Inhalt
Einleitung
1. Das Behandlungsprogramm
2. Die Soziale Konstruktion
2.1. Die Geschlechtswahrnehmung
2.2. Die Geschlechtsdarstellung
3. Die Reproduktion der Geschlechtskonstruktion
4. Die Historische und politische Entwicklung
4.1. Die politische Konstruktion der Geschlechterdifferenz
5. Travestie und Geschlechtswechsel
Schlussbemerkung
Literaturverzeichnis
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Einleitung
Stefan Hirschauers 1 Buch „Die soziale Konstruktion der Transsexualität“ beruht auf einer 1986 bis 1987 durchgeführten Feldstudie, bei welcher der Autor als teilnehmender Beobachter unter anderem in medizinischen Einrichtungen, im Interview mit Transsexuellen, Ärzten, Pädagogen und Juristen, aber auch durch Dokumenten- und Szenelektüre eine empirische und theoretische Analyse des Phänomens verfasst hat. In seinem Schlusswort folgert Hirschauer: „Die Transsexualität wirft „einen schützenden Schatten“ darauf, „dass ein großer Teil der Angehörigen der westlichen Kultur selbst zu Geschlechtsmigranten geworden ist. Dieser ‚Geschlechtsrollen-Nivellierung’, ‚Individualisierung’, ‚Genus-Verlust’, aber auch ‚Emanzipation’ genannte kulturelle Wandel der Zweigeschlechtlichkeit, in dem viele Tätigkeiten, Gesten Räume und Positionen bereits ihr Geschlecht verloren haben und die Geschlechtsunterscheidung von Personen kontinuierlich Funktionen einbüßt, hat eine optimistische und kämpferische Seite, die sich vor allem gegen das sexistische Durchhalten der Geschlechtsunterscheidung in Feldern richtet, in denen Gleichheit versprochen wird. Aber er hat auch eine ‚Rückseite’ aus verschwundenen Orientierungen und verlorenen Sicherheiten, aus zögernden Suchbewegungen nach neuen oder ängstlichem Rückgriff zu alten Lebensstilen und aus hastigen Reaffirmationen ‚der’ Differenz. Die soziale Konstruktion der Transsexualität bietet (...) die Distinktionschance, sich trotz allen Aufbruchs noch als problemloser Bewohner der alten Geschlechtskategorie zu wähnen und von ihnen aus die soziale Welt zu betrachten. (...) Wer seinen sozialen Platz verlassen will, ist mit der Zerstörung seines Körpers konfrontiert. Damit symbolisiert und nimmt die Transsexualität einen Teil der tiefsten Ängste der Emanzipation: die alte Drohung des sozialen Geschlechtsverlustes von einzelnen Personen und die neue beunruhigende Möglichkeit, dass für alle nichts von der Geschlechtsunterscheidung bleiben könnte als die schlichten Praktiken, die an den Leibern jene Differenz interessiert, die man einmal ‚männlich’ und ‚weiblich’ nannte.“ (S.H.: S.351 f.; Herv.i.O.) Diese Schlussfolgerungen sollen hier anhand einer zusammenfassenden Darstellung des Buches erläutert werden. Ferner soll Hirschauers Analyse um humanethologische und kulturphilosophische Aspekte ergänzt werden: Karl Grammers 2 Buch „Signale der Liebe - die biologischen Gesetze der Partnerschaft“ behandelt die biologischen Fakten, welche menschliches Beziehungsverhalten beeinflussen und zeigt auf, welche Mechanismen Kontaktaufnahme, Partnerwahl und die diesbezüglichen Strategien bestimmen. Basierend auf einem breit angelegten Forschungsprojekt der
1 Hier im Folgenden zitiert und im Fließtext überno mmen aus: Hirschauer, Stefan: Die soziale Konstruktion der
Transsexualität. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1999
2 Im Folgendem zitiert und im F ließtext übernommen aus : Grammer, Karl: Signale der Liebe - Die biologischen Gesetze der
Partnerschaft. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2002
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Max-Planck-Gesellschaft und des Wiener Ludwig-Bolzmann-Instituts für Stadtethologie, erläutert Grammer unter anderem die funktionalen Abläufe von Wahrnehmung und Darstellung im Gehirn. Camille Paglia 3 untersucht im ersten Band ihres Werkes „Die Masken der Sexualität“ die Einheit und Kontinuität der westlichen Kultur anhand von Aspekten der Antike und der Renaissance, sowie der Entwicklung in der Romantik vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis 1900. Literatur, Kunstgeschichte, Psychologie und Religion sieht sie dabei in ihrem Zusammenhang. Beide Bücher sollen hier in die Betrachtung der „sozialen Konstruktion der Transsexualität“ mit einfließen.
