches Szenario für den Irak am wahrscheinlichsten ist.
2. Historischer Abriss des Landes
Kaum ein Land des Nahen und Mittleren Ostens ist durch so viele und lang andauernde Konfl ikte gegangen wie der Irak. Wie andere Länder der Region ist der Irak von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs nach deren strategischen Bedürfnissen erschaffen worden, unabhängig von den großen religiösen und ethnischen Gegensätzen, die im neu geschaffenen Irak augenfällig gewesen sein müssen und bis heute andauern. Wer dieses Land heute verstehen will, muss seine Geschichte kennen. Beschäftigt man sich mit dieser, erkennt man den Ersten Weltkrieg schnell als Dreh- und Angelpunkt, denn bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts spielten die drei osmanischen Verwaltungsbezirke Mossul, Bagdad und Basra keine große Rolle in der internationalen Politik. Jedoch kann der heutige Irak, wie beispielsweise der Anspruch auf Kuwait oder die Rolle der Schiiten, nicht durch die letzten 100 Jahre seiner Geschichte erklärt werden. Aus diesem Grunde soll der geschichtliche Abriss mit einem Überblick über die historischen Fundamente des modernen Irak beginnen.
2.1 Geschichte bis zur Gründung 1921
Das Gebiet des heutigen Irak gehört mit zu den ältesten Kulturlandschaften der Erde, da es zum Gebiet des sogenannten „Fruchtbaren Halbmonds“gehört.
Jäger und Sammler gingen in diesem Gebiet bereits im 10. und 9. Jahrtausend v. Chr. zum Ackerbau über und betrieben Viehhaltung. Dauerhafte Besiedlung ist im heutigen Nordirak seit dem 7.Jahrtausend v. Chr. nachgewiesen. Vereinfacht lässt sich die Vorgeschichte des modernen Irak in drei Hauptabschnitte gliedern.
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2.1.1 Die altorientalischen Reiche
Das fruchtbare Schwemmland am Unterlauf von Euphrat und Tigris wurde ab dem 4. Jahrtausend v. Chr. von den Mesopotamiern in Besitz genommenen und urbar gemacht. Parallel zu den Ägyptern bildete sich hier zwischen 3200 und 2800 v. Chr. die Hochkultur der Sumerer heraus. Hier entstand beispielsweise mit der Keilschrift eine der frühesten Schriften der Menschheit. Um 2000 v. Chr. verfi elen die sumerischen Städte durch Erschöpfung und Versalzung der Böden. Weiter nördlich entstand aber nahezu gleichzeitig ein weiteres Großreich mit Babylon als Mittelpunkt. Das etwa 500 Jahre währende altbabylonische Reich brachte eine der ersten Rechtssammlungen der Menschheit hervor. Von 1500 bis ca. 500 v. Chr. war zunächst Assyrien und später das neubabylonische Reich die vorherrschende Macht im Zweistromland. Letzteres zerfi el 539 v. Chr. unter dem Ansturm der persischen Achäminiden. Zwei Jahrhunderte später begründete Alexander der Große mit der Eroberung Babyloniens die hellenistische Ära Mesopotamiens. Die Alexander nachfolgende Diadochenlinie regierte das Land die nächsten 200 Jahre lang. Anschließend folgte eine lange Zeit der Herrschaft weiterer persischer Dynastien bis es Mitte des 7. Jahrhunderts n. Chr. zur arabischen Eroberung Mesopotamiens kam (Vgl. hierzu auch ABDULRAHMAN 1984, S. 8ff, FÜRTIG 2003b S. 11f und TRIPP 2000 S. 9ff).
