1. Vorwort
2. Wichtige biographische Hintergründe für die Mutter-Konstellation bei Kafka 3
2.1. Die leibliche Mutter: Julie Kafka, geborene Löwy 3
2.2. Die innerfamiliäre Kindheit Franz Kafkas 5
2.3. Merkmale der Beziehung zwischen Mutter Julie und ihrem Sohn Franz 8
2.4. Die Beziehung aus der Sicht der Mutter 12
3. Eine erste Beschreibung und Deutung der Mutterfigur in der Erzählung Die Verwandlung 15
3.1. Erster Teil der Erzählung 15
3.2. Zweiter Teil der Erzählung 16
3.3. Dritter und letzter Teil der Erzählung 20
4. Die Gestaltung der Mutter in Die Verwandlung unter Berücksichtigung biographischer und psychologischer Problemaspekte 23
4.1. Der ödipale Konflikt und andere psychologische Argumente für das Mutterbild Kafkas und die Gestaltung der Mutterfigur 24
4.2. Mögliche Gründe für die Passivität der Mutter Samsa ihrem Sohn Gregor gegenüber 26
4.3. Die Bedeutung von Ersatzmüttern für Kafka und Gregor Samsa 28
5. Fazit 31
6. Literaturverzeichnis 32
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1. Vorwort
Was jedem der sich schon einmal mit Kafkas Werk auseinander gesetzt hat sofort auffällt, ist die komplizierte Vater-Sohn-Beziehung. Alle Texte von Kafka wurden hinsichtlich dieser Problematik mehrfach untersucht und gedeutet: Der tyrannische Vater, der das Leben seines Sohnes zerstörte oder aber der Vater der ihm durch sein autoritäres, erniedrigendes Verhalten das Schreiben erst ermöglichte. Viele Interpretationen, zu Kafkas Vaterkonflikt in seinen Texten und auch zu seiner Beziehung zum eigenen Vater wurden veröffentlicht und finden rege Aufmerksamkeit.
Aber warum litt Kafka als Sohn anscheinend so extrem unter seinem Vater und warum soll der Vater als Hintergrund seiner Texte und all seiner Probleme gelten? Oft sind Väter strenger als Mütter, oft sind sie selten zu Hause, häufig fehlt ihnen aufgrund beruflicher Auslastung die Zeit, um ihren Kindern die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken, und es gibt (heute mehrfach als zu Kafkas Lebenszeit) auch alleinerziehende Mütter. Die meisten Kinder konnten und können mit diesen Problemen umgehen und begnügen sich, wenn sie von dem Vater nicht die gewünschte Anerkennung bekommen, mit der Liebe und Aufmerksamkeit ihrer Mutter. Die Betonung des Vaters in vielen Texten Kafkas zeigt, dass das Verhältnis Kafkas zu seiner Mutter scheinbar kein Ausgleich für den jungen Franz gewesen sein konnte. Anscheinend drehte sich alles nur um den Vater. Und die Mutter, die bei den meisten Kinder zumindest in den ersten Lebensmonaten die einzige Bezugsperson ist, wurde nicht als Bezugsperson von ihm ausgewählt und/oder akzeptiert. Warum dieses Familienverhältnis so kompliziert war und vor allem welche Rolle die Mutter für das Leben Kafkas und seine Werke hatte, all diese Fragen möchte ich versuchen in dieser Arbeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten.
Als erstes werde ich die biographischen Hintergründe der Familie Kafkas beleuchten und meinen Schwerpunkt dabei, wie auch in allen weiteren Kapiteln, hauptsächlich auf die Mutter Julie Kafka und ihr Verhältnis zu ihrem Sohn Franz legen. Im nächsten Schritt möchte ich die Erzählung Die Verwandlung mit ihrer Mutterkonstellation vorstellen, um anschließend anhand der Erzählung und dem biographischem Hintergrund verschiedene Ansätze zur Deutung der Mutterfigur zu versuchen.
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Ich möchte keine ausschließliche biographische Deutung der Texte durchführen, werde mich jedoch häufig auf persönliche Daten beziehen, da diese viele Anhaltspunkte für das Verständnis Kafkas von Mutter-Sohn-Beziehungen liefern.
Weiterhin möchte ich mögliche Parallelen zwischen der Gestaltung der Mutter in Die Verwandlung und zu dem Verhältnis Franz Kafka - Julie Kafka präsentieren. Genauso wichtig ist für mich allerdings auch zu zeigen, welche Unterschiede bestehen und warum es vielleicht gerade nicht sinnvoll ist, in diesem oder jenem Punkt eine biographische Interpretation zu vollziehen.