In dieser Arbeit wird zunächst die Struktur des Behandlungsprogramms vorgestellt, dem sich Transsexuelle in Deutschland unterziehen müssen, wenn sie ihren Wunsch nach einer Geschlechtsumwandlungsoperation verwirklichen wollen. Vor dem Hintergrund der Funktionsweise und der Mechanismen von Geschlechtswahrnehmung und -darstellung, soll dann näher beleuchtet werden, inwiefern die soziale Konstruktion auf einem kulturell bedingten Normalitätsverständnis beruht.
Anschließend sollen die so entstandene Geschlechtsidentität und die daran geknüpften Zuständigkeiten verdeutlichen, wie Geschlechtskonstruktionen in unserer Gesellschaft reproduziert werden. Nach einer Schilderung der Soziogenese des Phänomens der Transsexualität und der parallel dazu verlaufenden politischen Konstruktion der Geschlechterdifferenz soll abschließend die historische Entwicklung in der Geisteshaltung gegenüber der Travestie zu einer Begründung überleiten, weshalb ein Geschlechtswechsel für Transsexuelle zur zwingenden Notwendigkeit werden kann.
3 Hier im Folgenden zitiert und im Fließtext überno mmen aus: Paglia, Camille: Die Masken der Sexualität.
Byblos Verlag, Berlin 1992
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1. Das Behandlungsprogramm
Das Behandlungsprogramm, welches Transsexuelle auf ihrem Weg vom Ursprungs- zum Zielgeschlecht durchlaufen müssen, besteht aus mehreren Stationen, die - obwohl im Arbeitszusammenhang voneinander abhängig - doch stark voneinander abgeschlossen sind. Diese Stationen beinhalten zum einen somatische Disziplinen, die sich mit der Transformation der Körper beschäftigen, zum anderen sichern psychiatrische Disziplinen den Behandlungserfolg. Als erfolgreich gilt laut Hirschauers Beobachtungen eine Behandlung dann, wenn etwa beim Teilnehmer 4 eine Pathologie nachgewiesen werden kann oder eine „Heilung“ eintritt, aber auch dann, wenn der Fortbestand der Transsexualität während des Behandlungsprogramms gesichert ist und somit die Operation des Teilnehmers als gerechtfertigt erscheint. Ziel des Behandlungsprogramms ist die diagnostische Bestimmung von Ambivalentem, die technische Bestimmung von Zweideutigem und die autoritative Bestimmung von Umstrittenem bezüglich der Geschlechtszugehörigkeit des Teilnehmers. Um das Ziel der Bestimmung zu erreichen bedarf es unterschiedlicher Methoden. Die im Behandlungsprogramm angewendeten Verfahren sind ein Hormonbestimmungsverfahren (RIA), verschiedene und vom jeweiligen Arzt bzw. Psychiater abhängige diagnostische und therapeutische Strategien, körperliche Manipulationen, zu denen neben Hormonmedikation und Transformationsoperation auch beispielsweise Epilation und Stimmpädagogik gehören, und schließlich die entgültige Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen, die durch das Transsexuellengesetz geregelt wird. Die arbeitsteilige Bezogenheit der einzelnen Stationen aufeinander wird deutlich, wenn man sich anschaut in welcher Reihenfolge sie von den Teilnehmern durchlaufen werden: Hirschauer unterteilt die Stationen in „Außenstationen“ (vgl. S. 322 f.), zu denen einerseits praktische Ärzte gehören, die beim Teilnehmer eine „Krankheitseinheit“ etablieren und aufrechterhalten, andererseits aber auch die Transsexuellenszene, die insofern Einfluss auf die diagnostische Praxis und die Reputation der Ärzte nehmen kann, als dass es sich herumspricht, wenn manche Ärzte Teilnehmern beim Erreichen ihrer Wünsche Steine in den Weg legen, andere sich wiederum kooperativer zeigen. Im „inneren Zirkel“ der Stationen im Behandlungsprogramm bekommen es Transsexuelle zuerst mit Psychiatern zu tun, die mit ihrer Diagnose den Endokrinologen ermöglichen „erste Hand“ und den Chirurgen „letzte Hand“ an die Teilnehmer zu legen. Das „letzte Wort“ über die Geschlechtszugehörigkeit des Teilnehmers spricht am Ende des Behandlungsprogramms der Richter.