2.1.2 Die arabisch-islamische Blütezeit
Die letzte persische Dynastie der Sassaniden brach zwischen 633 und 640 unter dem Druck der aus der arabischen Halbinsel herandrängenden islamisierten Araber zusammen. Der entscheidende Sieg gelang den Arabern 637 bei Qadisiyya. Dieses Datum ist insofern von Bedeutung, als dass Saddam Hussein sich dessen bediente, die „ewige“ Überlegenheit der Araber über die Perser zu symbolisieren und damit den ersten Golfkrieg gegen den Iran 1980 bis 1988 zu legitimieren. Obgleich das Zentrum dieser ersten islamischen Dynastie in Damaskus lag, entstanden im Irak relativ zügig Städte wie Basra und Kufa, von denen aus die Islamisierung des Landes rasch vorangetrieben werden konnte. Kalif Ali, der für den schiitischen Islam von zentraler Bedeutung ist, wählte Kufa zu seiner Residenzstadt. Die heute heiligen Ortschaften des schiitischen Islams auf irakischem Boden lassen sich auf die Aus-einandersetzung der Söhne Alis, Hassan und Hussein, zurückführen. Gerade der gewaltvolle Tod des Hussein, er war 680 auf dem Weg nach Kufa in Kerbala in einen Hinterhalt geraten und ermordet worden, bedeutet für die Schiiten den Ausgangspunkt ihres Unterdrücktendaseins. Von da an führten die Sunniten, sie hatten den gesamten Machtbereich des schiitischen Kalifats übernommen, die Geschicke des Zweistromlandes; zuerst aus Damaskus, später aus Bagdad. Doch die schiitische Bewegung brach nach der Niederlage von Kerbala keineswegs zusammen, das Gefühl der Ungerechtigkeit und die Ressentiments gegen das
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sunnitische Kalifat sollten sich in der Folgezeit noch verstärken. Der gewaltsame Tod des Hussein bei Kerbala macht diese Stadt im Irak zum Geburtsort des Schiismus. So kommt es auch heutzutage in den heiligen Städten des Irak zu massenhaft Selbstkasteiungen von schiitischen Gläubigen zu Ehren des ermordeten Hussein.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Fruchtbarer_Halbmond.JPG
In der Folgezeit wurde das Land durch einen wirtschaftlichen Aufschwung zum Zentrum der arabisch-islamischen Kultur. Im 7. und 8. Jahrhundert kam es zur Blüte von Handel, Handwerk und Landwirtschaft. Hierfür stehen Belege von Handelsverbindungen nach Südostasien und China sowie dem umfangreichen Ausbau der Bewässerungssysteme. Mit „1001 Nacht“ erreichten auch Kunst und Kultur eine Hochphase.
Zu dieser Zeit wurde die Unterteilung von Arabern und Nichtarabern durch die Unterscheidung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen ersetzt. Diese Neuordnung öffnete den Persern den Zugang zu höheren Ämtern, die Mitte des 10. Jahrhunderts auch die Macht im Reich übernahmen. Mitte des 13. Jahrhunderts eroberten die Mongolen das Zweistromland, welche sich dort für etwa 150 Jahre festsetzen sollten.
Unter den mongolischen Dynastien verfi el das Land und wurde 1400 von den Armeen Timurs verwüstet. Als Bagdad 1534 von den Osmanen erobert wurde, endete eine lange his-torische Epoche der Instabilität und des Niedergangs (Vgl. hierzu auch HALM 2001, S. 23ff, HEINE 2002, S. 13f und TRIPP 2000, S.12ff).
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2.1.3 Die osmanische Herrschaft
Die Osmanen gliederten das Zweistromland, welches von der einheimischen arabischen Bevölkerung „Irak“ genannt wurde, ihrem Reich bis 1918 ein. Für die Osmanen hatte der Irak eine absolute Randlage, deshalb bedurfte es nach deren Ansicht keiner großen Aufmerksamkeit. Die osmanischen Statthalter waren viel mehr an persönlicher Bereicherung als an der Entwicklung des Landes interessiert. Infolgedessen verarmten große Teile des Landes und auch die lebensnotwendigen Bewässerungssysteme versandeten. Unter diesen Umständen konnten einzelne lokale Herrscher, welche lange Zeit als Verwalter eingesetzt waren, sich der osmanischen Oberherrschaft immer wieder entziehen. Um Sezessionsbestrebungen entgegenzutreten, wurde der Irak 1831 der Direktverwaltung durch Istanbul unterstellt. Ende des 19. Jahrhunderts veranlassten die Osmanen eine Ver-waltungsreform im Irak, die 1879 die selbstständige Provinz Mossul und 1884 die separate Provinz Basra entstehen ließ. Diese beiden Provinzen bildeten gemeinsam mit Bagdad die territorialen Vorläufer des modernen Irak.