Da gerade die Familienproblematik mit der Mutter-Sohn-Beziehung den Schwerpunkt meiner Arbeit bildet, werde ich an einigen Stellen auch psychoanalytische Aspekte erwähnen, um Vorgänge aus Kafkas Kindheit zu deuten, die auch in seinem späteren Leben einen starken psychologischen Einfluss auf ihn hatten.
Ganz nach Hartmut Böhme, der sagte: »Literarische Texte sind für Kafka in fiktive Handlungen verkleidete Versuche zur Erklärung seiner psychosozialen Grundstruktur«. 1
Wie die Mutter in den Texten gestaltet wird, ob sie durch Passivität gekennzeichnet ist, welchen Einfluss ein möglicher ödipaler Konflikt Kafkas auf die Muttergestaltung haben könnte oder was das Erscheinen von Ersatzmüttern bedeutet, soll dieser Deutungsteil meiner Arbeit erläutern und mit einem abschließendem Fazit das, möglicherweise aus Kafkas Biographie, entstandene Mutterbild erklären.
1 Böhme, Hartmut: „»Mutter-Milena«: Zum Narzißmus-Problem bei Kafka.“ In: Germanisch-romanische Monatsschrift 28 (1978) S. 53.
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2. Wichtige biographische Hintergründe für die Mutter-Konstellation bei Kafka
Über Franz Kafka und seine Familie wurden sehr viele Biographien und Annäherungen verfasst. Ich möchte mich im Folgenden auf die Biographie Kafkas von seinem Freund Max Brod 2 stützen, sowie auch neuere Erkenntnisse von Alena Wagnerová 3 mit einbeziehen. Als weitere Grundlage dienen besonders Kafkas Selbstzeugnisse aus Tagebüchern und Briefen, sowie Zeitzeugenberichte von ausgewählten Personen. Um das Verhältnis wischen Mutter Julie und Sohn Franz genau beschreiben zu können, sind die folgenden Angaben zur Mutter natürlich unersetzlich. Dieses Kapitel fällt deswegen so ausführlich aus, da ich für die verschiedenen Interpretationsansätze, die ich später versuchen werde, viele wichtige Hintergrundinformationen benötige. Wie sich die Sicht Franz´ für Mutter-Sohn-Beziehungen entwickelte und warum und wie er die Mütter in den beiden Erzählungen gestaltet, kann erst durch diese ausführlichen biographischen Hintergründe deutlich werden.
2.1. Die leibliche Mutter: Julie Kafka, geborene Löwy
1856 kam Julie Löwy als Zweitälteste von drei Geschwistern in Bad Podebrad (circa sechzig Kilometer östlich von Prag) auf die Welt. Ihr Vater Jakob Löwy stammte aus einer frommen, traditionsreichen jüdischen Familie. Seine Frau Esther Porias schenkte ihm vier Kinder, die Söhne Alfred, Richard und Josef, sowie 1856 die einzige Tochter Julie. Kurz nach der Geburt ihres letzten Kindes Josef (1858) erkrankte Esther an Typhus und starb in einem Alter von erst 28 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war Julie gerade 3 Jahre alt.
Franz schrieb über diesen Abschnitt seiner Familienchronik in sein Tagebuch:
2 Brod, Max: Über Franz Kafka. Franz Kafka. Eine Biographie. Franz Kafkas Glauben und Lehre. Verzweiflung und Erlösung im Werk Franz Kafkas. Frankfurt a.M. / Hamburg 1966.
3 Wagnerová, Alena: „Im Hauptquartier des Lärms“. Die Familie Kafka aus Prag. Berlin 1997.
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»Die Mutter meiner Mutter starb frühzeitig an Typhus. Von diesem Tode angefangen wurde die Großmutter trübsinnig, weigerte sich zu essen, sprach mit niemandem, einmal, ein Jahr nach dem Tode ihrer Tochter, ging sie spazieren und kehrte nicht mehr zurück, ihre Leiche zog man aus der Elbe«. 4
Wie schwer solche traumatischen Verlusterlebnisse für Kinder sein können, kann man sich unschwer vorstellen. Auch der fromme Großvater Adam Porias überlebte seine Frau nur um zwei Jahre, welches zu einem weiteren schicksalhaften Einschnitt in Julies Kindheit führte.
