Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 3
1. Die Darstellung des Walter Morel in Sons and Lovers. 4
2. Das Familienleben der Morels. 6
2.1. Ehe und Haushalt. 6
2.2. Walters Verhältnis zu seinen Kindern. 9
2.3. Die Geißel der Arbeit. 14
3. Walters Zufluchtsorte. 17
Schlusswort. 20
Bibliographie 21
Einleitung
Sons and Lovers, der dritte von D.H. Lawrence veröffentlichte Roman, wird von den meisten Kritikern weithin als sein brillantestes Werk bezeichnet. Es enthält zahlreiche bedeutsame Themen, die der Autor geschickt miteinander verzahnt. Wenngleich sich das Gros der Forschung vorwiegend mit den Figuren des Paul beziehungsweise seiner Mutter Gertrude Morel beschäftigt, richtet sich das Hauptaugenmerk dieser Arbeit auf Lawrences Darstellung des Familienvaters Walter Morel und dessen Rolle im Roman. Wie im folgenden aufgezeigt werden soll, wird Walter Morel in den meisten Szenen als ein schlechter und unverbesserlicher Mensch dargestellt. Es soll der Frage nachgegangen werden, warum Walter derart negativ dargestellt wird und in welchem Zusammenhang dies mit dem Verhältnis zu seiner Ehefrau Gertrude beziehungsweise dem Verhältnis zu seinen Kindern steht.
Um die Figur des Walter Morel aus einer möglichst objektiven Sichtweise zu ergründen, wird der Versuch unternommen das Leben der Morels aus Walters Perspektive zu betrachten, wie dies im Roman nur in einigen Passagen geschieht. So sollen Walters Charaktereigenschaften und Ansichten anhand seiner Arbeit sowie seinem sozialen Umfeld analysiert werden.
Sons and Lovers ist ein semiautobiographischer Roman, in dem die Figur des Paul Morel ein Pendant zum Autor, D.H. Lawrence, darstellt. Ebenso stellt die Romanfigur Walter Morel ein Ebenbild von Arthur Lawrence dar, dem Vater des Autors, dar. Obgleich sicherlich hochinteressant für die Entstehung des Romans sowie für die Darstellung Walters, wird im folgenden nicht auf D.H. Lawrences Beziehung zu seinem Vater eingegangen; die folgenden Ausführungen sollen sich lediglich auf den Inhalt des Werkes Sons and Lovers beziehen.
1. Die Darstellung des Walter Morel in Sons and Lovers
Die ersten Kapitel von Sons and Lovers beschäftigen sich in der Hauptsache mit der Ehe der Morels beziehungsweise mit deren Familienleben. So rückt das Leben der in ärmlichen Verhältnissen lebenden Arbeiterfamilie in den Mittelpunkt. Lawrence „entwickelt so eine locker gegliederte Reihung von erzähllogisch aufeinander bezogenen Einzelsituationen, von denen jede für sich ein wesentliches Moment in der Entfremdung der Eheleute und der Identitätssuche von Paul und William einzufangen versucht.“ 1 Die anfangs beschriebenen sozialen Rahmenbedingungen können als ein Ausgangspunkt zum Scheitern der Morel-Ehe beziehungsweise des Bruchs der Beziehung Walters zu seinen Kindern verstanden werden.
Im ersten Drittel des Werks gewinnt man zunächst den Eindruck einer strikt chronologischen Organisation des Romans. Jedoch hat Lawrence „damit bereits einen Erzählrhythmus geschaffen, der zwar die Regeln einer chronologischen Abfolge respektiert, Auswahl, Länge und Erzählintensität der Szenen aber der im Roman unterlegenen Erfahrungsstruktur zuordnet.“ 2 Auf diese Weise rückt Walter Morel im weiteren Verlauf mehr und mehr in den Hintergrund, wie dies auch Lawrences Titulierung des dritten Kapitels untertreicht: „The Casting Off of Morel - the taking On of William.“ 3 Lawrences Erzähltechnik in Sons and Lovers, auf die hier nur kurz eingegangen werden soll, beinhaltet gleitende Übergänge zwischen auktorialer und personaler Erzählweise, die meist mithilfe der erlebten Rede kreiert werden. Diese tragen maßgeblich zu Walters negativer Darstellung im Roman bei, da ihm nur selten die personale Erzählstimme geliehen wird, die einen detaillierten Einblick in sein Seelenleben ermöglichen würde. 4 Nichtsdestotrotz nimmt Walter insgesamt eine überaus wichtige Rolle ein, die den Plot maßgeblich prägt und in der er Teil der zentralen Leitidee des Romans ist: „An idea of organic disturbance in the relationships of men and women - a disturbance of sexual polarities that is first seen in the disaffection of mother and father, then in the mother’s attempt to substitute her sons from her husband [...].“ 5 Dies soll im folgenden anhand der Beziehung zu seiner Frau beziehungsweise zu seinen Kindern aufgezeigt werden. Im Gegensatz zum zweiten Teil des Romans stellt Walter zu Beginn eine Hauptfigur dar, die
1 Johann N. Schmidt: D.H. Lawrence: »Sons and Lovers«. München: Wilhelm Fink Verlag 1983, S. 36.
2 Ders., S.37.
3 David Herbert Lawrence: Sons and Lovers. Herfortshire: Wordsworth Editions Limited 1999 2 , S.41.
4 Vgl. Schmidt, S.45ff, v.a. S.51f.
5 Dorothy Van Ghent: On Sons and Lovers, in: Gāmini Salgādo (Hrsg.): D.H. Lawrence: Sons and Lovers - A Casebook: London: Macmillan and Co Ltd. 1969, S.114.