In diese Zeit fällt der auch heute immer noch aktuelle irakische Anspruch auf Kuwait. Mitte des 18. Jahrhunderts erkannte die Herrscherfamilie von Kuwait die Oberhoheit des osmanischen Reiches über ihren Herrschaftsbereich an. Nach der irakischen Verwaltungsreform und der Einrichtung der Provinz Basra, zahlte der Emir von Kuwait seine Tribute nun an diese nächstgelegene osmanische Provinz. Irakische Regierungen argumentierten bis heute, dass Kuwait dem Einzugsbereich des Gouverneurs von Basra unterstanden habe und durch Tributzahlung auch dessen Oberhoheit anerkannte. Deshalb wäre es nur legitim, dass ehemals abhängige Territorium wieder mit der ehemaligen Provinz zu vereinen (Vgl. STORCK/ LESCH 1990, S.10ff).
Zu dieser Zeit befand sich der „kranke Mann am Bosporus“, wie das im Niedergang befi ndliche Osmanische Reich genannt wurde, nicht mehr in der Lage, sein Territorium zusammenzuhalten. Einerseits hatten veraltete Strukturen und Korruption das Reich von innen heraus geschwächt, andererseits lud gerade diese Schwäche die europäischen Großmächte dazu ein, ihren Konkurrenzkampf um die Aufteilung der Welt auch auf osmanischem Territorium auszutragen. Die Briten sahen im Irak die Möglichkeit eines direkten Landweges zur indischen Kronkolonie und gründeten 1861 ein Monopol für den Schiffsverkehr auf dem Schatt al-Arab bis zum Hafen von Basra. Unterdessen plante das deutsche Kaiserreich den Bau einer Eisenbahnlinie in den Mittleren Osten, der sogenannten Bagdadbahn, und erhielt gegen den Einwand der Briten die Genehmigung aus Istanbul, den Eisenbahnbau bis zum Persischen Golf zu betreiben. Trotz dieser diplomatischen Niederlage gelang es der britischen Regierung, ihre Position durch Protektoratsabkommen mit ansässigen arabischen Führern zu festigen (Vgl. hierzu auch CLEVELAND 1994, S.190ff und HEINE 2002, S. 14f). Nachdem das Osmanische Reich als Verbündeter des deutschen Kaiserreichs in den 1. Welt-
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krieg (1914-1918) eingetreten war, besetzten britisch-indische Verbände im November 1914 Basra und drangen von dort aus nach Norden vor. Nach längeren Kämpfen gegen deutsche und osmanische Truppen marschierten die Briten im März 1917 „als Freunde der Araber“ (FÜRTIG 2003b, S. 15) in Bagdad ein; im Oktober 1918 war Mesopotamien dann vollständig unter britischer Militärkontrolle. Die arabischen „Freunde“ litten allerdings in erster Linie durch grassierenden Hunger und Epidemien. 1917 kam es vielerorts im Lande zu Hungerrevolten. Als das Osmanische Reich am 30. Oktober 1918 kapitulierte, war den meisten Irakern deshalb das Ende des vierjährigen Krieges wichtiger als das Ende von 400 Jahren osmanischer Fremdherrschaft.