4 Hirschauer spricht im Zusammenhang des Behandlungsprogramms von „Teilnehmern“, nicht von „Teilnehmer“. So
soll auch hier verfahren werden.
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Zusammenfassend konstatiert Hirschauer wie folgt: „ Das Behandlungsprogramm konstituiert einen Verifikationszusammenhang. In diesem wird das Geschlecht einer Person so lange überprüft, bis es hervorgebracht wurde. Und die ‚Transsexualität’ dieser Person wird so lange beurteilt, bis sie in einer neuen Geschlechtszugehörigkeit verschwindet: Geschlechtswechsler, die sich noch in den eigenen vier Wänden verstecken und sich nicht dem Sichtbarmachen durch das Behandlungsprogramm unterzogen haben, existieren sozial kaum als Transsexuelle. Und Teilnehmer, die nicht ‚transsexuell’ auf die Behandlung reagieren, werden mit anderen diagnostischen Etiketten belegt (z.B. ‚temporäre Geschlechtsidentitätsstörung’). Insofern ist die Transsexualität einer Person ein an das Behandlungsprogramm gebundenes Phänomen.“ (S.H.: S. 324 f.; Herv.i.O.)
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2. Die Soziale Konstruktion
Die soziale Konstruktion baut Hirschauer zufolge auf dem kulturell bedingten Normalitätsverständnis bezüglich Zweigeschlechtlichkeit und Transsexualität auf. Daraus ergeben sich bei den Individuen Differenzen und Relationen in der Wahrnehmung anderer, die sie zwischen „wir“ und „denen“ unterscheiden lassen (vlg. ebd., S. 321). Aber auch auf die Selbstwahrnehmung hat dieses Normalitätsverständnis Einfluss: Hirschauer nennt als Beispiel für einen Selbstnormalisierungsprozess einen Jungen, der immer wieder gesagt bekommt „ein Junge tut so was nicht“. Diese Satz impliziere, dass es etwas, was es nicht geben soll, auch nicht gibt. Diese Erkenntnis riefe bei dem Betroffenen Gefühle der Verwirrung und Schuld hervor, worauf er auf der Basis „kultureller Logik“ konsequent folgere, er könne kein Junge sein. Da diese Aussage aber (offensichtlich) unrealistisch ist, das Phänomen jedoch bestehen bleibt, entstünden so Zweifel an der eigenen Existenzberechtigung (vlg. ebd., S. 337 f.). Aus diesem lebensweltlichen Kontext heraus entsteht laut Hirschauer der Wunsch nach einer geschlechtsangleichenden Operation, da diese zum einen die Echtheit der empfundenen Geschlechtszugehörigkeit dokumentiert, zum anderen entspricht die Operation auch der „Entrichtung eines Normalisierungstributs“ die den Betroffenen von seinen „Begründungspflichten entbindet“ (vlg. ebd., S. 328). Zugleich tragen die „Bedeutung der Genitalien als Territoriumsmarkierung zwischen chirurgischen Fächern und ihre juristischen Bedeutungen als ‚unveränderliche Kennzeichen’“ zur „professionellen Konstruktion des Operationswunsches“ bei (ebd. S.328 f.).
2.1. Die Geschlechtswahrnehmung
In unserer Wahrnehmung ist eine Geschlechtszugehörigkeit „offensichtlich“, man gehört entweder dem einen oder anderen Geschlecht an und kann diese Tatsache „weder verbergen, noch übersehen“. Die Identifikation erfolgt zwangsläufig und Geschlechtszugehörigkeit ist konstruktiv feststellbar, z.B. durch die sprachliche Festschreibung „es ist ein Junge“ (vlg. ebd., S. 25). Die Geschlechtsorgane, welche in Alltagssituationen selten offensichtlich sein dürften und eher unsichtbar sind, werden dennoch von den Gesellschaftsmitgliedern einander als „Insignien“ unterstellt. Nach Hirschauers Ansicht besitzen die Genitalien ihre Zeichenhaftigkeit „unabhängig von ihrer Gestalt und abhängig davon (...), ob jemand als Mann oder als Frau angesehen wird“ (ebd., S. 25; Herv.i.O.).
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Arbeit zitieren:
Marijke Lichte, 2003, Die Bedeutung kultureller Genitalien für die soziale Konstruktion der Transsexualität - Eine zusammenfassende Darstellung nach Stefan Hirschauer, München, GRIN Verlag GmbH
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