2.1 Jungen lesen schlechter als Mädchen
2.2 Jungen lesen zu wenig
3.1 Neuropsychologische Ursachen
3.2 Die Dominanz der Frauen
3.3 Andere Interessen
3.4 Die häusliche Erziehung
3.5 Der Deutschunterricht
4.1 Konsequenzen für die Schulpraxis
2
1 Einleitung
Lesen - das ist keine Kompetenz, die allen Menschen gleich leicht oder schwer fällt. Besonders im Geschlechtervergleich zeigt sich, dass die Unterschiede gravierend sind. Die PISA-Studie aus dem Jahr 2000 belegt es schwarz auf weiß. Die Untersuchung zeigt, dass Jungen in allen getesteten Ländern einen deutlichen Kompetenzrückstand im Lesen aufweisen. Besonders in den Bereichen Leseintensität, Lesestoff, Leseweisen und Lesefreude sind die Geschlechterunterschiede beträchtlich. Wenn wir vor diesem Hinter-grund vergegenwärtigen, dass Lesekompetenz der Schlüssel zur fachkundigen Nutzung aller Medien und - viel wichtiger - die entscheidende Basiskompetenz der Wissens- und Informationsgesellschaft ist, wird die Tragweite der Problematik deutlich. Die OECD erklärte daher im Sommer 2003 die Leseförderung der Jungen weltweit zu einem vorrangigen Ziel von Bildung.
In dieser Arbeit soll den geschlechtsspezifischen Leseunterschieden auf den Grund gegangen werden. Neben der Darstellung der aktuellen Situation liegt dabei der Fokus auf der Ergründung der Ursachen sowie Beispiele für mögliche Präventionsmaßnahmen.
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2 Die aktuelle Situation
2.1 Jungen lesen schlechter als Mädchen
„Wenn man […] vorhersagen will, ob ein Kind eher viel oder eher wenig liest, [ist] das Geschlecht einer der zuverlässigsten Prädikatoren.“ 1 Bettina Hurrelmann brachte bereits 1993 in ihrer Studie zum Leseklima in der Familie 2 auf den Punkt, was rund zehn Jahre später bei Veröffentlichung der Ergebnisse der PISA-Studie 2000 3 die Gemüter der Erziehungswissenschaftler erregte: Es bestehen erheblichen Unterschiede im Leseverhalten zwischen Jungen und Mädchen. Genauer gesagt: Jungen lesen im Durchschnitt schlechter als Mädchen. In den PISA-Untersuchungen von Lesekompetenzen schnitten die Jungen in allen 32 getesteten Ländern weitaus schlechter ab als die Mädchen - im Durchschnitt zwischen einer drittel und einer halben Kompetenzstufe 4 . Und auch Alltagserfahrungen von Eltern, Lehrern und Erziehern bestätigen, dass es Unterschiede im Leseverhalten von Mädchen und Jungen gibt. Dies betrifft nicht nur die Lesehäufigkeit und -dauer, sondern auch die Lektüre-Auswahl. 5
1 Garbe, Christine: Mädchen lesen ander(e)s. In JuLit 29, Heft 2 (2003), S. 16.
2 Vgl. Hurrelmann, Bettina; Hammer, Michael; Nieß, Ferdinand: Leseklima in der Familie. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung. In: Lesesozialisation Bd. 1, Gütersloh 1993.
3 PISA steht für „Programme for International Student Assessment“ und ist ein Programm zur Erfassung basaler Kompetenzen der nachwachsenden Generation, das von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) durchgeführt wird.
4 URL: «http://www.pisa.oecd.org» (06. Februar 2006)
5 Vgl. Daubert, Hannelore: Helden in Not? Der kleine Unterschied und seine großen Folgen für das Leseverhalten von Mädchen und Jungen. In: JuLit, Heft 2 (2003), S. 3.