2.2 Vom Königreich zur Republik (1920-1958)
Am Ende des Ersten Weltkriegs waren die Briten zumindest formal im Besitz eines Landes, das äußerst schwierig zu regieren war. Darüber hinaus waren endgültige Regelungen für das Erbe des Osmanischen Reiches noch nicht getroffen worden. Die Briten stützen sich bei der Verwaltung des Landes zunächst auf die vorhandenen sunnitischen Eliten sowie auf jüdische und christliche Minderheiten. Wieder einmal blieb die Mehrheit der Bevölkerung somit von den politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen. Die Verwaltungsmöglichkeiten waren allerdings begrenzt, da sich die Alliierten Frankreich und England über die endgültigen Grenzen des werdenden Staates nicht einig waren. Um sich die Unterstützung der Araber bei einem militärischen Aufstand gegen das Osmanische Reich zu sichern, hatte die britische Regierung zu Beginn des Krieges einer Gruppe arabischer Führer für den Fall einer erfolgreichen Revolte und dem alliierten Sieg über das Osmanische Reich die Gewährung eines unabhängigen arabischen Staates versprochen. Der Sharif von Mekka, Hussein, und seine Söhne Faisal und Abdallah, hatten daraufhin mit den Briten, angeführt vom berühmten Lawrence von Arabien, während des wenig später auffl ammenden arabischen Aufstandes gegen die Osmanen, zusammen gearbeitet. Da die Araber ihren Teil der Abmachung eingehalten hatten, gab es für die Iraker 1918 also allen Grund, von der Einlösung der britischen Versprechungen auszugehen. Was sie nicht wissen konnten, war, dass sich die britische Regierung schon 1916 mit Frankreich über die Aufteilung der arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches geeinigt hatte. Das nach den französischen und britischen Diplomaten Charles Francois Georges Picot und Sir Mark Sykes benannte Geheimabkommen bedeutete nichts weniger als den Bruch aller Zusagen gegenüber den Arabern (s. Abb. 2).
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Die Briten verletzten aber mit der Besetzung der Provinz Mossul sogar dieses Geheimabkommen; die vermuteten reichen Erdöllagerstätten der Provinz stellten einen zu starken Anreiz dar. Zudem wollten sie die Provinz nicht der jungen türkischen Republik überlassen, welche von jener Zeit an immer wieder Ansprüche auf das Gebiet geltend machen wollte. Großbritannien wähnte seine Stellung sicher genug, um sich auf der Konferenz von San Remo am 25. April 1920 vom Völkerbund das Mandat über den Irak erteilen zu lassen und damit gleichzeitig den arabischen Forderungen endgültig eine Absage zu erteilen. Als die neuen Machthaber in Russland die Bestimmungen des Sykes-Picot Abkommens nach der Oktoberrevolution 1918 publik machten, wurde den Arabern die wahren Absichten Großbritanniens auch im Irak offenkundig: die direkte Kontrolle des Landes. Schon Ende 1918 hatten erste Unruhen das Land erfasst und im August 1920 befanden sich weite Teile Iraks, bis auf Bagdad und die Provinzhauptstädte Basra und Mossul, nicht mehr unter britischer Kontrolle. Bemerkenswert war die Zusammenarbeit der schiitischen Bevölkerungsmehrheit und den sunnitischen Arabern, die unter den Osmanen privilegiert gewesen waren und sich jetzt gemeinsam gegen die britische Vorherrschaft aufl ehnten. Die Wucht dieser sogenannten „Revolution von 1920“ hatte die Briten völlig überrascht, da in London die feste Überzeugung vorherrschte, dass die einheimische Bevölkerung zur Selbstverwaltung nicht in der Lage war („white man´s burden“). Als die Briten ihre Truppenkontingente verstärkten und auch noch Flugzeuge zur Bekämpfung der Aufständischen einsetzten, brach der Aufstand zusammen. Durch die Niederschlagung dieser „Revolution von 1920“ war den Briten jedoch klar geworden, dass eine administrative Lösung für den Irak gefunden werden musste, die zumindest von den wichtigen Teilen der Bevölkerung akzeptiert wurde (Vgl. hierzu auch SLUGLETT 1976, S. 28ff und PRESTON 2003, S. 230ff).