das Leben der anderen Figuren maßgeblich beeinflusst. Hier wird Walter vorwiegend aus der Sicht seiner Ehefrau Gertrude beschrieben. 6 Im weiteren Verlauf tritt anstelle von Gertrudes Perspektive zunehmend die von Paul Morel. Jene Sichtweisen führen zu einer Reduzierung auf fast ausschließlich negative Eigenschaften: So wird nach dem Lesen der ersten Kapitel wohl kaum ein Leser große Sympathien für Walter hegen. Er wird als alkoholabhängiger und verantwortungsloser Choleriker dargestellt, der Ehefrau und Kindern das Leben immer wieder zur Hölle macht: „Morel continued to bully and drink. He had periods, months at a time, when he made the whole life of the family a misery.“ (Lawrence: 53).
D.H. Lawrence konzentriert sich in Sons and Lovers sicherlich auf jene negativen Eigenschaften. Nichtsdestotrotz erhält der Leser an einigen Stellen durchaus einen Einblick in die Figur des Walter als einen warmherzigen, sinnlichen und vor allem lebendigen Mann. Durch den ständigen Kampf mit seiner Frau, 7 bei dem weder Gertrude noch Walter von ihren Positionen und Prinzipien abweichen, wird aus Walter ein gebrochener und resignierter Mann: „His father, getting an old man, and lame from his accidents, was given a paltry, poor job.“ (Lawrence: 233).
Walter unterscheidet sich durch sein Sich-selbst-treu-sein und seinem unbedingten Lebenswillen grundlegend von den anderen Figuren: „Morel wants to live, by hook or crook, while his sons want to die.“ 8 Zu Beginn des Romans reagieren Gertrude und die Kinder, allen voran Paul, hierauf mit tiefster Verachtung, doch am Ende bewundert Paul seinen Vater bei allem was er angerichtet hat, für diese Charaktereigenschaft. 9 Selbst die Mutter realisiert die Attraktivität seiner einfachen und gradlinigen maskulinen Integrität: „He was still a good-looking man with black wavy hair, and a large, black moustache.“ (Lawrence: 18).
6 Vgl. hier v. a. Lawrence: S.10-17: rückblickend erzählt Gertrude ihre bisherige Lebensgeschichte in Form der erlebten Rede und beschreibt darin ihren Ehemann Walter, sein Wesen und seine Charaktereigenschaften.
7 Hierauf wird im zweiten Kapitel dieser Arbeit detailliert eingegangen.
8 Van Ghent, S.120.
9 Vgl. Lawrence, S.276.
2. Das Familienleben der Morels
2.1. Ehe und Haushalt
Der Konflikt zwischen Mann und Frau kann als eines der Hauptthemen in Sons and Lovers bezeichnet werden. Nicht nur Pauls Beziehungen zu seiner Mutter, zu Miriam und zu Clara, sondern auch die Ehe der Morels stellt einen Hauptbetrachtungsgegenstand dar. Nicht nur die Ehe der Morels, sondern auch Walters Verhältnis zu seinen Kindern ist alles andere als ausgeglichen und kann als Hauptsursache für Walters Verhalten angeführt werden. Vor allem ab dem Zeitpunkt, als aus den Morel-Eheleuten eine Familie mit Kindern wird, beginnt Walters Verwandlung zu einem alkoholabhängigen und cholerischen Familienvater:
Walter Morel was, at this time, exceedingly irritable. His work seemed to exhaust him. When he came home he did not speak civilly to anybody. If the fire were rather low he bullied about that - he grumbled about his dinner; if the children made a chatter he shouted at them in a way that made their mother’s blood boil, and made them hate him. (Lawrence: 35)
In der Form eines Rückblickes konzentrieren sich die ersten Seiten des Romans auf Gertrudes Vergangenheit. 10 Sie beschreibt, wie sie Walter kennen lernte und wie sich ihre gemeinsame Zeit bis zur Hochzeit gestaltete. Walter wird zu jener Zeit als ein lebenslustiger Mensch beschrieben, der mit Frohsinn die sinnlichen Freuden des Lebens genießt. Zudem beschreibt ihn Gertrude als sehr attraktiv und humorvoll und daher als durchaus begehrenswert:
He was well set-up, erect, and very smart. He had wavy back hair that shone again, and a vigorous black beard that had never been shaved. His cheeks were ruddy, and his red moist mouth was noticeable because he laughed so often and so heartily. […] Her own father had a rich fund of humour, but it was satiric. This man’s was different: soft, non-intellectual, warm, a kind of gambolling. (Lawrence: 10)
Der genaue Gegensatz Walters zu Gertrudes Vater kann demnach als ein Grund angesehen werden, warum sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Weiterhin bemerkt Gertrude: „Not knowing what he was doing - he often did the right thing by instinct [...].“ (Lawrence: 11). Die zu Beginn des Rückblicks genannten Charaktereigenschaften Walters und seine
10 Vgl. Lawrence, S.10-17.
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Marco Müller, 2004, Darstellung und Bedeutung der Figur des Walter Morel in D. H. Lawrence's 'Sons and Lovers', München, GRIN Verlag GmbH
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