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Die PISA-Studie prüfte die Lesekompetenz in den drei Teilgebieten „Informationen ermitteln“ „Textbezogenes interpretieren“ sowie „Reflektieren und Bewerten“. 6 Besonders im letzten Themen-Bereich wiesen die Jungen große Defizite auf. Dabei zeigte sich, dass die Mädchen umso besser abschnitten, je anspruchsvoller die gestellten Aufgaben waren. 7 Ähnliche Resultate kamen bei den Befragungen zur Erarbeitung reiner Schrifttexte ans Licht. Mädchen kommen leichter mit Lektüren klar, die nicht durch Grafiken unterstützt werden. Interessant ist an dieser Stelle, dass Jungen hingegen bei nicht-kontinuierlichen Texten, die beispielsweise mit Tabellen, Diagrammen und schematischen Zeichnungen angereichert sind, bessere Ergebnisse erzielen. 8 Ein Hinweis darauf, dass Mädchen und Jungen grundlegend verschiedene Interessen haben, die sich auf ihre Auswahl der Themen niederschlagen. So lesen Mädchen gerne Belletristik, während Jungen lieber zu informativen Sachtexten greifen. 9
Auch in der Lesegeschwindigkeit bestehen signifikante Geschlechterunterschiede, denn in diesem Punkt zeigen sich die Mädchen ebenfalls als deutlich überlegen. All diese angesprochenen Ergebnisse treten in allen Schul-formen auf - zwar verschieden stark ausgeprägt, aber dennoch deutlich. Das bedeutet, dass, egal ob in der Grundschule, Hauptschule oder auf dem Gymnasium, Jungen eindeutig schlechter Lesen können als Mädchen. 10
6 URL: «http://www.pisa.oecd.org» (06. Februar 2006)
7 Vgl. Garbe, Christine: Weshalb lesen Mädchen besser als Jungen? Genderaspekte der Leseförderung. Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Leselust statt PISAfrust“ der HSA Luzern. Lüneburg 2003, S. 3.
URL: «http://64.233.183.104/search?q=cache:wTbassANLGMJ:www.hsa.fhz. ch/pdf/WDFProjekte/wdf_Leseorte_Referat-Ch.-Garbe-
130103.pdf+Weshalb+lesen+M%C3%A4dchen+besser+als+Jungen&hl=de&ie=UTF-8» (06. Februar 2006)
8 Vgl. Garbe, Christine: Weshalb lesen Mädchen besser als Jungen? S. 4.
9 Vgl. Garbe, Christine: Geschlechterspezifische Zugänge zum fiktionalen Lesen. In: Bondafelli, Heinz; Bucher, Priska (Hrsg.): Lesen in der Mediengesellschaft. Zürich 2002, S. 217.
10 Vgl. Garbe, Christine: Weshalb lesen Mädchen besser als Jungen? S. 4-5.
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2.2 Jungen lesen zu wenig
Woher stammen diese gravierenden Unterschiede? Befragungen zeigen, dass Jungen weniger lesen als Mädchen. In Deutschland geben mehr als die Hälfte aller Jungen an, dass sie in ihrer Freizeit gar nicht zur Lektüre greifen. Unter den Leseratten finden sich umgekehrt 68 Prozent Mädchen und nur 32 Prozent Jungen. 11 Dass das Interesse am Lesen einen hohen Erklärungswert für die Leseleistung hat, spricht dabei für sich. 12 Die besseren Leseleistungen der Mädchen hängen zusammen mit ihrer umfangreicheren Lesemotivation. 13 Gestützt wird diese These beim Vergleich von Mädchen und Jungen, die ein ähnliches Leseinteresse aufweisen. Dort zeigt sich, dass die Kompetenz-Unterschiede gegen Null tendieren. Wie wichtig jedoch das Interesse am Lesen und die damit einhergehende Leseleistung ist, macht folgende Bilanz klar:
„Die Lese- [und damit oftmals einhergehende Rechtschreib-]schwäche der Jungen ist oft ein Grund dafür, dass ihnen der Zugang zu weiterführenden Schulen versagt bleibt. So stellen
14
die Jungen in Deutschland 56 Prozent der Haupt- und 64 Prozent der Sonderschüler.“
Empirische Untersuchungen stellten fest, dass die Lesekrise bei Jungen bereits im frühen Kindesalter anbricht. „Es gibt einen systematischen Unterschied im Leseverhalten der Geschlechter schon am Ende des Grundschulalters.“ 15 Das bestätigt eine Studie von Karin Richter (Professorin an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt). Ihre Befragung zum Thema Entwicklung der Lesemotivation bei Grundschulkindern 16 ergab, dass ein erster »Leseknick« bereits nach der zweiten Klasse einsetzt, also im Übergang vom Anfangsunterricht zum weiterführenden Lesen. 17
11 Vgl. Garbe, Christine: Geschlechterspezifische Zugänge… S. 215.
12 Vgl. Garbe, Christine: Weshalb lesen Mädchen besser als Jungen? S. 6.
13 Vgl. Garbe, Christine: Mädchen lesen ander(e)s. S. 15. 14 Daubert, Hannelore: Helden in Not? S. 4.
15 Hurrelmann, Bettina: Leseförderung. In: Praxis Deutsch, Heft 127 (1994), S. 25.
16 Es wurden rund 1200 Kindern der zweiten bis vierten Klasse in Erfurt/Thüringen befragt.
17 Vgl. Garbe, Christine: Weshalb lesen Mädchen besser als Jungen? S. 9.
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Arbeit zitieren:
Stephanie Traichel, 2006, Lesen im geschlechterspezifischen Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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