2.2.1 Die Gründung des modernen Irak
Im März 1921 beschlossen die Briten auf der Konferenz von Kairo den Übergang von einer direkten zu einer indirekten Herrschaft im Irak. Dafür bot sich aus britischer Sicht Faisal, Sohn von Sharif Hussein und Spross der Haschimiten-Dynastie aus dem Hijaz an. Durch seine Herkunft und seine Stellung als prominenter Sunnit besaß dieser im Irak keine eigene Basis und war daher auf britisches Wohlwollen angewiesen. Nichtsdestoweniger stammte er jedoch aus der Familie des Propheten Muhammad und verfügte von daher über eine gewisse religiöse Autorität, der sowohl von sunnitischer wie auch von schiitischer Seite Achtung entgegengebracht wurde.
Trotz der offenkundigen Risiken nahm Faisal das britische Angebot an, König des Irak zu werden. Er brachte eine Reihe von Beratern mit ins Land, welche an den Vorbereitungen einer verfassungsgebenden Versammlung teilnahmen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, gehörten alle Berater Faisals der sunnitischen Konfession an. Natürlich blieben die Briten
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aber die entscheidende Kraft im Irak. Vor allem im Bereich der Außenpolitik und der militärischen Fragen behielten die Briten weiterhin die Entscheidungsgewalt. Die Rolle Großbritanniens wurde am 10. Oktober 1920 im sogenannten britisch-irakischen „Bündnisvertrag“ festgeschrieben. London verpfl ichtete sich für den Irak innerhalb einer zwanzigjährigen Vertragslaufzeit die Aufnahme in den Völkerbund zu erwirken, die Mandatsherrschaft zu beenden und das Land in die Unabhängigkeit zu entlassen. Damit war die indirekte Herrschaft für zwei Jahrzehnte festgeschrieben (Vgl. DANN 1988, S. 94f). Aus heutiger Sicht muss die nun folgende Ausformulierung einer nach westlichem Vorbild erarbeitete irakische Verfassung als Fehler angesehen werden, da die politische Praxis im Irak auf Formen traditioneller Loyalitäten beruhte und Parteien nach britischem Vorbild nicht mal im Ansatz bekannt waren. Zudem könnte man das irakische politische System mit einigem Recht als Machtdreieck, bestehend aus herrschendem König, sunnitischer Elite und britischen Beratern, beschreiben. Kein Teil dieses Dreiecks war daran interessiert, ihren Einfl uss mit Kräften außerhalb des Machtgefüges, wie etwa mit Schiiten und Kurden, zu teilen. Obwohl Faisal und seine Regierung um die Brisanz dieses Vertrages und dessen wahrscheinlich negativen Konsequenzen wussten, mussten sie bis auf wenige Abänderungen diesem Vertrag zustimmen. Trotz der eigenen Verfassung blieb der Irak de facto Mandatsgebiet des Völkerbundes unter Aufsicht Großbritanniens (Vgl. HEINE, S. 44ff).
2.2.2 Zwischenkriegsjahre und „Scheinunabhängigkeit“
Trotz aller Widrigkeiten wurde im Irak eine allgemeine Verwaltung eingerichtet und eine Armee gegründet. Zusammen bildeten diese Umstände eine wichtige Voraussetzung für die Modernisierung des Landes. Insbesondere die Armee sollte in den folgenden Jahrzehnten zu einem der entscheidenden Machtfaktoren werden.
Die folgenden Jahre waren von den fortlaufenden Bemühungen König Faisals gekennzeichnet, zumindest die Schiiten mit seinem Regime zu versöhnen. Diese Bemühungen waren allerdings langfristig angelegt, die irakischen Schiiten drängten aber auf schnelle Verbesserungen ihrer Situation (Vgl. ebd., S. 47). So kam es immer wieder zu Konfl ikten wie beispielsweise Angriffe auf Bahn- und Telegrafenlinien. Hintergrund dieser Konfl ikte war die fortwährende Auffassung der Schiiten, dass sie schlechter gestellt waren als die Sunniten. Darüber hinaus hatte sich seit Mitte der 20er Jahre, aufgrund des großen Einfl usses der Briten auf allen Verwaltungsebenen, eine starke arabisch-nationalistische Strömung im Land herausgebildet. Unter diesen Voraussetzungen waren die Jahre 1925 bis 1930 gekennzeichnet durch die in regelmäßigen Abständen auffl ammenden Auseinandersetzungen zwischen einer pro-britischen irakischen Elite und jener wachsenden Bevölkerungsschicht, welche die Macht der Briten im Irak einzudämmen versuchte.