»Sie erinnert sich, wie sie die Zehen der Leiche festhalten und dabei Verzeihung möglicher dem Großvater gegenüber begangenerer Verfehlungen erbitten mußte«. 5
Jakob Löwy heiratete bereits ein Jahr nach dem Tod seiner Frau Esther Porias eine Bekannte, namens Julie Heller, die zwei weitere Brüder Julies - Rudolf und Siegfried- zur Welt brachte. Julie wuchs mit ihren fünf Geschwistern in einer wohlhabenden bürgerlichen Familie auf. Der frühe Tod der Mutter, der Selbstmord der Großmutter, der darauf folgende Tod des Großvaters und schließlich die baldige zweite Hochzeit des Vaters konnten nicht spurlos an Julie vorbeigehen.
»Zu heiraten und Kinder zu haben ist das einzige Lebensziel das sich eine Tochter [wie Julie] […] vorstellen kann«. 6 Mit schon 26 Jahren fand sie dafür den passenden Mann, Hermann Kafka.
Sie wurde durch ihre Tatkraft im Geschäft eine unentbehrliche Hilfe für ihren Mann und er wollte sie, durch ihr ausgleichendes Gemüt, immer um sich haben. Sie schaffte durch ihre liebenswürdige, ruhige Art den Ausgleich zu dem leicht aufbrausenden Familienoberhaupt. Viele Menschen die sie kannten, schätzten sie sehr.
4 Brod, Max (Hrsg.): Kafka, Franz: Tagebücher . Österreich 1967. S. 152. (25. Dez. 1911)
5 Ebd., S. 152. (25. Dez. 1911)
6 Wagnerová: Im Hauptquartier des Lärms, S. 68.
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So sprach Max Brod von ihr als »eine[r] stille[n], gütige[n], außerordentlich kluge[n], ja weisheitsvolle[n] Frau«. 7 Auch Anna Pouzarová, die kurze Zeit als Erzieherin bei der Familie Kafka lebte, erzählte:
»Die Mutter von Franz, Frau Julie Kafka, habe ich vom ersten Tag meines Aufenthalts in der Familie sehr gern gehabt. Sie war an Wochentagen den ganzen Tag und an Sonntagen vormittags im Geschäft, trotzdem aber auch im Haushalt eifrig und zu jedem freundlich. Eines Sonntagnachmittags kam sie plötzlich in die Küche, ich saß gerade am Tisch und schrieb. Sie streichelte von hinten über mein Haar, ich drehte mich um und sagte „Mutter“. Ich stammelte etwas und schwieg, zu guter letzt habe ich mich auch entschuldigt. Ich hatte doch gerade einen Brief nach Hause geschrieben und an meine Mutter gedacht! Frau Kafka streichelte mir nochmals über die Wange und sagte mir, dass sie mir nicht im geringsten böse sei. „Ich bin doch Mutter von vier Kindern“, fügte sie hinzu«. 8
In diesem Zitat sieht man wie viel Energie und Liebe Julie zu haben scheint. Für das Geschäft, den Haushalt und dabei immer noch ein freundliches Wort zu jedem übrig hatte. Die Einfühlsamkeit, mit der sie wahrscheinlich auch ihren jähzornigen, oft wütenden Mann bändigen konnte, kommt hier auch des Weiteren zum Ausdruck. Julies Argument »Ich bin doch Mutter von vier Kindern“ lässt einen vermuten, dass sie ihre Kinder sehr liebte und ihnen viel Verständnis entgegenbringen konnte. Dieses Gespräch ist etwa aus dem Jahre 1902 als Anna als Erzieherin im Hause tätig war. Zu diesem Zeitpunkt waren Julies Kinder schon „aus dem Gröbsten raus“. Die jüngste Tochter Ottla, war elf Jahre alt und Franz mittlerweile schon Neunzehn.
Aber hatte Julie Kafka von Anfang an und durchgehend so viel Energie für das Geschäft und Liebe für ihre Kinder und Familie?
2.2. Die innerfamiliäre Kindheit Franz Kafkas
Schon 10 Monate nach der Eheschließung zwischen Hermann und Julie Kafka wurde am 3. Juli 1883 ihr erstes Kind Franz geboren. Das neu gegründete Geschäft brauchte zu dieser Zeit noch besonders viel Aufmerksamkeit.
7 Brod: Über Kafka, S. 13.
8 Koch, Hans-Gerd: „Als Kafka mir entgegenkam…“ Erinnerungen an Franz Kafka. Berlin 1995. S. 60-61.
Arbeit zitieren:
Cornelia Tietzsch, 2006, Zum Mutterbild Kafkas -Die Gestaltung der Mutter in Kafkas Erzählung 'Die Verwandlung' unter Berücksichtigung biographischer Hintergründe, München, GRIN Verlag GmbH
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"Der Gottesbegriff nach Auschwitz" - Hans Jonas´ Versuch, da...
Theologie - Systematische Theologie
Hausarbeit, 19 Seiten
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