Aus innen- wie außenpolitischer Sicht war die Abhängigkeit der regierenden Elite von den
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Briten problematisch, denn der Irak lief Gefahr, in die Konfl ikte Großbritanniens verwickelt zu werden. Zudem war der politische Bewegungsspielraum im Irak eng verbunden mit den innenpolitischen Verhältnissen in Großbritannien. Als im Jahre 1929 die Labour-Partei in London an die Macht gekommen war, sah König Faisal die Möglichkeit einer formalen Neu-ordnung der Verhältnisse im Irak. Er ernannte einen seiner engsten Vertrauten, den ehemaligen osmanischen Offi zier Nuri al-Said, zum Ministerpräsidenten. Jener war wegen seiner Durchsetzungsfähigkeit und seiner anglophilen Grundhaltung bei den Briten sehr geschätzt und wurde der erste „starke Mann“ des Irak. Er verkörperte wie kein anderer die Allianz zwischen der Monarchie und der pro-britischen Elite, die für den Status Quo im Irak eintrat. Demzufolge wurde die nationalistische und später auch die kommunistische Opposition großen Repressalien ausgesetzt, was al-Said zu einem der meist gehassten Männer im Irak machen sollte.
Nichtsdestoweniger war um 1930 der öffentliche Druck im Irak so stark angewachsen, dass die Briten einer Veränderung des „Bündnisvertrags“ von 1920 zustimmten. Dieser neue Vertrag von 1930 trat am 3. Oktober 1932 in Kraft, als der Irak in den Völkerbund aufgenommen wurde, das Mandat erlosch und formal die Unabhängigkeit begann. Die Mehrheit der irakischen Bevölkerung empfand aber keine rechte Freude, denn der von Nuri al-Said unterzeichnete Vertrag sicherte Großbritannien auch dauerhafte Privilegien zu, u.a. die Konsultationspfl icht beim zukünftigen britischen Botschafter, das Durchmarschrecht für britische Truppen im Kriegsfall und die Kontrolle des Erdölsektors (Vgl. FÜRTIG 2003b, S. 28). Die „Iraq Petroleum Company“ (IPC) sollte für die nächsten drei Jahrzehnte unangefochten in britischem Besitz bleiben und dabei faktisch ein Monopol über die irakische Erdölwirtschaft besitzen.
Mit internationaler Anerkennung und der Unabhängigkeit des Landes wurde die Stellung der Minderheiten, vor allem der Kurden, diskutiert. Die Briten hatten 1920 den irakischen Teil Kurdistans in ihr Mandatsgebiet eingegliedert um zu verhindern, dass dieser an die junge türkische Republik fällt. Zudem sicherten sie sich die Kontrolle über die Erdölvorkommen im Gebiet um Kirkuk und die vornehmlich sunnitische Bevölkerung der Provinz verbesserte das Zahlenverhältnis gegenüber der schiitischen Bevölkerungsmehrheit. Hingegen interner Streitigkeiten herrschte in den Kurdengebieten insofern Einigkeit, dass man einer Zentralregierung in Bagdad ablehnend gegenüberstand. Den kurdischen Unabhängigkeitsbestrebungen zum Trotz einigten sich die Briten 1923 auf der Konferenz von Lausanne mit Kemal Atatürk über die Neuordnung der modernen Türkei. Ein „Nebenprodukt“ dieser Konferenz war die Tatsache, dass sich der kurdische Traum von einem eigenen Staat, trotz anders lautender Versprechungen der Briten im Vertrag von Sévres 1920, in Luft aufl öste. Enttäuscht forderten die Kurden nun zumindest ein hohes Maß an Autonomie in ihren nordirakischen Siedlungsgebieten, welche aufgrund der Erdölfördergebiete um Kirkuk und Mossul sowohl von London als auch von Bagdad abgelehnt wurde. Daraufhin verloren die Kurden ihren Glauben an britische, wie irakische Versprechungen. So kam es in den 30er Jahren immer
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Strukturprobleme und Entwicklungspotenziale des heutigen Irak Examensarbeit von Thomas Drews
wieder zu kurdischen Aufständen gegen die irakische Regierung, die zumeist blutig niedergeschlagen wurden.
An dieser Stelle soll noch auf die Rolle einer weiteren Minderheit und die Probleme ihrer Integration in den Irak kurz eingegangen werden. Die im Irak siedelnden Assyrer wurden von den Muslimen im Irak für illoyal dem Staat gegenüber gehalten. Es kam immer wieder zu arabischen und kurdischen Übergriffen auf die Assyrer, welche sich diskriminiert und verunsichert fühlten. Mit der Unabhängigkeit des Landes wurden diese Gefühle noch verstärkt, was zu ersten Auswanderungsbewegungen führte. Erneute irakische Übergriffe weiteten sich zu blutigen Pogromen aus, welche eine fast vollständige assyrische Auswanderung aber auch weltweite Proteste auslöste. Nichtsdestoweniger spielten die Assyrer in der Geschichte des Iraks längst nicht die Rolle, die die Kurden einnahmen (Vgl. hierzu auch ebd., S. 30f und HEINE, S. 52).
Die knappe Dekade zwischen der formalen „Unabhängigkeit“ und dem irakischen Eintritt in den Zweiten Weltkrieg war durch extreme politische Unsicherheit gekennzeichnet. Bezeichnend hierfür sind 12 verschiedene Regierungen, die zwischen 1932 und 1939 die Ministerien in Bagdad besetzten. Die Ursachen der Instabilität sind sowohl bei den national gesinnten Irakern mittlerer und unterer sozialer Schichten, die bis zur realen Unabhängigkeit weiterkämpfen wollten, als auch bei ethnischen und religiösen Gruppierungen, die nach mehr Mitspracherecht im neuen Staat oder nach Autonomie sinnten, zu suchen (Vgl. FÜRTIG 2003b, S.30ff). Hinzu kam, dass König Faisal 1933 während einer Europareise völlig überraschend verstarb und dessen junger Sohn al-Ghazi den Königsthron bestieg. Ob der Unerfahrenheit des jungen Mannes, versuchten nun nicht nur der irakische Hof und ihm nahe stehende Politiker, sondern auch britische Berater al-Ghazi für ihre Politik zu nutzen, was ihnen anfänglich auch gelang. Doch trotz aller Unerfahrenheit sollte die starke nationalistische Einstellung des Thronfolgers weiterreichende Auswirkungen für die politische Zukunft des Irak haben. Am augenscheinlichsten waren diese Veränderungen bei der irakischen Armee zu beobachten, denn al-Ghazi nutzte die nationale Gesinnung vieler Offi ziere, um die pro-britischen Politiker um Nuri al-Said zu entmachten. Es kam zu immer neuen militärischen Drohgebärden und Machtdemonstrationen, die den Beginn einer neuen politischen „Kultur“ kennzeichneten, welche den Irak bis zum Beginn der Baath-Herrschaft überschatten sollte: der permanent drohende Eingriff des irakischen Militäres in die politische Entwicklung des Landes.
Der glühende Nationalismus des Königs und seines Ministerpräsidenten Sulaiman zeigten sich auch in anderer Hinsicht. Über eigene Rundfunksender wurde arabisch-nationalistisches Gedankengut verbreitet; die Sendungen waren gespickt von anti-britischen Ressentiments und erhoben erstmals Anspruch auf Kuwait. Diese Umstände ließen diese pan-arabischen Offi ziere mit dem europäischen Faschismus liebäugeln. Sie wollten die Errichtung eines real unabhängigen arabischen Staates mit Hilfe der Achsenmächte Deutschland und Italien erreichen. Deutschland startete eine kulturpolitische Offensive und einen umfang-
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reichen Propagandafeldzug, woraufhin eine paramilitärische Organisation nach Vorbild der Hitlerjugend entstand. Bemerkenswert ist hierbei, dass sich König al-Ghazi in seiner Gesinnung mit vielen seiner Untertanen einig war (Vgl. hierzu auch ebd. S. 35 und HEINE, S. 55f). Die Regierung in London reagierte aufgrund der heraufziehenden Kriegsgefahr besorgt auf die Entwicklung im Irak und veranlasste den pro-britischen Generalstabschef Fauzi im Dezember 1938 den bisherigen Ministerpräsidenten seines Amtes zu entheben und ihn durch den verlässlichsten Sachverwalter britischer Interessen im Irak, Nuri al-Said, zu ersetzen. Als König al-Ghazi am 3. April 1939 an den Folgen eines Autounfalls starb, war die Mehrzahl der Iraker davon überzeugt, dass der Tod entweder auf al-Said oder direkt auf die Briten zurückzuführen sei. Auch heute überwiegt in weiten Teilen der irakischen Bevölkerung noch diese negative Haltung gegenüber der britischen Irakpolitik.
Da der Sohn von al-Ghazi, Faisal II., erst vier Jahre alt war, wurde Adb al-Illah, ein Bruder von König Faisal, am 6. April 1939 zum Regenten ernannt. Das politische Tagesgeschäft überließ dieser weitestgehend Nuri al-Said, er selbst war politisch wenig ambitioniert, galt als intrigant und brutal und war vorwiegend auf persönliche Bereicherung aus. Demzufolge wurde er von vielen Beobachtern als der „böse Geist“ (ebd., S. 55) des irakischen Königshauses beschrieben. Da er sich mit al-Said im Gespann aber konsequent die britische Unterstützung zusicherte, konnte er sich der Gunst Londons sicher sein. Konsequenterweise brach die nun erneut pro-britische Führung des Irak mit Kriegsausbruch des Zweiten Weltkriegs die diplomatischen Beziehungen mit Deutschland wieder ab.
2.2.3 Der Zweite Weltkrieg und die Folgen
Die Spannungen zwischen den nationalistischen pro-deutschen Kräften und der britisch-freundlichen Führung des Iraks hatten mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs einen Höhepunkt erreicht. Besondere Bedeutung für eine Verschärfung der anti-britischen Haltung in der irakischen Öffentlichkeit galt dem Wirken von Haji Amin al-Husseini, dem im Oktober 1939 nach Bagdad emigrierten Großmufti von Jerusalem. So lehnten nationalistische Politiker und die überwiegende Mehrheit der Iraker auch die britische Forderung ab, dass sich der Irak im Kampf gegen die Achsenmächte den Alliierten anschließen sollte. Die irakische Regierung unter Rashid al-Ghaliani, Nuri al-Said war im März 1940 frustriert zurückgetreten, bestand allerdings auf die Neutralität des Landes. 1941 kam es dann zum britisch-irakischen Krieg, nachdem die irakische Regierung den Briten die 1930 vertraglich zugesicherten Durchmarschrechte verweigerte. Möglicherweise nahmen die Briten dieses Ereignis als willkommene Gelegenheit, die militärische Kontrolle im Irak zurück zu erlangen. Den britischen Truppen gelang es relativ schnell, gegen die unerfahrenen irakischen Kräfte die Oberhand zu gewinnen. Darüber hinaus fi el der von der irakischen Führung erhoffte, deutsche militärische Beistand verhältnismäßig klein aus und hatte keinen Einfl uss
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Arbeit zitieren:
Thomas Drews, 2005, Strukturprobleme und Entwicklungspotenziale des heutigen Irak, München, GRIN Verlag GmbH
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